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Himmelfahrt christlicher Feiertag oder Vatertag?

Eichwaldrestaurant Terrasse 1950

Terrasse des Eichwaldrestaurant
Foto: AK aus Sammlung Rolf Lang, Niestetal

Für die Christen ist Himmelfahrt seit dem vierten Jahrhundert ein Feiertag. In der Bibel wird darüber berichtet, dass Jesus nach seiner Auferstehung noch vierzig Tage sich immer wieder seinen Jüngern zeigte, bis er in den Himmel aufgefahren ist und dort zur Rechten Gottes seinen Platz eingenommen hat.
Für viele Männer steht an diesem kirchlichen Feiertag aber der „Vatertag“ im Vordergrund. Der volkstümliche Vatertag wird in Deutschland an Christi Himmelfahrt begangen. Die traditionell männlichen Teilnehmer machen dabei meist eine Wanderung oder eine gemeinsame Ausfahrt, wobei oftmals viel Alkohol konsumiert wird. Ziel sind dabei traditionelle Ausflugspunkte bzw. Gaststätten. Für Männer mit Familie, also die echten Väter, wird der Ausflug an diesem arbeitsfreien Tag aber oft auch mit der ganzen Familie, so zu sagen mit "Kind und Kegel" begangen. So war es der Erinnerung nach auch in meiner Kindheit der 1950er und 1960er Jahre.

Familien mit Kindern als Gruppe im Wald
Befreundete Familien meiner Eltern bei einer Wanderung  Foto: Erhard Schaeffer, Kassel

Meine Eltern wanderten mit meinem älteren Bruder und mir meist zusammen mit befreundeten Familien und deren Kindern ins „Grüne“. Ins Grüne deshalb weil der Feiertag 10 Tage vor Pfingsten ins Frühjahr fällt, in dem nicht nur die Bäume ausschlagen, sondern auch die Blumen blühen und die Natur erwacht. Zur Mode der Zeit gehörte das die Männer Knickerbocker Hosen (Art der Kniebundhose) zum Wandern oder Radfahren trugen. Wir Kinder hatten die begehrten „Krachledernen“ (kurze Lederhose), die besonders strapazierfähig waren, an. Unsere Mütter machten sich schick. Sie gingen zur Feier des Tages mit weiser Bluse und Rock oder mit ihren bunten Faltenkleidern auf die Wanderung.

Männer und Frauen am Tisch im Kaffeegarten
Kaffeetrinken im Gartenrestaurant  Foto: Erhard Schaeffer, Kassel

Die Ziele hießen Eichwald, Kaufunger Wald, Söhre, Niestetal oder das schöne Fuldatal. Beliebt waren die bekannten Gaststätten, wie das Eichwaldrestaurant, der Fuldagarten in Spiekershausen oder die Graue Katze an der Fulda. In den 50ern galt hier noch der Grundsatz - Familien können Kaffeekochen -. Dies bedeutete der Picknickkorb wurde mit ins Lokal genommen und der eigene gemahlene Kaffee oder Muckefuck (Malzkaffee) konnte im Lokal aufgebrüht werden. Dafür stellte der Wirt das heiße Wasser und das Geschirr. Man saß in den Gärten an den Gartentischen mit Klappstühlen. Für uns Kinder war das gemeinsame Spiel mit dem Ball auf der Wiese oder das Suchen im nahen Wald wichtig. Natürlich tranken die Väter auch das eine oder andere Bier und wir Kinder bekamen eine Limo oder ein Glas Quatsch (Himbeersaft mit Wasser). An besonders warmen Tagen konnten wir auch im Fluss oder am Bach baden.

Zwei Männer beim flicken eines Fahrrades
Eine Panne wird behoben  Foto: Erhard Schaeffer, Kassel

Es gab auch Ausflüge, die mit dem Rad unternommen wurden. Wir Kinder fuhren, sofern wir keine eignen Räder hatten, bei den Vätern im Sitz am Lenker oder auf dem Gepäckträger mit. Ich erinnere mich an eine Radtour in das Niestetal mit seiner kurvenreichen Landstraße und den kleinen Orten wie Heiligenrode, Uschlag, Dahlheim und Nieste. Natürlich gab es noch keine angelegten Fahrradwege, man fuhr gefahrlos auf der Straße, auf der uns damals nur selten ein Auto begegnete. Die Fahrräder ganz ohne Schaltung waren nicht immer technisch einwandfrei. Da gab es dann auch mal eine Panne oder einen Plattfuß bei dem die Reparatur direkt an der Straße durchgeführt wurde.

Kinder im Wasser des Freibades Dahlheim
Badespaß im Freibad Dahlheim  Foto: Erhard Schaeffer, Kassel

Dahlheim hatte damals schon ein kleines eigenes Freibad direkt an der Nieste, dem unsere besondere Aufmerksamkeit galt. Die Kinder sprangen rein ins eiskalte Nass der angestauten Nieste. An eine Beheizung, wie heute in den modernen Spaßbädern und Erlebniswelten war natürlich nicht zu denken. Beim Ausflug an die Fulda wurde auf dem Hinweg gewandert und der Rückweg am späten Nachmittag oder Abend mit dem bekannten Raddampfer Elsa gemacht. Begehrt waren die Plätze auf dem Oberdeck. Bei musikalischer Unterhaltung an Bord träumte man auf der Fahrt nach Kassel vom nächsten schönen Ausflug am Vatertag.

Blick über die Terasse mit Stühlen des Roten Katers auf die Fulda
Blick vom Roten Kater auf die Fulda  Foto: Stadtteilzentrum Agathof e. V.

Die Elsa fuhr regelmäßig nicht nur an Himmelfahrt von der Hafenbrücke bis zur "Grauen Katze", "Rotem Kater" und zum Fuldagarten in Spiekershausen ins schönen Fuldatal und zurück nach Kassel. Sein bekannter Kapitän Ernst Ziege starb im Oktober 1966. Die Elsa war noch bis 1971 auf der Fulda im Betrieb.

Dampfer Elsa auf der Fulda
Dampfer Elsa fährt nach Kassel  Foto: Erhard Schaeffer, Kassel

Autor: Erhard Schaeffer, Januar 2021

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Kurzbeschreibung

Für die Christen ist Himmelfahrt seit dem vierten Jahrhundert ein Feiertag. In der Bibel wird darüber berichtet, dass Jesus nach seiner Auferstehung noch vierzig Tage sich immer wieder seinen Jüngern zeigte, bis er in den Himmel aufgefahren ist und dort zur Rechten Gottes seinen Platz eingenommen hat.
Für viele Männer steht an diesem kirchlichen Feiertag aber der „Vatertag“ im Vordergrund. Der volkstümliche Vatertag wird in Deutschland an Christi Himmelfahrt begangen. Die traditionell männlichen Teilnehmer machen dabei meist eine Wanderung oder eine gemeinsame Ausfahrt, wobei oftmals viel Alkohol konsumiert wird. Ziel sind dabei traditionelle Ausflugspunkte bzw. Gaststätten. Für Männer mit Familie, also die echten Väter, wird der Ausflug an diesem arbeitsfreien Tag aber oft auch mit der ganzen Familie, so zu sagen mit "Kind und Kegel" begangen. So war es der Erinnerung nach auch in meiner Kindheit der 1950er und 1960er Jahre.

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