Off der Messe

Messehaus am Carlsplatz um 1900, Häuserfront davor Personen und Pferdekutsche

Messehaus am Carlsplatz um 1900
Foto: Stadtarchiv Kassel

Ab 1826 wurde die Messe, wie der große Vieh-, Woll- und Krammarkt an hauptsächlich drei Stellen (Unterneustadt, Oberneustadt und Forst) in Kassel abgehalten. In der Unterneustadt fand diese auf dem Forst, zwischen Unterneustadt und Bettenhausen statt. Waren es in den früheren Jahren mehr oder weniger Schützenfeste, wandelten sich diese in eine herrschaftliche und spätbürgerliche Festkultur. Wirklich regelmäßig wiederkehrende Volksfeste gab es seit dem Jahre 1823, auf Verbot des Kurfürsten, nicht mehr. Schützenfeste galten im Nachklang als mittelalterliches „Vogelschießen“. Das einzige bis heute erhaltene Volksfest in Kassel ist der „Zissel“, der im 16. Jahrhundert aus der Grenzbegehung der Fischerei Zünfte auf der Fulda, zwischen der Landgrafschaft Hessen und dem Herzogtum Braunschweig, hervorging.

Das Karusell, 1906 aufgenommen, gehörte dem Schausteller Rudolph. Die Festplatzaufnahme ist 1909 fotografiert, es sind Fahrgeschäfte der Familie Schellberg. Die Familie Schellberg wohnte bis 1950 in der Unterneustadt und ist jetzt in Waldau beheimatet.

Waren es früher Feierlichkeiten von Zünften und Schützen, entwickelten diese sich im 18. Jahrhundert zu einer herrschaftliche Feierkultur zwischen hohen und niedrigen Ständen. Allerdings entwickelte sich Ende des 19. Jahrhundert eine Festkultur zu einem kulturellen Mixtur, deren Bestandteile sich nur schwer isolieren lassen. Die Stelle der Volksfeste nahmen ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Messen und Märkte ein. Die wichtigsten fanden vor der Kattenburg zwischen Altmarkt und Steinweg, im Messehaus am Karlsplatz und auf der Wilhelmsstraße bis hinauf zum Ständeplatz statt.

Der jährliche Jahrmarktbetrieb im Juni und September der von der Schaustellergilde und der Stadt ausgerichtet wurde, entwickelte sich erst Mitte des 19.Jahrhunderts. 1906 kaufte die Stadt, auf Anregung der Bettenhäuser Bürgerschaft, das gesamte Gebiet des Forstes, auch den Sauplatz, auf dem später das neue Gaswerk gebaut wurde. 1911 fand hier die große Land-, Forst- und Wirtschaftsausstellung statt.

Ab 1918 „meßte“ man auf der Leisterschen Wiese, links der Leipziger Straße nach Bettenhausen. Beim Woll- und Viehmarkt im Juni und September war der Forst das Zentrum des Jahrmarktbetriebes. Hier hatten die Kasseler Wirte gut ein halbes Hundert Buden und Zelte aufgeschlagen und Schausteller ihre Fahrgeschäfte platziert. In der Mitte war ein Tanzplatz eingerichtet, hier sang ein Chor und Musikkapellen spielten zum Vergnügen der Tanzlustigen. Hier tummelten sich hauptsächlich tagsüber jung und alt, gegen Abend war von der feineren Welt nichts mehr zu sehen. Im Etat der Stadt Kassel war für die musikalische Unterhaltung ein Grundbetrag ausgewiesen.

Wie Robert Frederico in seinem Kulturbild aus der Kasseler Biedermeierzeit beschreibt, „War abends der niedrigste Pöbel in seinem Element, so daß Militär- und Bürgerpatrouillen öfters einschreiten. Von den alten Kasseler Messen ist geblieben, was einst Nebenerscheinung war, der Messrummel". Geblieben sind die Weihnachtsmärkte auf dem Königsplatz und nach 1950 auch auf dem Friedrichsplatz.
Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts fanden in Kirchditmold Messen statt, auf denen die Schausteller mit ihren Fahrgeschäften das Publikum erfreuten.

In der Bombennacht im Oktober 1943 ging auch die Messe auf der Leisterschen Wiese mit unter. Durch die Flakstellung auf der rechten Seite der Wiese waren beide Seiten des Platzes mit Bombentrichtern übersät. Erst Ende 1949 befasste man sich wieder mit einem Messe-Ausstellungsgelände. Für einen vorläufigen Standort war vorerst der Friedrichsplatz ins Auge gefasst. 1950 stand der Friedrichsplatz (provisorisch freigeräumt) zur Verfügung. Er wurde bis 1953 genutzt. Nachdem man den durch Bomben komplett zerstörten Kern der Unterneustadt geräumt hatte, entschloss man sich im Einvernehmen mit den Schaustellern, den Messeplatz auf den Unterneustädter Kirchplatz zu verlegen.

Zur Herbstausstellung 1953 wurde der neue Platz eröffnet, obwohl die Schausteller lieber auf dem Friedrichsplatz geblieben wären. Die wahre Liebe war es nicht. Die Schausteller beteiligten sich am Ausbau mit einem hohen Geldbetrag. Der Platz erhielt einen asphaltierten Rundweg. Am Eingang installierte man einen Pavillon, darin war die gesamte Elektrik, sowie eine Toilettenanlage, eingerichtet. Der Pavillon diente nicht nur der Schaustellervereinigung als Geschäftsstelle, sondern war auch mit einer kleinen Gaststätte ausgestattet.

Das Ausstellungsgelände empfing die Besucher mit einer mehrstufigen breiten Treppe. Zur Messe wurden die Fahnenstangen mit Fahnen beflaggt. Die Schaustellergilde war durch ihre finanzielle Beteiligung Miteigentümer des Platzes, die Stadt hatte bei Vergabe Mitsprachrecht. Für den Zissel war der Messeplatz der zentrale Mittelpunkt. Im großen Festzelt fanden bis Ende des 20. Jahrhunderts alle Veranstaltungen und Empfänge statt.

Weitere Veranstaltungen wie z.B. Zirkusvorstellungen füllten den zentralen Ausstellungsplatz der Stadt aus. Allerdings war der große Platz außerhalb der Veranstaltungen der zentrale Dauerparkplatz für die gesamte Innenstadt und wurde immer mehr ein Diskussionspunkt der Unterneustädter Einwohner.

Als 1953 zur Herbstausstellung (nach über 10 Jahren) die Eröffnung des neuen Ausstellungsplatzes vor der Tür stand, waren die Stadtväter sehr zurückhaltend, sich auf eine populäre Namensgebung zu einigen. Denn mit dem Begriff „Messe“ verband man immer noch die „Leisterschen Wiesen“.
Die meisten Aussteller waren ja „Alte Hasen“ und kannten ihre Messe schon vor dem Krieg. „Ich habe in Kassel noch nie gefehlt“, erzählt Karussellbesitzer Rudolph, „Ich weiß noch, was das für ein Knatsch auf den Leisterschen Wiese war, wenn es regnete. Na, auf dem neuen Gelände hier haben wir ja jetzt wenigsten eine picobello Aschendecke!“, tröstet er sich über den Verlust des kurzen Ersatzes des besseren Friedrichsplatzes hinweg. Den hier wollten sie eigentlich gar nicht weg.

Das Ausstellungsgelände mit seiner zwei Meter dicken Trümmerschicht stand immer mehr zur Diskussion in der Unterneustädter Bevölkerung. Die Veranstaltungen auf dem Festplatz lösten durch die Parkplatzsuche großen Unmut aus. In der Gesamthochschule wurde es zum Dauerthema von Stadtplanern. Eine Stadt degradiert das Herz der Unterneustadt zum Großparkplatz für 400 bis 600 kostenlos parkende Autos.

Das Planungsamt legte 1983 eine Entwicklungsplanung für die Unterneustadt, mit einem differenzierten Ziel- und Maßnahmeprogramm zum Wiederaufbau der Unterneustadt, vor. Damit war eine Diskussion angestoßen, die eine Verlegung des Ausstellungsgelände zum Selbstläufer, machte.

Eine mehr als zehnjährige Diskussion über den Wiederaufbau der zerstörten Unterneustadt, der bedingt durch die Standortsuche für ein neues Ausstellungsgelände parallel geführt wurde, ereiferte von der Bevölkerung bis zur Zeitung und den Stadtplanern, die ganze Stadt. Am heftigsten wurde der Standort des Ausstellungsplatzes diskutiert. Keiner wollte ihn vor seiner Haustür haben.
Endlich einigte man sich und verlegte die Messe wieder zurück auf das immer noch vorhandene Gelände der Leisterschen Wiesen, nun aber auf die gegenüberliegende Seite der Leipziger Straße, nämlich auf die "Schwanenwiese" .

Text: Gerhard Böttcher, 2023

Editor: Erhard Schaeffer April 2026

Literatur:

  • Wege zur Unterneustadt,  Stadt Kassel
  • Kasseläner Klassik, Hans Römhild
  • Faß auf der Fulda, Robert Friderici
  • Fest + Feierkultur im 18. Jahrhundert, HGZ Band 107
  • eigene Quellen Gerhard Böttcher
  • Protokolle des Ortsbeirates Unterneustadt
  • Projektentwicklungsgesellschaft für die Unterneustadt

Foto:

  • Projektentwicklungsgesellschaft für die Unterneustadt
  •  Archiv, Kirche Unternerneustadt,
  • Stadtarchiv Kassel
  • Archiv Gerhard Böttcher 
  • HNA .1989,1999,2000 

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Kurzbeschreibung

Ab 1826 wurde die Messe, wie der große Vieh-, Woll- und Krammarkt an hauptsächlich drei Stellen (Unterneustadt, Oberneustadt und Forst) in Kassel abgehalten. In der Unterneustadt fand diese auf dem Forst, zwischen Unterneustadt und Bettenhausen statt. Waren es in den früheren Jahren mehr oder weniger Schützenfeste, wandelten sich diese in eine herrschaftliche und spätbürgerliche Festkultur. Wirklich regelmäßig wiederkehrende Volksfeste gab es seit dem Jahre 1823, auf Verbot des Kurfürsten, nicht mehr. Schützenfeste galten im Nachklang als mittelalterliches „Vogelschießen“. Das einzige bis heute erhaltene Volksfest in Kassel ist der „Zissel“, der im 16. Jahrhundert aus der Grenzbegehung der Fischerei Zünfte auf der Fulda, zwischen der Landgrafschaft Hessen und dem Herzogtum Braunschweig, hervorging. Der Chronist Gerhard Böttcher beschreibt hier die Entwicklung der verschiedenen Volksfeststandorte in Kassel.

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