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Messung des Haarsträubungs-Koeffizienten bei der Spifa

Anton Dressler am "Haarsträuberkoeffizienten"

Anton Dressler am "Haarsträuberkoeffizienten"
Foto: Anton Dressler

Anton Dressler, 1960 Laborleiter bei der Spinnfaser in der Lilienthalstraße, beschreibt hier, wie ein "neunmalkluger Praktikant" mit einer "neuen" Maschine zur Messung des Haarsträubungskoeffizienten" hereingelegt wurde.

1960 wurde in der Spinnfaser bzw. Enka AG zusätzlich zur bisherigen Zellwolleproduktion (Viskosefaser), die Produktion von Diolen (Polyesterfaser) aufgenommen. Da zu dieser zusätzlichen Produktionssparte auch neue Kundendienst-Techniker im Konzern gebraucht wurden, absolvierten diese - vor ihrem Einsatz - 1 bis 2 Wochen Unterweisung in unserer Produktion und Qualitätskontrolle. Als Laborleiter war ich für diese Unterweisungen zuständig.

Bei den neuen Mitarbeitern handelte es sich meist um Textilingenieure, welche später unsere Kunden betreuen sollten. Eines Tages erschien ein Mitarbeiter zur Unterweisung. der bereits in einem Textillaboratorium gearbeitet hatte. Er ging uns deshalb gewaltig auf den Wecker, weil er alles besser wusste. Am meisten ärgerte uns aber - ich saß damals mit einem Kollegen, ebenfalls Textilingenieur, in einem Büro - dass er immer durchblicken ließ, dass in seinem Labor angeblich alles besser und moderner sei.

Ein Mitarbeiter in weißem Kittel prüft gesponnene Garne
Mitarbeiter bei der Kasseler Spinnfaser  Foto: Stadtteilzentrum Agathof e. V.

Wir beschlossen, unseren Schlaumeier hereinzulegen. Wir bastelten aus abgestellten Geräten, die in unserem Abstellraum reichlich vorhanden waren, einen Fantasieapparat. Dabei übertrafen wir uns gegenseitig an Einfällen. Allein der Aufbau dieses Gerätes trieb uns vor Lachen die Tränen in die Augen. Da war ein Handwebrahmen, auf welchem Fäden gespannt waren, diesen schlossen wir an ein Siemens Ladegerät an. Vor den Rahmen stellten wir ein Monokularfernrohr. Darüber hingen wir einen Scheinwerfer und ich trug bei der angeblichen Prüfung einen ebenfalls gefundenen Ohrenarztspiegel, der den einfallenden Lichtstrahl auf die Fäden lenken sollte. Dann warteten wir auf unseren Spezi, der immer erst später aus seinem Hotel kam. Das Hauptproblem dabei war, ernst zu bleiben. Immer wieder konnten wir beim "Üben" das Lachen nicht unterdrücken, wenn wir unsere Konstruktion betrachteten. Und Lachen durften wir auf keinen Fall, wenn wir ihm unsere neue Prüftechnik unter die Weste jubeln wollten. Als wir ihn anklopfen hörten, tauchte ich hinter das Fernrohr, während mein Kollege Block und Bleistift zur Hand nahm. Ich schaute angestrengt durch das Okular und drehte dabei an den Potenziometern des Ladegerätes. Wir taten derartig konzentriert, dass wir seinen Gruß kaum erwiderten. Ich hatte in der linken Hand einen kleinen Metallrechen, mit dem ich an den Fäden des Webrahmens entlang fuhr. Dabei sagte ich laufend imaginäre Zahlen. Die mein Kollege notierte. Als dieser aber sagte, was wir vorher nicht ausgemacht hatten. „Gib 20 Volt mehr drauf", hätte es mich fast zerrissen. Während dieser todernst die von mir jetzt genannten höheren Zahlen aufschrieb, konnte ich nur mühsam sprechen, da mir die Tränen über die Wangen liefen, was unser Besucher zum Glück nicht sehen konnte. Wir merkten, wie er neugierig fragen wollte, was wir hier prüften und nur aus Höflichkeit, unsere angestrengte Tätigkeit nicht unterbrechen wollte. Als ich mich beruhigt hatte, schaute ich auf und erklärte ihm, dass wir hier den „Haarsträubungskoeffizienten" messen. Dazu würden die Fäden elektrostatisch aufgeladen und die Anzahl der abstehenden Faserenden gezählt. Dies wäre ein Maßstab für die Rauheit von Garnen. Aus einem Physikbuch hatten wir eine ellenlange Formel herausgesucht, von der wir behaupteten, dass diese der Berechnung zugrunde läge. Beim Abschied überreichten wir ihm ein Foto von unserem Apparat, da es das erste Gerät war, das er vorher noch nie gesehen hatte.

Autor: Anton Dressler

Editor: Falk Urlen, Oktober 2009

Kurzbeschreibung

Anton Dressler, 1960 Laborleiter bei der Spinnfaser in der Lilienthalstraße, beschreibt hier, wie ein "neunmalkluger Praktikant" mit einer "neuen" Maschine zur Messung des Haarsträubungskoeffizienten" hereingelegt wurde.

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