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Wir Kinder vom Kunigundishof

Monika Marx, geb. Blum, 2008

Monika Marx, geb. Blum, 2008
Foto: Bernd Schaeffer

Monika Marx, geb. Blum wohnt heute in Baden-Württemberg. Bis 1956 lebte sie mit Ihrer Mutter und den Großeltern im Kunigundishof in Bettenhausen. Diese Zeit prägte ihre Erinnerungen an ihre Kindheit. Namen, Orte und Erlebnisse begleiten sie noch immer und gern kommt sie alle Jahre wieder nach Kassel, um alte Freundinnen zu besuchen und festzustellen wie sich im Laufe der Zeit doch alles verändert hat. In ihren lebendig aufgezeichneten Schilderungen entdecken Gleichaltrige viele Parallelen zur eigenen Jugend.

Erinnerungen an eine Kindheit in Kassel - Bettenhausen
"Trotz des großen zeitlichen Abstands sind mir einige der seinerzeit dort lebenden Kinder mit Namen noch im Gedächtnis: Z. B. Hilmar H. und seine drei Schwestern, Günter und Manfred J., die Schwestern Reum, Helga Z., Ingrid und Hansi E., die Geschwister Riedemann, Heidi und Lothar K., Heide M. sowie die Brüder Lindau. Annemarie, sie litt an Epilepsie, Jochen R. und die Kinder der Familie Müller am Eck. Bei uns im Haus eine Familie, die es mit den Wörtern und den Zahlen nicht so gut drauf hatte, die Kinder gingen in die nahe Agathofschule, eine Lehranstalt für lernbehinderte Kinder. In unserem Sprachgebrauch, die "Dummschnuttenschule".

Wohnsiedlung Kunigundishof vor 1930
Wohnsiedlung Kunigundishof vor 1930  Foto: Stadtteilzentrum Agathof e.V.

Das Wohngebiet Kunigundishof war für uns Kinder etwas ganz besonderes. Eigentlich eine Gegend wie es sie viele im Nachkriegsdeutschland gab, zum Teil kaputte Häuser, Bombentrichter und viele Trümmergrundstücke.
Es war die Zeit zwischen 1943 und 1956. in diesem Zeitraum habe ich dort gelebt. Die Wohnungen waren von der Wohnungsbaugesellschaft Hessische Heimat. Damals schon mit eigenem Bad und Klo und einem Gasdurchlauferhitzer für Badewasser, richtiger Luxus, Balkone bis auf die Mansarden, die hatten keine Balkone. Auf einer Fläche von ca. 500 x 500 Metern gab es eine stolze Beamtendichte. Hier lebten mindestens fünf Polizisten ebenso viele Postler und einige Angestellte der Stadt Kassel.
Wir hatten eine katholische Kirche gleichen Namens, einen Bahnhof, ein Postamt, einen Bäcker, Metzger, einen Tante Emma Laden, einen Schuster und Schneider, Molkerei, Drogerie, Eis-Kirchner, das Café Bode, Radio Stranz und was sehr wichtig war, ein Kino. Das Thalia und gleich daneben eine Kneipe die Gaststätte Nadler. In den Zeiten nach dem Krieg war diese sehr wichtig. Hier wurden in den 1950ger Jahren tolle Hochzeiten gefeiert und wir Kinder waren immer dabei. Egal ob Polterabend oder kirchliche Trauung, wir feierten mit.

Aber so war es nun einmal in dieser Zeit. Jede Gelegenheit umsonst essen zu können, wurde genutzt. Beim Polterabend gab es Schokoküsse von der Fa. Bergheiser. Damals konnten wir noch Negerküsse sagen. Die Angedätschten natürlich, die waren kostengünstiger und wenn du dich getraut hast, zu gratulieren, bekamst Du auch noch ein Stück Kuchen. Bei den Trauungen waren wir ebenfalls dabei. Das Ritual war uns geläufig und regelmäßig spielten wir die Trauzeremonie nach und nicht nur diese. Es wurden auch Kinder getauft. Alsbald tauften wir unsere Puppen. Das Weihwasserbecken hatte unsere ganz besondere Aufmerksamkeit. Erst wurde getauft und anschließend haben wir uns nassgespritzt. Pater Balnus hat uns häufig aus der Kirche und dem Kirchgarten geworfen. Uns fehlte einfach die sittliche Reife. In der Adventszeit wurde die Krippe aufgestellt. Der kniende Mohr hatte es mir angetan. Er bedankte sich mit einem Kopfnicken wenn man eine Münze in einen Schlitz tat. Ich nahm dafür Knöpfe. Diese waren aus Omas Knopfkasten. Damals eine Kostbarkeit. Streiche mussten tagtäglich sein, es gab halt wenig Abwechslung. Fernsehen gab es noch nicht, kam erst später. Frankenfeld und Kulenkampff. Sie waren unsere Gottschalks und Jauchs von heute. Nur Radio - Musik die alten Schlager oder Hörspiele. Sehr beliebt waren die Familie Hesselbach und sonntags im Hessischen Rundfunk die Märchenstunde mit Josefine Klee-Helmdach „Heiter sind wir, immer froh, wir und uns’re Tante Jo!“

Blick in die Melsunger Straße, 2010
Blick in die Melsunger Straße, 2010  Foto: Stadtteilzentrum Agathof e.V.
Hassia Drogerie K-H. Franke in der Leipziger Straße 110
Hassia Drogerie K-H. Franke in der Leipziger Straße 110, 1978  Foto: R. Franke, Kassel

Die Straße war unser Zuhause, hier wurden wir groß. In den Wohnungen waren zu viele Menschen auf zu engem Raum. Die Streiche wurden von einer Generation an die andere weitergegeben. Wir lernten schnell.
Herrlich waren unsere Spiele; im Sommer Räuber und Gendarm, Schlag- oder Völkerball. Im Winter auf dem freien Platz in der Melsunger Straße Gliedebahn-Rutschen bis in die späten Stunden, eine Gas-Laterne leuchtete uns. Abends wurde sie mit dem Haken an einer langen Stange vom städtischen Gaslaternen-Anzünder angestellt und morgens mit dem gleichen Procedere wieder abgestellt. Sein Dienstfahrzeug war ein Fahrrad.
Klingelputzen war auch sehr beliebt. Versteckt haben wir uns auch manchmal beim Bäcker Holzapfel in der Agathofstraße. Hier war es im Winter herrlich warm, nur der Nachteil, wir waren mit Mehl bestäubt. Im Sommer mussten wir die selbstgemachten Blechkuchen zum Backen bringen. Zehn Pfennig hat das gekostet. Das Blech wurde mit Butterbrotpapier und Namen versehen. Samstags wurde der Kuchen morgens beim Bäcker zum Backen abgegeben und nach der Schule wieder abgeholt. Ooooh wie hat das geduftet.


 

Apropos geduftet, beim Schuster Junge in der Leipziger Straße 114 hat es nach Leim gerochen, fast wie das Chewinggum, das wurde uns schon mal von den patrouillierenden Amerikanern geschenkt. Der Schuster konnte ganz tolle Geschichten erzählen. Wir haben uns dort sehr oft aufgehalten.
Der Schneider war ein sehr honoriger Mann. Er duldete wenig Widerspruch und sagte gerade heraus was er zu ändern gewillt war. Bevor er Änderungsschneider war, hatte er ein eigenes Geschäft und war Herrenschneider. Ein erheblicher Unterschied. Aus einer blaueingefärbten Decke hatte er für mich einen himmlischen Glockenmantel genäht. Die Anzahl der Glocken war sehr groß, sodass ich an einigen Tagen den Rohrstock nicht gemerkt habe, der in Aktion kam, weil ich mal wieder das „Nachhause-Gehen“ vergessen hatte. Der Rohrstock war ein beliebter Gegenstand in fast jedem Haushalt zu dieser Zeit. Die Eltern griffen meist zu dieser „Erziehungsmaßnahme“, um uns vor Schaden zu bewahren.
Es gab noch Blindgänger, Phosphorbomben u.v.m. aus dem Zweiten Weltkrieg, frei zugänglich auf den umliegenden Grundstücken, aber all diese Dinge waren sehr interessant und konnten nicht nur in Kinderhände schädlich sein.
Unser Bahnhof in der Leipziger Straße war morgens und abends sehr stark frequentiert. Hier kamen die Leute mit Kassel-Waldkappeler-Eisenbahn oder der Söhrebahn nach Bettenhausen zur Arbeit in die Spinnfaser, Kadruf oder Salzmann und abends ging es in die Söhre, den Kaufunger Wald oder ins Lossetal wieder zurück.
Dazwischen gehörte uns Kindern das Areal. Wir brauchten noch nicht mal zum Pinkeln nach Hause zu gehen. Wir benutzten dort die öffentliche Toilette. Wenn wir zu laut wurden, kam schon mal die Bahnhofswirtin heraus und drohte uns Schläge an, es blieb beim Drohen. Ihre Frikadellen und Bratheringe waren eine Wucht. Der Bahnhofsvorsteher Richter wohnte ebenfalls mit seiner Familie im Bahnhofsgebäude.

 

Im Vordergrund das ehemalige Postgebäude, dahinter der Güterbahnhof Bettenhausen, 2015
Im Vordergrund das ehemalige Postgebäude, dahinter der Güterbahnhof Bettenhausen, 2015  Foto: Bernd Schaeffer

Ins Postamt trauten wir uns nicht, der Postamtmann wohnte im gleichen Haus und sperrte das Tor abends ab. Schräg gegenüber war der Metzger Happel in der Leipziger Straße. Hier gab es leckere Kochwurst. In der Fleischerei Gundlach in der Agathofstraße holten wir zweimal in der Woche mit der Milchkanne Fleisch- und Wurstbrühe. Aus dieser Brühe wurden verschiedene Eintöpfe gekocht. Mal waren es Erbsen, Linsen, Möhren, Kartoffeln oder Graupen, ich nannte diese auch „Spatzenköppe“ und immer standen bei uns auf dem Herd auch fremde Töpfe. Durch den glücklichen Umstand, dass mein Opa in einem Sägewerk in der Nordstadt wohnte und mein Vater als städtischer Mitarbeiter vom Gaswerk Schlacke bekam, hatten wir es fast immer eine warme Küche und das Feuer im Herd wurde von den Familien in unserem Haus zum gemeinsamen Kochen genutzt. Die Mütter saßen beisammen und strickten für uns Parallelo-Strickjacken mit Reißverschluss zu Weihnachten. Reißverschlüsse kamen erstmals auf, bis dahin gab es nur Knöpfe. Diese Strickjacke wurde an einem Stück gestrickt. Am Ärmel links unten fing man an.

Der Zusammenhalt zu dieser Zeit war einzigartig. Wir hatten einen Handwagen. Er wurde häufig zum Transport von Möbeln, Obst und Gemüse, Holz und Kohlen verliehen und als Dank in Naturalien bezahlt. Eine Hand wusch die andere.
Der Tante Emma Laden wurde von Schäfers betrieben; ein älteres Ehepaar, der Sohn war verschollen. Hier gab es vieles was ein Kinderherz höher schlagen ließ, Schokolinsen weiß und rosa. Sauerkraut wurde in die mitgebrachte Schüssel getan und die Tüten mussten wieder mitgebracht werden, also wurden sie glatt gestrichen zur weiteren Verwendung. Später war hier dann ein Edeka Geschäft. Warum kann ich mich an Sauerkraut und Schokolinsen noch heute erinnern? Das Sauerkraut war im Keller gelagert und die Schokolinsen lagen in einem Teller auf dem Ladentisch. Herr Schäfer ging in den Keller und ich bekam lange Finger. Von jeder Farbe eine Linse; herrlich wie die auf der Zunge schmolzen. Nach dem Einkauf bekam ich von Herrn Schäfer eine Linse geschenkt. Ich fühlte mich beschissen, er war so nett und ich hatte ihn beklaut. Ich habe das nie wieder getan. Ferner konnte man hier auch Anschreiben lassen bis zum nächsten Zahltag. Der Einkauf wurde ins mitgebrachte Büchlein eingetragen und dann abgestottert.
Gestohlen haben wir Kinder auf Feld und Flur ab und zu, denn wir hatten immer Kohldampf und Magengrummeln. Regelmäßig zur Erntezeit der Kohlrabi ging es ab aufs Feld. Wer kein Taschenmesser hatte, pellte mit seinen Zähnen die Schale ab. Hungrig waren wir immer. Kein Kirsch-, Pfirsich-, Apfel- oder Birnbaum war vor uns sicher. Die Räuberleiter konnte ich sogar, obwohl ich sonst sehr unsportlich war.
In der Molkerei Pohl in der Leipziger Straße gab es Sahnetütchen und natürlich den täglichen Liter Milch, aus dem großen Behälter, für Pudding Grießbrei mit Himbeersoße oder samstags für Kakao und Weißbrot mit Bönsels Kochkäse. Man merkt noch heute, dass ich damals schon sehr gern gegessen habe.
 

Lebensmittel Münstedt Anzeige, 1957
Foto: Bettenhausenarchiv Agathof e.V.

Im Haus der Hassia Drogerie hatte ich eine Klassenkameradin, Marion R. Mit ihr und einigen aus meiner alten Klasse treffe ich mich heute noch, wenn ich in Kassel bin.
Jetzt komme ich zur Kneipe. Es konnte schon mal sein, dass den Erwachsenen die Zigaretten ausgingen. Diesen Weg übernahmen wir sehr gern. Der Zigaretten Automat war eine neue Errungenschaft. Die Münze wurde eingeworfen und dann musste man kräftig ziehen. Heraus kam die Schachtel mit 12 Zigaretten. Der Automat war in dem Durchgang zum Klo angebracht. Von hier aus konnten wir einen Blick riskieren und den Paaren beim Schwofen zuschauen. Die damaligen Schlager Roter Mohn, Anneliese, ach Anneliese und der lachende Vagabund von Fred Bertelmann musste mindestens drin sein, erst danach ging es wieder heim. Hier war jedes Mal helle Aufregung, wo warst du denn so lange? Zum Teil auch eine berechtigte Sorge, denn es waren sehr viele Schattengestalten und Dunkelmänner unterwegs. Ein Schüler blieb auf dem Nachhauseweg verschwunden, man hat nie wieder etwas von ihm gehört. Nach dem Krieg hatten einige vergessen, was mein und dein ist. Vieles bekam unfreiwillig einen neuen Besitzer. Das Herrchen von Lumpi verstaute jeden Morgen seine Maurerkelle und Wasserwaage in seinen Rucksack und nahm das Werkzeug mit zur Baustelle. Lumpi war ein Kurzhaardackel mit ganz krummen Beinchen und mit einem erheblichen Körpergewicht. Er hatte sich seinem Herrchen und Frauchen angepasst. Sie mussten krank gewesen sein, denn eigentlich waren zu dieser Zeit die Leute noch Rank und schlank. Kaum einer der Zuviel zu essen hatte.

 

Thalia Kino und Gasthaus Nadler in der Leipziger Straße, ~1960
Thalia Kino und Gasthaus Nadler in der Leipziger Straße, ~1960  Foto: Stadtteilzentrum Agathof e.V.

Im Kino sahen wir öfters die Filme von Dick und Doof, Märchenfilme und die frühen Filme in Farbe aus Amerika und Deutschland. Liebe, Lust und Leid in zwei Stunden. Das doppelte Lottchen, Toxi und Heidi von Johanna Spyri. Aber auch Schulfilme, z.B. Schillers Leben und „Die Wüste lebt“ aus den Walt-Disney-Studios, ganz tolle Aufnahmen, einer frisst den anderen. Wir bekamen Tiere zu sehen, die wir bisher nicht kannten. Ganz verwegen war der Film „Rock Around the Clock“. Wir nahmen einen Wecker mit ins Kino und ließen ihn während der Aufführung läuten. Dies war die Zeit von Elvis und Bill Haley, Little Richard u. a. Der Plakatmaler Williams erstellte immer eine Szene des Films auf eine überdimensionale Leinwand. Dies war die Werbefläche für den Film. Es gab noch keine Neonreklame.

Personal des Thalia im Eingangsbereich
Eingang zum Thalia Kino mit Personal  Foto: Werner Baus, Helsa

Zweimal im Jahr war Messe auf dem Rummelplatz. Herrlich, einfach nur an der Sambabahn rumstehen und den neuesten Liedern aus Amerika zuhören.
In unserem Haus in der Melsunger Straße lebten Eckerts, Lauchts, Uhls, Riedemanns und die alte Frau Seegmüller. Sie war eine Besondere, wenn bei uns geklingelt wurde, kam sie aus ihrer Wohnung um nachzuschauen wer es ist und dann rief sie jedes Mal nach ihrem Sohn Fritz. Dieser war jedoch schon lange Familienvater und lebte gar nicht mehr bei ihr. Aber die Neugierde hat bekanntlich viele Stilblüten.
Tante Betty aus der Parterrewohnung durfte mir meine langen Haare waschen. Nach meiner Aussage könnte sie es am besten, es hat bei ihr nicht so geziept. Ich hatte nämlich einmal Läuse und mit einer stinkenden und brennenden Tinktur wurde ihnen der Garaus gemacht. Mit einem Läusekamm wurden die Nissen herausgekämmt.
Tante Betty machte Heimarbeit für Salzmann. Sie nähte Knöpfe an die Zelte an. Es war Schwerstarbeit, zusätzlich bügelte sie Herrenhemden für eine Groß-Wäscherei. Ihre Tochter Inge und ich durften helfen. Wir zogen die dicken Garne durch das Wachs. So wurde verhindert, dass die Zelte undicht waren und wir konnten lauschen was die Erwachsenen sich so erzählten. Wer mit wem und überhaupt. Ihr Mann Heinz war vor dem Krieg Lkw Fahrer bei Büssing. Er war sehr krank und bekam kaum noch Luft. Er konnte das schwere Lkw-Lenkrad nicht mehr drehen. Es gab damals noch keine Servolenkung.
Eine feste Größe in unserem Haus war Friedel Laucht. Sie wusste immer einen Rat oder Ausweg und wenn Not am Mann war, half sie bis zum nächsten Zahltag schon mal mit ein paar Mark aus. Durch seine Arbeitsstelle hatte Herrmann Laucht bereits einen Dienstwagen und ein eigenes Telefon in der Wohnung. Im ganzen Viertel hatten dies nur Ärzte oder Firmen. Privatpersonen hatten diese Errungenschaften noch nicht. Wir durften es nur benutzen, wenn Eile für Leib und Leben geboten war. So manche Rauferei ging böse aus, nicht nur bei uns Kindern. Auch die Erwachsenen schlugen sich und so mancher Zahn oder blaues Auge musste behandelt werden. Die Nerven lagen bei vielen blank. Hungrige Kinder, wenig Wohnraum und Streit an der Arbeit und immer zu wenig Geld. Bei einigen war der Alkohol ständiger Begleiter, hauptsächlich freitags wenn Zahltag war.
Es gab damals noch kein Girokonto. Der Lohn wurde wöchentlich bar in einer Lohntüte ausgezahlt. Viele fanden den Weg nach der Arbeit nicht gleich nach Hause, sondern gingen über die eine oder andere Kneipe. Die Familie trat erst mal in den Hintergrund, und wenn die Männer dann spät abends blau nach Hause kamen, fingen die Frauen an zu zetern. So gab es freitags fast regelmäßig Ehestreit und vielfach auch Schläge.

 

Bürgerschule 25, 1951
Bürgerschule 25, 1951  Foto: Helmut Schagrün, Niestetal

Im Jahr 1956 hatte die Bürgerschule in der Eichwaldstraße Jubiläum. Sie wurde 50 Jahre alt. Es gab ein großes Fest. Jährlich fanden im Theater des Ostens Schulaufführungen über die Geschichte Kassels statt. Die tollen Rokokodamen hatten es mir angetan wegen des schwarzen Punkts am Kinn. Für mich reichte es leider nur zu einer Bäuerin, die ihre unmündigen Kinder hinter sich her zog und ihr Leid wegen des Hochwassers der Losse klagte. Durch die Aufführungen wurde uns Kassel mit seiner ruhmreichen Vergangenheit näher gebracht, denn vieles nahm in alten Cassel seinen Anfang.
Meine Mutter musste als Alleinerziehende arbeiten. Ihr wurde 1953 der Kiosk zwischen Postamt und Emil Dittmann in der Leipziger Straße angeboten. Mit einer Ablösesumme von 3.000, DM hat sie ihn übernommen, damals viel Geld. Mein Opa hat ihr das Geld geliehen. Sie öffnete bereits morgens um 6.00 Uhr in der Frühe. Für Dittmanns verkaufte sie die Bildzeitung. Diese gab es seit 1952 und kostete 10 Pfennig.
Zu Weihnachten 1953 bekam ich einen Airedale-Terrier geschenkt. „“Damit das Kind tagsüber nicht so allein ist“. Er hatte auch einen Stammbaum. Sein Name war „Arco vom Tannenwäldchen“. Ich nannte ihn einfach Dirk.
 

Leipziger Straße 109, 2010
In dem Haus Leipziger Str. 109, im Bild rechts, befand sich das Café Bode  Foto: Erhard Schaeffer, Kassel, 2010

Das Eis von Eis-Kirchner im Häuschen beim Salzmannshof war sehr beliebt. Es gab es in der Tüte oder Fürst Pückler in der Waffel. Im Jahr 1956 waren Olympische Sommerspiele in Melbourne. Jetzt machte unser Volksempfänger schlapp, es musste ein neues Radio her, Radio Stranz konnte da helfen. Das Radio hatte ein verlängertes UKW-Empfangsband, sodass man auch den Polizeifunk empfangen konnte. Dies war zwar nicht gestattet, aber bei so manchem Unfall war ich schneller dort als der Krankenwagen.
Im Café Bode gab es Fernsehen. Die Männer und die Jungens sahen die gewonnene Fußballweltmeisterschaft 1954. Elvis kam nach Friedberg und wir konnten ihn in der Fox tönenden Wochenschau bewundern. Für die Frauen und Mädchen war in 1956 die Hochzeit von Grace Kelly und Fürst Rainier in Monaco wichtig.
Im gleichen Jahr starb meine geliebte Oma und wir zogen zum Opa in die Nordstadt. Meine Kindheit im Kunigundishof in Bettenhausen endete an der Stelle.

Kunigundishof Ansichtskarte
AK vom Kunigundishof und der Kirche  Foto: Stadtteilzentrum Agathof e.V.

Ich lebte noch bis 1972 in Kassel und Umgebung.
Das Leben hat mich dann nach Süddeutschland verschlagen. Im Jahr 2002, zur Documenta, kam ich nach 30 Jahren zum ersten Mal wieder nach Kassel zurück. Der nordhessische Dialekt ( ich konnte ihn nie richtig sprechen ) war mir jedoch im Ohr geblieben und den Geschmack der Ahlen Wurst und des Weckewerk habe ich nie vergessen. In Berlin erkannte ich einen Touristen an seinem Dialekt. Es war ein bekannter Metzgermeister aus Calden.
Jetzt im Alter mache ich es mir zur Pflicht, die Kasseler HNA im Internet zu lesen und mindestens einmal pro Jahr nach Kassel zu fahren. Von weitem freue ich mich den Herkules zu sehen. Heimatgefühle sind für mich was ganz besonderes".

Text: Monika Marx geb. Blum von vielen auch Blümchen genannt.

Editor: Bernd Schaeffer, Mai 2020

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Kurzbeschreibung

Monika Marx, geb. Blum wohnt heute in Baden-Württemberg. Bis 1956 lebte sie mit Ihrer Mutter und den Großeltern im Kunigundishof in Bettenhausen. Diese Zeit prägte ihre Erinnerungen an ihre Kindheit. Namen, Orte und Erlebnisse begleiten sie noch immer und gern kommt sie alle Jahre wieder nach Kassel, um alte Freundinnen zu besuchen und festzustellen wie sich im Laufe der Zeit doch alles verändert hat. In ihren lebendig aufgezeichneten Schilderungen entdecken Gleichaltrige viele Parallelen zur eigenen Jugend.

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