Hessen
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Der Bahnhof Bettenhausen und die Cassel-Waldkappeler-Eisenbahn

Eingang mit Treppe zum Bahnhof Bettenhausen, 1985

Eingangsbereich des ehemaligen Bahnhofs Bettenhausen, 1985
Foto: Stadtteilzentrum Agathof e.V.

Nach dem Abriss des zweiten Bettenhäuser Bahnhofs in 1998 und die Errichtung einer modernen Autowerkstatt an gleicher Stelle in der Leipziger Str. 90 ist heute, Nov. 2010, nicht mehr zu erkennen, dass Bettenhausen Anschluss an den überregionalen Eisenbahnverkehr hatte. Grund genug, um an die Zeit zu erinnern, als die Bettenhäuser von ihrem Bahnhof aus entweder mit dem „Botenlieschen“ ohne umzusteigen nach Waldkappel oder mit Umstieg in die weite Welt fahren konnten.

Mit einem dem Zeitgeist entsprechenden Pathos berichtete die „Hessische Morgenzeitung“ in Kassel am 1. Dezember 1879 über die Eröffnung der Teilstrecke von Bettenhausen nach Waldkappel.

Bahnhof Bettenhausen Vorderseite
Bahnhof Bettenhausen vor der Bombardierung in 1943  Foto: Stadtteilzentrum Agathof e.V.

„… Gegen 9 Uhr früh lief der erste Personenzug auf der neuen Strecke in den Bahnhof Bettenhausen ein. Der ganze Zug war festlich mit Tannengrün geschmückt; er bestand aus Lokomotive und je einem Wagen erster, zweiter, dritter und vierter Klasse sowie einem Packwagen. Eine ganze Anzahl prominenter Bürger aus den größeren von der Bahn berührten Stationen hatten es sich nicht nehmen lassen, diese Eröffnungsfahrt mitzumachen. Auf dem (noch) Endbahnhof Bettenhausen herrschte frohes Treiben. Zahlreiche Neugierige hatten sich eingefunden. Der Bahnhof und einige Häuser Bettenhausens hatten geflaggt, das Schwarz-Weiß Preußens und das Schwarz-Weiß-Rot des jungen Reiches.“
Die Verbindung von Bettenhausen in Richtung Kasseler Hauptbahnhof war erst am 15. März 1880 befahrbar. Die Gesamtlänge vom Hauptbahnhof bis nach Waldkappel betrug 49,6 km.
Grundlage für den Bau der Cassel-Waldkappeler-Eisenbahn (CWE, da Kassel bis 1926 mit“C“ geschrieben wurde) war das Gesetz vom 17. Juni 1874, in dem festgelegt worden war, dass die Teilstrecke aus strategischen Gründen Bestandteil der Schienenverbindung Berlin – Coblenz (der sogenannten Kanonenbahn) werden sollte.
An den Erdarbeiten entlang der Bahnstrecke beteiligte sich auch die Bettenhäuser Firma Bartels und Waßmuth.
Neben dem stattlichen Bahnhofsgebäude, erbaut auf dem zu Kassel gehörenden Forstgelände, entstand ein verzweigtes Netz von Anschlussgleisen; dazu gehörten die Verbindungen zum Elektrizitätswerk an der Losse (1912), zum nahegelegenen Gaswerk (1894), zum Hafen an der Fulda (1904) und zur Firma Salzmann & Comp.
Rückblickend kann festgehalten werden, dass die Entwicklung des Dorfes Bettenhausen zum wichtigsten Industriestandort der Stadt Kassel ohne diese Bahnanbindung nicht möglich gewesen wäre. Aber auch in den Gemeinden des nun verkehrstechnisch besser erschlossenen Lossetals entwickelten sich neue Unternehmen und die dort vorhandenen Rohstoffe wie Basalt, Kohle, Ton und Holz konnten leichter abtransportiert werden.

Stellwerk der CWE in Bettenhausen
Stellwerk des Bahnhofs Bettenhausen der CWE, 2001  Foto: Bernd Schaeffer, Kassel

Dabei spielte nicht nur der Gütertransport eine Rolle, mitentscheidend für die dynamische Entwicklung von 1870 bis zum Ersten Weltkrieg war die Tatsache, dass die stark zunehmende Zahl an Industriearbeitern und Arbeiterinnen mit der Eisenbahn aus der ländlichen Region an ihre Arbeitsplätze in Kassel und zurück befördert werden konnte.

Im Lossetal hatte die CWE den Beinamen das „Boddenlieschen“ (Botenlieschen). Etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts pflegten in der Regel alleinstehende Botenfrauen mit der Kötze in die Stadt Kassel zu reisen, um die Dinge des täglichen Lebens gegen ein kleines Entgelt für ihre Nachbarn einzukaufen. Ab 1879 benutzten sie dazu auch die Eisenbahn, was den Vorteil hatte, dass sie noch am gleichen Tag zurückkamen. Nach Recherchen des Geschichtsvereins Helsa wurde die Botenfrau Martha Sundheim 1906 von den Kasseler Geschäftsleuten für ihre 50jährige Tätigkeit ausgezeichnet.
Wie schnell sich der Personenverkehr auf der CWE entwickelte, ist an der Steigerung des Fahrkartenverkaufs ablesbar. In Kassel-Bettenhausen wurden verkauft:

1884: 58 791 Fahrkarten,  1906: 147 121 Fahrkarten,  1926: 216 151 Fahrkarten.

Das bedingte auch den Einsatz von mehr Personenzügen und einer dichteren Zugfolge. Verkehrten 1880 auf der CWE täglich nur vier Personenzüge zwischen Kassel und Waldkappel, waren es im Sommer 1929 schon 28 Zugverbindungen. Die Reisegeschwindigkeit steigerte sich dank des technischen Fortschritts ständig. Am Tag der Eröffnung dauerte die Fahrt für die knapp 50 Kilometer von Kassel nach Waldkappel über zwei Stunden; 1984 schaffte das eine Diesellok in einer Stunde.

Die CWE entwickelte sich zum „Lebensnerv“ des Lossetals. Der Bahnhof in Bettenhausen wuchs mit seinen Aufgaben. Es entstanden großflächige Güterschuppen, Stellwerke, Lok - Befüllungsanlagen und ein Ablaufberg zum Rangieren der Waggons in die richtige Wagenfolge.
Die Bedeutung des Bahnhofgeländes hatte zur Folge, dass die Anlage im Zweiten Weltkrieg ein bevorzugtes Ziel für Bombenangriffe wurde. Ein Volltreffer im Juli 1944 zerstörte den Westflügel des Empfangsgebäudes völlig.
Im März 1945 sollen nach Augenzeugenberichten bei der Plünderung von Lebensmitteln im Bahnhofsgelände Schüsse gefallen sein. Das Empfangsgebäude wurde nach 1945 nicht wieder in der alten symmetrischen Form aufgebaut. Neben dem Fahrkartenverkauf und der Abfertigungshalle für Personen und Gepäck bot das Gebäude Wohnraum für die Bahnbediensteten der Station.

Vom Krieg verschonter Ostteil des Bahnhofs Bettenhausen in 1962
Ostteil des Bahnhofs Bettenhausen, 1962  Foto: AK , K.-P. Wieddekind, Kassel
Gelber Bahnhofsneubau mit Gaststaettenanbau
Neubau aus 1962 des Bahnhofs Bettenhausen mit Gaststaette  Foto: Karl Schiller, Kassel

Als 1962 der alte Bahnhof durch einen modernen Neubau ersetzt wurde, glaubten viele Bettenhäuser noch an eine Zukunft der Bahn und des Schienenverkehrs ins Lossetal.

Doch schon im 1976 vorgelegten Rationalisierungsplan der Bundesbahn (dem Betreiber der Zugverbindung) wird die Strecke Kassel – Eschwege als unrentabel bezeichnet und sollte stillgelegt werden. Was hatte sich zwischenzeitlich so verändert, dass die Rentabilität der Zugverbindung nicht mehr gegeben war? Die Bundesbahn selbst hatte angefangen, parallel zur Bahnstrecke Busse einzusetzen, die die Reisenden in den Ortschaften besser, auf kürzeren Wegen, erreichen konnten. Aus Geografischen- und Kostengründen war die Streckenführung der CWE in einiger Entfernung zu den Ortsmittelpunkten gebaut worden, und konnte ab diesem Zeitpunkt nicht mehr mit den Bussen konkurrieren. Hinzu kam, dass mit hohem finanziellem Aufwand die schienengleichen Bahnübergänge durch Brücken und Unterführungen ersetzt worden waren, was dem Straßenverkehr und damit auch den parallel fahrenden Bahnbussen zu einer deutlichen Zeitersparnis verhalf.

Von nun ging es mit dem Zugverkehr nach Waldkappel und der Bedeutung des Bahnhofs in Bettenhausen deutlich bergab. Am 31. Mai 1985 fuhr auf der Strecke von Kassel Hbf. über Waldkappel nach Eschwege der letzte Personenzug. Unter Anteilnahme und Protest der Bevölkerung wurde die Strecke nach mehr als 100 Jahren Betrieb stillgelegt.
Am Fahrkartenschalter im Bahnhof Bettenhausen konnten noch ein paar Jahre Fahrkarten für das Netz der Bundesbahn erworben werden, bis auch dieser Service eingestellt wurde. Der Güterverkehr wurde auf rentablen Teilstrecken bis zum heutigen Tage aufrecht erhalten.

Ab 1997 wurde ein Teilstück der CWE bis Kaufungen Papierfabrik durch die Integration in das Straßenbahnnetz der KVG reaktiviert. Die elektrifizierte Strecke, auf der die Regiotram verkehrt gehört zum NVV-Bereich und trägt die Bezeichnung „Lossetalbahn“. Ab 8. Juni 2001 fährt die „Lossetalbahn“ wieder bis Helsa. Die Strecke wurde am 29. Juni 2006 bis Hess. Lichtenau verlängert. Die Linienführung weicht erkennbar von der Strecke der CWE ab und verläuft benutzerfreundlich in der Nähe der Wohngebiete. Der parallel verlaufende Busverkehr wurde eingestellt. An festgelegten Stationen besteht Anschluss an die Buslinien in die Region.

Werkstattgebaeude an Stelle des Bahnhofs in der Leipziger Str. 90
Autowerkstatt in der Leipziger Str. 90 wo ehemals der Bahnhof stand, 2010  Foto: Bernd Schaeffer, Kassel

Das zweite Empfangsgebäude des Bettenhäuser Bahnhofs aus 1962 wurde, wie eingangs erwähnt, in 1998 abgerissen. Auf der Brachfläche entstand 2010 die moderne Autowerkstatt eines überregionalen Anbieters.

Editor: Bernd Schaeffer, Nov. 2010
Quellen:

  • Ab von Kassel, Koch/Schmidt, Verlag Vogt, Hess. Lichtenau, 1993
  • Geschichte des Dorfes Bettenhausen, B. Jacob, Hrsg. Bürgerverein Bth., 1927
  • HNA vom 02.03.1999
  • Wikipedia, Bahnstrecke Kassel www.vergessene-bahnen.de
  • www.steamy.de/bahnhoefe/bettenhausen/

Kurzbeschreibung

Nach dem Abriss des zweiten Bettenhäuser Bahnhofs in 1998 und die Errichtung einer modernen Autowerkstatt an gleicher Stelle in der Leipziger Str. 90 ist heute, Nov. 2010, nicht mehr zu erkennen, dass Bettenhausen Anschluss an den überregionalen Eisenbahnverkehr hatte. Grund genug, um an die Zeit zu erinnern, als die Bettenhäuser von ihrem Bahnhof aus entweder mit dem „Botenlieschen“ ohne umzusteigen nach Waldkappel oder mit Umstieg in die weite Welt fahren konnten.

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