Hessen
Skip to Content

Partie an der Losse

Gruppe Familien mit Kindern auf dem Dorfplatz vor der Losse,1906

Partie an der Losse, Cassel Bettenhausen, 1906
Foto: @Stadtteilzentrum Agathof e. V.

Die Ansichtskarte mit dem Titel „Partie an der Losse“ aus Alt Bettenhausen ist nach 1906 am Dorfplatz entstanden. Sie zeigt ein Panorama mit Blick von der Marienkirche über die Losse und ihre Staustufe am Wehr. Erwachsene und Kinder haben sich für den Fotografen in Positur gestellt.

Im Jahr 1905 waren in Bettenhausen mit der Regulierung der Losse auch neue Brücken über den Fluss entstanden. Davor gab es an dieser Stelle noch eine Furt, die auf die andere Seite zu den Bauernhöfen in der Butlarstraße führte. Das neue Geländer, an dem sich die Personen aufgestellt hatten, grenzte nun das Ufer ab. Auf dem Bild sind etliche Gebäude zu sehen die jeweils ihre eigene Geschichte in der Entwicklung dieses ehemals selbstständigen Dorfes erzählen könnten.

Kindergruppe vor dem Elbeltshof 1906
Ehemaliger Elbeltshof am Dorfplatz ca. 1906  Foto: @Stadtteilzentrum Agathof e. V.

Bettenhausen war 1906 in die Stadt Kassel eingemeindet worden. Auf der linken Seite hinter der Gaslaterne, die vom Gaswerk aus der Nürnberger Straße versorgt wurde, sieht man ein Stück des Elbeltshofes. Der "Lambrechtsche-Hof" (später Elbeltshof) hatte von 1689 an lange Zeit die alleinige "Schank- und Herbergierungsgerechtigkeit“ in Bettenhausen. Hier bestand auch lange Zeit eine Poststation für die Postkutschen nach Leipzig und Köln. Zur Zeit der Fotoaufnahme wurde die Post schon durch die staatliche Post befördert.

Haus der Glaserei Walter, ein Mann davor schaut auf die Losse, ca. 1920
Glaserei Walter an der Losse ca. 1920  Foto: @Stadtteilzentrum Agathof e. V.

Rechts hinter diesem Hof sieht man auf der anderen Uferseite das Verwaltungsgebäude der ehemaligen Zündholzfabrik Otto Miram. Im Jahre 1836 gründete Otto Miram seine erste Zündholzfabrik hier im Ortskern von Bettenhausen bei Kassel. Als der Betrieb später in einen Neubau in die Sandershäuser Straße umsiedelte, zog die Glaserei Sigmund Walter vormals Heinrich Hahne in das Objekt ein.

Personen mit Pferdegespann auf dem Hof Karl Schweizer in der Buttlarstr. ca 1920
Hof Karl Schweizer, Buttlarstraße 6, ca. 1920  Foto: Herta Schweizer, Kassel
Osterholzstrasse  21-27 im Jahr 1926
Der Stadtverordnete Carl Steinigk war Eigentümer des mehrgeschossigen Gebäudes, Osterholzstraße 21, am linken Bildrand neben der Lossebrücke und wohnte dort mit seiner Familie.  Foto: @ Carl Steinigk, Kassel

Hinter der Glaserei entlang der Butlarstraße lagen einige alte Bauernhöfe des Dorfes. Vor dem Industriezeitalter hatten sich früh im ehemaligen Bauerndorf Bettenhausen landwirtschaftliche Genossenschaften gegründet. Dazu zählten die Landwirte Georg Keidler, Jakob Zufall, Karl Sinning, Johannes Damm, Konrad Lambrecht, August und Ludwig Müller, Matthias Umbach und Johannes Schweitzer. Das Haupthaus und die Stallungen des Schweitzer Hofes sind in der Bildmitte zu sehen.

Nach 1906 war dann der Sohn Karl Schweitzer der Betreiber dieses Hofes. Das Anwesen zog sich entlang der Butlarstraße hin. Dazu zählte auch ein kleiner Ziegenstall, der hinter der Fachwerk-Scheune lag. Die Ziegen weideten auf der Wiese gleich nebenan.

In Hintergrund der Ansichtskarte sieht man die Rückfront der neuen Bürgerhäuser in der Osterholzstraße. Diese mehrgeschossigen Wohnhäuser waren in der Gründerzeit zu Anfang des 20. Jahrhunderts hier neu erbaut worden. Im linken Haus neben der Brücke lebte die Familie Steinigk. Carl Steinigk war Sozialdemokrat und wurde 1909 zum Stadtverordneten in das neue Rathaus von Kassel gewählt. Steinigk setzte sich intensiv für soziale Verbesserungen für die arme Bevölkerung ein. Er ging als Armenvater von Bettenhausen in die Geschichte Kassels ein.

Am ganz rechten Bildrand der oberen Ansichtskarte "Partie an der Losse" erkennt man die „Insel Helgoland“, eine ortsbekannte Gastwirtschaft auf der Insel zwischen Mühlengraben und dem Inselweg, was ihr den Namen gab.

Die wiederholten Versuche des Schreinermeisters Jakob Zuschlag, eine Schankgenehmigung zu erhalten hatten 1891 Erfolg. Als er unter Einsatz seines Lebens ein Kind aus der Hochwasser führenden Losse gerettet hatte und dafür ausgezeichnet werden sollte, verzichtete er auf die Rettungsmedaille und erbat sich dafür die Konzession für eine Gastwirtschaft, die er dann "Insel Helgoland" nannte. 

Postkarte der Gaststätte Insel Helgoland in meheren Blidern , 1930
Postkarte der Gaststätte Insel Helgoland in meheren Blidern , 1930  Foto: @Stadtteilzentrum Agathof e. V.

Die Fachwerkgebäude des Bauernhofes Schweitzer sind unter dem Denkmalschutz Gesichtspunkt noch bis in das 21. Jahrhundert erhalten worden. Die Gaststätte Insel Helgoland, auf der anderen Flussseite stehend, ist im Zweiten Weltkrieg total zerstört worden, sie wurde verändert wieder aufgebaut aber das Gebäude dient heute einem Getränkehandel. 

Blick über die Losse auf Fachwerkhäuser in der Buttlarstraße, 2016
Fachwerkhäuser in der Buttlarstraße, 2016  Foto: @Stadtteilzentrum Agathof e.V.

Editor: Erhard Schaeffer, November 2017

 

Quellen:

  • Bilder Archiv Agathof
  • Geschichte des Dorfes Bettenhausen 1126-1926, Bruno Jacob 1927

Kurzbeschreibung

Die Ansichtskarte mit dem Titel „Partie an der Losse“ aus Alt Bettenhausen ist nach 1906 am Dorfplatz entstanden. Sie zeigt ein Panorama mit Blick von der Marienkirche über die Losse und ihre Staustufe am Wehr. Erwachsene und Kinder haben sich für den Fotografen in Positur gestellt.

© Copyright 2018-2019 - Hessisches Ministerium für Soziales und Integration
Back to top