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Metall gefunden, Vati vermisst - Kasseler Kindheit im Krieg

Karl Wils spielt mit einer Holzeisenbahn auf dem Tisch im Kindergarten 1937

Karl Wills im Kindergarten 1937
Foto: Karl Wills

Karl Wills erzählte 2004 im Stil eines Kindertagebuchs eindrucksvoll die Erlebnisse seiner Kinder- und Schulzeit in der Zeit des Nationalsozialismus von 1932 bis 1945 in Kassel Bettenhausen. Wills lebt heute in Forstfeld und ist Mitglied im „Geschichtskreis Bettenhausen früher und heute“. Der Erzählkreis trifft sich seit mehr als 30 Jahren regelmäßig im Stadtteilzentrum Agathof, ein Déjà-vu der Geschichte, als Kleinkind besuchte er in diesem Haus den damaligen Kindergarten.

Ich wurde als Sohn der Eheleute Katharina und Peter Wills im Mai 1932 in Bischhausen Kreis Eschwege geboren. Mein Vater machte sich 1933 als frisch gebackener Schuhmachermeister in Kassel Bettenhausen in der Leipziger Straße 140 selbstständig und so zogen wir nach Kassel Bettenhausen um. Ich bekam bis 1937 noch zwei Geschwister und ein eigenes Zimmer. Es gefiel mir in meiner neuen Umgebung sehr gut. Zum Spielen gab es reichlich Abwechslung und viel zu sehen, denn auf dem Hinterhof befand sich ein Kohlenhändler und ein Hufschmied, wo den Pferden neue Hufeisen eingebrannt und befestigt wurden – und dieser Geruch… Auch wie ein Eisenring auf ein Holzspeichenrad aufgezogen wurde, war aufregend.

Leipziger Strasse 140 in 1935
Schumacherwerkstatt von Peter Will in der Leipziger Str. 140, 1935  Foto: Karl Wills, Kassel

In dieser Zeit kam ich auch in den Kindergarten in der Agathofstraße 48. Am liebsten spielt ich dort mit einer Holzeisenbahn. Auch mit den echten großen Dampfloks konnten wir als Kinder täglich Bekanntschaft machen. Gleich neben der Schmiede am Ende des Pfaffenstieges befand sich nämlich eine eiserne Fußgänger-Gitterbrücke unter welcher sich die Rangiergleise mit Ablaufberg des Bahnhofs Bettenhausen befanden. Wir Kinder fanden es toll, wenn die Rangierloks schwarzen und weißen Dampf ausstießen und uns einnebelten.

Im Herbst 1938 bin ich in der Bürgerschule 25 [Rinaldstraße] aufgenommen worden, wo ich auch gerne hinging und mich am Unterricht beteiligte. Unser Klassenlehrer war sehr musikalisch und war auch unser Musiklehrer welcher uns viele schöne Lieder lernte. Auch durfte ich meine erste Bekanntschaft mit Kaninchen machen, in dem mich mein Klassenlehrer mit zu sich nach Hause nahm und ich ihren Hasenstall säubern durfte.

Gruppenfoto Schüler mit Lehrern vor der Turnhalle der Bürgerschule 25, 1938
Vor der Turnhalle der Bürgerschule 25, Karl Wills vorn sitzend ganz rechts, 1938,  Foto: Karl Wills

September 1939… Krieg! Soldaten rückten auf Militärfahrzeugen aus Kassel aus und wir standen am Straßenrand und schwenkten Fähnchen, während Frauen überwiegend Blumen warfen. Auch unser Vater wurde aufgefordert sich umgehend zu melden. Der Laden mit Werkstatt wurde geschlossen und an der Eingangstür hing ein Schild mit der Aufschrift: „Wegen Einberufung geschlossen“. Ich benutzte die Werkstatt zum Basteln, in dem ich mir Flugzeug-Modellierbögen kaufte und zusammenklebte, um sie anschließend im Schaufenster des Vaters auszustellen.

Auf der anderen Straßenseite befand sich ein großes Backsteinhaus der Bäckerei Vogt, auf dessen Dach jetzt eine Luftschutzsirene montiert wurde; meine Mutter machte gar kein glückliches Gesicht dabei. In unserer Nähe wurden zum Schutz der Zivilbevölkerung mehrere Beton-Luftschutzbunker gebaut, während rundum und in Kassel Flakstellungen gebaut wurden, z.B. beim Hoesch Eisenhandel in der Ochshäuser Straße. Im Felde an der Osterholzstraße flogen oft tagsüber deutsche Sportflugzeuge „Scheinangriffe“ für die Flak, während am späten Abend für die Scheinwerfer geübt wurde, was ich vom Fenster meines Zimmers gut beobachten konnte.

Zeugnis von Karl Wills sommer 1942 mit besonderter Bemerkung zum Eifer des Abfallsammelns
Zeugnis Karl Wills 1942 mit besonderer Bemerkung  Foto: Karl Wills

Inzwischen nahm der Krieg seinen Lauf und auch die Luftschutzsirene von gegenüber ertönte immer häufiger. Ihr auf- und abschwellender Ton ging durch Mark und Bein. Es sind auch schon Bomben in Kassel gefallen und am nächsten Tag nach Angriffen ist Splittersuche. In der Schule haben wir verstärkt schon Unterrichtsausfall und werden angehalten, Altmetalle, Knochen und Papier zu sammeln. Ich beteiligte mich vorbildlich. Die Suche nach Metall ging soweit, dass wir z.B. eine Zinkbadewanne aus einem Kleingarten mitnahmen. Ich sammelte wie besessen, so dass ich am Ende des Schuljahres das Buch erhielt: „Bei Tannenberg zwei Schlachten“ mit der Eintragung: „Für fleißige Sammeltätigkeit im Kriegsjahr 1942“ erhielt. Diesen Eintrag bekam ich auch ins Schulzeugnis.

Ich war jetzt 10 Jahre alt und meine Mutter sah es gern, wenn ich jetzt auf eine höhere Schule ging und so kam ich in die sog. „Horst-Wessel-Schule“ [Mittelschule, spätere Gerhard-Hauptmann-Schule]. Auch die Hitlerjugend meldete sich bei uns und so musste ich ab jetzt in Uniform des „Jungvolks“ mehrere Male wöchentlich auf dem Schulhof der Bürgerschulen 25/26 stramm stehen. Wir nannten uns Fähnlein 11/83, machten tolle Sachen, Marschieren, Singen, Turnen, Basteln und Lindenblüten pflücken am Bahnhof Bettenhausen, Geländespiele im Eichwald... Apropos Geländespiel: Wir mussten Mann gegen Mann kämpfen/ringen und das mochte ich gar nicht und war feige, verkroch mich in die Büsche und wartete bis alle fort waren und ging dann allein nach Hause. Jetzt hatte ich natürlich Angst vor Strafe. Aber es kam anders.

Kinder Betty (7), Karl (11) und Liesel (9) der Familie Wills sitzen für den Fotograf, 1943
Kinder Betty (7), Karl (11) und Liesel (9) der Familie Wills, 1943  Foto: Karl Wills

Die Luftangriffe des Gegners auf Kassel wurden 1943 immer heftiger und stärker. Die Schule wurde zerbombt. Viele Großbetriebe wie Henschel, Wegmann, Fieseler wurden stark getroffen. Dann kam aber der 3. Oktober 1943, wo ganze Wohngebiete der Stadt, sowie besonders Bettenhausen und Salzmannshausen starke Schäden davon trugen. Meine Mutter und ich mit meinen zwei kleineren Schwestern überlebten den Angriff im Hochbunker der Leipziger Straße. Unser Haus mit Wohnung und Geschäft waren zu ca. 80% eingestürzt. Eine Fliegerbombe fiel in die Einfahrt von Schrott Röttger [Leipziger Straße 144] und verursachte den großen Schaden in der Leipziger Straße 140.

Unser Vater bekam vier Tage Sonderurlaub und wir luden unsere traurigen Reste auf einen Kohlen-LKW und brachten sie zu den Großeltern nach Bischhausen. Wir drei Kinder mit Mutter wurden umgehend mit einem Sonderzug der Kinderlandverschickung nach Vockerode am Meißner verladen. Nach kurzer Verweildauer entschließen wir uns doch nach Bischhausen zu ziehen, wo ja unsere Großeltern wohnten und auch unsere Restmöbel standen.

Feldpost von Karl an seinen Vater Peter Wills, 23.01.1944
Feldpost von Karl an seinen Vater Peter Wills, 1944  Foto: Karl Wills

Von dem nachfolgenden fürchterlichen Luftangriff am 22. Oktober 1943 auf Kassel haben wir außer einem glutroten Himmel, Gott sei Dank, nichts mitbekommen (Entfernung Luftlinie ca. 40 km). Wir haben dann hier das Kriegsende 1945 erlebt, aber warten Heute noch auf unseren lieben Vati welcher als „Vermisst“ gilt.

Autor: Karl Wills, am 6. 9. 2004

Editor: Erhard Schaefffer, Februar 2022

 

Quellen: Fotos Karl Wills

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Kurzbeschreibung

Karl Wills erzählte 2004 im Stil eines Kindertagebuchs eindrucksvoll die Erlebnisse seiner Kinder- und Schulzeit in der Zeit des Nationalsozialismus von 1932 bis 1945 in Kassel Bettenhausen. Wills lebt heute in Forstfeld und ist Mitglied im „Geschichtskreis Bettenhausen früher und heute“. Der Erzählkreis trifft sich seit mehr als 30 Jahren regelmäßig im Stadtteilzentrum Agathof, ein Déjà-vu der Geschichte, als Kleinkind besuchte er in diesem Haus den damaligen Kindergarten.

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