Hessen
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Amerikaner erobern 1945 das Forstfeld

Hilde Dossier

Hilde Doussier, geb. Cramer
Foto: @Falk Urlen

„Alte Freundschaften und Erinnerungen weckten bei uns den Wunsch, mal wieder nach Kassel zu fahren. Neben vielen Begegnungen mit lieben Menschen war für meine Frau wichtig, Orte aus der Kindheit und Jugend nochmals zu sehen“ schrieb Dieter Doussier in unser Gästebuch. Es war reiner Zufall, dass die Familie bei uns wohnte. Wir setzten uns dann ca. 4 Stunden zusammen, in denen uns die Familie ihre Geschichte erzählte: die Zeit des Kriegs, die Zeit des Kriegendes und die Nachkriegszeit im Forstfeld.

Frau Doussier, geb. Cramer erzählte aus ihrer Jugend in der Steinigkstr.:

Ich bin 1937 geboren. Mein Vater Hans Cramer war mit seiner Familie von Mainz nach Kassel umgezogen, wo er bereits früher einmal gearbeitet hat und wo es ihm sehr gut gefallen hatte. Er hatte bei der Firma Fieseler eine Stelle angenommen, leider gab es in der Fieseler-Siedlung keine Häuser oder Wohnungen mehr, so bekamen wir 1939 noch die letzte Wohnung in der Städtischen Siedlung, im  ersten Haus in der General-Emmich-Str. (heute Steinigkstr.), an der Kreuzung zum Togoplatz. Ich war damals 2 Jahre alt. Wir hatten eine Wohnküche, ein Wohnzimmer, ein Elternschlafzimmer, und über unserer Küche und der Nachbarwohnung hatten wir unser Kinderschlafzimmer. Dann gab es noch ein Badezimmer, die Waschgelegenheit war eingebaut, aber dort, wo die Duschgelegenheit hin sollte, gab es nur eine Vertiefung.

Das Wohnhaus von Hilde Cramer 2016
Das Wohnhaus von Hilde Cramer 2016  Foto: @Falk Urlen
Lehrlingsausbildung bei den Gerhard-Fieseler-Werken GmbH (1940)
Lehrlingsausbildung bei den Gerhard-Fieseler-Werken GmbH (1940)  Foto: @ Stadtteilzentrum Agathof e. V.

Mein Vater arbeitete als Lehrlingsausbilder und dann im Konstruktionsbüro der Gerhard-Fieseler-Werke. An Kollegen meines Vaters erinnere ich nicht mehr, bis auf einen, der auf dem Lindenberg wohnte. Er erzählte uns später, dass er kleine Erfindungen gemacht habe, diese aber nie weitergegeben wurden, weil er nicht in der NSDAP war. Die Anfeindungen gingen sogar so weit, dass ihm angedroht wurde, ins KZ zu kommen. Er wehrte sich, indem er sagte, er müsse hier nicht arbeiten, er ginge dann einfach wieder zur Marine, wohin er noch vom Ersten Weltkrieg her gute Verbindungen hatte. Danach hatte er Ruhe.

Wir spielten auf der Straße und in den großen Vorgärten, Autos gab es ja nicht mehr, die waren alle eingezogen worden. Nur der Milchmann Ramfeld und der Fleischer aus der gleichen Straße hatten noch ein Auto. Es gab auch ein Lebensmittelgeschäft Schlitzberger, aber da kauften wir weniger ein, wir gingen lieber nach Bettenhausen runter. Im gleichen Haus wie Ramfeld war noch eine Bäckerei und eine andere in der Eisenhammerstr. auf dem Lindenberg. Nach 1945 gab es noch die Schlachterei Bechstein, ich sehe Frau Bechstein heute noch, wie sie mit dickem Bauch hinter dem Tresen stand. Sie bekam denn einen Sohn - Helmut.

Einmal wurde ein großes Lager mit grünen Baracken dort aufgebaut, wo heute die Schule und die Kirche sind. Hier wurden Russen zusammengefasst, die dann morgens zu Junckers in die Lilienthalstr. marschieren mussten. Bei Fieseler arbeiteten auch ukrainische Zwangsarbeiter, wovon auch zwei Frauen meinem Vater zugeordnet waren. Diese konnte er dann am Wochenende zu Gartenarbeiten nach Hause mitnehmen, was die sehr gerne machten, weil sie sich dann auch mal wieder satt essen konnten. Weihnachten 1944 waren sie auch bei uns. Leider haben wir nie wieder etwas von diesen gehört. In der Fieseler Siedlung wurden auch kleine Bunker gebaut, an den Bau eines solchen in der Singerstr./Lindenbergstr. erinnere ich mich. Da war ein Ortsgruppenleiter H. Der soll sehr streng gewesen sein. Wir waren mit seiner Frau im Bunker, die aber war sehr nett.

Ich war 1943 in die Mädchenschule (Bürgerschule 26) eingeschult worden, ging aber nur 6 Wochen dort hin, weil die Luftangriffe auf Bettenhausen immer mehr zunahmen. Die Bürgerschulen 25 und 26 waren bereits 1943 teilzerstört worden. Die Kasseler Schulen wurden daraufhin geschlossen, die Schülerinnen und Schüler evakuiert durch Kinderlandverschickung. Ich durfte zu Hause bleiben, weil meine Mutter noch die Eltern pflegen musste. Wir arbeiteten zwar zu Hause die ganze Fibel durch, doch beim Rechnen hatte ich danach Probleme.

Mit 8 Jahren nach 1945 gab es wieder regelmäßigen Unterricht, wir hatten einen Lehrer Rohrberg, der sich liebevoll um uns bemühte. Wir sangen erst ein Lied, und dann fing der Unterricht an. Er war ein gläubiger Mensch, ein Altlutheraner, der auch den Religionsunterricht erteilte. Selbst nach seiner Pensionierung gab er noch zwei Jahre Religionsunterricht.

Bunker im Dormannweg
Bunker im Dormannweg  Foto: @Stadtteilzentrum Agathof e. V.

Ich führte das Gespräch dann auf die Zeit des Kriegsendes.

Kassel sollte ja gehalten werden. Und als es dem Ende zuging, stand auf den Gleisen der Waldkappeler Bahn bis so zu den letzten Häusern ein langer Güterzug mit deutschen Panzern. Da sagte mein Vater: „hier bleiben wir nicht, das wird mir zu brenzlig.“ Viele andere Bürger aus der Städtischen Siedlung gingen in die Bunker in der Leipziger Str. (Foto rechts: Bunker in 2005) Dorthin ging man auch abends, um dort zu übernachten, wenn Angriffe zu erwarten waren. Viele hatten ihre Räume dort reserviert. Mein Vater nicht, er hatte den Keller im Wohnhaus mit Latten und Bohlen stabilisiert. Dann kamen auch Nachbarn zu uns. Aber nach dem Großangriff auf Kassel in 1943 nahmen uns Bekannte mit in ihren Raum im Hochbunker an der Leipziger Str. Aber es war dann auch so, dass wir es kaum noch schafften. Da war Voralarm, Vollalarm, akuter Luftalarm, und das ging Schlag auf Schlag. Wir standen dann an der Schranke vor der Waldkappeler Bahn, wo rechts die Firma Hoesch war (dort wo heute die Schranke über die Ochshäuser Str. neben einem Autohaus ist). Es fuhren zu der Zeit noch Züge, stießen Funken aus und über uns waren schon die Flieger. Später machte auch die Firma Hoesch die Tore auf für die, die zu spät kamen. Wir waren dann noch oft in dem Bunker, bis meinem Vater das alles zu riskant wurde. Er sagte, dass er einen früheren Kollegen von Fieseler kannte, der in Wellerode wohnte, da können wir sicher eine Nacht unterkommen. Meine Mutter, meine Schwester und ich fuhren dann mit der Eisenbahn bis Vollmarshausen und trafen da mit unserem Vater zusammen, der seinen Fahrradanhänger mit notwendigem Hausrat beladen hatte. Wir übernachteten beim Kollegen meines Vaters und am nächsten Tag ging mein Vater zum Bürgermeister von Wellerode, der ihm auch ein Zimmer zuwies. Er hat dann noch Matratzen vom Boden geholt. Das war am Ostersamstag, am 31. März 1945. Am Ostersonntag war zuerst alles ruhig. Wenn man nach Wellerode reinkam, gleich links auf einer Anhöhe, standen Baracken, hier waren viele Menschen aus der Städtischen Siedlung untergekommen. Am Abend meinte dann der Bürgermeister, dass die Amerikaner schon recht nah wären und alle aus den Gebäuden raus mussten. Wir sollten alle in den Wald, dort ungefähr wo die Fahrenbachteiche sind, hier übernachteten wir auf dem Waldboden. Zwischen den ersten beiden Teichen war so eine Art Damm und am Ende ein Häuschen, dort sollten wir ernährt werden. Da es abzusehen war, dass wir länger im Wald wohnen würden, baute mein Vater eine Art Hütte aus dünneren Tannen. Außen deckten wir das mit Büschen ab, das ging so mehrere Tage. Inzwischen waren die Amerikaner da gewesen, dann waren sie wieder weg, wir gingen zurück in die Wohnungen. Plötzlich aber erschienen sie wieder und es hieß nur noch: „Go, Go, Go“. Wir gingen wieder zurück in den Wald, insgesamt waren wir dort eineinhalb Wochen. Und dann haben wir noch etwas Tolles erlebt. An den Fahrenbachteichen waren frei gelassene Fremdarbeiter, die hatten ein Pferd geschlachtet, sie mochten aber die Leber nicht. Die haben sie meinem Vater geschenkt, weil sie ihn von Fieseler her kannten und er zu den Fremdarbeitern immer anständig war. Wir haben im Garten ein Feuer gemacht und die Leber gebraten. In Wellerode haben wir noch ein paar Tage zugebracht. Dann wollte mein Vater wieder wissen, was in der Siedlung los war und er erkundete das. Alle Häuser waren mit Amerikanern belegt, in unserem Haus waren es ca. 50. Obwohl mein Vater nicht Englisch konnte, schaffte er es, sich mit Ihnen zu einigen. Er hatte einen zentral verschließbaren Schreibtisch, den öffnete er und in ihm waren viele Spirituosen. Mein Vater trank nicht und so hatte er die Sonderzuteilungen zu besonderen Anlässen angesammelt. Er bedeutete den Besetzern, dass sie das alles haben könnten, wenn sie ihm die Schreibmaschine ließen. Darauf ließen sie sich ein. Wir hatten auch ein Harmonium, auf dem standen Liederbücher mit christlichen Liedern. Diese sah sich ein Amerikaner an und spielte ein Lied: „Vorwärts Christi Streiter“ Mein Vater sang, die beiden verstanden sich und so gab ihm der Amerikaner das Versprechen, darauf zu achten, dass in der Wohnung nichts zerstört wurde. Das klappte auch ganz gut, bis die Amerikaner Erbsen kochen wollten.

Sojabohnen
Sojabohnen  Foto: @Falk Urlen

Mein Bruder hatte aus Japan Sojabohnen in Schoten mitgebracht. Wir benutzten sie als Ersatz für Mandeln. Die Amerikaner sahen die Schoten aber als Erbsen an, kochten sie und erhielten einen zähen klebrigen Kleister. Aus Wut verteilten sie diesen im ganzen Haus, auch in den Betten. Von mir nahmen sie ein Wollkleid zum Waffenputzen. Aber sonst kann ich mich an nichts Negatives erinnern.  Bild: Sojabohnen Zunächst kamen wir dann in einem Haus im jetzigen Lohfeldener Weg unter bis die Amerikaner wieder abzogen. Die Soldaten hatten untereinander viel getauscht, von Kissen bis zu Haushaltgeräten. Als die Häuser wieder frei waren, mussten die Bewohner ihren Haushaltsgegenstände untereinander wieder suchen und zurückbringen. Das war Mitte April.

Als dann die Zwangsarbeiter wieder frei waren, wurde viel Rache an ihren früheren Peinigern ausgeübt, aber ganz gezielt. Wer anständig gewesen war, hatte nichts zu befürchten.

Nach dem Krieg arbeitete mein Vater im Wirtschaftsamt bei der Ausgabe von Lebensmittelmarken, als es die nicht mehr gab, sollte er ins Rathaus, aber er wollte nicht im „Kasten“ sitzen, also war er arbeitslos.

Mit 8 Jahren wurde ich erneut eingeschult in die erste Klasse in der Bürgerschule 25, es war eine gemischte Klasse,  zusammen mit zwei weiteren Jahrgängen (1936, 1937, 1938). Die 26 und die Turnhalle waren noch zerstört, so gingen wir zum Sportunterricht in den Eichwald und machten dort Waldspiele. Ab dem fünften Schuljahr, ich war da schon 13, hätte  ich eine weiterführende Schule besuchen können. „Ich weiß ja gar nicht, wie lange ich dich ernähren kann“, meinte er, er konnte sich das einfach nicht leisten. Ich durfte dann eine Klasse überspringen, sodass ich wie die anderen mit 15 Jahren aus der Schule entlassen wurde. Auch die, die noch nicht in die 8. Klasse gingen, wurden mit 15 entlassen, es hieß dann aus der Abschlussklasse. Meine Schwestern haben dann später die Mittelschule besucht, aber für mich war das nicht drin.

Ich machte dann eine Lehre bei der Buntmetallgießerei Damm & Co am Hallenbad. An der Ecke Sandershäuser Str. war da noch eine Bank und gleich danach war mein Ausbildungsbetrieb. Wir haben Messing- und Bronzeguss gefertigt, z. T. danach auch weiterbearbeitet. Wir haben große Kasseler Unternehmen beliefert, auch Kunstschlossereien ließen bei uns gießen. Am Unterneustädter Kirchplatz wohnte ein Modellbauer, der die Modelle vorbereitete, die wir dann gossen. Meine Lehre machte ich als „Industriekaufmann“, bin aber nicht danach bezahlt worden, die Anforderung im Lehrabschluss musste ich aber erfüllen. Nach der Lehre wurde ich entlassen und arbeitete dann bei den  Vereinigten Landwarenkaufleuten im Eisenhammer (Leipz. Str. Ecke Fischhausweg). 1957 lernte ich einen „Bochumer Jungen“ kennen und heiratete ihn 1960. Damit endet das Kasseler Kapitel der Hilde Cramer in Kassel, zusammen mit ihrem Mann Dieter Doussier baute sie dann in Bochum einen Textilwarengroßhandel auf.

Interview und Redaktion: Falk Urlen (Mai 2016)

PS: Bevor die Amerikaner in Forstfeld einmarschierten. In Vollmarshausen kam es am 2. April noch zu größeren Auseinandersetzungen mit deutschen Truppen, wobei 48 Amerikaner und acht deutsche Soldaten  ums Leben kamen. Am gleichen Tag wurde Lohfelden von der Söhre aus beschossen. Danach besetzten mehrere tausend Soldaten das Dorf, binnen zwei Stunden mussten ca. 2000 Menschen ihre Wohnungen für die Soldaten räumen.

Quelle: Helmut Kirschmann, Thomas Kahl in: Kriegsende in Kassel, einer Beilage zur HNA zum 50. Jahrestag des Kriegsendes in Kassel.

Kurzbeschreibung

„Alte Freundschaften und Erinnerungen weckten bei uns den Wunsch, mal wieder nach Kassel zu fahren. Neben vielen Begegnungen mit lieben Menschen war für meine Frau wichtig, Orte aus der Kindheit und Jugend nochmals zu sehen“ schrieb Dieter Doussier in unser Gästebuch. Es war reiner Zufall, dass die Familie bei uns wohnte. Wir setzten uns dann ca. 4 Stunden zusammen, in denen uns die Familie ihre Geschichte erzählte: die Zeit des Kriegs, die Zeit des Kriegendes und die Nachkriegszeit im Forstfeld. 

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