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Baden in der Losse und Sonnen auf der Autobahn

Jürgen Eulner

Jürgen Eulner
Foto: @Falk Urlen

Jürgen Eulner schildert seine Jugend auf dem Lindenberg Ich bin 1941 geboren und wir wohnten im Unteren Käseweg 29, Ecke Lindenhöher Weg. Während des Krieges waren wir bei einem geizigen Bauern evakuiert, der verfütterte Wurstreste lieber an die Schweine, als uns etwas abzugeben. Bevor die Amerikaner kamen, verließen viele Deutsche dieses Gebiet, meine Mutter aber hatte keine Angst und es geschah uns auch nichts, als die Amerikaner kamen. Damals sah ich auch den ersten Neger, der nahm mich in seinem Jeep mit und fuhr mich nach Hause, das war überhaupt das erste Mal, dass ich in einem Auto mitfahren durfte. Eine meiner ersten Erinnerungen aber war, dass die Amerikaner von dem Bauern das Radio mitnahmen, so wusste ich als Kind: Amis, die klauen Radios. Andererseits warfen sie uns schon auch mal Apfelsinen von ihren Autos, manchmal aber auch nur Apfelsinenschalen.

Das Geburtshaus von Jürgen Eulner im Unteren Käseweg
Das Geburtshaus von Jürgen Eulner im Unteren Käseweg   Foto: @Erhard Schaeffer

Nach dem Krieg konnte mein Vater in Kassel eigentlich eine Arbeit bekommen, das ging aber nur, wenn er in Kassel wohnte, eine Wohnung bekam man aber nur, wenn man in Kassel Arbeit hatte. Da biss sich die Katze in den Schwanz. Er baute dann einfach in den Garten seines Elternhauses eine Baracke, zog ein und  hatte jetzt eine Wohnung. Jetzt bekam er auch seine Arbeit. Leider hatte die Baracke keine Toilette, die mussten wir dann im Hause des Großvaters aufsuchen, was in kalten Winternächten sehr unangenehm war.

Zur Schule musste ich in die Bürgerschule 25 oder 26 in Bettenhausen, eines war eine Jungenschule und die andere eine Mädchenschule, wir wurden aber in gemischten Klassen unterrichtet. Etwas peinlich war es mir immer, wenn ich auf einem Schulausflug ein Mädchen bei der Hand nehmen musste. Vom Lindenberg aus war es ein langer Schulweg, den ich zusammen mit meinem Cousin ging. Weil wir zusammen nur einen Schulranzen hatten, trug ich diesen auf dem Hinweg, auf dem Rückweg trug ihn mein Cousin.  Nach 1949 ging ich dann im ehemaligen Lettenlager zur Schule. Unser Lehrer, ein etwas älterer Herr, war Herr Koselek. Hier war ein sehr großer Klassenraum, in dem wir unterrichtet wurden. In der vierten Klasse kamen wir dann wieder in die Schule nach Bettenhausen. Auf dem Rückweg soll ich immer viel gebummelt und im Tannenwäldchen (heute neben der Seniorenwohnanlage) noch etwas gespielt haben, so zog sich der Heimweg manchmal über eine Stunde hin.

Autobahn auf dem Lindenberg 1950
Autobahn auf dem Lindenberg 1950  Foto: @Falk Urlen

Mein Spielrevier war oben an der Autobahn. Damals konnte man noch mit einem Pferdewagen die Autobahn überqueren, bis dann ein Graben als Sperre angelegt wurde. Gebadet haben wir auf der Kaufunger Seite in der Losse, die wir dazu erst einmal mit Steinen und Grassoden aufstauten. Getrocknet haben wir uns danach auf der Autobahn, und wenn dann bei Heiligenrode einmal ein Auto erschien, rief einer: „Achtung Auto“, und dann verließen wir gemächlich die Autobahn, um das Auto vorbei zu lassen. Später wurden wir dann von der Polizei verjagt und schimpften auf diese, weil sie den Kindern unserer Auffassung nach keinen Spaß gönnten. Heute weiß man natürlich, wie gefährlich das schon damals war. Wir spielten auch gerne auf dem Gelände der jetzigen Senioren-Wohnanlage. Da war eine überdachte Außenanlage, leider wurden wir vom Heizer immer wieder verjagt. Unser anderes Spielgelände lag dann mehr in Richtung Kaufungen, dazu mussten wir immer wieder die Autobahn überqueren, wir wollten ja keinen Umweg über die Unterführung machen. Mehrmals täglich liefen wir bis zu den „Kalkbergen“ in Niederkaufungen, hier konnte man dann mit der Lederhose die Gefälle hinunterrutschen. Schlimm war es, als ich eine neue Lederhose bekam, da gab es viel zu tun, bis diese wieder richtig speckig war. Eine Grenze für uns war der Eichwald, da war der „Dschungel“ (ein Obdachlosengelände in früheren Zwangsarbeiterbaracken), da wurden wir gewarnt, weil man dort verhauen wurde, was uns aber nie passiert ist. Als kleiner Junge sollte ich einmal mit meiner Mutter in die Kirche gehen, ich weigerte mich aber vehement, bis meine Mutter mich nach dem Grund fragte: „Ich darf doch nicht in die Kirche, ich habe kein Gesangsbuch“. Ich glaubte, dass das dazu gehörte. Meine Mutter fragte mich dann, was ich mit dem Gesangsbuch wolle, ich könnte doch noch gar nicht lesen. Selbst der Pfarrer schaffte es nicht, mich zu überreden, ohne Gesangsbuch in die Kirche zu gehen.

Nach dem Krieg arbeitete meine Mutter bei der Firma Henkel-Elektrowärme. Dazu musste sie erst mit der Straßenbahn bis zur zerstörten Fuldabrücke, um hier mit der Fähre überzusetzen. In einem Winter war die Fulda zugefroren, da konnte man trockenen Fußes über das Eis gehen. Neben der Firma in Wilhelmshöhe wohnte ein Herr Fieseler, ein charmanter Mensch, wie meine Mutter erzählte, der kam manchmal, um zu telefonieren. Gerne spielten wir auch mit gefundener Munition, so steckten wir in einem gesprengten Bunker 6 Patronen in eine Büchse, nahmen Deckung hinter einer Betonwand und warfen die Dosen ins Feuer. Fünf Mal knallte es, was war mit der sechsten Patrone? Wenn wir ins Freie wollten, mussten wir aber am Feuer vorbei. Ein Mutiger zog dann mit einem Haken die Dose, in der 5 Löcher waren, aus dem Feuer. Eine Patrone war noch intakt, explodierte aber nicht. Glück für uns! Ein anderes Mal fanden wir eine Handgranate, die entsorgte dann ein Verwandter, der im Krieg damit zu tun gehabt hatte, indem er sie abzog und auf ein freies Feld war, wo sie dann explodierte, ohne Schaden anzurichten. Konfirmiert wurde ich dann in der grünen Kirchenbaracke von Pfarrer Kühne. Da fällt mir noch ein Spruch ein, den wir über unseren Pfarrer sagten: „Schon von weitem sieht man blinken, Pfarrer Kühnes großen Zinken“. Meine Eltern zogen dann in den Kasseler Westen, oft fuhr ich aber noch mit der Straßenbahn zu meinen Freunden auf dem Lindenberg, denn nirgends konnte man in Kassel so gut spielen wie hier.

Editor: Falk Urlen, 2010

Kurzbeschreibung

Jürgen Eulner schildert seine Jugend auf dem Lindenberg

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