Logo von Erinnerungen im Netz

Sandershäuser Straße 17 – Abschied von einem Fachwerkhaus aus dem 19. Jahrhundert.

Das verkleidete Fachwerkhaus Sandershäuser Straße 17, 2020

Das verkleidete Fachwerkhaus Sandershäuser Straße 17, 2020
Foto: Bernd Schaeffer, Kassel

Mitte Mai 2020 berichtete die Kasseler Lokalzeitung über die notwendige Räumung des einsturzgefährdeten Fachwerkhauses in der Sandershäuser Straße 17. Das mit grauen Eternit-Platten verkleidete Gebäude stammt aus dem 19. Jahrhundert und wird schon lange Zeit von den Eigentümern vernachlässigt. Das in der Gemarkung Kassel liegende Anwesen, umgeben von einem neuerbauten Straßenbahndepot, einer großen Möbelmanufaktur und einer freien Kirchengemeinde, war in den vergangenen 50 Jahren aus dem öffentlichen Blickfeld geraten. Wie aus dem untenstehenden Beitrag zu entnehmen ist, hat das stattliche Fachwerkhaus eine wechselvolle Geschichte und hätte bei angemessenem Erhaltungsaufwand vermutlich noch einige Jahrzehnte standgehalten.
Das Fachwerkhaus in der Sandershäuser Straße 17 liegt in der neuen Flur 20 der Gemarkung Kassel und damit unmittelbar an der Gemeindegrenze zu dem ehemaligen Dorf Bettenhausen. In alten Lagebezeichnungen von 1843 findet man die Angaben „Vor dem Leipziger Thor an der Chaussee nach Sandershausen“ mit der alten Hausnummer 26. Der damalige Eigentümer und vermutliche Erbauer des Hauses war ein Metzgermeister Giede aus der Kasseler Altstadt. Auf dem Nachbargrundstück Nr. 25, das sich im Eigentum der Gemeinde Kassel befand, wurde zu jener Zeit die herrschaftliche Heuwaage betrieben, auf der die Metzger normalerweise ihr Großvieh gewogen haben. Bei Bedarf konnte auch das angenäherte Gewicht großer Lasten, gegebenenfalls einschließlich Wagen, bestimmt werden
Seit 1767 wurden auf dem nahegelegenen Sauplatz (ein Teil des Kasseler Forst) dreimal im Jahr mehrtägige Viehmärkte abgehalten. Es ist anzunehmen, dass die Heuwaage bei diesen Veranstaltungen auch zum Einsatz gekommen ist. Der Viehmarkt um Johanni (Sommersonnenwende) war mit einem großen Volksfest für ganz Kassel verbunden. Mit der Inbetriebnahme der neuen Gasanstalt am 20.12. 1894 endete diese Tradition. Der Viehmarkt wurde ab 1882 in der Nähe des neu erbauten Schlachthofes im Ahnaweg 1 (heute: Mombachstraße) abgehalten.

Ausschnitt aus der Hessenkarte von 1859
Ausschnitt aus der Hessenkarte von 1859  Foto: https://www.lagis-hessen.de/img/hkw/s3/2_16.jpg

Einen grafischen Nachweis über die Existenz der Gebäude findet sich in der Hessenkarte von 1859. Aus der Darstellung ist auch zu entnehmen, dass außer dem Chausseehaus an der nahen Bettelbrücke sowie dem Landkrankenhaus an der Leipziger Straße und dem Agathof am Lossemühlgraben im Umkreis von einigen 100 Meter keine weitere Bebauung zu finden war. In dieser Karte wurde die vorbeiführende befestigte Straße mit überregionaler Bedeutung als „Hannoversche Straße“ bezeichnet. Die Lagebezeichnung hat sich in der 180jährigen Geschichte der beiden Häuser 25 u. 26 mehrfach geändert, so wurden z.B. die gleichen Gebäude an der Chaussee nach Sandershausen in 1878 unter den Hausnummern 45 und 47 geführt. Die Vergabe von Hausnummern berücksichtigte, unabhängig vom Straßennamen, noch lange Zeit den Zeitpunkt der Errichtung eines Gebäudes. Das Gelände nördlich der beiden Häuser entlang des Wahlebachs bis zur alten Ölmühle befand sich bis 1906 im Eigentum der Stadt Kassel.

Ausschnit aus der Karte von 1878
Ausschnit aus der Karte von 1878  Foto: https://geoportal.kassel.de/portal/apps/webappviewer/index.html?id=7f04ad39271a496cb0e69defbd04409c

Der Kasseler Metzgermeister Giede war auch noch als Privatmann bis 1885 Eigentümer der beiden Mietshäuser hinter dem Leipziger Thor an der Chaussee nach Sandershausen Nr. 45 und 47. Im Adressbuch von 1886 ist erstmals der Kaufmann H. Höhmann als Grundstückseigentümer eingetragen.
Um die Jahrhundertwende, besonders nach der Eingemeindung von Bettenhausen in 1906, nahm die Industrialisierung in Kassel eine stürmische Entwicklung. Schon im April 1891 eröffnete Heinrich Salzmann aus Spangenberg eine Weberei mit 60 mechanischen Stühlen und den angegliederten Abteilungen zur Veredelung der Erzeugnisse durch Färben und Imprägnieren an der Sandershäuser Straße 116 in Kassel-Bettenhausen. Für den Güterverkehr in erheblichem Umfange betrieben Salzmann und fünf weitere Firmen seit 1901 die „Bettenhäuser Industriebahn“.

Karte der Stadt Kassel 1:2000, 1907
Karte der Stadt Kassel 1:2000, 1907   Foto: Vermessung und Geoinformation Stadt Kassel

Außerdem gab es schon ab 1895 die sogenannte „Hafenbahn“ als Verbindung zwischen dem östlich der Fulda erbauten Kasseler Hafen und dem überregionalen Bahnnetz. Zweck der privaten Bahnen war es, den Transport schwerer Lasten und großen Mengen an Schüttgut – z. B. Kohle - zwischen dem Bahnhof Bettenhausen und den Standorten der angeschlossenen Fabriken, in Zeitablauf und Menge selbst bestimmen zu können. Ein Gleis der „Hafenbahn“ entlang des Wahlebachs erhielt auch einen Abzweig auf das Grundstück hinter den Häusern Sandershäuser Straße 45 und 47, die in 1906 neu nummeriert wurden und bis heute die Hausnummern 15 und 17 tragen.

Briefkopf der Fa. Manus Katzenstein, 1924
Briefkopf der Fa. Manus Katzenstein, 1924  Foto: Stadtarchiv Kassel

Dieser Gleisanschluss machte das Grundstück für Unternehmer interessant, die Schwergut zu transportieren hatten, was auf den damaligen Straßen mit den zur Verfügung stehenden Fahrzeugen schwierig war. So entschloss sich die Metallwaren- und Eisenhandlung Manus Katzenstein, Inh. Moritz Katzenstein, ihren alten Geschäftsstandort in der Wolfhager Straße 52 aufzugeben und in 1905 in die Sandershäuser Straße 15 bis 17 umzusiedeln.

Lageplan Fa. Katzenstein, Sandershäuser Str. 17 in 1925
Lageplan Fa. Katzenstein, Sandershäuser Str. 17 in 1925  Foto: Stadtarchiv Kassel

Die Firma Manus Katzenstein wurde 1842 von einem vermutlich aus Liebenau zugewanderten Alteisenhändler gegründet und hatte sich im Laufe der Jahre zu einer angesehenen Metallhandlung entwickelt. Am Standort in der Sanderhäuser Straße 17 handelte sie später auch mit Feldbahnen und Maschinen.
Der Betrieb wechselte in den folgenden Jahren innerhalb der Familie Katzenstein mehrfach den Inhaber und die Geschäftsform. In der Manus Katzenstein AG hatte in 1923 u.a. der Kaufmann Heinrich Röttger Gesamtprokura. Er wohnte im Haus Sandershäuser Straße 17 und hat sich 1925 nach dem Niedergang der M. Katzenstein AG mit einer Schrotthandlung auf der gegenüberliegenden Seite der Sandershäuser Straße mit den Hausnummern 18 bis 24 selbstständig gemacht. Als Heinrich Röttger am 2.4.1949 starb, war sein Schrotthandel mit der angegliederten Metallverwertung in der Leipziger Straße 144 einer der Großen seiner Branche in ganz Kassel. 1993 zog die Fa. H. Röttger in die Ochshäuser Straße 6 auf das Grundstück des alten Forstgutes. Die Firmenleitung lag ab 1978 in den Händen der Fa. Glinicke.

Klebesiegel der Fa. Manus Katzenstein Cassel
Klebesiegel der Fa. Manus Katzenstein Cassel  Foto: Jüdisches Museum Berlin

Die Familie Katzenstein blieb noch bis 1927 Eigentümer der beiden Häuser Sandershäuser Straße 15 und 17. Auf dem dahinterliegenden Firmengelände hat am 15. Januar 1928 die Kasseler Omnibus Gesellschaft (KOG) mit der Hausnummer 23 ihren Betrieb aufgenommen. Auf dem in Richtung Leipziger Straße liegenden Grundstücksdreieck wurde unter Bezeichnung Sandershäuser Str. Nr. 1 von Ludwig Hildebrandt in 1932 eine Autoreparaturwerkstatt eröffnet.

Ungefähr ab 1933 befanden sich die beiden Fachwerkhäuser Sandershäuser Str. 15 u. 17 im Eigentum der Stadt Kassel. Im Zweiten Weltkrieg muss das Haus Nr. 15 zerstört worden sein, denn im Adressbuch von 1950 wird nur noch das Haus Nr. 17 aufgeführt und es gehörte von da an bis etwa 1969 der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Kassel (GWG).

Die Sandershäuser Straße Nr.1 wurde später in Leipziger Straße 103 umbenannt und diente verschiedenen Mineralölgesellschaften als Tankstelle (Nitag, Gasolin, Shell) und der Kasseler Niederlassung der Adam Opel AG als Ausstellungs- und Verkaufsraum für ihre Autos. Auf dem dahinterliegenden Grundstück mit Gleisanschluss waren in der folgenden Zeit u. a. die Deutsche Asphalt und der Gashändler Progas geschäftsansässig. Etwas zurückgesetzt von der Straßenflucht entstand auf dem Grundstück Sandershäuser 15 Anfang der 1970er Jahren ein mehrstöckiges Wohn- und Geschäftshaus.

Tankstelle Sandershäuser Str. 1 in 1973
Tankstelle Sandershäuser Str. 1 in 1973  Foto: Stadtarchiv Kassel

Hinter dem verkommenen Fachwerkhaus Sandershäuser Str. 17 fertigen unter der gleichen Anschrift die 1892 gegründeten Möbelwerkstätten Baum u. Söhne ab 1964 hochwertige Innenausstattungen.
Auf dem neuen Grundstück Sandershäuser Straße 1 (ehemals Leipziger Str. 103), das entstanden ist aus der Zusammenlegung der alten Omnibusschuppen der KOG, dem Industriegelände der „Deutschen Asphalt“, den Flächen des Autohauses Opel GmbH und der Tankstelle, gründete 1991 die Kasseler Verkehrs-Gesellschaft (KVG) ihren Betriebsbahnhof-Ost mit Depot. In großen, neuerbauten Hallen werden hier Busse, Straßenbahnen und Regio-Trams gewartet.

Die Häuser Sandersh. Str. 15 (gelb) und rechts davon Nr. 17 im Jahr 2010
Die Häuser Sandersh. Str. 15 (gelb) und rechts davon Nr. 17 im Jahr 2010  Foto: Satdtteilzentrum Agathof e.V.

Das alte Fachwerkhaus Nr. 17 stand 180 lange Jahre wie ein Fels in der Brandung an der Straße nach Sandershausen, es hat Kriege überlebt, Umwidmungen überdauert und ungezählten Menschen ein Zuhause geboten. Der bevorstehende Abriss wäre möglicherweise zu verhindern gewesen, wenn ein verantwortungsbewusster Eigentümer rechtzeitig die grauen Eternitplatten entfernt hätte. Bei fachmännischer Investition in die alte Bausubstanz könnte das alte Fachwerkhaus vermutlich noch einige Jahre bewohnbar sein. Auf dem Gebiet der Stadt Kassel gibt es nur noch wenige erhaltene Gebäude dieser Art aus der Zeit vor 1850.

Text und Editor: Bernd Schaeffer, Juni 2020

Quellen:

  • Adressbuch der Stadt Kassel: Jahrgänge 1841, 1885,1886, 1906, 1925, 1927, 1932, 1933, 1950, 1968 aufgerufen im Juni 2020.
  • Archiv der Stadt Kassel
    Bestand A 8.80 Nr. 296, Verwertung des Fabrikgrundstücks Manus Katzenstein.
    Bestand KS S 13 Nr. 11, Schmuckbriefköpfe Kasseler Firmen.
  • Ausschnitte der Karten von:
    1859 (Hessenkarte),
    1878 (Neumannkarte),
    amtl. Karte der Stadt Kassel 1:2000 aus 1907.
  • Digitales Archiv der HNA: Ausgaben von 1950,1951 und 1993 aufgerufen im Juni 2020
    Artikel der HNA vom 18.05.2020.
  • Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Stadt Kassel, Bd.1, Bruno Jacob, 1948, Hrsg. Uni Kassel Fachbereich 13, Heft 12

Wo spielt dieser Beitrag?

Kurzbeschreibung

Mitte Mai 2020 berichtete die Kasseler Lokalzeitung über die notwendige Räumung des einsturzgefährdeten Fachwerkhauses in der Sandershäuser Straße 17. Das mit grauen Eternit-Platten verkleidete Gebäude stammt aus dem 19. Jahrhundert und wird schon lange Zeit von den Eigentümern vernachlässigt. Das in der Gemarkung Kassel liegende Anwesen, umgeben von einem neuerbauten Straßenbahndepot, einer großen Möbelmanufaktur und einer freien Kirchengemeinde, war in den vergangenen 50 Jahren aus dem öffentlichen Blickfeld geraten. Wie aus dem untenstehenden Beitrag zu entnehmen ist, hat das stattliche Fachwerkhaus eine wechselvolle Geschichte und hätte bei angemessenem Erhaltungsaufwand vermutlich noch einige Jahrzehnte standgehalten.

© Copyright 2018-2020 - Hessisches Ministerium für Soziales und Integration