Logo von Erinnerungen im Netz

WEGU 70 Jahre Werler Gummiwarenfabrik

Mehrgeschossiges Verwaltungsgebäude mit Logo WEGU, 2021

Verwaltungsgebäude WEGU, 2021
Foto: Erhard Schaeffer, Kassel

1949 hat Walter Dräbing die Werler Gummiwarenfabrik im westfälischen Werl bei Soest gegründet. Zehn Jahre später siedelte Wegu nach Kassel um, 1975 kam ein Werk in Kanada hinzu, 2006 ein weiteres in der Slowakai. 1996 wurde die Wegu von Herbert Bonrath übernommen, der das Unternehmen vor dem sicheren Untergang bewahrte. Wegu produziert unter anderem Aufhängungen für Abgasanlagen, Schwingungsdämpfer Zwangsentlüftungen, Schmutzfänger und Gummimatten sowie Lkw-Kotflügelsysteme. 2015 wird WEGU schließlich an die chinesische ZHONGDING Europe verkauft.

3 Fabrikhallen Luftbild Wegu 1959
Firmengelände 1959  Foto: Wegu

Die Geschichte von WEGU begann 1949 in der westfälischen Stadt Werl. Dort gründete Walter Dräbing (geb. 25.02 1917 / gest. 18.11. 1996) mit seiner Frau Hedwig (geb. 04.08. 1920 / gest. 30.08.2013) die Werler Gummiwarenfabrik, die dem Unternehmen seinen Namen WEGU gab.

Angefangen hat es in gemieteten Räumen in einer Jugendherberge in Werl. Produziert wurden Gummiteile für Fahrränder, Motorräder u. a. Sättel-Handgriffe für Lenker. Vulkanisiert wurde im Backofen eines Elektroherdes. Noch im gleichen Jahr erlogte der Umzug in größere Räume nach Soest.

1959 wurde der Betrieb nach Kassel verlagert in die Mündener Straße 31. Im neu errichtetes Werk, auf ehemals landwirtschaftlichem Gelände, erfolgte zunächst die Produktion von Schiefertafeln, Gummischmutzfängern, Fußmatten, Luftmatratzen,Camping und Jagdartikeln.

Mit Produktionsbeginn im Herbst 1959 wurden im Wegu Werkstandort Kassel 200 Arbeitsplätze überwiegend für Frauen geschaffen. Die moderne Fabrik in hellen Klinker Steinen entstand auf einem  30 000 Quadratmetern  großen Grundstück am Autobahn-Zubringer Heiligenrode innerhalb eines neu geschaffenen Industriegeländes bei Sandershausen.

Um die Kasseler Industrie aufzulockern und krisenfesten Betrieben die Möglichkeit zum Ansiedeln zu geben, hatte die Stadt Kassel schon in den 1950er Jahren ein 200 000 Quadratmeter großes Landwirtschaftsgebiet zwischen Sandershäuser Straße, Autobahnauffahrt und Miramstraße als Industriegelände bestimmt.

Frau hinter Lenkrad bedient Parkzeitanzeiger an der Sonnenblende
Wegu Parkzeitanzeiger an der Sonnenblende, 1963   Foto: Wegu

Die Firma stellte anfangs Zweirad- und Autozubehör für den Fachhandel her und hatte großen Erfolg. Mit seinen Produkten für die Autoindustrie wie Kunststoffradkappen für Ford , VW und Mercedes war Wegu regelmäßig als Aussteller auf der internationalen Automobilausstellung in Frankfurt vertreten. So wurde 1963 ein praktischer Parkzeitanzeiger, hergestellt von der WEGU Gummi- und Kunststoff-Werk GmbH im Stadtteil Bettenhausen und erstmals auf der Frankfurter Automobilausstellung gezeigt. Unter Dräbings Führung schaffte die Firma den Sprung in die Auto-Erstausrüstung der Hersteller.

Später erfolgte der Aufbau einer Produktion von Schlauchbooten und Polyester-Booten. Weitere Hallen wurden in Zierenberg im Landkreis Kassel für eine Gummipresse und die Montage errichtet.

Die Polyester-Boot-Protuktion wurde von Kassel nach Naumburg verlagert.

1975 kam ein Werk in Kanada hinzu. Wegu produziert unter anderem Aufhängungen für Abgasanlagen, Schwingungsdämpfer Zwangsentlüftungen, Schmutzfänger und Gummimatten sowie Lkw-Kotflügel-Systeme. Ein neues Werk für Kunststoffradkappen wurde in Spanien errichtet.

Das Unternehmen fertigte auch in Berlin und im kanadischen Toronto. Produziert wurde für Segelboote, Camping, Yachten und für die Jagd. 1987 beliefert die WEGU Hersteller im In- und Ausland und beschäftigt 800 Mitarbeiter. Die Firma expandierte und zählte 1989 bereits 1000 Mitarbeiter weltweit, davon 850 in Stammwerk in Kassel. Das Werk Kassel war führend in der Schwingunsdämpfung für Motoren, Gertriebe- und Abgasanlagen der verschiedenen Automobilhersteller.

Trotzdem rutschte Wegu Anfang der 1990er Jahren in eine schwere Krise.

Für eine symbolische Mark übernahm der Physiker Dr. Herbert Bonrath sämtliche Gesellschafteranteile von der Eigentümerfamilie Dräbing und sanierte Wegu in den folgenden Jahren.

Porträt Walter Dräbing, 1987
Walter Dräbing, 1987  Foto: HNA 1987

Walter Dräbing wohnte seit dem Werkneubau bis zu seinem Tod 1996 in Niestetal in der Gemeinde Heiligenrode, er engagierte sich in vielen Vereinen auch durch Spenden. Dräbing, der gebürtige Frommershäuser, schenkte 1965 der Frommershäuser ev. Kirche im Namen der Firma Wegu eine neue Glocke. Die alte Glocke aus 1459 musste 1917 zu Kriegszwecken abgeliefert werden.

Von der Stadt Kassel wurde Walter Dräbing auf Grund seines engagierten Wirkens zum 40 jährigen bestehen der Firma Wegu, die zu den beutenden Wirtschaftsfaktoren in Kassel zählte, 1989 mit der Stadtmedaille ausgezeichnet.

roter Jubiläumsteller zum 50-jährigen Bestehen der Firma WEGU 1999
Jubiläumsteller zum 50-jährigen Bestehen der Firma  Foto: Helmut Schagrün, Niestetal

Im Oktober 1995 begann Dr. Herbert Bonrath mit der strategischen und operativen Neustrukturierung und übernahm nach dem Tod des Firmengründers das Unternehmen als Alleingesellschafter und Alleingeschäftsführer.

Am 25.09.1999 konnte das 50-jährige Firmenjubiläum gefeiert werden. Das 70-jährige Jubiläum fand 2019 statt.

Im Jahre 2004 wurden die WEGU GmbH & Co. KG als Dienstleistungsunternehmen umstrukturiert.

In den Jahren 2005 und 2006 wurde der neue Fertigungsstandort WEGU SLOVAKIA s.r.o. in Pata, Slowakei, aufgebaut.

In der Banken- und Wirtschaftskrise 2008 steuert Michael Hagemann, der neue Geschäftsführer, die Geschicke des Unternehmens. Wegu beschäftigt damals gut 400 Mitarbeiter, davon 220 in Kassel, 60 in Kanada und 130 in der Slowakei, wo aber mit Aufgabe der Gummimatten-Fertigung etwa 70 Jobs gestrichen werden mussten. Der Autozulieferer kämpft mit der Krise, das führt zu Kurzarbeit in Kassel. Wegu fertig aber weiter für die großen der deutschen Autobranche Daimler, Volkswagen und Porsche.

Schwingungsdämpfer auf einem Band, Wegu
Schwingungsdämpfer, Verbund-Bauteilen aus Gummi von Wegu  Foto: HNA Schachtschneider

Die WEGU Gruppe erhält mit der Equitrust AG einen neuen Gesellschafter. Dr. Herbert Bonrath und seine Söhne entschließen sich im 1. Quartal 2011 zum Verkauf an Equitrust. Bonrath stirbt im Jahr 2012. Equitrust führt die WEGU Gruppe in ihrem Sinne fort. Die Equitrust AG ist Teil einer in Hamburg ansässigen, familiengeführten Gruppe des Unternehmers Erck Rickmers. Die bestehende Geschäftsausrichtung wird konsequent weiter verfolgt. Im Geschäftsjahr 2013 hatte das Unternehmen seinen Umsatz um fast 20 Prozent auf 72,1 Millionen Euro gesteigert der höchste Wert seit 20 Jahren. In das Verwaltungsgebäude an der Mündener Straße ziehen mehrere verschiedene Nutzer ein.

 

WEGU Firmentafel der Nutzer des Bürogebäudes Mündener Str.31, 2021
WEGU Firmentafel, 2021  Foto: Erhard Schaeffer, Kassel

2015 wird WEGU schließlich an die chinesische ZHONGDING Europe verkauft. Auch in den USA und Südkorea ist Zhongding auf Zukäufe in der Fahrzeugbranche aus. Der Konzern ist Zulieferer führender Automarken wie Volkswagen, BMW, Ford und Toyota, er hat weltweit 13 000 Mitarbeiter und weist einen Gesamtumsatz von 1,3 Milliarden US-Dollar aus. Die Nobelmarken wie Bugatti und Ferrari stehen auf seiner Kundenliste. Sie alle setzen Schwingungsdämpfer von Wegu an Abgasanlagen, Lenkung und Antriebsstrang ein.

Editor: Erhard Schaeffer, Mai 2021

Quellen:

  • Ausgaben des HNA Archivs 1959-2019
  • Privatarchiv Helmut Schagrün, Niestetal
  • https://www.wegu.de/ aufgerufen 15.06.21

Wo spielt dieser Beitrag?

Kurzbeschreibung

1949 hat Walter Dräbing die Werler Gummiwarenfabrik im westfälischen Werl bei Soest gegründet. Zehn Jahre später siedelte Wegu nach Kassel um, 1975 kam ein Werk in Kanada hinzu, 2006 ein weiteres in der Slowakai. 1996 wurde die Wegu von Herbert Bonrath übernommen, der das Unternehmen vor dem sicheren Untergang bewahrte. Wegu produziert unter anderem Aufhängungen für Abgasanlagen, Schwingungsdämpfer Zwangsentlüftungen, Schmutzfänger und Gummimatten sowie Lkw-Kotflügelsysteme. 2015 wird WEGU schließlich an die chinesische ZHONGDING Europe verkauft.

© Copyright 2018-2021 - Hessisches Ministerium für Soziales und Integration