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Zur Lindenberger Höhe - Gaststätte der beschaulichen Gastlichkeit -

AK Lindenberger Höhe

AK Lindenberger Höhe, Sammlung H. Schagrün
Foto: @ Helmut Schagrün

In den Zeiten des letzten Jahrhunderts, in denen man noch mit Pferd und Wagen die notwendigen Güter transportierte, waren die Rasthäuser an den Ausfallstraßen für Pferde und Kutscher bevorzugte Haltepunkte am Fahrweg. Wenn man mit dem Gespann über die Leipziger Straße in Bettenhausen in Richtung Lossetal den Lindenberg mühevoll erreicht hatte wurde in dem Fachwerkhaus "Zur Lindenberger Höhe" Station gemacht. Die Pferde wurden an Ösen an der Hauswand angebunden und der Inhaber Julius Kramm bot seinen Gästen kühle Getränke sowie eine kräftige Mahlzeit in seinem Gastraum an. Im Sommer lud der Biergarten gleich neben dem Haus zum Verweilen ein. In der Gartenwirtschaft wurden Kropfsche Biere aus Kassel ausgeschenkt.

Der Gastronom Julius Kramm besaß zwei Gasthäuser. Bereits in den 1910er Jahren übernahm er den Martinikeller in der Druselgasse und nannte ihn, abgeleitet von seinem Spitznamen, "Gastwirtschaft zum Jule". 1924 kaufte er dann die Gaststätte in der Leipziger Straße 381. Dieses Gasthaus besaß schon seit 1899 eine Schankerlaubnis und wurde zuerst von dem Gastwirt Biel und später vom Wirt Lämmer geführt.

Restaurant von Julius Kramm (Jule Mitte vorn) vor dem Fuhrwerk ist eine Zapfsäule für Benzin zu erkennen, Anfang des 20. Jahrhunderts
Restaurant von Julius Kramm (Jule Mitte vorn) vor dem Fuhrwerk ist eine Zapfsäule für Benzin zu erkennen, Anfang des 20. Jahrhunderts  Foto: @ Stadtteilzentrum Agathof e. V.

Als sich das Ende der Ära der Fuhrwerke abzeichnete, ließ der Gastwirt Jule Kramm die erste Kasseler Zapfsäule für Benzin (Marke Olex - Vorläufer der deutschen BP) vor seiner Wirtschaft installieren. Auch für Wanderer zwischen Kaufungen und Kassel oder Eichwald und Lindenberg war die "Lindenberger Höhe", zwischen Kupferhammer und Eisenhammer gelegen, ein beliebtes Ausflugslokal. So findet sich in einer Ausgabe der Kasseler Post von 1934 der Hinweis:

„Vom Eichwald schreiten wir am Fischhaus, wo in früheren Zeiten manches Schöppchen Wein getrunken ward und am Eisenhammer, der heutigen Rocholschen Stockfabrik vorbei, dem Lindenberg zu, der nicht etwa, wie böse Zungen behaupten, nach dem Fichtenwäldchen benannt ist, das den Nordrand des Berges und die Gärten des Krankenhauses Lindenberg säumt, sondern wohl nach den wunderschönen Linden, die noch vereinzelt im Felde stehen, hoffentlich geschützt vor dem Abbau der sich an vielen ihrer Brüder vergriffen hat.“

Gemeint war die Abholzung der Bäume, die mit der Besiedelung des Lindenberges ab 1933 begonnen hatte. Ministerialdirektor Tomala hatte kinderreiche Familien unserer Stadt zum „Siedeln“ auf dem Lindenberg aufgerufen, um aus der Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit herauszukommen und auf eigener Scholle mit Nebenerwerb aus Obst und Gemüseanbau, sowie Kleintierhaltung den Familienunterhalt zu sichern.

Gastraum in der Lindenberger Höhe, 1939
Gastraum in der Lindenberger Höhe, 1939  Foto: @ Stadtteilzentrum Agathof e. V.

Ab der Mitte der 30er Jahren wurde die Gastwirtschaft, nach dem Julius Kramm in Ruhestand gegangen war, von Ferdinand Wahl geführt. Für die kleinen Gäste war an dem rückseitigem Hang zur Losse ein reizvoller Kinderspielgarten neben dem herrlichen Biergarten unter Bäumen eingerichtet. Über dem Zaun hing ein Schild auf dem geschrieben stand: „Lasset die Kindlein sorglos spielen, ehe sie den Ernst des Lebens fühlen.“ Den kleinen Imbiss konnte man im Haus in der Frühstücks Stube einnehmen.

Kinderspielgarten hinter dem Haus, 1939
Kinderspielgarten hinter dem Haus, 1939  Foto: @ Stadtteilzentrum Agathof e. V.

Die Geschichten über die vergangenen Zeiten bekam auch Dieter Bott von seinem Großvater Feuerschutzpolizist Ludwig Bott, der im zweiten Stock über der Gaststätte wohnte, erzählt. Er selbst, 1935 in Hannover geboren, zog nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit seinen Eltern und seiner Schwester zu den Großeltern in die Wohnung in der Leipziger Straße 381. Zwischen 1946 und 1960 verbrachte er seine Kindheit und Jugend in diesem Haus. In diesen schweren Zeiten der Wohnungsnot wohnten drei Familien in einer Wohnung. Nach dem Krieg wechselt auch der Wirt. Heinrich Quentin betrieb nun das altbekannte Ausflugslokal mit vorzüglicher Küche.

Anzeige aus dem Bettenhäuser Heimatblatt, 1953
Anzeige aus dem Bettenhäuser Heimatblatt, 1953  Foto: @ Stadtteilzentrum Agathof e. V.

Die Zeiten der beschaulichen Gastlichkeit sind lange vorbei. Die Menschen fahren mit dem Auto oder benutzen die Straßenbahn ins Lossetal. Die Gaststätte gibt es nicht mehr, doch das Haus an der Leipziger Straße 381 existiert noch. Wenngleich es nicht mehr so gemütlich und rustikal aussieht nachdem die Fassade verkleidet wurde. An dem kleinem Türmchen hinter dem Dach kann man es erkennen. In dem Gebäude ist nun die Kunst- und Bauglaserei GmbH Karl Kurz ansässig.

von li. nach re. Leipziger Straße 375 - 381, August 2005
von li. nach re. Leipziger Straße 375 - 381, August 2005  Foto: @ K. P. Wieddekind

Editor: Erhard Schaeffer, Januar 2013

Qellen:

  • Helmut Schagrün, Niestetal, Ansichtskarten Sammlung
  • Dieter Bott, Kassel
  • Falk Urlen, Forstfelder Geschichte(n)

Kurzbeschreibung

In den Zeiten des letzten Jahrhunderts in denen man noch mit Pferd und Wagen die notwendigen Güter transportierte waren die Rasthäuser an den Ausfallstraßen für Pferde und Kutscher bevorzugte Haltepunkte am Fahrweg. Wenn man mit dem Gespann über die Leipziger Straße in Bettenhausen in Richtung Lossetal den Lindenberg mühevoll erreicht hatte wurde in dem Fachwerkhaus "Zur Lindenberger Höhe" Station gemacht.

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