Hessen
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Die Leiden des Dr. G.

Vespa 150 T4 Roller, 1964

Vespa 150 T4 Roller, 1964
Foto: Stadtteilzentrum Agathof e. V.

Das Wesen der nordhessischen Ureinwohner - wer will es in wenigen Worten beschreiben. Häufig ist der Nordhesse an sich wortkarg und verzichtet auf ausformulierte Reden. So gerät die Frage: "Hallo Karl, wie geht es Dir denn? Wir haben uns ja lange nicht gesehen, schön, Dich mal wieder zu treffen!" schon mal zur Kurzform "Ach, Karle, un sonst?" Interessant wird es, wenn der Nordhesse auf zugereistes Bildungsbürgertum stößt - dann kann er nämlich vom Leder ziehen. Wie es in unserer Kurzgeschichte passiert. Heinrich B., eine ahle nordhessische Schlagge, ist Patient beim Wilhelmshöher Arzt Dr. G. Und am Rande spielt eine Bettenhäuser Institution eine Rolle, an die sich noch viele Ältere erinnern können: Das "Naschkätzchen", eine Eisdiele am Leipziger Platz.

Das Foto vom Leipziger Platz zeigt den Blick in die Stadt. Auf der rechten Straßenseite, hinter dem Kiosk steht das Gebäude des T.d.O.
Das Foto vom Leipziger Platz zeigt den Blick in die Stadt  Foto: Bartel, Kassel 1955

Wenden wir uns unserem Wilhelmshöher Arzt Dr. G. zu und dem Thema, wie zielstrebig und präzise Nordhessen sprachlich sein können - wenn sie wollen. Patient Heinrich B. ist mal wieder zur Routineuntersuchung da, es ist alles in Ordnung, der Arzt verschreibt ihm zum Schluss noch ein Rezept für Blutdruckmedikamente, die B. immer nehmen muss, und versucht die Zeit ein wenig mit Smalltalk zu überbrücken.
"Ihre Frau hat mir erzählt, Sie hätten einen neuen Motorroller, gratuliere! Was ist es denn für einer?"
"Och. Herr Doggder, ich honn widder ne Vespa. 'S is 'n Italiener, awer hä hodd minne Ahle for'n guten Preis in Zahlung genommen."
"Ihre Ahle?" Doktor G., mittlerweile mit den Grundzügen nordhesischer Sprache etwas vertraut, guckt verständnislos.
"Ach so, nidd wie Sie meinen, Herr Doggder. Minne ahle Vespa meine ich."
Dr. G. entspannt sich. Da der Drucker fürs Rezept klemmt, muss er aber eine Frage nachscieben. "Welche Farbe hat er denn?"
"Jo, es is so ne Art gelb."
"Eine Art gelb. Was ist denn das?"
"Also, Herr Doggder, ich sach ma so, hörense ma zu, das ist foljendermaßen. Wie schon gesachd. Also: Als minne Tante Gechda noch lebte, die hodd immer sonntags mo ingeladen. Also, es is schon ne Weile her, also, da simmer immer midder Straßenbahn bis zum Lepziger Platz und dann den ganzen Rest zum Eichwald russ simmer dann gelatscht. 'S Tante Gechda hodde dann immer so ne Platte mit Kleinigkeiten fors Awendbrot gerichtet, kennen Se noch disse Schinkenröllchen, da wor immer so ne Brogge Spargel drinne gewesen, meist uss der Dose, awer was widde dann machen, mäh hodden ja nix. Un dissen Käse mit Pumpernickel, kennen Se au noch, den honn ich ja gelieebt. Un Mix Pickel hattense au meist, de Silwerzwiebeln, das waren minne, da gab es nix."
"Mixed Pickles? Und so sieht Ihr Roller aus?" Dr. G. ist blass im Gesicht, hat eine Tüte Fisherman`s Friend geöffnet und inhaliert den Duft.
"Nene, wachden Se moh, kimmed glich. Also mäh Kinner honn immer uff de Uhr gegigged, weil um sieben d's Naschkätzchen jo zumachte."
"Naschkätzchen Ihre Tante hieß Naschkätzchen?"
"Nene, die hieß Gechda, wie's Naschkätzchen hieß? Das weiß ich jetzt gar nidd, muss ich mohs Gudrun frachen, das is minne Cousine, die weiß das bestimmt. Ich kann Ihnen das gerne bim nächsten Moh sachen, Herr Doggder, wenn Sies interessieren tut."
Dr. G. winkt röchelnd ab, sucht nach einem Knopf, um entweder die Sprechstundenhilfe zu rufen oder den Stuhl von B. explodieren zu lassen.
"Jo, also, helf dochemoh, wo war ich dann steh'ngeblieben? Ach so, das Naschkätzchen. Jo, das war so ne Eisdiele am Leipziger Platz, da kriechten mäh Kinner dann immer noch for'n Groschen Eis - awer mäh mussden dann rechtzeitig uns auffen Weg machen. o, dann simmer dann da hinne gerammelt, meistens kurz vor sieben, passte genau, honn uns das Eis geschnapped un glich ab in der Straßenbahn heimwärts. 'S Edith, also minne kleine Schwester, die hodd immer erst ganz unnen die Waffelspitze abgeknabbert und abwechselnd oben am Eis geleckt. Es hodd nur Vanille gegessen, ich honn jo alles ma probiert, aalso au Erdbeer, das war min Favorit. Awer nidd bim Naschkätzchen, eher bim Eis-Wagner an der Friedrich-Ebert-Straße. Den giwweds heute noch, heißt awer annersder, ich komme jetzt awer nidd druff, kennen Se den au?"
Dr. G. röchelt ein "Nein" und überlegt erstmals ernsthaft, noch am selben Tag mit dem Rauchen zu beginnen.
"Jo, also, weil's Edith nu je schon de Spitze von der Waffel abgeknabbert hatte, do is dann irgendwann 'n Trobben runnergekullert un emme uff de Strumpfhose oder uffen Rock gedröbbelt. Un, wissen Se, Herr Doggder, disser Trobben, besonders im Sommer, wenn mäh dann daheime waren, dann war der längst getrocknet, hodde au schon nen braunen Rand. Awer innen drinne, disse Farbe von disser Brogge Eis - jo, das is de Farbe von minnem Roller."
Als B. draußeen ist, erscheint Dr. G. am Empfangsschalter. Er ist ganz blass. "Hat hier jemand eine Zigarette?"

Erschienen ist die Geschichte im Buch "Es is au als was" von Horst Seidenfaden, illustriert von Niko Mönkemeyer. Erschienen im Siebenhaar-Verlag Berlin.

 

Der Naschkaetzchen-Eiswagen von Alfred Fliege auf dem Bad Hersfelder Lullusfest in 2016
Der Naschkätzchen-Eiswagen von Alfred Fliege auf dem Bad Hersfelder Lullusfest in 2016  Foto: https://osthessen-news.de/n11541679/schausteller-fredi-fliege-seit-70-jahren-mit-dem-lullusfest-verbunden.html

Noch immer ist Alfred Fliege aus Fuldatal mit seinem Naschkätzchen-Eis unterwegs. Das obenstehende Foto mit dem bunten Wagen entstand 2016 auf dem Lullusfest in Bad Hersfeld.

Editor: Erhard Schaeffer, August 2019

 

 

 

Kurzbeschreibung

Das Wesen der nordhessischen Ureinwohner - wer will es in wenigen Worten beschreiben. Häufig ist der Nordhesse an sich wortkarg und verzichtet auf ausformulierte Reden. So gerät die Frage: "Hallo Karl, wie geht es Dir denn? Wir haben uns ja lange nicht gesehen, schön, Dich mal wieder zu treffen!" schon mal zur Kurzform "Ach, Karle, un sonst?" Interessant wird es, wenn der Nordhesse auf zugereistes Bildungsbürgertum stößt - dann kann er nämlich vom Leder ziehen. Wie es in unserer Kurzgeschichte passiert. Heinrich B., eine ahle nordhessische Schlagge, ist Patient beim Wilhelmshöher Arzt Dr. G. Und am Rande spielt eine Bettenhäuser Institution eine Rolle, an die sich noch viele Ältere erinnern können: Das "Naschkätzchen", eine Eisdiele am Leipziger Platz.

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