Die Lossesiedlung - eine Gründung des Bauvereins

Der Biegenweg in der Lossesiedlung

Der Biegenweg in der Lossesiedlung
Foto: B. Schaeffer, Kassel, 2026

Das ehemalige Ackerbauerndorf Bettenhausen ist in den letzten 120 Jahren seiner Eingemeindung durch mehrere Neubausiedlungen gewachsen. Die wichtigsten sind Salzmannshausen, Eichwaldsiedlung, Fieselersiedlung, Lindenberg- und Lossesiedlung.

Die Lossesiedlung liegt, begrenzt von Losse, Leipziger Straße und „Kleingärtnerverein Losse e.V.“, keine zehn Gehminuten östlich des Ortskerns von Bettenhausen. Entstanden in bewegten Zeiten 1938/39 und von Baugenossen gegründet, hat sich das Wohngebiet viel von seiner Ursprünglichkeit erhalten. Mangelnde Infrastruktur hat stets dafür gesorgt, dass die Bewohner für die täglichen Einkauf die Anbindung zum Ortskern von Bettenhausen genutzt haben.

Nach dem Ersten Weltkrieg war die wirtschaftliche Situation in Kassel durch die Umstellung von Kriegs- auf Zivilproduktion geprägt. Dazu kamen eine hohe Arbeitslosigkeit und in 1923 eine Hyperinflation, die Löhne und Preise rasant entwertete. In der Stadt Kassel herrschte damals ein hohes Maß an sozialer Not. Auf der anderen Seite führten die aufkommenden sozialen Spannungen zu einer Stärkung der Gewerkschaften, die versuchten die wirtschaftlichen Missstände im Interesse ihrer Mitglieder zu mildern. Die politische Instabilität der „Weimarer Republik“ hat ihre Wurzeln in den Erfahrungen der Menschen aus diesen schlechten Jahren.

Im Frühjahr 1933 übernahm auch in Kassel die NSDAP durch Terror, Verbote und die Absetzung der demokratisch gewählten Politiker die Macht. Dazu gehört auch der erzwungene Rücktritt des Oberbürgermeisters Dr. Willi Stadler am 24. März 1934.

Nach der Machtübernahme durch die „Nazis“ wuchs Kassel in kurzer Zeit zu einem Rüstungszentrum des Deutschen Reiches. Mit der Errichtung der Spinnfaser AG (1934), dem Ausbau der Fieseler Werke als Rüstungsbetrieb (1936) und dem Beginn des Baues der Reichautobahn östlich von Kassel stieg die Nachfrage nach zusätzlichen Arbeitskräften erheblich. Der Neubau der Henschel Flugmotorenbau GmbH (HFM) zwischen Altenbauna und Rengershausen verschärfte den Bedarf an Fachkräften zusätzlich.
Nach der Eingemeindung von sechs Vorortgemeinden in 1936 wuchs die Kasseler Bevölkerung um weitere 23320 Einwohner und gehörte mit insgesamt 213467 Bewohnern zu den 30 größten Städten des Deutschen Reichs. Spätestens ab 1938 herrschte großer Arbeitskräftemangel und in Kassel fehlten ca. 1500 bezahlbare Wohnungen zur Unterbringung der Arbeiterfamilien. Die Wohnungssuchenden waren unter anderem Opfer der nazistischen Kriegsvorbereitungen. Die Errichtung der Rüstungsbetriebe genoss im Bausektor höchste Priorität. Selbst der Bau von 341 Wohnungen für die Fieseler Mitarbeiter in 1936/37 in der sogenannten „Fieseler Siedlung“ und der Fertigstellung von 462 „Volkswohnungen im Forstfeld“ durch die GWG in 1938 konnten mit dem sprunghaften Anstieg der Bevölkerungsentwicklung nicht Schritt halten. Nach dem Bau der Mattenbergsiedlung für die Mitarbeiter der Henschel Flugmotorenbau GmbH entwickelte die Stadt Kassel eine neue Wohnungsbaustrategie, die sich an dem Genossenschaftsgedanken des 19. Jahrhunderts orientierte.

Auf verschiedenen im Eigentum der Stadt Kassel befindlichen Flächen wurden für Mitglieder des „Bauvereins für Volkseigenheime“ durch Aufteilung kleine Grundstücke zur Verfügung gestellt; so auch zwischen Leipziger Straße und Losse. Die Interessenten, meist Bürger mit niedrigen Einkommen, konnten mit Eigenleistung und durch finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand auf den kleinen Parzellen ihr eigenes Reihenhaus errichten. Die Häuser hatten, in Abhängigkeit vom Typ, Wohnflächen zwischen 51qm und 67qm. Bei Gesamtkosten von max. 9800 RM sollte der Abtrag für die teilnehmenden Mitglieder, je nach erbrachter Eigenleistung, zwischen 23 RM und 44 RM pro Monat liegen.

Zwischen 1938 und 1939 waren die meisten der ungefähr 90 Eigenheime in der Lossesiedlung fertig und bezogen. Vier der fünf neuen Straßen erhielten die Namen von naheliegenden Lossemühlen. Die Mehrzahl der Erstbezieher kamen aus Wohnungen der Altstadt und anderen prekären Wohnverhältnissen mit schlechter sanitärer Ausstattung. Sie hatten zwar meist einen sicheren Arbeitsplatz und ein regelmäßiges Einkommen, mussten sich jedoch wegen der nun eingegangenen finanziellen Verpflichtungen oft mit Hilfe des kleinen Gartens um Selbstversorgung kümmern. Wenn das nicht ausreichte, so half ihnen die Mitgliedschaft im nahegelegenen „Kleingärtnerverein Losse e.V.“, um über die Runden zu kommen.

Nach dem Kalkül der Nazi-Regierung band das öffentlich geförderte Reihenhaus die Mitglieder des Bauvereins an ihr Eigentum und den Kreditgeber. Mit der verbesserten Wohnsituation und dem damit verbundenem sozialen Aufstieg wurde es leichter, diese Menschen für die Ideologie der Nazis zu gewinnen.
Die in der Lossesiedlung lebenden Einwohner haben nach dem Zweiten Weltkrieg in der Regel ihre selbstgenutzten Häuser mit DM abbezahlt und in den darauf folgenden Jahren ihre Häuser an vielen Stellen erweitert und modernisiert.
Die umgangssprachliche Bezeichnung „Lossesiedlung“ hat als Ortsangabe niemals den Status einer offiziellen Benennung erreicht. Doch die Mehrheit der Bettenhäuser wissen wo der Wohnplatz zu finden ist.
Die Häuser in dem klar abgegrenzten Quartier sind auch heute noch gefragt und die Bewohner pflegen ihre gemeinsamen Wurzeln.

Einer der Erste, die in der neuen Siedlung ein zuhause fanden war der Postassistent Oskar Weikert aus der Grillparzer Straße. Er bezog 1938 das Reiheneckhaus im Lohmühlenweg 20. Nach dem Zweiten Weltkrieg bewohnte seine Tochter Martha das Haus in der Lossesiedlung. Ihr Sohn, der 2022 verstorbene leitende Magistratsdirektor Hans Jochem Weikert, schilderte 2013 in dem Magazin „Jerome“ seine Erinnerungen an die Jugend in der Lossesiedlung in dem untenstehenden Beitrag.

Zu Fuß zu Gala Metzner
Kassel feiert in diesem Jahr den 1100sten Geburtstag und ich bin mit dabei! Ich darf nicht nur mitfeiern, sondern durfte auch von Anfang an die Planungen für das Festjahr begleiten, das Jubiläumsprojekt leiten und darf es zu einem guten Abschluss bringen. Ich bin in 1946 als nicht eheliches Besatzungskind in einem Reiheneckhäuschen meiner Mutter in der Lossesiedlung in Bettenhausen geboren und aufgewachsen. (08.08.1946 – 06.03.2022) In Wolfsanger und der Gartenstadt Eichwald habe ich meine ersten 20 Ehe- und Familienjahre verbracht und vieles erlebt.
Während der Grundschulzeit lernte ich mit den „Schmuddelkindern“ im „Dschungel“ und im „Lettenlager“ – beides Obdachlosensiedlungen der Nachkriegszeit – umzugehen. Ich „erfühlte“ das Fußballspielen mit Straßenschuhen auf dem „Spifa-Gelände“ in der Lilienthalstraße auf kernigen Ascheplätzen. Zur Friedrich-Wöhler-Schule in der Tischbeinstraße gings im Winter mit der Straßenbahn, im Sommer durch die Aue mit dem Fahrrad. Sonntags trabte ich mit einigen weiteren zehn- bis zwölfjährigen Jungs zu Fuß ins Auestadion, um Gala Metzner und Toni Helwig als Fußballgötter zu bewundern.
Wenn Mama mit mir in die Stadt zum Einkaufen ging, dann liefen wir zu Fuß bis in die Obere Königsstraße und aßen zur Belohnung ein „Stücker Speckkuchen“ aus der Bude vom Silber uffem Königsplatze. Mann, hat das geschmecket! Oder biem Fernau in der Treppenstraße holten wir uns ein Stücke Kochwurscht. Die „Sonntagsausflüge“ in der zu diesen Zwecken geschonten Ausgeh-Garderobe gingen an die Fulle (anfangs auch noch zum Baden), in die Karlsaue oder nach Wilhelmshöhe und zum Herkules. Die ersten zaghaften Kussversuche unternahm ich mit Mädchen aus der Nachbarschaft im nahe gelegenen Eichwald. Dort, am Südhang, in der Mitte des Waldstücks, ist auch heute noch mein Lieblingsplatz. Da werden die Erinnerungen an die Jugendzeit und die vielen schönen Eichwaldfeste wach.
Das tollste Eichwaldfest fand in 1954 statt. Am Sonntag, dem 4. Juli 1954, waren mehrere Hundert Besucher im Festzelt versammelt und lauschten der Radioübertragung des WM-Spiels Deutschland gegen Ungarn. So ist mir die emotionale Moderation des legendären Heribert Zimmermann beim 3:2-Sieg unvergesslich. (Tor, Tor, Tor – für Deutschland! Das Spiel ist aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!) In meinem über fünfzigjährigem Berufsleben habe ich wenige Tief- und sehr viele Höhepunkte erleben dürfen. Die Bundesgartenschau in 81 – städtebaulicher Meilenstein für Kassel. Die documenta-Ausstellungen 5 bis 13, das Brand-Stoph-Treffen, den Hessentag in den Siebzigern, und, und, und …
Kassel hat seit der „Grenzöffnung“ einige „Schönheitsoperationen“ durchgemacht – die sie zu einer der dynamischsten Städte Deutschlands gemacht haben. Kassel gehört zu den kulturell bedeutendsten Städten Deutschlands. Die Lebensqualität ist hervorragend. Unsere Stadt hat alles, was man zum Wohlfühlen braucht.

Hans-Jochem Weikert
Leiter des Haupt- und Bürgeramts
der Stadt Kassel
Projektleiter Kassel 1100

Text und Editor: Bernd Schaeffer, Juli 2026
Quellen:

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Kurzbeschreibung

Das ehemalige Ackerbauerndorf Bettenhausen ist in den letzten 120 Jahren seiner Eingemeindung durch mehrere Neubausiedlungen gewachsen. Die wichtigsten sind Salzmannshausen, Eichwaldsiedlung, Fieselersiedlung, Lindenberg- und Lossesiedlung.
Die Lossesiedlung liegt, begrenzt von Losse, Leipziger Straße und „Kleingärtnerverein Losse e.V.“, keine zehn Gehminuten östlich des Ortskerns von Bettenhausen. Entstanden in bewegten Zeiten 1938/39 und von Baugenossen gegründet, hat sich das Wohngebiet viel von seiner Ursprünglichkeit erhalten. Mangelnde Infrastruktur hat stets dafür gesorgt, dass die Bewohner für die täglichen Einkauf die Anbindung zum Ortskern von Bettenhausen genutzt haben.

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