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Wer war der Namensgeber der "Heinrich-Steul-Straße"?

Josef Cudok

Josef Cudok
Foto: @Stadtteilzentrum Agathof e.V.

Nach Heinrich Steul, einem Frankfurter Sonderschulpädagogen, war die jetzt geschlossene  Sonderschule in Kassel-Forstfeld benannt. Als 1974 die ersten Häuser der neuen Siedlung bezogen wurden, wurde diese Straße, in der heute ca. 1000 Menschen wohnen, nach Heinrich Steul benannt. Inzwischen hat sich die Frankfurter „Heinrich-Steul-Schule“ einen anderen Namen gegeben, weil Heinrich Steul Mitglied der SA, einer nationalsozialistischen Gruppierung, und der NSDAP war. Es entstanden auch in Kassel Gerüchte, dass Heinrich Steul intensiv mit den Nazis zusammengearbeitet hätte und die Forderung, die Heinrich-Steul-Straße umzubenennen.

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Warum aber wurde gerade Heinrich Steul Namensgeber? Ich fragte den Schwiegersohn des verstorbenen ehemaligen Landtagsabgeordneten Wilhelm Koch, Günther Spitzer, der damals Stadtverordneter war, ob er sich daran noch erinnern könne. Dieser meinte, dass sein Schwiegervater während des Baus der späteren Heinrich-Steul-Schule mit dem späteren Schulleiter Josef Cudok (Bild rechts) über einen möglichen Namen für die Schule sprach. Cudok meinte, dass Heinrich Steul, der Frankfurter Oberschulrat, sich intensiv der Pädagogik behinderter Schülerinnen und Schüler gewidmet hätte und auch Bücher dazu geschrieben habe. Der Name wurde dann über den ehemaligen Verwaltungsausschuss dem Magistrat vorgeschlagen und dann von der Stadtverordneten-versammlung angenommen. Als es dann um den Namen für die Straße ging, fragte man sich, ob man aufgrund der Nähe zur Schule nicht auch diese nach Heinrich Steul benennen sollte, was dann auch so geschah.

Um Klarheit über die Person des Namengebers dieser Straße in Forstfeld zu bekommen, suchte ich nach Quellen. Ein Wikipedia-Beitrag, aus dem die Beschuldigung, dass er aktiver Nazi gewesen sei, hervorging, ist inzwischen gelöscht. Bei meinen Recherchen fand ich die umbenannte Frankfurter Schule und bat die Schulleitung um Material über Heinrich Steul. Ich erhielt eine Diplomarbeit, die sich mit ihm befasste und seine gesamte Entnazifizierungsakte, die jetzt, 100 Jahre nach seiner Geburt, im Wiesbadener Staatsarchiv zugänglich ist.

Blick auf die Wohnblocks der Heinrich-Steul-Straße
Blick auf die Wohnblocks der Heinrich-Steul-Straße  Foto: Falk Urlen

Bei der Durchsicht dieser Akte fand ich viele Parallelen zu anderen damals im öffentlichen Dienst stehenden Personen, die ich bereits bei der Erarbeitung meiner Broschüre "Eine Kindheit in Landsberg" untersucht und darüber berichtet hatte.

Mit diesen Erfahrungen möchte ich die Person „Heinrich Steul“ anders bewerten, indem ich sein Leben schildere und auf die Gründe eingehe, weswegen eine Schule umbenannt wurde.

Heinrich Steul stellte seine ganze Schaffenskraft in den Dienst des behinderten Kindes, so beginnt Koch seine Ausführungen in seiner Diplomarbeit. Gerade deswegen, meinen die Frankfurter Gremien, hätte er nicht in die NSDAP eintreten dürfen.

Heinrich Steul wurde am 05. September 1899 in Frankfurt/M geboren. Sein Vater war einfacher Bankangestellter, Steul wollte Lehrer werden, er besuchte in Frankfurt die ersten Vorschulklassen und dann die Mittelschule. 1915 trat er in die „Präparandenanstalt“  (Vorbereitungsanstalt) in Usingen ein, danach dort in das Lehrerseminar. Am Ersten Weltkrieg musste er teilnehmen und konnte so erst 1920 seine 1. Lehrerprüfung ablegen. Weil er aber Kriegsteilnehmer war und ein sehr gutes Zeugnis hatte, durfte er schon bald Vertretungsunterricht in den Volksschulen seiner Heimat durchführen. 1922 legte er seine 2. Lehrerprüfung ab.

Danach nahm er ein wirtschaftswissenschaftliches Studium auf und absolvierte dieses als Diplomhandelslehrer mit der Note „sehr gut“ im Jahr 1926. Noch im gleichen Jahr nahm er an Ausbildungslehrgängen für Hilfsschullehrer teil, absolvierte hier sein Examen als Hilfsschullehrer und wurde nach einiger Zeit in den Dienst an Frankfurter Hilfsschulen übernommen. Steul arbeitete bis 1939 an einer Klasse für Schwerhörige.

1939 wurde er zur Wehrmacht eingezogen, hier wurde er zum Hauptmann befördert und in Italien als Batteriechef ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz.

Seine Beteiligung an Organisationen des Dritten Reiches würdigte die Spruchkammer (Entnazifizierungsgericht) u. a. folgendermaßen:

In die NSDAP war er bereits im April 1933 eingetreten. „Er begründete seinen frühzeitigen Eintritt glaubhaft damit, dass er durch seine berufliche Organisation, dem damaligen Hilfsschullehrerverband, in Gefahr war, im nationalsozialistischen Sinne beeinflusst und gleichgeschaltet zu werden. Dieser Gefahr wollte der Betroffene durch seinen Parteibeitritt begegnen, weil er sich durch seine weitere leitende Mitarbeit einen gewissen mäßigenden Einfluss versprach. Der Zeuge Griesinger [sein ehemaliger Ausbilder] bestätigt diese Aussage in vollem Umfange.“

Im Oktober 1933 war er der SA beigetreten, weil man ihm verwehrte, dem NSLB (Nationalsozialistischer Lehrerbund) beizutreten. Das Hindernis war, dass er früher einer demokratischen Partei angehörte. Er begründet seinen Beitritt damit, dass er befürchtete, ohne Mitglied im NSLB zu sein, sein Amt nicht weiter ungehindert hätte ausführen können. Das wurde von Zeugen in diesem Verfahren auch bestätigt. Er trat deshalb in die SA ein, konnte dadurch erst dem NSLB beitreten und trat 1935 wieder aus, was er aber nicht beweisen konnte. Die Spruchkammer nahm es ihm aber ab. Im Auftrag des Schulamtes wurde er bei der HJ (Hitlerjugend) als Sachbearbeiter für Schwerhörigenfragen eingesetzt.

Seit 1925 war er Turnierschachspieler, 1934 wurde er Vorsitzender des Schachvereins. Deutschlandweit hatte dieser 45000 Mitglieder, nachdem diesen "Großdeutschen Schachverein" ein überzeugter Nazi übernommen hatte, traten fast 40000 Arbeiterschachspieler aus. Diese gründeten dann die "Deutsche Schachgemeinschaft" und Steul leistete die Organisationsarbeit. Anfang der 40er Jahre wurde dieser Verein der Organisation KdF (Kraft durch Freude) untergeordnet, so wurde Steul auch in dieser Organisation Mitglied. Ihm wurde in Aussicht gestellt, Regierungsrat zu werden, was er aber ablehnte, er wollte seiner Hilfsschule treu bleiben. Er schreibt: "Ich wollte meiner Berufsarbeit mein Fortkommen verdanken und nicht der Partei." Er schreibt auch, dass man beim Schachspiel offen miteinander sprechen konnte, ohne dass man im Schachfreund einen Verräter befürchten musste.

Die Spruchkammer kam dann zu dem Schluss, dass Steul nicht wesentlich zur Förderung und Unterstützung des Nationalsozialismus beigetragen hätte. Er wurde als „Mitläufer“ eingestuft.

Er selbst meinte, er hätte sich nie politisch betätigt, seine Arbeit empfand er als reine Sozialarbeit.

Zu Kriegsende geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft und wurde 1945 entlassen.

1947 wurde er wieder als Lehrer in der Frankfurter Hallgartenschule eingesetzt, wurde hier kommissarischer Schulleiter. Er verfasste mehrere Bücher für Sonderschüler und wurde 1949 wieder vereidigt und 1951 wurde er Beamter auf Lebenszeit und Rektor seiner Schule. Diese Schule baute er dann zu einem Zentrum heilpädagogischer Versuchs- und Bildungsarbeit auf. Die Schule wurde Hospitations- und Ausbildungsschule. Hier setzte er sich für ganzheitliches Lernen ein, die Schülerinnen und Schüler sollten sich durch lebensnahen Erlebnisunterricht individuelle Entfaltungsmöglichkeiten schaffen und sich so für praktische Berufe vorbereiten. Das war damals noch gar nicht so selbstverständlich.

1951 wurde er Mitglied im Hauptvorstand des Landesverbandes deutscher Hilfsschulen, von 1955 an leitete er den Bezirksverband der GEW in Frankfurt am Main. Der visionäre Mensch leitete an der Reinhardswaldschule in der Nähe von Kassel verschiedene Lehrgänge zur Weiterbildung von Sonderschullehrern, maßgeblich durch seinen Einfluss wurde in Marburg ein Sonderschullehrgang für Sonderschullehrer angeboten.

1960 wird Heinrich Steul Städtischer Schulrat und treibt die Einrichtung verschiedener Sonderschulformen (Schwerhörigenschule, Sehbehindertenschule, Schule für körperlich Behinderte, Schule für geistig Behinderte) ein. 1962 wurde er Städtischer Oberschulrat und verstarb am 20.12.1962 in Frankfurt am Main.

Hellmuth Eichler würdigte ihn an seinem Sarg mit den Worten:

„Er gerade hatte wie selten ein Schulmann unserer Zeit seine Lebensaufgabe darin gesehen, unseren ärmsten, den geistig und körperlich be­hinderten Kindern zu helfen, ihre Augen  wieder leuchten zu machen, ihr Leben doch noch lebenswert zu gestalten. Seine Verdienste um die Sonderschulen, um ihre Kinder sowie um ihre Eltern und Lehrer sind unbestritten und werden un­vergessen bleiben.“

 

Eichler, Hellmuth; Grabrede

Koch, Hermann, Schulrat Heinrich Steul und seine Bedeutung für die Didaktik und Organisation der Sonderschule, Wissenschaftliche Hausarbeit, Marburg 1972

Urlen, Falk: Eine Kindheit in Landsberg

o. V.: Lebenslauf Heinrich Steuls

Protokoll der 134 Spruchkammer  v. 19. Sept. 1947, Aktenzeichen 5/142 035

 

Autor und Editor: Falk Urlen

Kurzbeschreibung

Nach Heinrich Steul, einem Frankfurter Sonderschulpädagogen, war die jetzt geschlossene  Sonderschule in Kassel-Forstfeld benannt. Als 1974 die ersten Häuser der neuen Siedlung bezogen wurden, wurde diese Straße, in der heute ca. 1000 Menschen wohnen, nach Heinrich Steul benannt. Inzwischen hat sich die Frankfurter „Heinrich-Steul-Schule“ einen anderen Namen gegeben, weil Heinrich Steul Mitglied der SA, einer nationalsozialistischen Gruppierung, und der NSDAP war. Es entstanden auch in Kassel Gerüchte, dass Heinrich Steul intensiv mit den Nazis zusammengearbeitet hätte und die Forderung, die Heinrich-Steul-Straße umzubenennen.

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