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„De kranke Katze“ - Mundartgedicht von Willi Siebers

De kranke Katze

De kranke Katze
Foto: Zeichnung v. Friedrich Salzmann, aus Kasselaener Klassik

Der in Melsungen geborene Wilhelm Siebers (*13.09.1899, †25.11.1986 in Kassel) zog schon im Kindesalter mit seinen Eltern nach Kassel. In der Miramstraße 50 wohnhaft, wuchs er am Losseufer auf. Seine Eltern förderten früh seine musikalische Begabung und ermöglichten ihm privaten Klavierunterricht. Nach dem frühen Tod seines Vaters machte er eine kaufmännische Lehre in der Firma Henschel und Sohn. Dort fand er auch von 1916 bis zum Ruhestand in 1965 den Arbeitsplatz fürs Leben. Mit seinem Arbeitskollegen Karl Sömmer teilte er sich nicht nur das Arbeitszimmer sondern auch die Leidenschaft für die Kasseler- Mundartdichtung.

De kranke Katze

von Willi Siebers

Dä Liede, wißt Dä 's neiste schon

von Müllers ährer Katze?

De Nachbarschaft, se spricht dervon, vom Dache pifft's der Spatze.

Daß de Müllern jo en Dierfreund äß,

das wißt Dä alle ganz gewiß;

des Schicksal hatte ähr im Läwen

en Stall voll Kinner nit gegäwen.

Sä selwer trug en falschen Zopp,

der Ahle war en Bloosen-Kopp;

sä schwätzte als in einem fort,

der Kerle, der sprach meist kinn Wort.

De Müllern, die hielt das nit uß,

drum kam en Kätzchen ähr ins Huß;

erst wollte sä sich eine kaufen,

dann äß ähr eine zugelaufen.

Ds Fell war wiß un schwarz de Nose,

so kam de Mieze von der Stroße.

Os Biest, es war verdammt nit dumm,

es schnurrte im de Beine rum

un leckete vergniecht de Poten:

es war ins richt'ge Nest geroten.

De Müllern, die war hochbeglickt,

hot's als gestreichelt un gedrickt;

sä hiel's als wie ähr eigen Kind,

gab em de beste Milch geschwind.

Es schlief im Kerbchen hinnerm Owwen

un durfte au in alle Stowwen.

Doch einmo nachts stand's Fenster off,

do wartete das Vieh nur droff;

es sprang glich off de Fensterbank

und dachte bie sich: ,,Gott sei Dank!

Off mich, do kennte lange warten!

Jetz geht es erschtmo nuß in'n Gahrten!"

Doch denket nur, welch ein Maleer:

's kam Weber's Kater grad daher.

Hä dachte: ,,Wahrte nur, min Schätzchen,

jetzt hon ich dich am richt'gen Plätzchen!"

,,Wie schön muss doch die Liebe sein",

jault hä biem hellen Mondenschein.

De Mieze faucht, ich kann's Uch sagen,

se konnte kinnen Spaß vertragen;

die Sache, die war ähr so dumm,

se sausten ais im Gahrten rum

und sprangen iwwer Kohl un Hecken

— so kann me kinne Liewe wecken.

Den Kater packte jetzt die Wut,

was meint Dä, was der Ekel dut?

Hä kratzt de Mietze mit den Krallen!

Das dumme Biest ließ sich's gefallen.

Es blutete uß allen Wunnen,

so hot's der Huddich abgeschunnen.

Am annern Morjen, liewer Gott,

de Müllern war vor Schreck halb dot.

Was meint De, was se do nu dat?

Se wußte sich gar kinnen Rat

un fing ganz schrecklich ahn ze fluchen,

lief, was sä ähre Fieße trugen.

Es kam ähr pletzlich in den Sinn,

se saust zur Apotheke rinn.

Des Herz dat ähr im Leiwe hippen:

do standen Flaschen, Bichsen, Dippen,

vor jede Krankheit war was do.

Dann wären se bestimmt au mo

was hon fors kranke Dier.

Se dachte: ,,Ich ben richtig hier!"

Se spricht dem Apotheker nu,

was sich getragen hatte zu.

Sä wäre jetzt hieher gelaufen,

hä sollte ähr nu was verkaufen,

was ährem Kätzchen helfen dät.

Noch wär es sicher nit ze spät.

Hä setzt ne wicht'ge Miene off

un zeicht off sinne Flaschen droff.

„Ich hon was hier, was helfen muß." Hä kratzt sich off der Glatze,

,,Frau Müller, such'n Se sich was uß: 's äß alles vor de Katze!"

Wilhelm Siebers Lebenslauf

Wilhelm Siebers Portrait
Wilhelm Siebers Portrait  Foto: HNA vom 24.12.1968

Der Webermeister August Siebers und seine Frau Gertrud zogen mit ihrem Sohn Wilhelm (Willi) schon vor 1905 von Melsungen nach Kassel. August Siebers war ein qualifizierter Mitarbeiter der Firma Salzmann & Comp., die in jener Zeit in Bettenhausen an der Sandershäuser Straße eine große Textilfabrik errichtete und die Facharbeiter aus der nordhessischen Region nach Kassel rief. In fußläufiger Entfernung zu seinem neuen Arbeitsplatz fand August Siebers mit seiner Familie eine Wohnung in der Miramstraße 50 in der Nähe der Lossebrücke. Wegen seiner musikalischen Begabung ermöglichten die Eltern ihrem Sohn Willi Klavierunterricht bei Musikdirektor Hans Fuchs, dem Dirigenten des Liebhaber-Orchesters des Wehlheider Hoftheaters.

Haus Miramstraße 50, ~ 1905
Haus Miramstraße 50, ~ 1905  Foto: @Stadtteilzentrum Agathof e. V.

Schon bald zog die Familie Siebers in die zwischen 1903 und 1908 gegründete Werkssiedlung Salzmannshausen um. In der Rauschenberger Straße 10 fanden sie eine entsprechende Wohnung. Noch während des Ersten Weltkriegs verstarb August Siebers, dass erklärt auch, warum sein Sohn Willi das Musikstudium nicht fortsetzte und nach dem VoIksschulabschluss 1916 eine kaufmännische Ausbildung in der Firma Henschel und Sohn begann. Während seiner fast 50jährigen Tätigkeit in der Buchhaltung in der „Henschelei“ teilte er das Zimmer mit dem ebenfalls bekannten Mundartdichter Hans Sömmer („s'Kraachenknöbbchen“). Seine musikalische Begabung und Ausbildung nutzte Siebers, um eine ganze Reihe der Gedichte seines Freundes Sömmer zu vertonen. so z.B. „Das Lied vom Kasseler Zissel“. Mit Gesang und eigener Begleitung am Klavier hat er viele Jahre lang sein Publikum auf Feiern und Festen unterhalten.

Siebers trug seine meist heiteren Mundartverse nicht nur in Freundes- und Vereinskreisen vor, einige wurden gelegentlich im „Henschelstern“, dem werkseigenen Mitarbeiterblatt veröffentlicht. Zwei erschienen im Buch „Kasseläner Klassik“, 1965 herausgegeben von Hans Römhild. 1965 war auch das Jahr in dem W. Siebers nach fast 50 Arbeitsjahren bei Henschel und Sohn in den Ruhestand ging.

Im Haus Bienenweg 32 verbrachte Willi Siebers seinen Lebensabend
Im Haus Bienenweg 32 verbrachte Willi Siebers seinen Lebensabend  Foto: B. Schaeffer, 2021

Nach mehreren Umzügen innerhalb der Stadt Kassel lebte Willi Siebers bis zu seinem Lebensende in 1986 im Bienenweg 32 am Fasanenhof.

Nordhessisches Geschimbe
Nordhessisches Geschimbe  Foto: Jörg Robbert, Verlag Kasseler Perspektiven, LIS 111

Willi Siebers und Hans Sömmer († 1974) gehörten zu den Kasseler Mundartdichtern, die noch nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihren Versen den Versuch unternommen haben, die „Fullebrüggen Sprooche“ am Leben zu erhalten. Sechzig Jahre später bleibt festzuhalten, in dem Moment, wenn ein regionaler Dialekt es auf die Bühne schafft, durch Posterdruck zur Kunstform wird oder auf Tonträgern Verbreitung findet, steht er auf der „Roten Liste“ und ist vom Aussterben bedroht. Sprache lebt mit der alltäglichen Anwendung, und deshalb empfehle ich allen Lesern, benutzt fleißig das Kasseler Wörtchen „Sch…“ und andere bösen Redewendungen, damit unser Dialekt nicht ausstirbt.

Wenn Sie wissen möchten, wie das Gelesene sprachlich einzuordnen ist, hier die Erklärung aus Wikipedia:

„Es handelt sich daher um einen rheinfränkischen und thüringisch-obersächsischen Mischdialekt, der zudem niederdeutsche Einflüsse aus dem Westen aufweist.“

Verständlicher ging es nicht!

Text und Editor: Bernd Schaeffer, April 2021

Quellen:

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Kurzbeschreibung

Der in Melsungen geborene Wilhelm Siebers (*13.09.1899, †25.11.1986 in Kassel) zog schon im Kindesalter mit seinen Eltern nach Kassel. In der Miramstraße 50 wohnhaft, wuchs er am Losseufer auf. Seine Eltern förderten früh seine musikalische Begabung und ermöglichten ihm privaten Klavierunterricht. Nach dem frühen Tod seines Vaters machte er eine kaufmännische Lehre in der Firma Henschel und Sohn. Dort fand er auch von 1916 bis zum Ruhestand in 1965 den Arbeitsplatz fürs Leben. Mit seinem Arbeitskollegen Karl Sömmer teilte er sich nicht nur das Arbeitszimmer sondern auch die Leidenschaft für die Kasseler- Mundartdichtung.

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