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Von Los Angeles nach Forstfeld und zurück

Heidrun Burghardt, 2012

Heidrun Burghardt, 2012


Foto: @Falk Urlen

Am 02. September wurde in der Forstfelder Immanuelkirche "Goldene Konfirmation" gefeiert und es kamen Menschen aus aller Welt, so auch Heidrun Burghardt aus Los Angeles. Sie erzählt von ihrer Forstfelder und Kasseler Jugend in den 50er und 60er Jahren. Falk Urlen produzierte für das "Freie Radio Kassel" eine Sendung und interviewte Heidrun Burghardt. Hören Sie oder lesen Sie Ausschnitte aus dieser Sendung.

Ich bin zur Goldenen Konfirmation nach Forstfeld gekommen und habe viele alte Freunde wiedergetroffen. Hier bin ich in der Eschenstraße 22 aufgewachsen und in die Grundschule im Lettenlager gegangen, im ersten Schuljahr hatte ich Herrn Müller, im zweiten Schuljahr Frau Almeroth als Lehrer.

Nach der Schule wollte ich immer nur von zu Hause weg, mit Rollschuhen sind wir dann ins Lettenlager gefahren, wo wir viele Freundinnen und Freunde hatten.

V.l.n.r: ?; ?; Vieweger; Heidrun Burghardt; März 1954
V.l.n.r: ?; ?; Vieweger; Heidrun Burghardt; März 1954  Foto: Falk Urlen

Geboren bin ich Ende 1947 in Kiel, in 1949 sind meine Eltern dann wegen der schlechten Zeiten nach Kassel in das Haus der Eltern meines Vaters umgezogen, hier gab es viele Obstbäume, viel Gemüse und eine Hühnerzucht. Heute sieht die ganze Siedlung sehr schön aus, es ist sauber, aber fast alle Obstbäume sind weg und man hat einen freien Blick auf die Wälder der Söhre.

Als Kind fingen wir hier im Mai immer massenweise Maikäfer und hielten sie in Schuhkartons gefangen bis sie verendet waren. Es gab so viele, dass man sie sogar an Hühner verfütterte. Meine Großeltern, Emma und Friedrich Burghardt hatten einen Bierausschank im Eschenweg, sie hatten dazu eine Konzession bekommen. Am Wochenende wurden Stühle und Bänke herausgestellt, die Nachbarn kamen und wir feierten mit ihnen. Gelagert wurde das Bier im Keller auf Eisstangen, die der „Eismann“ mit dem Auto brachte. Meine Oma verkaufte auch „Mohrenköpfe“, die dann von den „Halbstarken“ gekauft wurden, um damit Mohrenkopfschlachten zu schlagen. Die älteren Leute schüttelten nur den Kopf und meinten, mit dieser Generation könnte wohl aus Deutschland nichts mehr werden. Ich habe jetzt die Gräber meiner Eltern auf dem Friedhof besucht und rundherum fand ich alle Namen derjenigen wieder, die früher bei meiner Oma Bier getrunken haben. Jetzt waren alle wieder vereint, das waren schöne Erinnerungen.

Eschenweg 22, 2012
Eschenweg 22, 2012  Foto: @ Stadtteilzentrum Agathof e.V.

Gefeiert haben wir auch mit den Siedlern in unserer Vereinswirtschaft, die war in Ochshausen auf der anderen Seite von „der Wahlebach“, hier war ein großer Siedlersaal, wo wir auch Theaterstücke aufführten.

Besonders erinnere ich mich an die gewonnene Fußballweltmeisterschaft von 1954, da war was los. Ich bin runtergerannt ins Lettenlager und hörte nur Gebrüll, man konnte nichts mehr hören außer diesem Freudengebrüll. Ich war oft im Lettenlagen, hier waren ja auch die vielen Läden und schönen Plätze, wo man „Wackeln“ spielen konnte. Schwer war es dann, den Lindenberg wieder hinaufzusteigen, wo es dann noch Ärger wegen der nicht gemachten Hausaufgaben gab. Oft waren auch die Knie aufgeschlagen. Aber es war eine schöne, unbeschwerte Zeit.

Kirschen haben wir auf der anderen Seite der Autobahn geklaut, Verkehr gab es noch kaum und dort waren in einigen gesprengten Nischen viele Kirschbäume gewachsen. Später sahen wir dann von der Autobahnbrücke in der Ferienzeit auf die vielen dänischen Autos, die auf dem Weg nach Italien waren. Wir haben immer gewunken und wollten selber weg, bloß weg. Man war abenteuerlustig, man hatte keine Angst, und man machte es einfach, fast immer ging alles gut.

Wir hatten auch ein Radio und zu bestimmten Anlässen, meistens Hörspiele, kam die gesamte Familie zusammen und wir Kinder mussten ruhig sein. Um 9 Uhr machte dann der Opa täglich das Licht aus, die ganze Familie ging zu Bett, denn man musste sparen.

An den Wahlebach kann ich mich noch gut erinnern, im Sommer fingen wir Kaulquappen, die im Einweckglas sogar Füße bekamen, im Winter gingen wir auf’s Eis, in das wir auch einbrachen und das gab dann zu Hause wieder großen Ärger, die Mutter war immer entsetzt, weil wir uns so schmutzig gemacht hatten.

Am Wahlebach gab es die Gärten, in denen wir Obst klauten, die für uns alten Menschen, schimpften uns dann fürchterlich.

Und dann kaufte die Familie Brand, die einen Garten an der Söhrebahn hatte, einen Fernsehapparat. Einmal in der Woche war die ganze Siedlung da und konnte fernsehen. Im Lettenlager war die Gaststätte Theumer, wo man sehr gut essen konnte. Besonders schön war immer der Schmuck aus Krepppapier, mit dem die Gaststätte entsprechend den Jahreszeiten geschmückt war.

Im Eibenweg gab es einen Silberschmied, der auch Ohrlöcher stach. An die eine Seite des Ohrläppchens wurde ein Korken gehalten und von der anderen Seite wurde eine glühende Nadel durchgestochen. Man hatte dann eine Woche lang dicke Ohren.

Für mich waren aber eigentlich die 60er-Jahre die wichtigen. Die Vergangenheit spielte überhaupt keine Rolle, die Eltern sprachen nicht darüber und wenn, dann sagten sie nur, dass wir das alles doch nicht verstünden. In der Schule kamen wir nur bis zu den Römern, das Dritte Reich wurde jedenfalls immer ausgeklammert.

1962 zur Konfirmation durften wir dann schon etwas höhere Absätze tragen, die Haare aber wurden mir immer kurz geschnitten, ich sah immer aus wie ein Bub.

Dann kam Radio Luxemburg und wir hörten die Beatles. Bei Heini Weber konnten wir uns immer die neuesten Schallplatten anhören, wir bestellten auch welche aus England, weil diese Musik in deutschen Schallplattenläden nicht vorrätig waren. Gerne hörte ich Mahalia Jackson in meinem Mansardenzimmer. Der Vater schimpfte aber immer, dass ich doch bloß die Urwaldmusik ausmachen soll.

Wir sind natürlich unter amerikanischen Einflüssen aufgewachsen. In Kassel konnten wir dann die neue Musik in der Milchbar in der Nähe von Woolworth in der Königstraße hören, indem wir Geld in die Music-Box steckten. Hier haben wir auch viel amerikanische Musik gehört und hier haben wir auch viele amerikanische Soldaten kennen gelernt, die in Rothwesten stationiert waren. Dort arbeiteten diese für den Geheimdienst, hörten an der Zonengrenze den Osten ab, das wussten wir aber nicht. Wir trainierten unser Englisch und die Zusammenkünfte waren immer sehr schön.

Wir gingen natürlich auch oft ins Amerika-Haus in der Treppenstraße und lasen dort die neuesten amerikanischen Magazine und Bücher. Für uns war das alles nur schön, „we were living in the now, we were living in the moment“, wir lebten in der Clique, hörten Jazz und schrieben Poesie im „BlaBla“ und diskutierten den Vietnam-Krieg, wir waren ja so dagegen. Unsere Freunde, die wir in der Milchbar trafen, hatten die Farben des Regenbogens. Uns war das egal, zu Hause durften wir aber nicht davon erzählen. Das war eigentlich schade, hier wurde nur geschwiegen. Wir gingen mit langen Röcken und Pullovern von zu Hause los, in der Stadt wurden die Röcke gerafft, gerafft und in einer Rolle um die Taille geschlungen, die dann aber nicht mehr so ganz eng war.

Eines Tages öffnete auf dem Königsplatz das erste italienische Restaurant, „Da Bruno“, hier aß ich meine erste Pizza, die jungen Leute trafen sich dann hier zum Eisessen. Gerne gingen wir in das Kino „Kaskade“ mit den Wasserspielen, ab und zu ins Bambi oder ins Gloria. Sahen den Film „Die Existenzialischen“ und dachten: Wir sind existenzialisch. Wir wollten auch sein wie „Twiggy“ (ein sehr dünnes Model, die Red.), aber das klappte nicht, wir waren in der Pubertät und alles wuchs von allein und Twiggy hatte keine Chance.

Ich machte dann eine Lehre bei der Deutschen Bank, habe in 1968 jemanden kennen gelernt, habe ihn in Los Angeles besucht und bin dort geblieben. Das große Thema hier war der Vietnamkrieg, das war sehr interessant. Ich habe dann geheiratet, mein Sohn ist in 1971 geboren, 1974 habe ich ein Haus gekauft in Silver Lake, hier gab es auch ein deutsches Restaurant, wo wir viel gefeiert haben mit deutschem Bier, Bratwurst und Sauerkraut.

Hier lebten auch viele Bildhauer und Schreiner, die bei der Filmindustrie Kulissen bauten. Hier hatten wir viele Freunde. Ein bisschen von Flower-Power habe ich mitbekommen, aber es war nicht meine Welt, die bunten Kleider schon.

Die Landschaft und das Wetter sind wunderbar, die Winter sind milde, es ist Regenzeit, die Papageien fliegen zwischen den Palmen, im Garten wachsen Zitronen und Apfelsinen. Es ist eine Riesenstadt mit vielen Stadtteilen, voller Geschichte, und wenn man die Augen offen hält, sieht man noch viel Geschichte aus dem alten Kalifornien, viel Abenteuer, viel Glück, viel Unglück, viele kamen und suchten ihr Glück und fanden nur Unglück, aber viele fanden auch ihr Glück. Ich habe meines gefunden.

Mein Sohn und ich waren jetzt auf der Documenta, wir finden das wunderbar, viele schöne Sachen, vieles zum Nachdenken, die ganze Welt trifft sich in Kassel auf dem Königsplatz, wunderbar.

 Konfirmandinnen 1962 mit Pfarrer Eibich Konfirmandinnen 1962 mit Pfarrer Eibich
Konfirmandinnen 1962 mit Pfarrer Eibich   Foto: Falk Urlen

Kurzbeschreibung

Am 02. September wurde in der Forstfelder Immanuelkirche "Goldene Konfirmation" gefeiert und es kamen Menschen aus aller Welt, so auch Heidrun Burghardt aus Los Angeles. Sie erzählt von ihrer Forstfelder und Kasseler Jugend in den 50er und 60er Jahren. Falk Urlen produzierte für das "Freie Radio Kassel" eine Sendung und interviewte Heidrun Burghardt. Hören Sie oder lesen Sie Ausschnitte aus dieser Sendung.

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