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Senioren Freude am Leben geben

Marianne Bednorz in ihrem Büro, 2008

Marianne Bednorz in ihrem Büro, 2008
Foto: Stadtteilzentrum Agathof

"Senioren Freude am Leben geben" lautete die Überschrift des Artikels in der HNA am 30.04.1991, in dem angekündigt wurde, dass Marianne Bednorz die Leitung des ab 1. Juni 1991 „neu eingerichteten stadtteilorientierten Dienstleistungszentrums für ältere Menschen“ übernehmen werde. Mit 40 Jahren hatte sich die diplomierte Sozialpädagogin einer neuen Herausforderung gestellt, um in dem von der Arbeiterwohlfahrt betriebenen Stadtteilzentrum an der Agathofstraße 48 ein „ bedarfsgerechtes, kreatives Angebot“ auf die Beine zu stellen. Niemand konnte damals ahnen, dass dies für sie eine ihr Berufsleben füllende Aufgabe werden sollte, die erst nach 26 Jahren mit der Verabschiedung in den wohlverdienten Ruhestand im März 2017 endete. Wie kreativ sie das heute kurz und liebevoll „Agathe“ genannte Stadtteilzentrum nach ihren Ideen ausrichtete und mit ihrer Persönlichkeit prägte soll Gegenstand dieses Beitrags sein.

Marianne Bednorz war schon ab 1987 in verschiedenen Gruppen in der ehemaligen Altenbegegnungsstätte an der Agathofstraße 48 aktiv. So gehörte sie z. B. zu den Mitbegründern der Gruppe „Bettenhausen früher und heute“, die noch heute existiert. Mit dieser Gruppe hat sie es in den folgenden 25 Jahren immer wieder verstanden, durch Ausstellungen und besondere Veröffentlichungen den Blick der Kasseler auf das Stadtteilzentrum in Bettenhausen zu lenken. An dieser Stelle sei auf die einprägsamen Kalender aus den Jahren 1990, 2000 und 2010 hingewiesen, die mit alten Fotos und Erklärungen an die Vergangenheit von Bettenhausen erinnern und auch an den beiden Heften „Industriestandort Bettenhausen“ hat sie entscheidend mitgewirkt.

Als Angestellte der Arbeiterwohlfahrt, Kreisverband Kassel (AWO) übernahm Marianne Bednorz 1991 die Leitung des „Dienstleistungszentrums“ in der ehemaligen Agathofschule. Mit viel Idealismus und einem Studium als diplomierte Sozialpädagogin in der Tasche setzte sie sich das Ziel, ältere Menschen in ihrem Bestreben nach „selbstständiger und selbstverantwortlicher Lebensführung zu unterstützen“. In Verfolgung dieses Ziels schuf sie neue kulturelle Angebote und organisierte die Nutzer-Gruppen. Sie warb mit Ausdauer bei den Menschen, um sie für die Veranstaltungen des Hauses zu begeistern.

Geschäftsführer A. Bischoff mit Marianne Bednorz, 2009
Geschäftsführer A. Bischoff mit Marianne Bednorz, 2009  Foto: Stadtteilzentrum Agathof
Chronik des Hauses Agathofstraße 48
Chronik des Hauses Agathofstraße 48  Foto: Stadtteilzentrum Agathof e. V.

Als Leiterin der Einrichtung, lediglich unterstützt von einer Bürokraft und einem außerhalb des Hauses disponierten Geschäftsführer, hat sie in der „Agathe“ im Laufe der Jahre unter den Überschriften Begegnung und Kommunikation, Bewegung, Bildung und Kultur, Kreativität und Neue Medien mehr als 50 Gruppen ins Leben gerufen. An den wöchentlich stattfindenden Veranstaltungen nehmen etwa 400 Bürger/Innen teil.
Zusätzlich gehörte es zu ihren Aufgaben, das alte Schulgebäude aus dem Jahre 1894 Schritt für Schritt an die Bedürfnisse eines modernen Stadtteilzentrums anzupassen. Schwierig war die Situation in dem Jahr 2002, als die AWO Kreisverband Kassel insolvent wurde und der neu gegründete Verein „Stadtteilzentrum Agathof e.V.“ die Organisation der Einrichtung übernahm und die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Kassel (GWG) Eigentümer des Gebäudes wurde. Ihr neuer Arbeitgeber wurde der neu gegründete Verein „Stadtteilzentrum Agathof e.V.“.
Doch der Arbeitsplatz von Marianne Bednorz bestand nicht nur aus Pflichterfüllung und Arbeit unter besonderen Umständen und zu außergewöhnlichen Zeiten. Aus den mehr als 25 Jahren ihrer Tätigkeit leuchtet eine Vielzahl von Glanzpunkten hervor, die ihr mit Sicherheit auch viel Freude bereitet haben.

Schon 1994 wirkte sie mit bei der Herausgabe des Buches „Das Haus Agathofstraße 48 erzählt aus seiner 100jährigen Geschichte“. Das Buch, erarbeitet in der Gruppe „Bettenhausen früher und heute“, schildert mit den Worten von Zeitzeugen nicht nur die Geschichte einer Schule, sondern lenkt den Blick in einer vergleichenden Gegenüberstellung auf das Zeitgeschehen in der Stadt und die Geschichte Deutschlands. Bis heute ist das Büchlein nachgefragt und dient Interessierten zum besseren Verständnis des Hauses Agathofstraße 48.
Zwischen 2004 und 2011 war das Stadtteilzentrum Agathof mit ausgewählten Nutzern eingebunden in das europaweite Projekt „Erinnerungen Raum geben“ („Making Memories Matter“). Zeitzeugen stellten in alten Munitionskisten, sogenannten Lebenskisten, dar, welche Erinnerungen sie z. B. an ihr Leben zu der Zeit des Zweiten Weltkriegs mit Bombardierung, Flucht und Vertreibung verbinden. Die Ausstellung der Kisten an vielen Stellen in sieben Ländern Europas und nicht zuletzt auch in der "Agathe" fand große Beachtung in allen Medien und wurde mit einem Abschlussbericht gewürdigt.

M. Bednorz bei der Eröffnung der Ausstellung
M. Bednorz bei der Eröffnung der Ausstellung "Erinnerungen Raum geben"  Foto: Stadtteilzentrum Agathof e.V.

Schon im Jahr 2005 erkannte Marianne Bednorz, dass die neuen Medien auch vor dem Alter der Nutzer des Stadtteilzentrums nicht Halt machen würden. Mit bescheidener Ausstattung wurde im Dachgeschoß des Hauses im Herbst 2005 ein PC-Raum eingerichtet. Die einmal wöchentlich stattfindende „Computer-Werkstatt“ war der Start in die digitale Welt. Zunehmend mit der Nachfrage wurde der PC-Raum aufgerüstet, so dass schließlich die Möglichkeit bestand den Teilnehmern, an acht Arbeitsplätzen PC-Kurse anzubieten. Bei der Frage „Was fangen die Nutzer mit den neu erworbenen PC-Kenntnissen an?“ keimte der Gedanke, in der „Agathe“ ein Angebot ins Leben zu rufen, das geeignet ist, vorhandene analoge Sammlungen und Texte zu digitalisieren und neu zu präsentieren.

Anfang 2006 entstand die Idee, Fotos, Bilder und Aufzeichnungen der Gruppe „Bettenhausen früher und heute“ zu digitalisieren und auf einer Internetplattform weltweit zu präsentieren. Marianne Bednorz erkannte, dass das Stadtteilzentrum den finanziellen Aufwand und den personellen Einsatz zu Einrichtung des Projektes nicht allein leisten kann. Als Netzwerkerin ging sie auf die Suche nach Verbündeten. Ins Blickfeld rückte das Hessische Sozialministerium in Wiesbaden. Nach einigen Telefonaten wurde erkennbar, dass es im Ministerium Verbündete geben könnte, die unter der Überschrift „barrierefreies Internet für Senioren“ bereit wären, einen auf längere Laufzeit ausgerichteten Webauftritt zu unterstützen. In langen und zähen Verhandlungen und einigen Bahnfahrten nach Wiesbaden ist es Marianne zusammen mit einer Handvoll Mitstreitern gelungen, das Portal „Erinnerungen im Netz“, finanziert vom Hessischen Sozialministerium, in 2009 auf die Beine zu stellen. Wieder einmal hatte sich erwiesen, dass sie mit Blick auf die Zukunft der Neuen Medien und durch hartnäckiges Verhandeln ein Projekt in den Agathof geholt hatte, das auch heute noch einmalig in Hessen ist. Die Krönung der investierten Arbeit in die Internetpräsentation war der Gewinn des mit 10.000€ ausgelobten Hauptpreises im Wettbewerb „Der ideale Ort“ in 2011. Noch einmal, im November 2013, wurde „Erinnerungen im Netz“ in einem bundesweiten Wettbewerb ausgezeichnet. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen mit Sitz in Berlin vergab für das Projekt einen ersten Preis, dotiert mit 1000€, an das Stadtteilzentrum Agathof.

Die Gruppe
Die Gruppe "Erinnerungen im Netz" mit dem 1. Preis des Wettbewerbs "Der ideale Ort", 2011  Foto: Stadtteilzentrum Agathof e.V.

Mit großem Aufwand wurde 2015 die Planung zum längst fälligen Umbau und der Ausstattung des Erdgeschosses betrieben. Viele Arbeitsstunden und eine Fülle von Ideen wurden von ihr investiert, um das Haus wieder auf ein zeitgerechtes Niveau zu heben. Doch am Ende ihrer beruflichen Laufbahn lief ihr die Zeit davon. Finanzielle Überlegungen und unerwartete Planungsrisiken verhinderten, dass sie die Früchte ihres Einsatzes ernten konnte. Erst nach ihrem Renteneintritt und mit erheblicher Verspätung wurde der Umbau des Erdgeschosses vollendet.
Als Marianne Bednorz im März 2017 den Hausschlüssel an ihren Nachfolger Gunter Burfeind übergab, hinterließ sie ein gut bestelltes Haus.

Marianne Bednorz am Tag ihrer Verabschiedung im März 2017 inmitten von Kursleitern/Innen und Kollegen/Innen.
Marianne Bednorz am Tag ihrer Verabschiedung im März 2017 inmitten von Kursleitern/Innen und Kollegen/Innen.  Foto: Stadtteilzentrum Agathof e.V.

In den mehr als 25 Jahren ihrer Tätigkeit hat sie die „Agathe“ zu einer Einrichtung für ältere Menschen aus allen vier Stadtteilen östlich der Fulda gemacht, die das Quartier positiv prägt.

Text und Editor: Bernd Schaeffer, März 2020

Quellen:

HNA vom 30.04.1991, 25.10.2007, 15.03.2017

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Kurzbeschreibung

Senioren Freude am Leben geben
lautete die Überschrift des Artikels in der HNA am 30.04.1991, in dem angekündigt wurde, dass Marianne Bednorz die Leitung des ab 1. Juni 1991 „neu eingerichteten stadtteilorientierten Dienstleistungszentrums für ältere Menschen“ übernehmen werde. Mit 40 Jahren hatte sich die diplomierte Sozialpädagogin einer neuen Herausforderung gestellt, um in dem von der Arbeiterwohlfahrt betriebenen Stadtteilzentrum an der Agathofstraße 48 ein „ bedarfsgerechtes, kreatives Angebot“ auf die Beine zu stellen. Niemand konnte damals ahnen, dass dies für sie eine ihr Berufsleben füllende Aufgabe werden sollte, die erst nach 26 Jahren mit der Verabschiedung in den wohlverdienten Ruhestand im März 2017 endete. Wie kreativ sie das heute kurz und liebevoll „Agathe“ genannte Stadtteilzentrum nach ihren Ideen ausrichtete und mit ihrer Persönlichkeit prägte soll Gegenstand dieses Beitrags sein.

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