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Die Verhaftung des Direktors der Spinnfaser AG.

Portrait Dr. Erich Reimann 1960

Dr. Erich Reimann 1960
Foto: Werkszeitung Spinnfaser AG

1947, drei Tage vor Ostern, wurde Dr. Erich Reimann, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Spinnfaser AG. in Kassel, verhaftet. Ihm wurde von den Besatzern vorgeworfen, verbotene Kompensationsgeschäfte getätigt zu haben. Außer dem Schwarzen Markt gab es, mit Duldung der Besatzungsmächte, den "Grauen Markt" der Kompensationsgeschäfte, ohne den die bescheidene Nachkriegsindustrie nicht funktionierte. Um Rohstoffe für die Produktion oder Material für dringend nötige Reparaturen zu bekommen, wurde ein Teil der produzierten Waren am Bewirtschaftungssystem vorbei umgesetzt und eingetauscht.

Am leitenden Personal der Spinnfaser in Kassel sollte im Frühjahr 1947 ein Exempel statuiert werden. Hausdurchsuchungen bei leitenden Angestellten brachten Textilien (49 Damen-Hüftgürtel, 31 Büstenhalter, einige hundert Meter Stoff) zutage, die als Beweisstücke sichergestellt wurden. Der Betrieb hatte Zellwolle gegen 112 Meter Stoff getauscht, um für den Stoff wiederum 85 Glühbirnen einzutauschen, die für die Aufrechterhaltung der Produktion benötigt wurden. Das Gerichtsverfahren, das als Korruptions- und Schiebertribunal aufgezogen wurde, entwickelte sich tatsächlich zu einem in allen vier Besatzungszonen aufmerksam beobachteten Musterprozess, bei dem es um Quoten, Ablieferungssoll, Kontrollen, Behördenmaßnahmen und Strafandrohungen ging.

Sachverständige hatten zu Protokoll gegeben, dass ohne Kompensationsgeschäfte, bei denen Waren gegen Rohstoffe oder andere Waren getauscht wurden, nichts funktioniere, dass das Spinnfaser-Management tatsächlich zum Wohle des Betriebs und der Belegschaft gehandelt habe und dass alle Industriebetriebe in ganz Deutschland so handeln müssten, um zu überleben: "Kompensationen sind das Ventil, ohne das die Mehrzahl der Produktionsbetriebe die beiden letzten Jahre nicht überdauert hätte", schrieb der Berliner Tagesspiegel.

Direktor Dr. Erich Reimann im Kreis der Belegschaft
Die Direktoren Dr. Erich Reimann (mitte) und Dr. Zippel (rechts) im Kreis der Belegschaft  Foto: H. Diederich, Kassel

Das Gericht bemühte sich - bei milden Strafen - um ein salomonisches Urteil, in dem der Versuch unternommen wurde, die Grenzen zwischen erlaubten und verbotenen Kompensationsgeschäften zu definieren. Die Situation der deutschen Wirtschaft zur Zeit des Grauen Marktes kam dadurch zum Ausdruck, dass die amerikanische Besatzungsmacht in solch einem Prozess - in Einklang mit den drei anderen Alliierten - mit Hilfe deutscher Gerichte und Behörden zu klären versuchte, ob die Kompensationswirtschaft unterbunden werden müsse oder toleriert werden dürfe. Eigenartig war auch, dass die Rechtsgrundlage des Musterprozesses die nationalsozialistische Kriegswirtschaftsverordnung von 1939 war.

Dr. Reimann wurde am 30.11.1901 in Wuppertal-Elberfeld als Sohn eines Textilindustriellen geboren. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung war er 45 Jahre. Er hatte in Freiburg, München und Gießen Staatswissenschaft und Jura studiert und promovierte in seiner Dissertation über die deutsche Kunstseidenindustrie. Nach einer Lehre bei der Deutschen Bank war er eineinhalb Jahre in England und Frankreich und trat 1928 in die Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG. in Wuppertal ein. 1935 kam Dr. Reimann in leidender Tätigkeit nach Kassel. Im Krieg war er kaufmännischer Direktor und Leiter des Personalwesens. Nach dem Krieg konnte er eine von den Besatzungsbehörden angeordnete Sprengung der Schornsteine des Kraftwerks verhindern und somit die Stromversorgung für die Stadt Kassel sichern. 1945 wurde er als geschäftsführendes Vorstandmitglied von der amerikanischen Militärregierung zum Custodian (Custodian: englische Bezeichnung für: Treuhänder eines unter fremdstaatliche Verwaltung gestellten Vermögens) der Spinnfaser AG bestellt. Für seine Verdienste um den Wiederaufbau der Firma und sein gesellschaftliches Engagement erhielt Dr. Reimann zahlreiche Ehrungen. Am 09.09.1978 verstarb Herr Dr. Reimann im Alter von 76 Jahren auf einer Reise an die Riviera. Er wurde in seiner Heimat Wuppertal Elberfeld beigesetzt.

Die Geschichte der Vereinigten Glanzstoff-Fabriken

Dr. Vits mit Herrn des Ausichtsrates und des Vorstandes vor den Trümmern des Baues 3, April 1944
Dr. Vits mit Herrn des Ausichtsrates und des Vorstandes vor den Trümmern des Baues 3, April 1944  Foto: Aus der Geschichte unseres Unternehmens, Chronik 1956

Die Spinnfaser AG war eine der Töchter der 1899 gegründeten Vereinigten Glanzstoff-Fabriken AG in Wuppertal-Elberfeld. 1966 wurde sie umbenannt in Glanzstoff AG, 1972 in Enka Glanzstoff AG und 1977 in Enka AG. Sie war der größte deutsche Chemiefaserkonzern mit sechs Werken auf dem Gebiet des Deutschen Reiches nach dem Stand von 1937:

  1. Oberbruch, Bez. Aachen (brit. Zone),

  2. Obernburg am Main (US-Zone)

  3. Kelsterbach am Main (US-Zone)

  4. Elsterberg im Vogtland bei Plauen (sowjet. Zone),

  5. Sydowsaue bei Stettin und

  6. Cawallen bei Breslau (unter poln. Verwaltung).

Tochtergesellschaften waren u. a. die J. P. Bemberg A. G. Wuppertal, die Spinnfaser AG, Kassel, die Kunstseiden AG Wuppertal sowie die Glanzstoff-Fabrik Lobositz (CSR), die Glanzstoff-Fabrik St. Pölten (Österreich) und die Glanzstoff-Fabrik Kolmar/ Elsass.

Blick vom Kamin der Spinfaser AG auf die Werksstraße zum Verwaltunggebäude, 1948-50
Blick vom Kamin der Spinfaser AG auf die Werksstraße, 1948-50  Foto: H. Diederich, Kassel

Seit 1929 bestand eine enge Kapitalverbindung mit dem holländischen Konzern Algemeene Kunstzijde Unie NV (AKU) in Arnhem. 1969 erfolgte die Fusion beider Gesellschaften zum multinationalen Gesamtkonzern (unter dem Dach der Holding Akzo) mit Tochtergesellschaften in aller Welt. Im deutschen Unternehmensbereich wurde dabei der traditionsreiche Namen Glanzstoff Fabriken schrittweise durch die Bezeichnung des holländischen Stammhauses - Nederlandsche Kunstzijdefabriek Arnhem, abgekürzt Enka - ersetzt. Vorstandsvorsitzender der Vereinigten Glanzstoff-Fabriken war von 1939 bis 1969 Ernst Hellmut Vits; seit Mai 1939 war Hermann J. Abs Vorsitzender des Aufsichtsrats der VGF. In 1960 entstand in Kassel ein neues Werk zur Herstellung von Polyesterfasern unter dem Namen Diolen. 1980 Beschloss die Konzernleitung die Stilllegung der Spinnfaser in Kassel und die Verlagerung der Produktion nach Holland. Die Belegschaft kämpfte um die Erhaltung der 840 Arbeitsplätze. Am 19.05.1984 kam aber das endgültig Aus.

Editor: Joachim Schmidt, November 2022

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Kurzbeschreibung

1947, drei Tage vor Ostern, wurde Dr. Erich Reimann, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Spinnfaser AG. in Kassel, verhaftet. Ihm wurde von den Besatzern vorgeworfen, verbotene Kompensationsgeschäfte getätigt zu haben. Außer dem Schwarzen Markt gab es, mit Duldung der Besatzungsmächte, den "Grauen Markt" der Kompensationsgeschäfte, ohne den die bescheidene Nachkriegsindustrie nicht funktionierte. Um Rohstoffe für die Produktion oder Material für dringend nötige Reparaturen zu bekommen, wurde ein Teil der produzierten Waren am Bewirtschaftungssystem vorbei umgesetzt und eingetauscht.

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