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Georg Fladung und „De Bardie no Niesde“

Mundartdichter Georg Fladung, *1880 +1937

Mundartdichter Georg Fladung, *1880 +1937
Foto: HNA vom 18.11.1968

Die Liste der Kasseler Mundartdichter ist lang. Einer unter ihnen ist der in der Kasseler Unterneustadt geborene Georg Fladung (*28.3.1880, †27.9.1937). G. Fladung war bis 1925 Beamter der Stadt Kassel und danach, bis zur Eingemeindung in 1936, der letzte Bürgermeister von Niederzwehren. Seine Mundartgedichte und Erzählungen wurden zu seinen Lebzeiten leider nicht gesammelt und in Buchform verlegt oder gedruckt. Das Gedicht „De Bardie no Niesde“ erschien 1925 in der Januarausgabe der illustrierten Monatsblätter „Hessenland“. Inhaltlich bewegt sich die Mehrzahl der Mundartgedichte im familiären Milieu und im Kasseler Stadtgebiet. Selten werden die Stadtgrenzen überschritten und Ziele in der Region genannt. Die Verse von G. Fladung über einem Ausflug zweier gestandener Altstadttypen ins benachbarte Niestetal sind deshalb eine Besonderheit.

Kartenausschnitt Unterneustadt 1878
Kartenausschnitt Unterneustadt 1878  Foto: Neumannplan Stadt Kassel

Die Wiege von Georg Fladung stand in der Neuen Leipziger Straße 25 am Unterneustädter Kirchplatz. Nach der mittleren Reife am OR II wird er Supernumerar bei der Stadtverwaltung Kassel. Während seiner Tätigkeit in verschieden Ämtern bringt er es zum bis zum Stadt-Oberinspektor, was zur damaligen Zeit eine beachtenswerte Laufbahn darstellte.

Bürgermeister Fladung umringt von Niederzwehrenern Kirmesburschen nimmt einen kräftigen Schluck aus der Flasche. 1935
Bürgermeister Fladung umringt von Niederzwehrenern Kirmesburschen nimmt einen kräftigen Schluck aus der Flasche. 1935  Foto: Sammlung G. Böttcher, Kassel

Ab 1925 bis 1936 war er der letzte Wahl-Bürgermeister des Dorfes Niederzwehren. Danach, bis zu seinem frühen Tod in 1937, war er Direktor des Standesamtes der Stadt Kassel. Neben seinem Hobby, dem Zeichnen von Landschaften und Karikaturen, galt seine Leidenschaft der „Fullebriggen Sprooche“. Er setzte sich besonders für die Reinerhaltung und sinngerechte Orthographie der Mundart ein. Leider ist ein Großteil seines Schaffens durch Kriegseinwirkung verloren gegangen; darüber hinaus sind seine Texte nie in Buchform gedruckt oder verlegt worden.

Das 1925 in den illustrierten Monatsblättern „Hessenland“ veröffentlichte Gedicht „De Bardie no Niesde“ schildert in drei Versen den fiktiven Sonntagsausflug der zwei Kasseläner „Schlaggen“ Schank (Mundart für Jean) und Luddsch (Mundart für Ludwig) in ein Speiselokal im Niestetal.
Im ersten Abschnitt des Gedichtes wird mit deftigen Ausdrücken ein bewegtes Familienleben in der Kasseler Altstadt beschrieben. Der geschilderte Alltagsstress dient im weiteren Verlauf der Handlung als Hintergrund und Argument für die beiden gestandenen Männer, eine „Sunndagsdur“ aufs Land ohne familiären Anhang zu machen.

Kastenalsgasse mit der Gaststätte Zum goldenen Faesschen, 3. Haus von rechts, 1935
Kastenalsgasse mit der Gaststätte Zum goldenen Faesschen, 3. Haus von rechts, 1935  Foto: Hans Germandi, Kassel

In dem Lokal „Das Goldene Fäßchen“ des Rossschlächters Neubauer in der Kastenalsgasse 8, trafen sich die Beiden öfters, um die eine oder andere „Kieweschelle“ Bier vom Kropf zu trinken und gut und reichlich zu essen. „Das Goldene Fäßchen“ war damals, wegen seinen preisgünstigen Pferderouladen, eine stadtbekannte Gaststätte. H. W. Neuhauer hatte 1907 das Lokal mit der benachbarten Rossschlachterei und einem Pferdehandel eröffnet und die Gaststätte mit seinen großen Portionen stadtbekannt gemacht. Nicht nur die Altstadtbewohner kannten den Reim:

Rindfleisch ist zu teuer,
Schweinefleisch ist knapp
gehen wir mal zu Neuhauer
holen uns Trapp, Trapp.

Nach der völligen Zerstörung des Hauses im Zweiten Weltkrieg wurden das „Goldene Fäßchen“ und die Rossschlachterei am 20. Juni 1957 von Ferdinand Neuhauer an alter Stelle in der Kastenalsgasse wiedereröffnet. Der zwischenzeitlich in Bettenhausen am Leipziger Platz als Notlösung eingerichtete Filialbetrieb der Pferdemetzgerei blieb noch lange erhalten.
Den Versen von G. Fladung ist zu entnehmen, dass sich vor etwa 100 Jahren der Schank und der Luddsch im „Goldenen Fäßchen“ zu einer Landpartie nach Nieste verabredet haben. Abmarsch sollte am Sonntagmorgen um sechs Uhr beim Lebensmittel Dell an der Ecke sein.
Schank und Luddsch trafen sich pünktlich, denn für die knapp 15 km nach Nieste mussten sie drei bis vier Stunden Gehzeit einplanen, und ein pünktliches und reichhaltiges Mittagessen war ihnen wichtig.

AK Nieste mit dem Gasthaus Zum Niestetal, 1940
AK Nieste mit dem Gasthaus Zum Niestetal, 1940  Foto: Stadtteilarchiv Agathof e.V.

Ihr Ziel in Nieste, so ist anzunehmen, war das für sein gutes Essen bekannte Landgasthaus „Zum Niestetal“ in der Kaufunger Straße. Das 1837 erbaute Lokal hat leider 2008 für immer seine Türen geschlossen und musste 2013 einem Lebensmittelzentrum weichen.
Durch Bettenhausen, über Heiligenrode, im Niestetal aufwärts, die Dörfer Uschlag und Dahlheim hinter sich lassend, erreichte sie gegen Mittag durstig und hungrig ihr Ziel in Nieste.
Wie diese Geschichte von Georg Fladung in Kasseler Mundart grandios in Szene gesetzt wurde und welchen Verlauf das ersehnte Mittagsmahl nahm, entnehmen sie bitte den folgenden Zeilen.

De Bardie no Niesde

Ne Landbardie mit Kend un Kegel
Hodd ähre Mucken in der Regel.
's bassierd d'rbie so diß und jenes,
- doch ässes meisdendeils nix Scheenes -
Was de Gemiedlichkeit died steeren
Un einfach sich nidd died geheeren.
Was so en Balg nidd alles well,
Daß gehd je uff kinn Kiewefell!
Was hott's zum Beispäl dann for'n Zweck,
Daß d's Wiesa alszu filld in'n Dreck?
Un daß der Heini, disser Fißd,
So gerne no den Duwen schmißd
Un allemo 'ne Schiewe glimmerd
Un nix wie dulle Streiche liwwerd?
Un erschd der Unleid - disser Sebbel! -
Sinn Steckenferd sinn Pähreäppel,
Die päcked hä zu gerne ahn;
Me kann den Huddich noch so schlahn,
Hä lißd de Pooden nidd dervonne,
D's Groohkeln, das äß´sinne Wonne,
Un greeßer noch äß sinne Freide,
Un sinner Modder ähren Kleide
De Hänne sich dann abzeriwweln.
Heerd uff mä mid 'ner Landbardie,
Wo kleine Wänste sinn derbie!
Schun mit ner Frau hodd me Malleste.
Ochch, diß Geannke, diß Gequeste!
Mo schimbd se, daß zu rasch me gänge,
Mo äß ähr d`s Korsett zu enge;
Nä, nä, ich spreche nur das eine:
Am schennsten geht der Mann alleine.
--------------------------------------------------
Bie diesser Knädebiedelei
Do saßen Owends zwei
Im "guldnen Fäßchen", Stunnen langk:
Es war der Luddsch und sinn Freund Schank.
Do endlich honn se's Bungdewie:
"Na, Luddsch, äß bliewed dann derbie,
Mä gehn bis Sunndag - ganz egal -
Alleine mo no'n Niestedahl,
Dann dunn mä kinnen Ärger honn;
Mä zwei, mä verdrahn uns schon!
Ich piffe Dä so imme sechse;
Schleef dinne Ahle noch, dann weck'se
Un losse Dä erschd Kaffe kochen,
Un daß De host Bulljong in'n Knochen,
Schnied Dä en däft'gen Brodknust runner,
Sunst hoste schon vor Nieste Hunger;
Do in dem Neste ('s äß kinn armes),
Do krichche me dann schon was Warmes.
Und kumm' mä nidd im Sonndagsstaate,
Mä wunn je nidd uff de Barade,
Ne ahle Toppe ahnziehn diesde,
Die äß dä gud genug for Niesde.
Mä treffen uns am ahlen Flecke
Biem Kaufmann Dell do ahn der Ecke.
-------------------------------------------------
Wie d'r Schank am Sunndag piffen well,
Do wahrded schon der Luddsch biem Dell.
Der Schank died große Augen machen,
Uff eimo muß hä forchtbar lachen.
Wie hodd sich der dann uffgeplusterd
Un närrsch zerechde sich gemusterd!
Der sidd je uß, wahrhaft'gen Godd,
Wie'n Ridde, der de Raude hodd.
En Reckchen hodd hä ahn mit Fannchen,
Das kann au singen: Ich honn manchen
Gewald'gen Storm schun miterläwed;
Das klisderd je nurd so un kläwed,
Geheerd hodd's mo, mer siehd's genau
Vor langen Johren sinner Frau. -
De Hose, 'n Sticke unnern Knie,
Äß abgeschnidden, awer wie!
De Zusseln henken nurd so drahne, -
Un was hä hodd for Schooken ahne!
Wie d's Dirmchen uff der Briederkerche
So lang -, zwei richd'ge Kennersärge.
Der Schank sprochch: Wahrden mä nidd länger!
Sunst krichchd Dich noch der Hunnefänger.
Sä emmbern los. Dorch Beddenhusen
Sidd me se wie d's Gewidder susen.
Doch glichch do hinner Heiljenrode,
Do war der Luddsch schun halb marode.
In Uschlagd ziehd hä - 's äß en Muß -
De beiden Kennersärge uß.
Bie Nieste stehd 'ne ganze Bloose
Von Burenjungen uff der Strooße,
Die sehn den Luddsch vun weiden kommen,
Do honnse glichch Rißuß genommen.
Un jeder machd in einem Nu
De Dähren un de Fenster zu.
Doch bliewed - 's merkeds glichch der Schank -
Des Werdshuß uffe - Gottseidank!
Un wie se iwwer'n Hußheern gehn,
Do blebb der Schank uff eimo stehn
Und schnuffelde un sprochch: gemicke!
Luddsch, sadd mo sehn, hier homme Glicke.
Du riechest nix? Dann schnibb dich mo!
Nur Schwinnebroden dufded so.
Ochch, meind der Luddsch, Dä äß nidd wohl,
Was hier so stinked, das äß Kohl. -
Un - gickste - beide honns geroden:
's gab suren Kohl un Schwinnebroden.
Schun heerd me au den Schank bestellen
D's Essen un zwei Kieweschellen.
's gehd kinne Värdelstunne druff,
Do drägd de Werdsfrau au schon uff:
Zuerschd Kaduffeln - frisch gesoden -
"Luddsch, Luddsch, verbrenn Dä nidd de Poden"-
Un dann den Kohl - so golde-gähle
Un au hibbsch sure un recht vähle.
Dann kam d's Schennste dran, zwei große
Un dicke Schliddern Fleisch mit Soose.
So sterzen se jetz sicher druff
Als wie de Welfe, baßd mo uff! -
Verdohlei, nä! -- mä scheinds, mä draimed,
Se sitzen do, wie ahngelaimed.
Der Schank, der gickd den Annern ahn
Un denked: na, mach Dich doch drahn!
Doch dem sinn Läddschen scheind zu sahn:
Nu grad nidd, fang Du doch ahn!
Hä stubbst de Brodenschissel riwwer,
Der schiewed se glichch widder niwwer.
Der Schank ganz stiff un heeslich sproch:
"Ochch, bidde, Freind, bedien Dich doch."
Der awer, kratzig, wie ne Birschde:
"Nä, nemm Dä ruhig nur der irschde."
So gehd's bienoh 'ne Värdelstunne.
Was honn dann die Gewidderhunne?
Der Grund, der scheid mä nidd vun Babbe!
Zwei Sticker Fleisch in einem Nabbe,
Daß died kinn gud, daß gidd Krawall,
De Sticker sinn doch nidd egal!
Me sidd's je doch, das eine Sticke
Äß bienoh nochemo so dicke,
Un's annere sidd - es äß kinn Stuß -
En bißchen ußgefuggeld uß. -
Der Luddsch, der machd den Schbähl en Enne,
Der Schank stubbst emme grade henne
Schun widder mo d's Brodennäbbchen;
Do - päcks hä zu - un 's schennste Häbbchen
Schmackd hä uff sinnen Deller druff.
Der Schank äß bladd! Dann muckd hä uff:
"Du host bie'm sel'gen Labassee
Au nurd gelernd de "Scheen anglee".
Bildunge un Fissiddenschnieden
Das kannste, scheind mä, nidd gud lieden.
Me merked's, daß de 'n Klowes bäst.
- Das newenbie nurd. Na, prost Rest!"
"Do sall mä doch, Du Alwerjahn,
En Kreizgewidder glichch ninn schlahn!"
So died der Luddsch dodruff nu widen,
"Was sall Dinn Knärweln dann bedieden?"
"Du Dusseldiert, for so 'ne Rede
Bäst Du nadierlich vähl zu bleede,
Mit dä, do muß me deidsch nurd sprechen,
Ich well dä schun den Star mo stechen:
Du host kin'n Ahnstand nidd im Balge,
Best helzern, wie 'ne Drebbendrallje,
Weißt nidd, was sich geheeren died,
Sunst häddeste als erschder nidd
D's beste Sticke abserwierd."
"So," schbrochch der Luddsch ganz unscheniert,
"Wenn Du den Ahnstand host in Pachd,
Wie häddest Du's dann wo gemachd?"
"Ich," gahb der Schank,"ich deed mich schämen,
Des kleinste Sticke deed ich nehmen."
"Des kleinste?! Un do schimbsde noch?
Du Blosenkobb, Du host's jo doch!!"

Nachdem die Aufteilung des Schweinebratens geregelt und der gröbste Hunger gestillt war, ist es durchaus denkbar, dass der aufkommende Durst noch mit ein paar „Kieweschellen“ Bier gestillt wurde. Wie und in welchem Zustand der Schank und der Luddsch anschließend den 15 km langen Heimweg nach Kassel bewältigt haben, und wie sie von ihren Frauen empfangen wurden, hat G. Fladung leider nicht überliefert, ist für den Leser der Verse aber gut vorstellbar.
Wer möglicherweise Schwierigkeiten beim Lesen des Mundarttextes hatte, kann sich den Wortlaut unter dem folgenden Link bei YouTube anhören. „De Bardie no Niesde“

Text und Editor: B. Schaeffer, April 2021

Quellen:

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Kurzbeschreibung

Die Liste der Kasseler Mundartdichter ist lang. Einer unter ihnen ist der in der Kasseler Unterneustadt geborene Georg Fladung (*28.3.1880, †27.9.1937). G. Fladung war bis 1925 Beamter der Stadt Kassel und danach, bis zur Eingemeindung in 1936, der letzte Bürgermeister von Niederzwehren. Seine Mundartgedichte und Erzählungen wurden zu seinen Lebzeiten leider nicht gesammelt und in Buchform verlegt oder gedruckt. Das Gedicht „De Bardie no Niesde“ erschien 1925 in der Januarausgabe der illustrierten Monatsblätter „Hessenland“. Inhaltlich bewegt sich die Mehrzahl der Mundartgedichte im familiären Milieu und im Kasseler Stadtgebiet. Selten werden die Stadtgrenzen überschritten und Ziele in der Region genannt. Die Verse von G. Fladung über einem Ausflug zweier gestandener Altstadttypen ins benachbarte Niestetal sind deshalb eine Besonderheit.

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