Meine Kinderzeit in der Städtischen Siedlung

Wilfried Strube steht bei der Einschulung mit Schultüte beim Fotograf, 1947

Wilfried Strube Einschulung mit Schultüte 1947
Foto: Wilfried Strube

Wilfried Strube Jahrgang 1941 erinnert sich an seine Kinderzeit in der Bettenhäuser Städtischen Siedlung, die heute im Stadtteil Forstfeld liegt.

In der ganzen „Städtischen Siedlung“ gab es Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre keine Spielplätze für uns Kinder nur freie mit Kohlenasche befestigte Plätze, ohne jegliche Spielgeräte. Auf einigen Vertiefungen im Boden war Spielsand aufgeschüttet worden. Der lagerte dort mehrere Jahre und wurde leider auch von Katzen und Hunden heimgesucht. Wie sollte es dann Spaß machen, dort zu spielen!

Fußballspielen durften wir dort auch nicht, denn ab und zu knallte ein Ball an die Wand und störte die Bewohner, so dass diese sofort angerannt kamen und uns fortjagten. Auf den Grünflächen war das Spielen auch verboten, dort wurde ja noch die Wäsche zum Bleichen ausgelegt.

Was blieb uns Kindern also in diesen Jahren zum Spielen? Die Wissmannstraße, dort wo ich meine Kinderzeit verbrachte. Damals fuhren nur selten Autos durch die Straße. Es gab ja nur wenige und von den Anwohnern konnte sich keiner ein Auto leisten. Also spielten wir dort Schlagball oder Fußball von Kanaldeckel zu Kanaldeckel, diese waren unsere Tore.

Im Winter wurde hier auch Eishockey gespielt. Damals gab es noch Schnee und Eis auf den Straßen, denn es wurde nicht gestreut. Abends haben wir jeder einen Eimer Wasser auf die Spielfläche geschüttet, damit eine Eisfläche entstand und wir nach der Schule auf der Straße Schlittschuh laufen konnten. Nur wenige Kinder besaßen Schlittschuhe. Ich hatte meine von meinem Cousin Harry geschenkt bekommen, der inzwischen herausgewachsen war. Diese Schlittschuhe wurden mit einer „Orgel“ an der Schuhsohle befestigt. Mancher Einkochring der Mutter diente als zusätzliche Halterung. Dies alles war nicht gut für die Schuhe und so manche Sohle gab bald ihren Geist auf.

Im Frühjahr und Sommer gingen wir zum Spielen zur Ecke Ochshäuser-Straße/ Lindenbergstraße. Dort befand sich eine andere Spielmöglichkeit, eine freie Wiese neben einem Hühnerstall mit Gehege und neben einem Feld der Gärtnerei Schaumburg. Weit und breit waren nur Felder. Erst später, als an der gegenüberliegenden Seite ein Neubau mit Apotheke errichtet wurde, war ein übereifriger Hausmeister dagegen, dass wir dort spielten. Wir waren ihm zu laut. 
Das änderte sich im Jahr 1951. Der Sportverein „Sportfreunde 09“ wurde wiedergegründet und wir 10jährigen und Älteren konnten nun im Verein unter Betreuung Fußball spielen. Keiner von uns Kindern hatte eigene Fußballschuhe, aber im Verein hatten Spender dafür gesorgt, dass elf Paar Fußballschuhe verschiedener Größen zur Verfügung standen. Vielen waren die Schuhe zu groß, aber mit der Größe wussten wir uns zu helfen. Pfiffig wie wir waren, wurden ein Paar Strümpfe vorn in die Schuhe gesteckt und alles war gut.

Wir hatten nach 1951 die Möglichkeit, auf den Sportplatz und die freie Fläche am „Wahlebach“ zu gehen. Für uns Kinder war das „die Wahle“ das Wort Wahlebach war uns zu lang. Um dahin zu kommen, mussten wir durch die ehemalige „Fieseler Siedlung“ und deren Bande. Das war nicht ganz einfach. Mich persönlich und ein paar Freunde kannten die dort ansässigen Kinder aus der Schülermannschaft des Fußballvereins „Sportfreunde 09“. Einige waren auch zweieinhalb Jahre meine Schulkameraden in der Bürgerschule in Waldau. Des Öfteren spielten wir gegeneinander Fußball auf der Wiese vor dem Sportplatz an der Lindenbergstraße, mit wechselndem Erfolg. Aber immer nur Fußballspielen war mit der Zeit auch langweilig.

Am Wahlebach entlang standen vom Forstbachweg bis zur Nürnberger Straße Weidenbäume und Pappeln verschiedener Höhe. Einige davon waren sehr schwierig zu erklettern. Meine engsten Freunde und ich hatten mittlerweile einige Erfahrung im Klettern. Mit Krampen, aus Metall, die wir in die Stämme einschlugen und Wäscheleinen, die wir wegen der Stabilität wie ein Zopf flochten ermöglichten uns das Klettern. Auf einigen Bäumen hatten wir uns Baumhöhlen eingerichtet und aßen dort die an den Waldauer Feldwegen erbeuteten Äpfel und Birnen. Dies war nicht immer einfach, da diese Bäume in der Erntezeit auch durch die Bauern kontrolliert wurden. Auch Gurken und Kohlrabi auf den Feldern wurden geschält und roh gegessen. In diesen Jahren hatten wir Kinder alle Nachholbedarf an Nahrung.

Brot, Kleidung usw. gab es bis 1948 noch auf Marken, die von den Eltern, auf der Bezirksstelle in Waldau, in der Nürnberger Straße gegenüber der „Zehntscheune“ abgeholt werden mussten. Diese wurden nach Anzahl der Personen den Familien zugeteilt.

Im Sommer stauten wir im Bereich des Sportplatzes den Wahlebach auf, indem wir an den Uferrändern Grassoden abstachen und damit einen Damm bauten. Hier konnten wir herrlich baden und mancher lernte dort die ersten Schwimmzüge. Das „Städtische Flussbad“ und die Bademöglichkeiten in der Fulda war immer mit einem Fußmarsch von einer Stunde an dem Wahlebach verbunden, über den Waldauer Fußweg, die Blücherstraße, die Drahtbrücke, um den Auedamm zu erreichen. Dort auf dem Vereinsgelände der „WVC“ lernte ich unter Anleitung des ehrenamtlichen Bademeisters Sandrock im Jahr 1947 das Schwimmen. Aber wir schwammen auch in den Baggerseen der Firma Freudenstein, im heutigen „BUGA-Gelände. Das durften unsere Eltern natürlich nicht wissen, denn dort war keine Badeaufsicht vorhanden und es war auch nicht ungefährlich. Das Eintrittsgeld für das Hallenbad Ost konnten sich unsere Eltern nur selten leisten.

Außerdem mussten wir die ganze Woche jeden Pfennig sammeln, um mit den ersparten 50 Pfennig, am Sonntagmittag im „Thalia-Filmtheater“ die Wildwestfilme anschauen zu können. Es war eine arme Zeit und wir hatten nicht viel Abwechslung aber wir kannten es nicht anders und waren zufrieden In den „Schlüter Haferflocken“ gab es Wildwest-Figuren in den einzelnen Packungen die wurden gesammelt und so stieg der Verbrauch dieses Lebensmittels stark an. Aus Pappkartons bauten wir uns ein „Fort“ und wer handwerklich geschickt war, baute sich eine solche Anlage aus Sperrholz, einen Laubsägekasten gab es zu Weihnachten und die Zigarrenkästen des Opas dienten als Baumaterial. Zigarettenschachteln wurden auseinandergenommen und ein Kartenspiel erstellt. Die Packungen, die selten waren wie „Senoussi“ oder „Lucky-Strikes“ dienten als Trumpf und füllten die Spielkartensammlung ungemein. Für Kinder von heute ist dies leider nicht nachzuvollziehen und unbegreiflich und bei manchen Erzählungen aus dieser Zeit denken sie, der erzählt uns doch ein Märchen.

Sehr interessant wurde es, als in dem Areal zwischen Ochshäuser Straße und Wissmannstraße Neubauten durch die GWG errichtet wurden. Trotz Bewachung der Baustelle durch Posten, sogar mit Hunden, schafften wir es immer wieder, in die Rohbauten der Häuser einzusteigen und in diesen zu spielen. Im Innenbereich verbanden Leitern die Etagen und vielmals haben wir diese Leitern nach Erreichen des nächsten Stockwerks eingezogen, so dass uns der Wärter und sein Hund nicht folgen konnten. Das dies gefährlich war, war uns Kindern nicht bewusst, sonst hätten wir es vielleicht nicht gemacht. Als unsere Eltern dies mitbekamen, war der Spaß bald vorbei, denn wenn zu Hause der Lederriemen drohte, hat uns unser Erinnerungsvermögen an die schmerzhafte Prozedur von diesen Taten abgehalten.

In den 60er Jahren wurden auf den Spielplätzen Sandkästen und Schaukeln errichtet, aber für unsere Generation war dies leider zu spät.

Text: Wilfried Strube, 2026

Editor: Erhard Schaeffer, Juli 2026

Wo spielt dieser Beitrag?

Ort: Forstfeld

Kurzbeschreibung

 

Wilfried Strube Jahrgang 1941 erinnert sich an seine Kinderzeit in der Bettenhäuser Städtischen Siedlung, die heute im Stadtteil Forstfeld liegt.

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