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Erinnerungen an Opa Wilhelm

Opa Wilhelm im Jahre 1942

Wilhelm Holzapfel, 1942
Foto: Bernd Schaeffer, Kassel

Bis zum dritten Lebensjahr war mein Opa Wilhelm der bedeutendste Mann in meinem Leben. Der 1889 geborene Wilhelm Holzapfel arbeitete sein Leben lang als Schlosser bei Henschel und Sohn. Als ich 1943 das Licht der Welt erblickte, war er 54 Jahre alt und wohnte in Bettenhausen in einem bescheidenen Häuschen in der Eichwaldstraße 74. Während und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war er die erste männliche Bezugsperson für mich, da mein Vater erst 1947 aus französischer Kriegsgefangenschaft nachhause kam. Nach mehr als 70 Jahren habe ich den Versuch gestartet, mich an das zu erinnern, was ich mit ihm verbinde.

In der Wohnung meiner Eltern, im vierstöckigen Haus Eichwaldstraße 82, wurde ich geboren und lebte dort bis 1963. Meine Großeltern waren 1930 aus ihrer Wohnung in der Eichwaldstraße 78 in das direkt danebenstehende Zweifamilienhaus Nr. 74 gezogen. Die unmittelbare Nachbarschaft zwischen Eltern und Großeltern ermöglichten mir schon im frühen Alter fußläufig Besuche bei Opa Wilhelm zu machen.

Das Haus Eichwalstraße 74 im Jahr 1936
Eichwalstraße 74 im Jahr 1936  Foto: Bernd Schaeffer, Kassel

Opa Wilhelm war ein rundlicher, nicht allzu groß gewachsener Mann, der viel Ruhe ausstrahlte. Im ausgedehnten Garten seines Hauses wurde Gemüse angepflanzt, Hühner und Kaninchen gehalten und Obst geerntet. Besonders imposant war der große Birnbaum vor dem Küchenfenster auf der Westseite des Grundstücks. Für mich war die von ihm aufgestellte Schaukel hinter dem Haus die bedeutendste Einrichtung überhaupt. Sie war -nach meinem Wissen- damals einzige in diesem Teil der Eichwaldstraße.

Wenn Opa Wilhelm Feierabend hatte oder auch am Wochenende, saß er, genüsslich seine Pfeife rauchend, auf der Bank hinter dem Haus, und ich durfte neben ihm sitzen. In den schlechten Nachkriegszeiten, in denen viele Güter knapp und rationiert waren, zog er die Tabakpflanzen in seinem Garten selbst. Die geernteten und aufgefädelten, großen, grünen Blätter hingen etwa drei Monate im gut durchlüfteten Spitzboden des Hauses. Wenn ich das welke, braune Kraut sah, konnte ich mir schlecht vorstellen, dass dieses eines Tages, feingeschnitten als Krülltabak, in seiner Pfeife landen würde. Wegen der neugierigen Nachbarn, vielleicht auch wegen der Steuerbehörde, schwebte um den Tabakanbau immer etwas Geheimnisvolles, man sprach einfach nicht darüber. Meine Oma Elise bemäkelte das Pfeife rauchen generell, wegen des damit verbundenen Rauchs, der nach ihrer Ansicht „die Luft verpestete“. Außerdem hatte sie Angst, dass sich der Qualm in die weißen Gardinen setzen könnte.

Für mich viel interessanter war die jährliche Zuckerrübenernte im Spätherbst. Große Mengen erdiger Rüben wurden mehrfach gewaschen und dann gehäckselt. Die Maische kam danach in einen frisch gesäuberten Kupferkessel.
Im niedrigen Keller des Hauses stand ein großer Kupferkessel mit einer gemauerten Feuerstelle. In diesem wurde je nach Bedarf, Wäsche gekocht, Schweinswürste gegart oder, und nur das war für mich wichtig, der Rübensirup eingedickt. Ich erinnere mich gut daran, dass, wenn ich abends mit dem süßlichen Geruch in der Nase ins Bett gebracht wurde, unten im Keller immer noch im Kessel gerührt wurde, damit die zähe braune Masse nicht anbrannte. Erst zwei Tage später, wenn der Sirup abgekühlt und in Gläser gefüllt war, gab es die erste köstliche Kostprobe auf das Frühstücksbrot. Dabei war es wichtig, gerade so viel süßen Sirup auf die Scheibe zu bekommen, dass er nicht durch die Löcher des Brotes nach unten lief.

Ein Plumpsklo befand sich in einem anderen Keller des Hauses. Hinter der gleichen Tür befanden sich auch drei Schweinekoben. Diesen „stillen Ort“ habe ich nie ohne Begleitung aufgesucht, denn die unerklärlichen, lauten Geräusche aus den Verschlägen nebenan machten mir Angst. Freundlicher Begleiter zu diesem furchterregenden Raum war oft mein Opa.

Auf der dem Haus gegenüberliegenden Straßenseite zweigte ein Weg zu den Feldern im Osterholz der Bettenhäuser Bauern ab. Wenn es mir bei Regenwetter oder in der kalten Jahreszeit einmal langweilig wurde, stellte ich einen Stuhl an das Wohnzimmerfenster und wartete auf Autos, die die Eichwaldstraße befuhren. Besondere Freude kam auf, wenn ein Pferdegespann von den Äckern kam. Dann erklärte mir mein Opa den Unterschied zwischen einem Schimmel, einem Fuchs oder einem Rappen und er nannte auch den Namen des Bauern, der auf dem Bock saß und die Zügel hielt.

In dem Nachbarhaus Nr. 78, bei Kaplers, wurde - neben Schweinen - auch Ziegen gehalten. Die nachbarschaftlich, guten Beziehungen führten dazu, dass eines Tages, zur Stärkung für den kleinen Jungen, ein Töpfchen mit Ziegenmilch über den Zaun gereicht wurde. Der Hunger der Nachkriegsjahre und ein bisschen Neugier verführten mich dazu, die angebotene Ziegenmilch auch zu probieren. Ich bekenne, danach habe ich nie wieder Ziegenmilch getrunken!
Etwas anderes war es, wenn auf dem gleichen Weg Wurstbrühe vom Schlachtfest angeboten wurde. Wenn meine Oma daraus eine Nudelsuppe mit Sternchennudeln zauberte, habe ich gern am Tisch gesessen und kräftig mitgelöffelt.

Opa Wilhelm löffelt seine Suppe
Opa Wilhelm löffelt seine Suppe  Foto: Bernd Schaeffer, Kassel

Dann kam das tragische Jahr 1946. Schon im Frühjahr ging mein Großvater nicht mehr in die Henschelei und mir fiel auf, dass er auch nicht mehr so oft mit mir zum Spielen in den Garten ging. Mir Dreijährigem wurde gesagt, der Opa sei krank und müsse sich schonen. Wie krank er offensichtlich war, begriff ich erst, als er morgens nicht mehr aufstand und bettlägerig wurde. Die letzten gemeinsamen Zeiten mit Opa Wilhelm bestanden in einem morgendlichen Frühstück. Er bekam, als leichte aber nahrhafte Kost, mit Milch gekochte Haferflocken, überstreut mit ein wenig Zucker. Ich hatte schnell erkannt, das waren nicht die Haferflocken, die ich kannte, in denen sich zu meinem Leidwesen gelegentlich auch noch Spelzen befanden, die sich dann am Gaumen oder im Rachen festsetzten. Diese Haferflocken waren von bester Qualität, mit Sicherheit für den kranken Mann extra ausgewählt. Vielleicht die letzte gute Tat seines Bruders Valentin, der in der Haferkakaofabrik/Schüle-Hohenlohe Prokurist war.

Das Ritual des morgendlichen Gangs zu meinem Opa, verbunden mit der geliebten Hafersuppe, endete Anfang September 1946. Zur Begründung hieß es, der Opa sei so krank, dass er jetzt unbedingt Ruhe brauche. Seine ewige Ruhe erreichte mein Opa Wilhelm am 18. September 1946 im Alter von nur 57 Jahren.

Eichwaldstraße 74 frisch renoviert, 1942
Eichwaldstraße 74 frisch renoviert, 1942  Foto: Bernd Schaeffer, Kassel

Am Tag seiner Beerdigung, einem regnerischen Septembertag, blieb ich, unter der Aufsicht eines älteren Mädchens aus der Nachbarschaft, in der Wohnung meiner Großeltern. Als der Trauerzug von der Marienkirche kommend in Richtung Eichwald-Friedhof das Haus Eichwalstraße 74 passierte, stand ich am Fenster und schaute hinaus. Viele der Trauernden erkannte ich, doch mein Opa war leider nicht dabei. Sehr bedauert habe ich lange Zeit, dass ich mich nicht angemessen von ihm verabschieden konnte.

Später, als Schüler, war es für mich Pflicht, meiner Großmutter dreimal im Jahr beim Transport der Blumen für den Schmuck auf Opas Grab, das sich am Hauptweg des Bettenhäuser Friedhofs befand, behilflich zu sein. Jedes Mal wenn ich dort stand, erinnerte ich mich an meinen Großvater und die schöne Zeit mit ihm. Vielleicht ist dies der Grund, dass die Erinnerungen an ihn so lebendig geblieben sind.

Erst viele Jahre später begriff ich den Zusammenhang zwischen dem selbst angebauten Tabak und Opas Lungenkrebs. Für mich war das ein entscheidender Grund, mit dem Rauchen aufzuhören.

Text und Editor: Bernd Schaeffer, September 2019

Kurzbeschreibung

Bis zum dritten Lebensjahr war mein Opa Wilhelm der bedeutendste Mann in meinem Leben. Der 1889 geborene Wilhelm Holzapfel arbeitete sein Leben lang als Schlosser bei Henschel und Sohn. Als ich 1943 das Licht der Welt erblickte, war er 54 Jahre alt und wohnte in Bettenhausen in einem bescheidenen Häuschen in der Eichwaldstraße 74. Während und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war er die erste männliche Bezugsperson für mich, da mein Vater erst 1947 aus französischer Kriegsgefangenschaft nachhause kam. Nach mehr als 70 Jahren habe ich den Versuch gestartet, mich an das zu erinnern, was ich mit ihm verbinde.

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