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Kräne aus Bettenhausen.- hergestellt in der Maschinenfabrik Heinrich Rieche

Werbung der Maschinenfabrik Rieche, 1913, mit Abbildung von Känen

Werbung der Maschinenfabrik Rieche, 1913
Foto: • Schweizer Bauzeitung, Bd. 61/62 (1913), Heft 18

Ein mehrgeschossiger, dunkelroter Klinkerbau fällt beim Befahren der Leipziger Straße stadtauswärts sofort ins Auge, denn an dieser Stelle ist der Straßenquerschnitt am schmalsten. Das hier stehende Gebäude Leipziger Straße 214 stammt aus dem 19. Jahrhundert und ist ein Relikt der wechselvollen industriellen Nutzung der dahinterliegenden Flächen. Es ist anzunehmen, dass die Maschinenbau AG, vorm. Beck und Henkel, die Liegenschaften Leipziger Straße 214-218, bebaut mit großflächigen Fabrikgebäuden und Hallen, schon ab 1889 zur Herstellung von Kränen, Aufzüge, Einrichtungen für Schlachthöfe nutzte. Ab 1911 verlagerte der Ingenieur Heinrich Rieche die Produktion von Turmdrehkränen aus dem Philosophenweg in die Leipziger Straße 214. Als mit dem Tod von H. Rieche seine Maschinenfabrik erlosch, nutzten ab 1933 der Metallhandel Köhler und Becker die Fläche. Bis auf die direkt an der Straße stehenden Häuser 214 und 216 wurden die übrigen Gebäude im Zweiten Weltkrieg zerstört. Der letzte großflächige Nutzer des Grundstücks war von 1985 bis 1994 die Verpackungsfirma Kopack.

Schon die alten Ägypter mussten viel Erfindungsgabe und technisches Wissen aufwenden, um die großen, schweren Steine zum Bau der Pyramiden an die richtigen Stellen zu transportieren. Das Problem beim Bewegen von schweren Lasten wurde noch bis in das 19. Jahrhundert im Wesentlichen unter der Anwendung der einfachsten Regeln der Mechanik mit menschlicher Muskelkraft gelöst. Ein sehr anschauliches Beispiel dafür steht im Deutschen Museum in München. In einem Steinbruch im Süden von Paris trieb bis etwa 1890 ein Sprossentretrad die Seile eines Drehkrans zum Heben und der horizontalen Verlagerung großer Lasten.
 

Kran mit Sprossentretrad im Steinbruch
Kran mit Sprossentretrad im Steinbruch  Foto: Deutsches Museum München

Der zunehmende Einsatz des Stahlbetonbaus ab 1890 erforderte eine motorisierte und kostengünstige Lösung für den Transport und die Verteilung schwerer Lasten an Großbaustellen. Die ingenieurstechnische Antwort auf diese Aufgabe war die Erfindung des Turmdrehkrans mit elektrischem Motor.

Werbung der Fa. Rieche auf dem Einband des Kasseler Adressbuches von 1905
Werbung der Fa. Rieche auf dem Einband des Kasseler Adressbuches von 1905  Foto: Adressbuch von Kassel, 1905

Der Ingenieur Heinrich Rieche wohnte 1904 in Kassel im Schlangenweg 7 und hatte sein Büro und den Handel mit Baumaschinen im Philosophenweg 56 und 57.
Zahlreiche Aufsätze in Fachzeitschriften und mehrere angemeldete Patente lassen erkennen, dass sich H. Rieche schon um die Jahrhundertwende mit der Konstruktion eines Turmdrehkrans befasste. Auf der Einbandseite des Adressbuches der Stadt Kassel von 1905 wirbt er großflächig mit dem Verkauf von Laufkranen, Drehkranen und Aufzügen. Ab 1911 mietet er das Fabrikgebäude in der Leipziger Straße 214 und verlagert seine Produktion auch wegen des dort vorhandenen Gleisanschlusses nach Bettenhausen.

 

Firmenstandort Rieche Leipziger Straße 214 - 218
Firmenstandort Rieche Leipziger Straße 214 - 218  Foto: Karte der Stadt Kassel, 1907

Auffällig ist, dass der Kranbau-Pionier Rieche in seinen Inseraten keine feste Anschrift nennt, sondern, für damalige Zeit ungewöhnlich, als Kontaktangebot zwei Telefonnummern und eine Telegrammadresse angibt. Daraus kann man schließen, er hat den Vertrieb seiner Ware über ein Netz von niedergelassenen Händlern organisiert.

Prinzip_Skizze eines Rieche-Krans
Prinzip_Skizze eines Rieche-Krans  Foto: Taschenbuch für den Maschinenbau: in zwei Bänden, Julius Springer Verlag, 1924

Der erste von ihm um 1910 entwickelte Mitteldreher-Turmdrehkran bestand aus zwei ineinander geschobenen, gittermastähnlichen Stahlkonstruktionen, von denen der Innere drehbar war. Der Kran stand auf Laufschienen, und hatte einen Nadelausleger. Zur Erhöhung der Standfestigkeit wurde der Fuß zentral mit Ballast beschwert. Der eingesetzte Motor diente ausschließlich dem Anheben der Last, das Absenken geschah im Freilauf und das Positionieren mittels Bremsen. Das seitliche Fahren auf der Schiene und die Drehbewegungen erfolgten zunächst noch mit Manneskraft.
Die Eckdaten seines in 1913 angebotenen Krans waren: größte Hakenhöhe etwa 26 Meter, bei einer maximale Ausladung von 10,5 m konnten noch etwas mehr als eine Tonnen gehoben werden.

Eintrag im Kasseler Adressbuch von 1925
Eintrag im Kasseler Adressbuch von 1925  Foto: Adressbuch der Stadt Kassel, 1925

Die Turmdrehkräne der Firma Rieche entwickelten sich zu einem deutschlandweiten Verkaufserfolg. Auch an einigen Schweizergroßbaustellen wurde das Fabrikat eingesetzt. So finden sich Hinweise auf der Webseite „kran-info.ch“, dass die Rieche-Kräne u. a. beim Bau des Bahnhof und der Handelsbank in Basel zum Einsatz kamen.

Der gestiegene Absatz veranlasste H. Rieche dazu, 1913 sein Werksgelände um die Grundstücke Leipziger Straße 216 – 218 zu erweitern. Privat wohnte Heinrich Rieche mit seiner Frau Ida zu der Zeit in der Kunoldstraße 60.
 

Indutriegebäude Leipziger Straße 214 in 2020
Indutriegebäude Leipziger Straße 214 in 2020  Foto: Bernd Schaeffer, Kassel

Außer des jährlich wiederkehrenden Eintrags im Adressbuch der Stadt Kassel, finden sich in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg kaum zusätzliche Unterlagen über die Kranproduktion in der Leipziger Straße. Einen weiteren Beleg für die Maschinenfabrik Heinrich Rieche entdeckt man bei B. Jacob in der Chronik von Bettenhausen in einer „Liste der am 1. Mai 1927 in Bettenhausen vorhandenen Industrie und sonstigen Firmen“. Als Geschäftszweig nennt Jacob „Maschinenfabrik, Fabrikation und Lieferung von Kranen, Winden, Laufkatzen und Eisenkonstruktionen“ verbunden mit dem Hinweis auf den vorhandenen Gleisanschluss an die Cassel-Waldkappeler-Eisenbahn.

Eingang Leipziger Straße 216
Eingang Leipziger Straße 216  Foto: Bernd Schaeffer, Kassel, 2020

Nach dem Ableben von Heinrich Rieche Anfang der 1930er Jahre nutzte der Metallhandel Köhler und Becker ab 1933 das Fabrikgelände an der Leipziger Straße 214 bis 218. Die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs haben, wenn auch beschädigt, nur die markanten, roten Klinkergebäude 214 und 216 unmittelbar an der Leipziger Straße überstanden. In den z.T. sanierungsbedürftigen Häusern firmierten in den Folgejahren verschieden Gebrauchtwagenhändler. Das Haus Nummer 216 wurde für Wohnzwecke umgebaut.

Der letzte großflächige Nutzer des Grundstücks Leipziger Straße 218 war von 1985 bis 1994 die Verpackungsfirma Kopack mit dem Geschäftsführer Johannes Kowal aus Bettenhausen.
Danach lag das Gelände lange Zeit brach. Erst 2019 baute ein namhafter Kasseler Händler ein modernes Autohaus auf das benachbarte, vorher aufwendig sanierte, Grundstück Leipziger Straße 228.

Text und Editor: Bernd Schaeffer, im November 2020

Quellen:

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Kurzbeschreibung

Ein mehrgeschossiger, dunkelroter Klinkerbau fällt beim Befahren der Leipziger Straße stadtauswärts sofort ins Auge, denn an dieser Stelle ist der Straßenquerschnitt am schmalsten. Das hier stehende Gebäude Leipziger Straße 214 stammt aus dem 19. Jahrhundert und ist ein Relikt der wechselvollen industriellen Nutzung der dahinterliegenden Flächen. Es ist anzunehmen, dass die Maschinenbau AG, vorm. Beck und Henkel, die Liegenschaften Leipziger Straße 214-218, bebaut mit großflächigen Fabrikgebäuden und Hallen, schon ab 1889 zur Herstellung von Kränen, Aufzüge, Einrichtungen für Schlachthöfe nutzte. Ab 1911 verlagerte der Ingenieur Heinrich Rieche die Produktion von Turmdrehkränen aus dem Philosophenweg in die Leipziger Straße 214. Als mit dem Tod von H. Rieche seine Maschinenfabrik erlosch, nutzten ab 1933 der Metallhandel Köhler und Becker die Fläche. Bis auf die direkt an der Straße stehenden Häuser 214 und 216 wurden die übrigen Gebäude im Zweiten Weltkrieg zerstört. Der letzte großflächige Nutzer des Grundstücks war von 1985 bis 1994 die Verpackungsfirma Kopack.

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