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Die älteste Papiermühle in Hessen-Cassel

Ehemaliges Leimhaus der Papiermühle 1958

Ehemaliges Leimhaus der Papiermühle 1958
Foto: Stadt Kassel, Denkmalbuch

Die Herstellung von Papier ist eine alte Handwerkskunst die aus Asien stammt. Erst Ende des 15. Jahrhunderts fand die maschinelle Herstellung in Hessen-Cassel mit dem Bau einer Papiermühle an der Losse ihren Einzug. Der Heimatschriftsteller Bruno Jacob hat u. a. in einem Artikel im Bettenhäuser Heimatblatt über die Entwicklung der Papierherstellung in Cassel geschrieben. Ich gebe hier einen Auszug aus diesem Artikel.

Das aus Leinenhadern (Leinenlumpen) gefertigte Papier stammt wahrscheinlich aus Asien, wo die älteste bekannte Papiermühle zu Samarkand lag. Die Araber brachten die Erfindung ins Mittelmeerbecken und nach Spanien, von wo sich die Papierbereitung nach Italien verpflanzte und 1390 in der „Gleismole“ zu Nürnberg die erste deutsche Papiermühle entstand. 1387 kaufte Landgraf Hermann von Hessen zu Frankfurt Papier für seine Kanzlei, aber erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts entstand bei Kassel die Papiermühle Bettenhausen. Dort, wo der Lindenberg und der Eichberg einander nahe kommen, wurde sie angelegt und Baulichkeiten von ihr sind noch erkennbar auf dem Grundstück der ehemaligen Rochollschen-Stockfabrik. Erhalten sind zwei ältere Gebäude, denen eines die Jahreszahl 1685 trägt. Die Dachkonstruktion dort deutet jedenfalls auf eine Papiermühle hin, deren Dachböden zum Trocknen der fertigen Papierbögen eingerichtet sein mussten. Offen muss zunächst die Frage bleiben, ob die im Jahre 1509 erwähnte „Bappiermole“ zu Bettenhausen bzw. „Meister Peter der Bappiermacher“ ihren Betrieb schon auf dem Gelände der späteren Papiermühle im sog. „Eisenhammer“ hatten. Urkundlich belegt ist hier als erster Papiermacher der Meister Peter 1509, doch da alle späteren Rentereirechnungen (Belege der landesherrlichen Finanzverwaltung aus Domäneneinkünften) untergingen, wissen wir nicht, wie lange seine Familie hier arbeitete. Ein Papier, das 1642 für das St. Martinsstift benutzt wurde, zeigt drei Wasserzeichen, deren eines den alten Turm der Stiftskirche aufweist und ein anderes die Buchstaben J. K. Doch ist dies Signum nicht aufzulösen.

Als Papiermühle aber bezeugt sich die Anlage 1702. Der Papiermacher - Meister Friedrich Schürmann in der „Papiermühle hinterm Messinghof“- kommt in jenem Jahre in der Hofkabinettsrechnung vor, sie muss in gutem Stande gewesen sein, da „keine Reparatur“ ausdrücklich dazu vermerkt wird. Er lieferte dem Landgrafen Carl 1705 das Papier für das große Tafelwerk „Delineatio montis", den ersten Entwurf von Riesenschloss und Kaskaden. Nur wenige Jahre später übernahm der aus Oberhausen stammende Papiermacher Scheidemantel die Mühle.

Alter Steinholländer zum Mahlen von Stoffabfällen
Alter Steinholländer zum Mahlen von Stoffabfällen  Foto: August Block, Wiesbaden

Wenig später übernahm 1714 Andreas Becker aus der Papiermühle Oberaula den Betrieb. Er war ein sehr tüchtiger Geschäftsmann, der auch 1738 hier den ersten „Holländer“, eine um 1670 in Holland erfundene verbesserte Maschine für die Herstellung des „Zeuges“, einführte. Bis dahin hatte man nur in den Papiermühlen die „deutschen Stampfgeschirre" gekannt. Die getrockneten Papierbögen wurden im sog. Leimhaus, einem Gebäudeteil das noch heute steht, geleimt. (Die Leimung war notwendig, da die Saugfähigkeit des Papiers die Tinten und Farben verwischen würde. Der Leim wurde aus Schafsfüßen, Tierohren und Schnauzen sowie Abfällen von Ledern oder Fellen hergestellt. Die geleimten Bögen wurden gestapelt und einzeln aufgehängt. Vor dem Aufhängen musste mittels der Leimpresse der Leim innerhalb der Blätter gleichmäßig verteilt werden und der überflüssige Leim herausgepresst werden.)
Auch die Nachkommen von Becker waren tüchtige Papiermacher, einer von ihnen fertigte 1788 die ersten mit Indigo blau gefärbte Aktendeckel an, die von da ab in den hessischen Amtsstuben verwandt wurden, wo man bislang zu Umschlägen für Akten graues „Schrenzpapier“ (wird vollständig aus unsortiertem Altpapier hergestellt) gebraucht hatte. Noch in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts arbeitete der Betrieb gut. Doch als 1831 in Kurhessen die ersten mit Dampfmaschinen angetriebene Papierfabriken zu liefern begannen, setzte der Todeskampf der alten Papiermühlen ein. Nach dem Tode von Johann Heinrich Wilhelm Becker ließ dessen Witwe 1839 den Betrieb eingehen und gab die Erbleihe der Regierung zurück.

Über die Papier-, Schneide- und Bohrmühle im „Eisenhammer“ gibt uns der Erbleihebrief vom 16. November 1714 Auskunft. Sie wird darin schon nur als in der angegebenen Branche arbeitend genannt. Vererbleiht wurden Mühlengebäude, Leimhaus, Garten, Wiesen und Stallungen. Der vereinbarte Erbleihzins von jährlich 200 Talern, der jedemal auf Martini fällig war, durfte nicht erhöht werden. (Am Martinstag 11.11. begannen und endeten traditionelle Pacht-, Zins- und Besoldungsfristen.) Außerdem hatte der Betrieb jährlich zwei Ballen feines weißes Schreibpapier an den Materialienverwalter der Oberfinanzkommission unentgeltlich zu liefern, den übrigen Behörden deren Bedarf gegen angemessene Bezahlung. Bei einer Neubelehnung werden noch einmal alle Rechte und Pflichten der Erbleihbeständer namhaft gemacht, darunter auch dass er die Baulichkeiten zwar in gutem Zustande zu halten habe, dafür aber auch aus den Staatswaldungen unentgeltlich Eichenholz anfordern dürfe. Er sei aber auch verpflichtet, gutes Papier zu liefern und die Zuflüsse zu den Fischteichen (die sich in der Nähe befanden) nicht zu stören.

Lageplan der Papiermühle am Mühlengraben von 1774
Lageplan der Papiermühle am Mühlengraben von 1774  Foto: Industriedenkmal Eisenhammer 1997

Man glaubt annehmen zu dürfen, dass der Name „Eisenhammer“ erst aus der Zeit nach der Aufgabe des Papiermühlenbetriebes 1839 stammt. Ein Eisenhändler, Konrad Ludwig Hartwig, zu Kassel in der mittleren Marktgasse wohnhaft, hat das Werk nach dem Jahre 1841 übernommen und dort einen Eisenhammer eingerichtet, der dort etwa zwischen 1848 und 1854 bestanden hat, dann aber stillgelegt wurde und dann an den Staat zurückgefallen ist. Als der Eisenhammer 1869 vom preußischen Staate verkauft worden war, befand sich nur ein Holzsägewerk darin. Dann erwarb die Rochollsche-Stockfabrik zu Beginn der siebziger Jahre die Baulichkeiten an der Leipziger Str. 349. 1949 siedelte sich die Firma Menzel-Tische hier an, die in den 70er Jahren in Konkurs gegangen ist.

Der ehemalige Eisenhammer in der Leipziger Str. 349
Der ehemalige Eisenhammer in der Leipziger Str. 349  Foto: Bernd Schaeffer, Kassel 2012

Editor: Erhard Schaeffer, Oktober 2012

 

Wenn sie mehr zu den "Papiermachern von Bettenhausen" wissen wollen können sie sich die PDF im Anhang herunterladen. Die Daten stammen aus Aufzeichnungen des Bettenhäuser Lehrers Hugo Dreusicke. Ein eifriger Genealoge, der auch die später im Krieg verlorengegangenen Bettenhäuser Kirchenbüchern abgeschrieben hatte.

 

 

Quellen:

  • Bettenhäuser Heimatblätter, Jahrgang 1953-1954
  • Die Mühlen in Bettenhausen, Horst Knoke 1990
  • Industriedenkmal Eisenhammer, Mag. der Stadt Kassel, 1997
  • Die Belziger Mühlen www.belzig.eu/Muehlen

Kurzbeschreibung

Die Herstellung von Papier ist eine alte Handwerkskunst die aus Asien stammt. Erst Ende des 15. Jahrhunderts fand die maschinelle Herstellung in Hessen-Cassel mit dem Bau einer Papiermühle an der Losse ihren Einzug. Der Heimatschriftsteller Bruno Jacob hat u. a. in einem Artikel im Bettenhäuser Heimatblatt über die Entwicklung der Papierherstellung in Cassel geschrieben. Ich gebe hier einen Auszug aus diesem Artikel.

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