Hessen
Skip to Content

Aus Ochshäusern wurden Kasseler

Erste Siedler beim Lehmstechen

Erste Siedler beim Lehmstechen
Foto: Falk Urlen

Im Jahr 2001 brachte der Lohfeldener Gemeindevorstand zum 900jährigen Jubiläum Crumbach und Ochshausen eine Festschrift mit vielen Einzelbeiträgen heraus. Friedrich Marquardt aus dem Wahlebachweg behandelte den „Kasseler Platz“, der durch den Autobahnbau Kassel zugeschlagen worden war. Mit Genehmigung seines Sohnes Bernd wird der gesamte Beitrag mit seinen vielen Einzelheiten als PDF-Datei angehängt.

Im Folgenden wird eine kurze Zusammenfassung gegeben:

Nach dem Ersten Weltkrieg gab es überall in Deutschland große Wohnungsnot, so auch in Ochshausen. Junge Männer und Frauen, die nach dem Krieg geheiratet hatten, suchten Wohnungen. 1919 beschloss der Gemeindevorstand, am Rande von Ochshausen Flächen aufzukaufen und diese an Siedlungswillige Bürger zu verkaufen, die mit Darlehen und Bürgschaften unterstützt wurden.

Gemarkungsgrenzen zwischen Kassel, Bettenhausen und Ochshausen 1916
Gemarkungsgrenzen zwischen Kassel, Bettenhausen und Ochshausen 1916  Foto: Falk Urlen

Der „Kasseler Platz“ hieß so, weil er vor den "Toren" Kassels lag, und zwar zwischen Wahlebach und dem nördlichen Gebiet neben der Ochshäuser Str., und bis zum sog. "Schwarzen Weg" (Das ist eine Verbinung zwischen der Wanderwegbrücke über den Wahlebach und der Ochshäuser Str., siehe Abbildung) und im Norden bis zum Erlenfeldweg und Faustmühlenweg ging. So wurden 30 Baugrundstücke geschaffen mit je 700 bis 900 qm, damit sich die Menschen selber ernähren konnten. Bernd Marquardt nannte diese Weg beiläufig "Grenzgasse", ich finde das einen eindeutigen Namen für diese Verbindung, vielleicht sollte man die Gasse verbindlich so nennen.

Die ersten Häuser (1922), Ochshäuser Str. 70 und 72.
Die ersten Häuser (1922), Ochshäuser Str. 70 und 72.  Foto: Falk Urlen

1922 wurden die ersten 4 Häuser gemeinsam mit viel Eigenhilfe gebaut und nach Fertigstellung unter den Bauherren verlost. Z. T verwendeten diese Material aus einer abgerissenen Scheune. Friedrich Marquardt schildert nun im Einzelnen sämtliche Siedler, die hier ihre Häuser bauten, und die, die die Grundstücke später erwarben, so z. B. wie ein Siedler den benötigten Kies aus seinem Garten gewann und wie andere Siedler das entstandene Loch mit Bauschutt zuschütteten. Ein vier Meter breiter Streifen zwischen Wahlebachweg und Ochshäuser Str. an der Grenze zu Kassel wurde nicht bebaut.

Im Jahr 1932 wurde dann auf Kasseler Gebiet die Erlenfeldsiedlung gebaut. Arbeitslose und Kinderreiche sollten sich hier eine Zuhause schaffen. Die Bauwilligen, die die Grundstücke in Erbpacht auf 66 oder 99 Jahre von der Stadt Kassel bzw. der Kirche erwarben, wurden von einer Kommission geprüft und ausgewählt. Kriterien der Auswahl waren langjährige Erwerbslosigkeit, Alter der Bewer­ber, Anzahl der Kinder, charakterliche und körperliche Eig­nung des Siedlerehepaares.

Den fünf Ochshäuser Familien, die am Kasseler Platz mangels Bauplätzen keine Grundstücke mehr bekommen hatten, gab man gemäß einer Absprache die Grundstücke gleich im Anschluss an die Siedlung Kasseler Platz. Somit blieben alle Bauwilligen aus Ochshausen beieinander. Alle Häuser wurden in Selbsthilfe von Gruppen mit einzelnen Fachleuten nacheinander erbaut und ausgelost. Die Straßen wurden zunächst einfach nummeriert. Aus der „Gruppe III“ wurde z. B. der „III. Erlenfeldweg“, der 1958 in den heutigen Wahlebachweg umbenannt wurde. Da der heutige obere Wahlebachweg, Hausnummern 1 bis 22 in Ochshausen lag, wurden die Hausnummer beibehalten. Danach springen die Hausnummer in der neuen Erlenfeld-Siedlung direkt auf 76. Bei Zustellern sorgt das manchmal für Verwirrung.

Familie Brandes gehörte zu den ersten Siedlern
Familie Brandes gehörte zu den ersten Siedlern  Foto: @Falk Urlen
Mit der Kaninchenzucht trug Karl Fischer zum Lebensunterhalt seiner Familie bei
Mit der Kaninchenzucht trug Karl Fischer zum Lebensunterhalt seiner Familie bei  Foto: @Falk Urlen

1932/33 erwarb die Gemeinde Ochshausen das noch brach liegende Bauland von der evangelischen Kirche Ochshausen. Die Bauwilligen hatten an Erbzins dreizehn Doppelzentner Roggen oder aber je Dz 20 Goldmark zu bezahlen.

Von staatlicher Seite wurde im Mai 1936 beschlossen, dass die Autobahn nun die Stadtgrenze von Kassel sein sollte. Damit wurde die Ochshäuser Siedlung „Kasseler Platz“ automatisch nach Kassel eingemeindet. Gefragt wurde bei der damaligen Entscheidung keiner der Anwohner. Ochshausen bekam zum Ausgleich Kasseler Land.

Die Brücken der Autobahn und Söhrebahn überspannten an der Stadtgrenze die Ochshäuser Straße
Die Brücken der Autobahn und Söhrebahn überspannten an der Stadtgrenze die Ochshäuser Straße  Foto: @Hans Pirsch

Es war so beschlossen und man hatte sich zu fügen. Für die Ge­meinde Ochshausen war es nicht nur ein finanzieller Verlust, sondern auch einwohnermäßig ein Rückschlag. 300 Ochshäuser, ein Drittel der Ochshäuser Bevölkerung, wurden durch einen Federstrich der Obrikeit Kasseler. Diese  wurden in den ersten Jahren nicht so richtig mit die­ser neuen Situation fertig, mit halbem Herzen waren sie noch Ochshäuser, sollten aber Kasseler sein. Einige Ältere überlie­ßen dann auch ihren Kindern die Häuser und Grundstücke und kehrten nach Ochshausen zurück. In der Stadt war vieles teurer, beispielsweise die Grundsteuern und Kanalgebüh­ren. Die verwandtschaftlichen Verhältnisse nach Ochshau­sen waren sehr zahlreich. Viele Bewohner sind auch heute noch, nach 65 Jahren (schreibt Marquardt 2001), in Lohfeldener Vereinen und Verbän­den Mitglieder. Dazu zählen das Rote Kreuz, der Feuerwehr­verein oder der Kaninchenzuchtverein. Zahlreiche Siedler organisieren sich aber auch in der „Siedlergemeinschaft Erlenfeld“. Friedrich Marquardt gelang es, während seiner Zeit als Vereinsvorsitzender (1976-1986) rund 80% der Hausbe­sitzer des oberen Wahlebachweges in diese Siedlergemein­schaft aufzunehmen. Die Umstellung, die aus Ochshäusern Kasseler machte, dauerte lange. Wohl am meisten hatten die Schulkinder unter der Eingemeindung zu leiden. Ab 1937 mussten die Kinder in die Schule nach Waldau gehen, was manches Kind vor große Probleme stellte. Andere Lehr- und Lernmethoden machten manchem die Eingewöhnung in die Waldauer Schule schwer.

Geburstagsparty von Oma Schmidt
Geburstagsparty von Oma Schmidt  Foto: @Falk Urlen

Das gesellschaftliche Leben fand vor einem Doppelhaus statt, vor dem eine lange Bank stand, die immer gut besetzt war. Wenn kein Platz war, wurden Stühle aus der Nachbarschaft geholt. Die neuesten Themen wurden besprochen und es wurde viel gesungen. Die Kinder durften herumtollen oder spielten. Alle hatten viel Spaß, bis es hieß, „ab in die Betten“.  Schöne Erinnerungen hängen auch mit dem „Wahlebachzissel“ zusammen. Schon Wochen bevor der Zissel in Kassel war, wurden kleine und größere Schiffe gebastelt und geschnitzt. Ein Damm wurde in den Wahlebach gebaut und das Wasser ge­staut. Am Zisselsamstag hieß es dann: „Heute ist Wahlebachzissel ab 19.00 Uhr“. Wir brachten am Nachmittag unsere geschnitzten Boote bei Lampens zu Wasser. Damit sie nicht fortschwimmen konnten, wurde eine Sperre im Bach eingebaut. Danach wurden zu beiden Ufern der Bach und der Weg geschmückt.

Zwei Jungen besetzten ab 18.30 Uhr die Kasse. Der Eintritt betrug für Kinder 5 Pfennig, für Erwachsene einen Groschen. Da hat kaum eine Familie vom Kasseler Platz gefehlt. Um 19.00 Uhr wurde dann der Damm geöffnet und die geschmückten Schiffe und Schiffchen kamen langsam den Bach herunter gefahren. Das größte Schiff war ein Kreuzer, 80 cm lang, von Walter Ückermann aus Pappelrinde gebaut. Für das eingenommene Geld wurden Gummibälle zum Bolzen in der Weide (heute Baufirma Kirchner am Waldauer Weg) gekauft. Zu Festlichkeiten gingen die Eltern immer noch nach Ochshausen, auch noch nach der Eingemein­dung. Alles, was in Ochshausen geschah, wurde damals durch den Ortsdiener Boschmann mit der Bimmel auch am Kasseler Platz bekannt gemacht.

Bis 1965 kamen die Kirmesburschen aus Ochshausen, um ihren „Alt-Ochshäusern“ ein Kirmesständchen zu bringen. Von 1987- bis 1995 feierten die Siedler der 2. und 3. Genera­tion ihr Nachbarschaftsfest bei Karl-Heinz Korell und dessen Frau Heidi, geb. Haase, im Garten des Hauses Wahlebachweg 4. Das Fest dauerte manchmal drei Tage, von Samstag bis Montag. Ein großes Zelt wurde eigens dafür aufgebaut. Sams­tagabend gab es mit Musik und gezapftem Bier eine Stimmung wie früher zur Kirmes in Ochshausen. Sonntags fand morgens ein Frühschoppen und mittags ein von den Frauen gekochtes Eintopfessen statt. Nachmittags gab es Kaffee und Kuchen, Am Montagmorgen wurde das Zelt abgebaut und dabei das restliche Bier getrunken sowie Kaffee und Kuchen verzehrt.

Friedrich Marquardt hat viel dazu beigetragen, dass aus der "ganzen" Erlenfeldsiedlung eine Gemeinschaft wurde. Gemeinschaftsfeste konnte man nun in eigenen Räumen im Lohfeldener Weg feiern, die Singgruppe, die ebenfalls von Marquardt gegründet wurde, schweißte die Gemeinschaft noch enger zusammen.

Bei den gemeinsamen Karnevalveranstaltungen der vier Kasseler Siedlergemeinschaften mit den Lohfeldener Siedlern im Lohfeldener Gemeindehaus zeigte sich noch einmal die Verbundenheit der Kasseler mit den Lohfeldenern.

Bauabschluss, Bauabschnitt und Landherkunft am
Bauabschluss, Bauabschnitt und Landherkunft am "Kasseler Platz"  Foto: @Falk Urlen

Autor und Karten: Falk Urlen, November 2016

Fotos: Friedrich Marquardt, Hans Pirsch, Falk Urlen

Quellen: Nachlass Friedrich Marquardt

Dokumente zum Herunterladen

Kurzbeschreibung

Im Jahr 2001 brachte der Lohfeldener Gemeindevorstand zum 900jährigen Jubiläum Crumbach und Ochshausen eine Festschrift mit vielen Einzelbeiträgen heraus. Friedrich Marquardt aus dem Wahlebachweg behandelte den „Kasseler Platz“, der durch den Autobahnbau Kassel zugeschlagen worden war. Mit Genehmigung seines Sohnes Bernd wird der gesamte Beitrag mit seinen vielen Einzelheiten als PDF-Datei angehängt.

© Copyright 2018-2019 - Hessisches Ministerium für Soziales und Integration
Back to top