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Alle fünf Minuten ein kompletter Herrenanzug aus der Hervis-Kleiderfabrik in Kassel

Hervis Werbung in der Lokalzeitung 1969

Hervis Werbung in der Lokalzeitung 1969
Foto: HNA Kassel, 1969

Der Kaufmann Hermann Visser (*1910 +1977) hat sich in 1950 mit einem bescheidenen Textilgroßhandel selbstständig gemacht und machte es sich zur Aufgabe in den kommenden Jahren daraus ein angesehenes Großunternehmen der Bekleidungsindustrie zu schaffen. Unter Einsatz modernster Fertigungstechnik sollte die Firma in den 1970er Jahren dem einsetzenden Globalisierungsdruck trotzen. In Kassel-Waldau errichtete Visser 1969 für 10 Million DM eine Textilfabrik für 800 Mitarbeiter. Ziel war ein Jahresumsatz von 50 Millionen DM. 1975 wurde mit Stolz das 25jährige Firmenjubiläum gefeiert. Am 18. Januar 1977 musste der Konkurs eröffnet werden. Am Ende fehlte selbst das Geld für einen Sozialplan.

In der Online-Chronik der Stadt Kassel steht im Monat Mai 1950 der Eintrag „In Oberzwehren gründet der Kaufmann Hermann Visser einen Textilgroßhandel“. Dies war der Anfang einer Firmengeschichte, die sich an Tempo und Investitionsvolumen in Kassel sehen lassen kann. In den folgenden 25 Jahren ist die Firmenleitung der Hervis-Kleiderfabrik hauptsächlich damit beschäftigt, die Produktionsanlagen dem rasant steigenden Umsatz anzupassen.
Nach dem Start des Textilgroßhandels in der Motzstraße 4 in Kassel hatte die Firma in 1954 die Geschäftsadresse Ständeplatz 9. Im November 1957 wurde der Firmensitz in die Rudolf-Schwander-Straße 12 an der Ecke zur Kleinen Rosenstraße verlegt. In vielen Zeitungsannoncen wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der „Verkauf nur an Handel, Handwerk und Gewerbe“ erfolgt.

Hervis Werk am Platz-der-Deutschen-Einheit
Hervis Werk am Platz-der-Deutschen-Einheit  Foto: HNA Werbung, 1959

Die Nachfrage nach neuer Oberbekleidung muss in den 1950er Jahren erstaunlich hoch gewesen sein; vielleicht lag die beachtliche Umsatzsteigerung aber auch an der einjährigen Tragegarantie, die von der Firma Hervis großspurig versprochen wurde. In 1965 erzielte das Unternehmen einen Jahresumsatz von 10 Millionen DM. Mit großformatigen Anzeigen wurde in der Lokalpresse ständig nach zusätzlichem Personal gesucht.

Das verwahrloste Gebäude nach Auszug der Kleiderfabrik
Das verwahrloste Gebäude nach Auszug der Kleiderfabrik  Foto: Jochen Herzog, HNA Kassel 2012

Zur Abdeckung des größeren Platzbedarfs für eine neue „Hervis-Kleiderfabrik“ kaufte Hermann Visser Ende 1958 ein 5000 qm großes Grundstück am Platz der Deutschen Einheit. Nach einem Entwurf des bekannten Architekten Dipl. Ing. Werner Hasper entstand dort in weniger als acht Monaten ein sechsgeschossiger Fabrikneubau mit den Maßen von 11 mal 50 Metern. An den nach modernen Gesichtspunkten ausgestatteten Arbeitsplätzen arbeiteten dort schon beim Start im Jahr 1959 mehr als 250 Arbeitskräfte, vorwiegend Frauen, und fertigten Hosen, Sakkos und Herrenanzüge im Akkord. In der 11 000 Raummeter umfassenden Werk sollten in der Endphase einmal vier- bis fünfhundert Arbeitnehmer alle fünf Minuten einen kompletten Herrenanzug herstellen. Eine hochmoderne Heizungsanlage im Kellergeschoß sorgte über einen Dampfgenerator auch für die Bügelabteilung des Betriebes. Die einzelnen Arbeitsplätze waren über Rutschen und Bänder miteinander verbunden und erlaubten eine halbautomatische Fertigung. Eine farbenfrohe Kantine im Erdgeschoss und eine Klimaanlage rundeten das Bild einer arbeitnehmerfreundlichen, zeitgemäßen Textilfabrik ab. Die nächtliche Beleuchtung der Außenfassade war für die Autofahrer auf dem davorliegenden Kreisverkehr ein echter Hingucker. In dieser Zeit trat der Sohn Dr. Hermann Ulrich Visser (*1939 - +2011) als Juniorchef in der Hervis-Kleiderfabrik Hermann Visser ein.

Hervis Werk Waldau
Hervis Werk Waldau  Foto: HNA Werbung, Kassel 1969

Wegen der ständig steigenden Nachfrage plante die Firmenleitung in 1969 ein neues und noch größeres Werk im Gewerbepark Waldau. Hervis Zweigniederlassungen gab es inzwischen in Berlin, Kassel, Paderborn, Münster, Hamm, Fulda, Gießen, Limburg, Koblenz, Trier, Nürnberg, München, Rosenheim, Mühldorf/Inn und Passau. Ein Teil der Firmenleitung hatte ihren Sitz in Berlin.
In vier Jahren hatte sich der Umsatz des Unternehmens verdreifacht. Anlässlich einer Pressekonferenz verkündigte Dr. Hermann Ullrich Visser, dass der Anteil an Eigenfabrikaten am Umsatz von 70% auf 30% gesunken sei und durch den Bau der neuen Fabrik in Waldau der Eigenanteil in den nächsten Jahren wieder erhöht werden solle. Mit optimaler Betriebsgröße, einem modernen Maschinenpark sowie vollautomatischen Transport- und Förderanlagen könnten die Stückkosten drastisch gesenkt werden. Damit einhergehen werde die Verdreifachung der Produktionskapazität. Eine Cafeteria und ein betriebseigener Kindergarten sollten die Attraktivität der Firma für die benötigten Arbeitskräfte steigern.
Bei der Einweihung des neuen Werks, im Juni 1971, sprach der Präsident der Industrie- und Handelskammer, Fabrikant Otto Braun aus Melsungen, von einer außerordentlichen Stärkung des nordhessischen Standortes, die angesichts der drohenden Schließung der Phonowerkes von AEG-Telefunken in Kassel auch dringend notwendig sei. Oberbürgermeister Dr. Karl Branner zeigte sich zufrieden mit der Ankündigung, dass in der Visser-Kleiderfabrik zukünftig mehrere hundert neue Arbeitsplätze entstünden. Für 1971 wurde ein Jahresumsatz von 50 Million DM in Aussicht gestellt.

Neue Nutzung durch das B+B Hotel am Platz-der-Deutschen-Einheit
Neue Nutzung durch das B+B Hotel am Platz-der-Deutschen-Einheit  Foto: B. Schaeffer, Kassel, 2023

In das Gebäude am Platz der Deutschen Einheit zog die Fa. Walter Preh, Fabrik für elektrofeinmechanische Erzeugnisse aus Halle an der Saale, ein. Nach mehrmaligen Nutzungswechsel und längerem Leerstand nutzt seit 2012 das Budget & Economy Hotel der „B+B“ Kette das renovierte Gebäude am Platz-der-Deutschen-Einheit.

Werbung zum Firmenjubiläum in 1975
Werbung zum Firmenjubiläum in 1975  Foto: HNA Kassel, 1975

Am neuen Hervis-Firmensitz in der Falderbaumstraße 18-20 erwies es sich als schwierig, die abgegebenen Umsatzprognosen einzuhalten. Schon in 1973 musste die Firmenleitung den Gerüchten über eine bevorstehende Verkaufsabsicht öffentlich widersprechen. Dr. Ulrich Visser räumte aber ein, dass auf Grund der schlechten Konjunkturlage 50 Mitarbeiter „freigesetzt“ werden mussten.
In 1975 feierte die Hervis-Kleiderfabrik mit großem Aufwand und vielen Sonderangeboten ihr 25jähriges Firmen-Jubiläum.

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf die Mitarbeiter auf einer Betriebsversammlung im Januar 1977 die Nachricht des Firmenchefs Dr. Ulrich Visser, dass er beim Amtsgericht in Kassel den Insolvenzantrag eingereicht habe. Ergänzend teilte er mit, das Werk werde zum 15. Februar 1977 geschlossen und das Grundstück sei bereits in 1976 an die Handwerkskammer Kassel veräußert worden.
Was war geschehen? Die in Aussicht gestellten Umsatzsteigerungen waren nicht erreicht worden, der Kostendruck aus den asiatischen Ländern war stärker geworden und die Refinanzierung der Investition in Höhe von fast 11 Million DM hatte die Liquidität des Unternehmens ausgehöhlt. Auch eine Bürgschaft von 5,7 Million DM der hessischen Landesregierung konnte die Zahlungsunfähigkeit der Fa. Hermann Visser nicht verhindern. Wegen mangelndem Vertrauen in die Firmenleitung wurde eine weitere Bürgschaft des Landes Hessen von 2 Million DM nicht gewährt.
Der Rechtsanwalt und Notar Dr. Kurt Schröder sorgte als Konkursverwalter für eine Weiterbeschäftigung der Mitarbeiter bis Ende Februar 1977. Danach zog ein Teil der Produktion in die Räumlichkeiten der Salzmannfabrik in Bettenhausen, wo unter anderem mit einem neuen Arbeitgeber die bestehenden Aufträge abgearbeitet wurden. Außerdem gab es ein Beschäftigungsangebot an wechselbereite Mitarbeiter für einen Damenoberbekleidungshersteller in Darmstadt. 180 Beschäftigte verloren ihren Arbeitsplatz. Mangels finanzieller Substanz konnte kein Sozialplan aufgestellt werden.

BZ Kassel in der Falderbaumstraße 18-20
BZ Kassel in der Falderbaumstraße 18-20  Foto: B. Schaeffer, Kassel, 2023

In das frei gewordene Fabrikgebäude zog nach einem entsprechenden Umbau noch im gleichen Jahr das Berufs-Bildungs-Zentrum (BZ) der Handwerkskammer Kassel ein. In 1979 ergänzte das BZ die Einrichtung um ein Internat und eine Kantine.
Schon am 24.März 1977 war der Firmengründer Kaufmann Hermann Visser im Alter von 67 Jahren in Kassel verstorben. Die Fa. Hervis Kleiderfabrik Dr. Visser KG erlosch am 28.07.1980.

In Berlin betrieb die Familie Visser noch bis 1992 das erstklassige Hotel „Hervis- International“ in der Stresemannstraße 97-103 mit ca. 150 Betten; doch das ist eine andere Geschichte.
Der letzte Firmenchef Dr. Hermann Ulrich Visser starb am 17.10.2011 in Kassel.

 

Text und Editor: B. Schaeffer, Februar 2023

Quellen:

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Kurzbeschreibung

Der Kaufmann Hermann Visser (*1910 +1977) hat sich in 1950 mit einem bescheidenen Textilgroßhandel selbstständig gemacht und machte es sich zur Aufgabe in den kommenden Jahren daraus ein angesehenes Großunternehmen der Bekleidungsindustrie zu schaffen. Unter Einsatz modernster Fertigungstechnik sollte die Firma in den 1970er Jahren dem einsetzenden Globalisierungsdruck trotzen. In Kassel-Waldau errichtete Visser 1969 für 10 Million DM eine Textilfabrik für 800 Mitarbeiter. Ziel war ein Jahresumsatz von 50 Millionen DM. 1975 wurde mit Stolz das 25jährige Firmenjubiläum gefeiert. Am 18. Januar 1977 musste der Konkurs eröffnet werden. Am Ende fehlte selbst das Geld für einen Sozialplan.

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