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Im Bunker war ich sicher

Bunker Hafenstraße, 2010

Bunker Hafenstraße
Foto: Erhard Schaeffer

Im Hochbunker Pulvermühlenweg, Ecke Hafenstraße wurden Ausgrabungsfunde der archäologischen Untersuchung Holländischer Platz / Mosenthalstrasse aufbewahrt. Gefunden und geborgen aus der Grabenverfüllung, nach dem Schleifen der Festung, östlich neben dem Hollendischen Tor.Etwa knapp zweihundert Tomatenkisten mit tausenderlei verschiedenen Keramikscherben, Porzellanscherben, Speiseknochenresten, Glas, Leder, Pfeifenköpfe und Metallfunde mussten von mir als archäologische Grabungstechnikerin sortiert werden. Der Inhalt der Kisten, die im 1. Stock des Bunkers lagerten, wurden auf über zehn Tapeziertischen einzeln nach Fundort und Fundtiefe ausgebreitet zur Bearbeitung. Die vielen Keramikscherben waren nach sorgfältigem Waschen zu einem Superpuzzle geworden. Teile von Tellern, Schüsseln und Töpfen waren nach einigen Überblicken schon erkennbar und man suchte nun in anderen Kisten nach den passenden Scherben zur Ergänzung.

Vielzahl von archeologischen Scherben und die daraus gepuzzelte braune Schüssel aus der Mosenthalstr. Kassel 1993l
Aus Scherben gepuzzelte Schüssel, Funde aus der Mosenthalstr. Kassel 1993  Foto: Irene Rädlein, Kassel

Am 17.5.1994 ging ich vormittags wie so oft zum Bunker um die Funde aus dem 17. und 18. Jahrhundert zu bearbeiten. Ich schloss hinter mir das Gartentor der Einfahrt zu, damit niemand auf das Gelände kam. Der Bunker selbst hatte einen Vorraum mit einer Gitter- und einer großen Flügeltür. Diese musste ich hinter mir ebenfalls abschließen, dass keine Kinder oder Tiere in den Bunker gelangen konnten.

schwere dicke Stahlschleusentür mit Riegel am Eingang, 2012
Stahlschleusentür am Eingang, 2012  Foto: Gerhard Böttcher, Kassel

Anschließend kam man in die Schleuse, die an beiden Seiten mit Hebeltüren gesichert war. Diese hielt ich angelehnt offen. Es war wie immer, drinnen totenstill. Ein CD-Spieler brachte ein bisschen Normalität und Abwechslung. So begann ich meine Arbeit. Etwas Essen und zu Trinken hatte ich mitgebracht. Am späten Nachmittag beendete ich das Puzzeln der Funde. Im Anschluss kontrollierte ich alles und schloss die Schleusentüren, die Haupttür des Bunkers und die Gittertür hinter mir ab.

Beim Gehen zum Gartentor, fiel mir das Polizeiaufgebot draußen auf und ich dachte es hätte vielleicht etwas mit dem gegenüber liegendem Untersuchungsgefängnis zu tun. Nachdem ich auf der Straße war, kam sofort ein Polizist auf mich zu und fragte ernst und bestimmend, wo ich denn herkäme; "Aus dem Bunker" antwortet ich. Er sah mich sehr verwundert an. Nach einer Erklärung meiner seits und seiner Mitteilung vom komplizierten Bombenfund in der Nachbarschaft und der Evakuierung der dortigen Einwohner, musste ich das Sperrgebiet sofort verlassen.

Ich ging zum ehemaligen Messeplatz zu den wartenden Anwohnern der Hafenstraße und Umgebung. Dort setzte ich mich zu ihnen auf die große Mauer, um mehr zu erfahren. Nicht nur ich lernte so, bei zum Teil auch sehr heftigen Diskussionen von Ungeduldigen, die dortige Nachbarschaft kennen.

Im Bunker, isoliert mit seinen meterdicken Mauern hört man keine Lautsprecheransagen. Dort wäre ich im Ernstfall aber bestimmt sicher gewesen.

Autorin: Irene Rädlein

Editor: Erhard Schaeffer, September 2021

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Kurzbeschreibung

Im Hochbunker Pulvermühlenweg, Ecke Hafenstraße wurden Ausgrabungsfunde der archäologischen Untersuchung Holländischer Platz / Mosenthalstrasse aufbewahrt. Gefunden und geborgen aus der Grabenverfüllung, nach dem Schleifen der Festung, östlich neben dem Hollendischen Tor.  Etwa knapp zweihundert Tomatenkisten mit tausenderlei verschiedenen Keramikscherben, Porzellanscherben, Speiseknochenresten, Glas, Leder, Pfeifenköpfe und Metallfunde mussten von mir als archäologische Grabungstechnikerin sortiert werden.

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