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"Meine" Weihnachtsgeschichte

Stadtpfarrkirche

Stadtpfarrkirche
Foto: @ Stadtteilzentrum Agathof e. V.

Falk Urlen, Jahrgang 1940, erzählte "seine" Weihnachtsgeschichte am 15. Dezember 2014 bei der Weihnachtsfeier im Stadtteilzentrum Agathof. Auf allgemeinen Wunsch stellt er sie hier ins Netz.

Ich finde es gut, dass die Leiterin uns schon rechtzeitig darauf hingewiesen hat, dass es erwünscht sei, hier irgend etwas zum Besten zu geben.

Von dem Zeitpunkt an macht man sich dann nämlich Gedanken, was es denn sein könne. Wird wieder einmal die Geschichte von Loriot vorgelesen, in der die Förstersgattin ihren Mann erschießt oder etwas anderes Lustiges, wieder etwas Nachdenkliches mit Tränen in den Augen? Was sollte man selber vorstellen? Man denkt also an Weihnachten, an  die Geschenke, die sich die Teenager wünschen. Ein wii und ein phone-sowieso, aber nur das teuerste…

Man denkt also und denkt und denkt dabei unwillkürlich an sein eigenes Weihnachten vor ca. 70 Jahren, wie war es denn damals bei mir? Da kommen dann wieder die Erinnerungen an Begebenheiten, an die man normalerweise niemals wieder gedacht hätte: an den tiefen Schnee, durch den man als Vier- oder Fünfjähriger stapfen musste und an die Schmerzen, wenn dann die Zehen wieder auftauten. Auch wie lange es im Gegensatz zu heute von einem Weihnachten zum nächsten dauerte. Schon die Tage im Dezember zogen sich ganz schrecklich.

1943,  war es für mich ein prächtiges Weihnachtsfest. Schon am 5. Dezember, einen Abend vor Nikolaus, kam er auch persönlich, der Bischof Nikolaus mit Krummstab und einem dicken goldenen Buch, aus dem er meine „Schandtaten“ aufzählte, mich ermahnte, kleine Geschenke verteilte und zum nächsten Kind weiterging. Später erzählten mir die Großeltern, dass der Bischof der Gefängnisgeistliche war, der in Landsberg auch heute noch umstritten ist. 1943  gab es so viel Schnee, dass die großen Kinder im Hof aus der Sicht eines Vierjährigen riesige Burgen bauten, durch die man dann von Zimmer zu Zimmer gehen konnte, wenn da nur nicht die Angst vor den Fliegern mit ihren Bomben bestanden hätte. Aber zum Glück gab es ja zuvor einen Alarm.

In Bayern brachte zu Weihnachten das Christkind die Geschenke. Den Weihnachtsbaum holte mein Großvater immer selber aus dem Wald, einfach so; daneben stand dann der für die damalige Zeit obligatorische Julleuchter, ein Winterbrauch aus Skandinavien, eine Art Pyramide aus gebranntem Ton, in die eine Kerze gestellt wurde und dadurch schöne Muster an die Wände gezaubert wurden. Das sollte wohl langfristig den Weihnachtsbaum ersetzen.

Schaukelpferd
Schaukelpferd  Foto: @ Erhard Schaeffer

Das Christkind bzw. mein Großvater, Landsberger Gefängnisleiter, überraschte mich mit zwei Schaukelpferden. Warum aber gleich zwei. Eines hatte er in der Gefängnisschreinerei in Auftrag gegeben ein anderer Gefangener bettelte, weil er unbedingt auch eines bauen wollte, was ihm mein Großvater wohl nicht abschlagen wollte. Er war Kirchenvorstand in der Landsberger evangelischen Gemeinde und von der Art, dass sich die 1945 freigelassenen Gefangenen vor ihn stellten, als die Amerikaner ihn verhaften wollten.

Zu meiner Freude hatte auch mein Vater als Soldat Weihnachtsurlaub und so ritten wir auf den zwei Schaukelpferden um die Wette, bis das Pferd meines Vaters stolperte und sich ein Bein brach, entweder war das Holz zu brüchig oder aber mein Vater war einfach nur zu schwer. Gut also, dass wir zwei Pferde hatten. Leider hatte es das schönere, einen Apfelschimmel, getroffen.

Man verbrachte den Abend im Wohnzimmer, welches sonst nur noch zu Ostern und Geburtstagen gebraucht und geheizt wurde, im nächsten Jahr, 1944, aber aus Kohlemangel nicht mehr, sondern im kleinsten Zimmer der großen Wohnung.

Holzpanzer
Holzpanzer  Foto: @ Erhard Schaeffer

Das Christkind stattete dann Weihnachten 1944 schon weniger üppig aus. Ich erhielt einen Spielzeugpanzer aus Holz, mehr war dann aber auch nicht drin, außer der permanenten Todesangst, dass Hitler bei einer Niederlage alle Deutschen vernichten würde. Gesagt haben soll er: Sie werden nur noch ein schlafendes Deutschland vorfinden, die Erwachsenen mutmaßten daraus, das Hitler mit einer bis dahin entwickelten Atombombe oder Gas alle Deutschen umbringen würde, was dann, Gott sei Dank, nicht geschah. Ich als Kind hatte aber schreckliche Angst vor einem Kriegsende mit diesen Folgen.

1945 war für mich die Vorweihnachtszeit weniger schön. Unsere Familie war auf einen Bauernhof evakuiert worden, weil die amerikanischen Soldaten unsere Wohnung beschlagnahmt hatten. Wenn wir mit dem Bus in diese neue Unterkunft fuhren, ging es an vielen kleineren Hügeln vorbei, unter denen, wie meine Mutter mir erklärte, unartige Kinder verscharrt wären. Vor dem Nikolaus, der ja auch die bösen Kinder mitnahm, hatten wir panische Angst, vor allem aber als er kam und aus seinem Sack schon zwei Kinderbeine heraushingen. Heute frage ich mich, wozu die Erwachsenen damals fähig waren und sich nichts dabei dachten. Dann aber sangen wir das für uns neue Lied: „Leise rieselt der Schnee“ und draußen rieselte er auch wirklich. Als Weihnachtsgeschenk gab es dann einige Äpfel, das war‘s. Das Lied sangen wir im Winter noch oft.

Schöner war dann das Weihnachten 1946. Die Großeltern hatten sich ein sog. Behelfsheim gebaut, im Grunde eine etwas bessere Baracke. Zum ersten Mal erhielt ich einen Adventskalender, Größe A4 mit winzigen Fenstern und blassen winzigen Bildchen. Es war dennoch wunderbar, die Fenster zu öffnen, ich kannte ja noch nichts anderes. Nachmittags ging ich mit meinem Großvater in die Landsberger evangelische Kirche, früher war ich mit meiner Mutter und Großmutter immer in der katholischen Stadtpfarrkirche. Da fragte ich meinen Großvater schon, ob die Pfarrer in der evangelischen Kirche so arm wären, dass sie sich nur eine ärmliche schwarze Kutte mit weißem Kragen leisten konnten, aus der katholischen Kirche war ich da mehr Pomp gewöhnt.

Kaufmannsladen
Kaufmannsladen  Foto: @ Erhard Schaeffer

Meine Mutter arbeitete in einer Bäckerei, die neben einer Schlachterei lag. Es gab also Brötchen mit Leberwurst - sowohl bei der Wurstverkäuferin, als auch bei uns. Organisieren war damals das Zauberwort, so wurde für mich eine Puppenstube organisiert, die mit etwas Tapete zu einem Kaufmannsladen umgestaltet worden war. Es gab sogar schon wieder kleine Verpackungen – Henko, Sil, Imi, den bekannten Lindes-Kaffee mit den blauen Punkten, aus Blech Waage und Registrierkasse und sogar Spielzeuggeld und einen kleinen Kassenblock. Meine arme Mutter, immer wieder musste sie bei mir einkaufen. Mein Vater, Nichtraucher, hatte sich aus dem Lager, in dem er interniert war, für Zigaretten Kasperle-Figuren schnitzen lassen und und von sich ein Gipsportrait, was dann statt des Asparagus auf ein Podest kam. Aber nicht für lange Zeit:“ Mutti, Mutti,“ rief ich, „ich habe den Vati kaputt gemacht“.

Im nächsten Jahr hatten wir bei einem Vikar evangelischen Religionsunterricht. Er besuchte auch unseren Großvater, der Kirchenvorstand war, in der Adventszeit. Ich weiß nicht, wie meine Großeltern Aprikosenmarmelade organisiert hatten. Wo das Weißbrot her kam, das war ja klar. Irgendwann hatte der Bäcker dann zwar zu wenig Lebensmittelmarken, aber das ist eine andere Geschichte.

Der wohl etwas ausgehungerte Vikar aß ein Aprikosenbrot, fragte, ob er noch eins bekäme und noch eins und noch eins, bis alles aufgegessen war. Die Großeltern waren sehr gastfreundlich und freuten sich, dass es ihm so gut geschmeckt hatte.

Im Religionsunterricht wurden wir darauf vorbereitet, dass wir in der Adventszeit in der Kirche einen Vers vortragen sollten. Der Vikar hatte für uns alle einen Zettel getippt, dessen Inhalt wir lernen sollten. Das tat ich dann auch: Immer wieder wiederholte ich den Spruch über den „ewigen Dudler“, bis meine Mutter einmal fragte, was es denn mit diesem Dudler auf sich hätte. Als sie dann den Tippfehler des Vikars entdeckte, wurde aus dem „ewigen Dudler“ schnell der „ewige Dulder“.

Jetzt sieht es bei uns anders aus, meine Frau und ich haben im Grunde keine Wünsche mehr, es geht eher um Kleinigkeiten. Die Kinder heute haben da ganz andere, für unser Verständnis unverständlich teure überzogene Wünsche, die meistens gar nicht erfüllt werden können, oder im Endeffekt doch?

Ich freue mich jetzt schon auf das Jahresende, da spielt wie immer am Nachmittag des 31. Dezembers das Leipziger Gewandhausorchester die 9. Symphonie von Beethoven live, die ich mir im abgedunkelten Raum, z. T. unter Tränen aber glücklich, anhören und versuchen werde, bei der Gestaltung des neuen Jahres eine gute und aufbauende Rolle zu spielen.

Ich wünsche Ihnen ein schönes und stressfreies Weihnachten und ein ruhiges neues Jahr ohne negative Überraschungen.

Bilder von altem Spielzeug: Erhard Schaeffer

Autor und Editor: Falk Urlen, Dezember 2014

Kurzbeschreibung

Falk Urlen, Jahrgang 1940, erzählte "seine" Weihnachtsgeschichte am 15. Dezember 2014 bei der Weihnachtsfeier im Stadtteilzentrum Agathof. Auf allgemeinen Wunsch stellt er sie hier ins Netz.

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