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Das "Kriegstagebuch" der Sophie Poppenhäger

Sophie Popenhäger, geb. 1926, zog 1936 mit ihren Eltern in ein Siedlerhaus (Fieseler-Siedlung)  in der Bäumerstr., heute Radestr.   Sie besuchte die Volksschule in Waldau und musste hier als Hausaufgabe ab 1940 ein „Kriegstagebuch“ erstellen. Hier übernahm sie zunächst fast täglich aus der Tageszeitung die Erfolge der deutschen Streitkräfte. Die hier übernommenen Zahlen müssen darum nicht immer authentisch sein. So wurden z. B. Flugzeuge des Feindes abgeschossen, die deutschen Flugzeuge wurden nur vermisst. Wenn man hört, dass England zu Kriegsbeginn nur 500 Jagdflugzeuge gehabt haben soll, wundert man sich schon über die hohen Abschusszahlen.

 

 

 

Erste Siedler in der Bäumerstraße 1936
Erste Siedler in der Bäumerstraße 1936

Der in Sütterlin-Schrift geschriebene Originaltext wurde von mir mit Hilfe meiner Frau und Hildegard Spitzer in Schreibmaschinenschrift übertragen. Im in der Anlage beigefügten Heft wurden Original und Übersetzung nebeneinander gestellt. Dazu sollte man den PDF-Editor entsprechend einrichten: Ansicht zwei Seiten.

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Titel "Kriegstagebuch"

Ich war beim Lesen vollkommen überrascht, welche und wieviel Angriffe die deutschen Truppen durchgeführt haben. Ich wusste nicht, welche Schäden z. B. in Rotterdam und England angerichtet worden waren. Das wird durch dieses „Tagebuch“ erst deutlich, für die Fünfzehnjährige - wie auch für die meisten Deutschen - waren das stolze Erfolge. Die Opfer spielten dabei keine Rolle, die Schreiberin übernimmt die Meldungen emotions- und empathielos, bis die Engländer auch in Deutschland Bomben abwarfen, zehnmal so viel, wie die Deutschen in England (Karl Wills).

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Deutsche Bomber nach Enland (KNN v. 31.12.1940

Das „Tagebuch“ wird bis Juli 1941 geführt, obwohl Sophie da bereits seit April ihr Landjahr ableistete. Im Interview meinte sie, sie habe das gerne freiwillig weitergeführt, durch die Propaganda war sie überzeugt davon, dass Deutschland richtig handele.

Erst 1944 führt sie es weiter. Heute (2021) weiß sie nicht mehr warum. Wahrscheinlich musste sie das in der Berufsschule weiterführen. Jetzt werden die Terrorangriffe durch die „englisch-amerikanischen Luftgangster“ geschildert, die Zerstörung der deutschen Städte. Davor waren 2 Blätter aus dem gebundenen Heft herausgetrennt, Sophie weiß heute nicht mehr, warum.  Mit Losungen von Goebbels endet das „Kriegstagebuch“: „Unser Siegeswille fanatischer denn je“; da hatten die Amerikaner bereits Aachen eingenommen und die Russen waren in Ostpreußen einmarschiert. Heute kann sie das auch nicht mehr verstehen, damals war sie aber noch überzeugt davon, dass die Deutschen siegen würden.

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Ich habe die Originalseiten gescannt  und die Übersetzung des Originals - auch mit Fehlern - daneben gestellt.

Aus diesem Text können Leserinnen und Leser nachvollziehen, wie intensiv die Angriffe der Deutschen in unseren Nachbarländern waren und was die Deutschen dabei empfanden. Kaum verständlich ist dabei, dass man es für verbrecherisch ansah, wie die Alliierten danach Deutschland angriffen. Sophie schreibt: „Aber die Engländer und Amerikaner bekommen dies alles doppelt und dreifach zurückgezahlt“. Glaubte man das wirklich? - Ja, sie glaubte das, wie sie mir im Interview versicherte.

 

 

Sie können sich dieses "Kriegstagebuch" als PDF-Datei herunterladen.

Autor, Redaktion und Interview: Falk Urlen

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Kurzbeschreibung

Sophie Popenhäger, geb. 1926, zog 1936 mit ihren Eltern in ein Siedlerhaus (Fieseler-Siedlung)  in der Bäumerstr., heute Radestr.   Sie besuchte die Volksschule in Waldau und musste hier als Hausaufgabe ab 1940 ein „Kriegstagebuch“ erstellen. Hier übernahm sie zunächst fast täglich aus der Tageszeitung die Erfolge der deutschen Streitkräfte. Die hier übernommenen Zahlen müssen darum nicht immer authentisch sein. So wurden z. B. Flugzeuge des Feindes abgeschossen, die deutschen Flugzeuge wurden nur vermisst. Wenn man hört, dass England zu Kriegsbeginn nur 500 Jagdflugzeuge gehabt haben soll, wundert man sich schon über die hohen Abschusszahlen.

 

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