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30 Jahre nach dem Mauerfall

VieleTrabis auf Parkplatz vor dem HBF Kassel, 1989

Trabis auf Parkplatz vor dem HBF Kassel, 1989
Foto: Presseamt Stadt Kassel

Als am 9. November 1989 die Mauer zwischen den beiden Teilen der Stadt Berlin sich öffnete, bedeutete dies in der Folge auch das Ende des Staates der DDR. Jeder, der damals in Deutschland lebte, kann sich an diesen historischen Moment erinnern; ähnlich wie an die erste Mondlandung etwa 20 Jahre zuvor, weiß er auch genau was er zu diesem Zeitpunkt gemacht oder zumindest wo er sich aufgehalten hatte.

Die meisten saßen vor ihrem Fernseher und verfolgten die Nachrichten der Tagesschau oder der Aktuellen Kamera als Günter Schabowski die Reisefreiheit für die DDR Bürger verkündete. Ich bereitete in dieser Nacht mit Helfern der Feuerwehr und des Deutschen Roten Kreuzes in einem Bunker in Kassel Quartiere für die zu erwartenden DDR Bürger vor.

Titelblatt der HNA am 11.11.1989 mit dem Aufmacher
Titelblatt der HNA am 11.11.1989  Foto: HNA bearbeitet Erhard Schaeffer, Kassel

Für Kassel verbindet sich mit dem Mauerfall in den ersten Wochen nach dem 9. November eine unvorstellbare Besucherwelle von Menschen aus dem anderen Deutschland. Sie kamen vor allem aus Thüringen über die Grenze nach Hessen.

Durch den Kasseler Osten schlängelte sich entlang der Leipziger Straße ein fast unendlicher Lindwurm aus Trabanten und Wartburgs, den bekannten Automarken der damaligen DDR. Ziel der Reisenden war die Kasseler Innenstadt mit ihren zahlreichen Einkaufsläden, den "Konsumtempeln" des sog. Freien Westens. Viele Reisende kamen auch mit dem Zug am damals einzigen Fernbahnhof, dem Hauptbahnhof, an.

Schon in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 hatte der Katastrophenschutz (KatS) im Auftrag des Bundes im Atombunker unter dem Hauptbahnhof für die zu erwartenden Gäste oder Übersiedler mehrere Hundert Notschlafplätze eingerichtet. Ich war damals im KatS tätig und für die Verwaltung dieser Schutzbauten zuständig. Um 5:30 Uhr trafen die ersten DDR Bürger, drei Studenten aus Erfurt, ein. Bereits um 6:30 Uhr kamen viele weitere Besucher am Eingang in der Ottostraße an. Sie war stundenlang über die dunklen unbekannten Straßen in Osthessen angereist.

Im Gespräch stellt sich schon bald heraus, dass diese Menschen nicht die Absicht hatten nach dem Westen überzusiedeln, wie dies viele tausend DDR Bürger in den Herbstmonaten 1989 über Ungarn und die Tschechoslowakei zuvor getan hatten. Nein, die Grenzen der DDR waren ab sofort offen und man konnte frei ausreisen, aber auch ohne Auflagen des SED Regimes wieder zurück zur Familie in der Heimat kehren.

DDR Bürger im Bunker an Tischen sitzend, 1989
DDR Bürger im Bunker am Hauptbahnhof  Foto: Presseamt Stadt Kassel

Die Besucher wurden in Kassel mit Herzlichkeit empfangen. Es gab bewegende Szenen von Menschen, die sich vor Freunde und Glück über diesen einzigartigen Moment in den Armen lagen. Die Gäste waren dankbar für die entgegengebrachte Gastfreundschaft.

Die Anwohner nicht nur in der Stadt Kassel blieben am Straßenrand stehen winkten vorbei fahrenden DDR Bürgern zu. Spontan wurden in den ersten Tagen Versorgungspunkte mit warmen Getränken und kleinen Speisen auf Plätzen entlang der Routen organisiert. So auch an der Leipziger Straße neben dem ehemaligen Eisenhammer durch die Siedler aus dem Forstfeld. Die Leipziger Straße war in dieser Zeit das "Einfallstor" nach Kassel.

Bewirtung von Besuchern aus der DDR nach der Grenzöffnung Leipziger Straße
Bewirtung von Besuchern aus der DDR nach der Grenzöffnung Leipziger Straße  Foto: Dieter Durstewitz, Kassel

Am Messeplatz in der Unterneustadt, wo erst in den 1990er Jahren ein modernes Wohnquartier am Fluss entstand, befand sich damals noch ein großer Parkplatz über den Trümmern der 1943 zerstörten alten Stadt. Hier vor den Toren der Innenstadt und am Hauptbahnhof parkten die zahlreichen Trabis. So viele hatten die Westbürger im bisherigen Leben noch nicht gesehen. Für Auto-Freaks gab es da so manches gute Stück zu bestaunen aber auch zu belächeln. Die z. T. 20-30 Jahre alten Fahrzeuge waren, obwohl immer gut gepflegt, oft reparaturbedürftig. Einzelne hatten die lange Reise aus dem Osten über die noch schlechten Straßen der B7 nur mit Mühe bewältigt, um dann am Reiseziel Kassel liegen zu bleiben. In der Zeit vor Weihnachten 1989 hatten die Werkstätten in der Region viel zu tun. Die Berufsfeuerwehr Kassel schleppte so einige "Plastikbomber" kostenlos ab und machten sie in der eigenen Werkstatt der Feuerwache wieder startklar für die Heimreise. Wo original Ersatzteile fehlten, wurde mit Erfindergeist und handwerklichem Geschick den Fahrzeughaltern geholfen.

DDR Besucher am Feuerwehrbus 1989
Besucher am Feuerwehrbus 1989  Foto: Presseamt Stadt Kassel

Neben dem Hauptbahnhof stand ein roter Bus der Feuerwehr mit der Aufschrift - Einsatzleitung -. Für die Hilfe suchenden Gäste erfüllte die Feuerwehr auch hier, in der Rolle Helfer in der Not und Mädchen für alles, viele Aufgaben. Hier wurden:

  • Übernachtungsplätze im Bunker unter dem Bahnhof zugewiesen,

  • Schlafmöglichkeiten bei privaten Anbietern aus Kassel und der Region vermittelt,

  • Adressen und Kontakte heraus gesucht,

  • Wegbeschreibungen erstellt und

  • vor allem das Begrüßungsgeld außerhalb der Öffnungszeiten des Rathauses ausgezahlt.

Die Besucher erhielten alle ein sog. Begrüßungsgeld von 100 DM, welches meist direkt für den Kauf von gefragten Artikeln wie Mode, Uhren, Unterhaltungselektronik und insbesondere für die heiß begehrten Südfrüchte Apfelsinnen und Bananen verwendet wurde. Schon am ersten Wochenende kamen 20000 Besucher in die Innenstadt. Leider gab es für viele nur einen Blick in die Auslagen der Schaufenster. Am Sonntag, den 12.12.1989, blieben die Läden und Warenhäuser noch geschlossen. An den folgenden Wochenenden waren die Geschäfte auch am Sonntag geöffnet. Wie bei einem Volksfest ergossen sich Menschenmassen in der Königstraße und den anschließenden Straßen der Stadt Kassel.

HNA vom 11.11.1989
HNA vom 11.11.1989  Foto: HNA H.-J. Thienemann

Doch nicht alle Besucher kehrten in die Heimat zurück. 1989 gab es in Kassel etliche Neubürger, die nach dem Durchlaufen aller bürokratischen Vorschriften als Übersiedler eine neue Heimat gefunden hatten. Die meisten Übersiedler kamen bereits im Herbst 1989 schon vor dem Mauerfall, weil sie als Flüchtlinge dem DDR Staat den Rücken zugekehrt hatten. So auch Gudrun Lippold, sie war in Hildesheim geboren, wuchs aber mit ihrer Mutter in den der Nähe von Dresden auf, heiratete dort und bekam zwei Kinder. Nach einem ersten Besuch 1986 bei Verwanden in Kassel kehrte sie im September 1989 aber von einer 50sten Geburtstagsfeier des Onkels aus dem Ölmühlenweg nicht in die DDR zurück. Sie war damit ein Republikflüchtling. Zu diesem Zeitpunkt konnte sie nicht damit rechnen, dass die Mauer am 9. November fallen würde.

Die Stadt unterstützte die Übersiedler bei der Wohnungssuche. Das Arbeitsamt Kassel half bei der Suche nach einem Arbeitsplatz. Insbesondere Handwerker waren gesucht. Frau Lippold bezog eine Wohnung in der Osterholzstraße in Bettenhausen. Sie fand in ihrer neuen Heimat eine Tätigkeit an der Uni-Kassel. Noch heute 2020 lebt sie in Kassel. Nach langen Reisen kehrt sie gern in die Stadt des Herkules zurück.

Im November 2019 lag der Mauerfall schon 30 Jahre zurück. Der 30. Jahrestag wurde mit offiziellen Veranstaltungen in Ost und West feierlich begangen. Eine neue Generation, die die ehemalige DDR nie kennen gelernt hat und sich die Lebensverhältnisse in einem sozialistischen Staat mit seinen Repressalien gegen die Bürger kaum vorstellen kann, ist herangewachsen. Im Jahr 2020 jährt sich auch der Tag der Wiedervereinigung zum 30sten mal. Er steht für das Ende der DDR. Wieder werden alle Deutschen in den alten und neuen Bundesländer Rückschau halten und Erinnerungen werden bei denen wach, die dabei gewesen waren.

Autor und Editor: Erhard Schaeffer, Januar 2020

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Kurzbeschreibung

Als am 9. November 1989 die Mauer zwischen den beiden Teilen der Stadt Berlin sich öffnete, bedeutete dies in der Folge auch das Ende des Staates der DDR. Jeder, der damals in Deutschland lebte, kann sich an diesen historischen Moment erinnern; ähnlich wie an die erste Mondlandung etwa 20 Jahre zuvor, weiß er auch genau was er zu diesem Zeitpunkt gemacht oder zumindest wo er sich aufgehalten hatte.

 

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