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Getreidespeicher - Denkmale einer vergangenen Zeit

Kornspeicher in der Soehrestraße, 2010

Kornspeicher in der Soehrestraße, 2010
Foto: Bernd Schaeffer, Kassel

Die errungene Freiheit zum Betrieb eines eignen Hofes traf im 19. Jahrhundert bei vielen Bauern auf kaufmännische Unerfahrenheit und brachte sie deshalb in finanzielle Schwierigkeiten. Sie gerieten bei der Vermarktung ihrer landwirtschaftlichen Erzeugnisse in die Hände skrupelloser Betrüger, verloren ihren Besitz und endeten in Armut und Not. Um das Leid abzuwenden, folgten viele Bauern der Idee der gemeinschaftlichen Selbsthilfe des Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts gründeten sich in ganz Deutschland bäuerliche Genossenschaften. In Hessen gab es ab dem 21.05.1882 den „Verband der Hess. Raiffeisengenossenschaften“ mit Sitz in Kassel. Der preußische Landtag, damals auch zuständig für Kurhessen, stellte ab 1896 einen Fonds zur Errichtung von genossenschaftlich betriebenen Speicherbauten auf. Unter diesen finanziellen Voraussetzungen erfolgte die Planung für das erste Kornhaus in Bettenhausen. Am 23. März 1898 wurde auf dem Gelände des Bettenhäuser Bahnhofs ein Getreidespeicher mit einem Fassungsvermögen von 500 t Schüttgut eröffnet. In der Zeit bis 1962 entstanden im Kasseler Osten drei weitere Kornhäuser von verschiedenen Investoren.

Die fachkundige Unterbringung und/oder die einträgliche Vermarktung der Ernte waren für den Landwirt schon immer von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Die Bauern des 19. Jahrhunderts waren mit der Aufgabe überfordert, die über den Eigenbedarf hinausgehenden Erzeugnisse marktgerecht zu verkaufen oder einzulagern. Erst mit der Gründung von Genossenschaften, die den Grundprinzipien Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung folgten, wurde die bis dahin gängige Praxis der Ausbeutung Einzelner durch gewissenlose Händler unterbunden.

Raiffeisen Warenzeichen
Raiffeisen Warenzeichen  Foto: Raiffeisen Waren GmbH, Kassel

In Hessen gründeten die bäuerlichen Genossenschaften am 21.05.1882 den „Verband der Hess. Raiffeisengenossenschaften e.V.“ mit Sitz in Kassel. Unter dem Dach des Verbandes gab es Raiffeisengenossenschaften in vielen hessischen Orten, die sich ortsnah um die Belange ihrer Mitglieder kümmerten.

In Bettenhausen bot sich durch die 1879 eröffnete CWE (Cassel-Waldkappeler-Eisenbahn) und den Bau des Fuldahafens schon sehr früh die Möglichkeit, Ernteprodukte schnell und in großen Mengen an die Abnehmer in ganz Deutschland zu transportieren. Die Gelder aus dem Fond des preußischen Landtags zur Errichtung von genossenschaftlich betriebenen Speicherbauten aus dem Jahr 1896 schafften die finanzielle Grundlage, in Hessen mehrere Kornhäuser zu errichten. Auf dem bahneigenen Gelände des Bettenhäuser Bahnhofs mit Anschluss an die CWE wurde am 23.März 1898 ein Kornhaus mit einem Fassungsvermögen von 500 Tonnen Schüttgut eröffnet. Der „Raiffeisenbote“ vom April 1898 berichtete mit bewegten Worten über die Eröffnungsfeierlichkeiten:

„Am 23. März wurde in Cassel das dritte Kornhaus Hessens unter zahlreicher Beteiligung von Landwirthen sowie der königlichen Behörden eröffnet. Von letzteren waren anwesend, Regierungspräsident Clairon d’Haussonville, Landrath Geh. Reg.-Rat Frhr. v. Dörnberg u.a.m. Verbandsanwalt Rexerodt begrüßte mit herzlichen Worten die erschienenen Herren•••. Auf den Zweck des Silos hinweisend bemerkte der Redner, dass es für den mittleren und kleinen Landwirth ein Faktor sein solle, sein Getreide gut und preiswert unterzubringen. Damit könne ein jeder alle landwirtschaftlichen Bedarfsartikel in kleinen Qualitäten beziehen, so auch namentlich gute Saatfrucht••••.“

Silo am Bettenhäuser Bahnhof
Silo am Bettenhäuser Bahnhof  Foto: Luftbild Junkers 1928, Stadt kassel

Die Geschäftsführung und das Investitionsrisiko übernahm die Fa. Raiffeisen und Consorten (später die Raiffeisen Warenzentrale GmbH Kassel). Mit der Lage des Silos an der Cassel-Waldkappeler-Eisenbahn und einer Zufahrt über die heutige Söhrestraße waren die ideale Voraussetzungen erfüllt, um die Nachfrage der Landwirte östlich der Fulda bis weit in das Lossetal abzudecken.

Getreidesilo und Verkaufsstelle Söhrestraße
Getreidesilo und Verkaufsstelle Söhrestraße  Foto: K.P. Wieddekind, Kassel

Bei der Bombardierung des Bettenhäuser Bahnhofs, in 1943, wurde auch das dahinterliegende Silo zerstört. Ein behelfsmäßiger Betrieb überbrückte die Zeit bis 1953. In diesem Jahr baute die „Raiffeisenwarenzentrale Hessenland GmbH Kassel“ auf einem eigenen Gelände an der Söhrestraße ein modernes Getreidesilo mit Gleisanschluss an die Söhrebahn und einem Fassungsvermögen von 1000 t Schüttgut. Der Speicher war ausgestattet mit einem neuartigen pneumatischen Elevator (Getreideheber) zur Befüllung des Lagers von oben, sowie einer zeitgemäßen Reinigungs- und Trocknungsanlage.

Silo der Haferkakaofabrik, 2011
Silo der Haferkakaofabrik, 2011  Foto: Bernd Schaeffer, Kassel

Als in 1954 die „Schüle-Hohenlohe Kasseler Haferkakaofabrik“ in finanzielle Schwierigkeiten geriet und in Konkurs ging, erwarb die „Raiffeisenwarenzentrale Hessenland GmbH Kassel“ das an der Sandershäuser Straße 79 stehende Getreidesilo mit eigenem Bahnanschluss und Nähe zum Hafen an der Fulda. Das Lagerhaus mit einem Fassungsvermögen von 3000 t Schüttgut war 1938 von der Suko Silobau aus München errichtet worden, hatte sieben Stockwerke und 26 Betonzellen zur Einlagerung von Leichtgetreide.

Das Silo wurde aufgerüstet mit einem Saatenspeicher zur Aufbereitung, Lagerung und Trocknung von Feldsämereien. Zusätzlich wurden in einem Kartoffellagerhaus mit modernen Sortier- und Abpackmaschinen Tütenkartoffeln für den Verkauf im Einzelhandel vorbereitet.

Die landwirtschaftlichen Betriebe im Stadtgebiet Kassel und Umgebung nahmen mit der Ausweitung von Gewerbegebieten und Wohnbebauung stetig ab. Das hatte zur Folge, dass die Raffeisenwaren GmbH ihre Geschäftsfelder erweiterte und umschichtete. Heute (2021) macht sie ihre Umsätze zunehmend auf außerlandwirtschaftlichen Geschäftsfeldern, dazu zählen der Baustoffhandel, der Handel mit Energieträgern wie Heizöl, Kraftstoffen und eigenen Tankstellen.

Hafen mit Getreidesilo um 1940
Hafen mit Getreidesilo um 1940  Foto: G. Böttcher, Kassel

Dass mit dem Transport, Einlagern und Verkauf von Getreide Geld verdient werden kann, bemerkten in den 1930er Jahren auch andere rührige Unternehmen und so entstanden weitere Lagerhäuser im Stadtgebiet.
Im Transport und dem Handel zwischen der Hansestadt Bremen und der nordhessischen Metropole Kassel spielte die „Bremen-Mindener Schleppschifffahrtsgesellschaft“ über viele Jahrzehnte eine herausragende Rolle. Als Umschlagplatz für Öl, Jute; Holz, Kohle, Getreide und Stückgut nutzte die Gesellschaft in Kassel den 1895 fertiggestellten Hafen in der Nähe der Lossemündung. In einer Reihe von zweigeschossigen Lagerhäusern entlang der Kaimauer wurde die Ware bis zum Zeitpunkt des Weitertransportes deponiert. Ein katastrophales Feuer am 14. September 1936 zerstörte einen Teil der Lagerhäuser auf einer Länge von fast einhundert Metern. Allein der Wert der vernichteten Getreidereinigungsanlage lag bei 40 Tausend Reichsmark. In der Folgezeit wurde auf der Nordostseite der Kaimauer mit dem Bau eines modernen Silos begonnen, welches noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in 1939 fertiggestellt werden konnte. Der in zwei Abschnitten errichtete Speicher hatte zuerst ein Fassungsvermögen von 3000 t, das später auf 5000 t erhöht wurde. Das noch heute erhaltene, auffällige Bauwerk war bis 1977 als Kornspeicher in Betrieb. Inzwischen gibt es nach mehreren Eigentümerwechseln dort eine gemischte Nutzung. Besonders erwähnenswert ist das vom „Museumsverein Fuldaschifffahrt e.V.“ dort eingerichtete Schifffahrtsmuseum, mit der Adresse „Am Hafen 15“.

Getriedesilo der Vereinigten Landwarenkaufleute, 2012
Getriedesilo der Vereinigten Landwarenkaufleute, 2012  Foto: Bernd Schaeffer, Kassel

Ein letzter Getreidespeicher östlich der Fulda steht auf dem Grundstück des 1685 im Zusammenhang mit dem Messinghof erbauten Eisenhammers an der Leipziger Straße 349 – 351.

Die ehemalige landgräfliche Hammermühle hat eine wechselvolle Geschichte mit vielen Nutzungsänderungen nachzuweisen. Nach Aufgabe des Eisenhammers wird an dieser Stelle erstmals 1774 eine herrschaftliche Papiermühle erwähnt. Zu dieser Zeit unterhielt ein Teichmeister zwischen Papiermühle und Losse sieben Wasserbecken zur Versorgung des Hofes und der Bevölkerung mit Frischfisch. Um 1845 eröffnete ein „Blechwalz- und Hammerschlagwerk“ seine Geschäfte auf dem Gelände zwischen Losse und Leipziger Straße. Von 1872 bis 1949 produzierte die Stockfabrik Rocholl an diesem Standort Spazier- und Schirmstöcke. Schließlich übernahm 1952 die „Vereinigte Landwarenkaufleute in Kurhessen e. Gesellschaft mbH“ (später Lagerland A.G.) das Gelände. Der Funktionswechsel zur Trocknung und Aufbewahrung von landwirtschaftlichen Produkten brachte umfassende bauliche Veränderungen mit sich. Die markanteste Veränderung fand 1962 statt, als das wahrscheinlich älteste Gebäude, das Mühlengebäude, zu einem sieben Stockwerke hohen Silo mit Maschinenhaus umgebaut wurde. Hier haben, auch ohne Bahnanschluss, die Landwirte aus der Region nach der Ernte ihre Produkte zum Einlagern und Weiterverkauf abgeliefert. In den nächsten drei Jahrzehnten liefen in der Sommersaison der Getreideheber und die Trockneranlage Tag und Nacht. Nach 2002 war die Firma Düngerhandel Kassel GmbH der letzte Nutzer des Speichers. Heute (2021) dienen die intakten Büroräume der Fa. GEONIK GmbH als Firmensitz.

Offensichtlich ist die Trocknung und Einlagerung von Getreide als Schüttgut nicht mehr gewinnbringend, denn mindesten zwei der genannten vier Kornspeicher sind inzwischen nicht mehr in Betrieb. Möglicherweise war aber der mangelnde Bahnanschluss oder die veraltete Technik Grund für die Schließung der Betriebe.
Die auffallenden Kornhäuser stehen wie Denkmale über den Kasseler Osten verteilt und erinnern an die Zeit, als die landwirtschaftliche Nutzung der Felder für die Menschen zum alltäglichen Leben und Broterwerb gehörte.

Text und Editor: Bernd Schaeffer, Februar 2021

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Kurzbeschreibung

Die errungene Freiheit zum Betrieb eines eignen Hofes traf im 19. Jahrhundert bei vielen Bauern auf kaufmännische Unerfahrenheit und brachte sie deshalb in finanzielle Schwierigkeiten. Sie gerieten bei der Vermarktung ihrer landwirtschaftlichen Erzeugnisse in die Hände skrupelloser Betrüger, verloren ihren Besitz und endeten in Armut und Not. Um das Leid abzuwenden, folgten viele Bauern der Idee der gemeinschaftlichen Selbsthilfe des Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts gründeten sich in ganz Deutschland bäuerliche Genossenschaften. In Hessen gab es ab dem 21.05.1882 den „Verband der Hess. Raiffeisengenossenschaften“ mit Sitz in Kassel. Der preußische Landtag, damals auch zuständig für Kurhessen, stellte ab 1896 einen Fonds zur Errichtung von genossenschaftlich betriebenen Speicherbauten auf. Unter diesen finanziellen Voraussetzungen erfolgte die Planung für das erste Kornhaus in Bettenhausen. Am 23. März 1898 wurde auf dem Gelände des Bettenhäuser Bahnhofs ein Getreidespeicher mit einem Fassungsvermögen von 500 t Schüttgut eröffnet. In der Zeit bis 1962 entstanden im Kasseler Osten drei weitere Kornhäuser von verschiedenen Investoren.

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