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Meine Lehrjahre von 1938 bis 1941

Willi Friedrich 1992

Willi Friedrich, 1992 im Ruhestand
Foto: @ Stadtteilzentrum Agathof e.V.

Willi Friedrich, Jahrgang 1925, der bis zu seinem Tode in der Huthstraße wohnte, schrieb 2003 in seinen Erinnerungen: „Ich begann meine Lehre bei der Firma Hans Rohde, Grünerweg 51, als Dreherlehrling am 1. April 1938. Es war eine Maschinenbauanstalt mit 12 Gesellen und 3 - 4 Lehrlingen und nochmals 12 Gesellen, welche auf Montage in der Spifa und im Gaswerk beschäftigt waren. Meine Bewerbungen bei der Firma Henschel und Fieseler wurden leider abgelehnt, da keiner meiner Verwandten bei diesen Betrieben beschäftigt war. Beziehungen waren damals auch schon sehr hilfreich. Mein Wunschberuf war technischer Zeichner und somit nicht erfüllbar.“

Zuerst möchte ich einmal einen ganz normalen allgemeinen Tagesablauf schildern:
Um an die Arbeit zu komme, benutzte ich zu 90 % mein Fahrrad. Morgens um 6 Uhr ging ich auf den Boden, welcher im 5. Stock unseres Hauses lag, schulterte mein Fahrrad und trug es auf den Hof. Abends war es genauso, nur umgekehrt. Ich schwang mich nun auf mein Rad und brauchte für den Weg zur Arbeit eine halbe Stunde.

Alle Stifte, so nannte man damals alle Lehrlinge oder heute Auszubildende, mussten um halb sieben Uhr morgens anfangen zu arbeiten. Im Winter hatte immer ein Lehrling die Aufgabe, den Ofen anzuzünden, denn die Gesellen wollten es schon etwas warm haben. Einen Umkleideraum gab es nicht, nur die 5 Altgesellen hatten jeder einen Spind für sich; alle anderen mussten sich mit offenen Regalen zufriedengeben. Ferner musste immer abwechselnd auf einer Leiter jeden Montag die Transmission von einem Lehrling geschmiert werden. Hatte man diese Arbeit getan, war von unserem sauberen Arbeitsanzug nicht mehr viel zu sehen. Ein Elektromotor trieb über Transmissionen und Riemen die Maschinen an.

Wir Stifte wurden einem oder zwei Altgesellen zugeteilt, die uns mit unserem zukünftigen Beruf bekannt machten und die uns viel beigebracht haben.

Jede Woche wurde ein Stift eingeteilt, der zur Frühstücks- und Mittagspause einkaufen musste. Gefrühstückt wurde in der Werkstatt. Als Sitzgelegenheit mussten Werkbänke, Holzhocker oder Holzkisten herhalten. Frühstückszeit war zwischen 9 Uhr und 9:15 Uhr. Wer Pech hatte, konnte während der Pause Bier in der Wirtschaft Wilhelm Stückrath holen, welche auch im Hause war. Dann konnte es passieren, dass der Meister sagte: „Geh nimm den Stoßkarren (denn Autos hatte die Firma nicht) und hol mal in Bettenhausen im Sauerstoffwerk 2 Flaschen Sauerstoff. Wie der Stift mit dem Stoßkarren den Freiheiter Durchbruch rauf kam, war dem Chef egal. Wenn schwere Güter vom Hauptbahnhof geholt oder hingebracht werden mussten, dann wurde ein schwerer Pritschenwagen genommen und 3 - 4 Stifte und 2 Gesellen zogen oder schoben den schweren Wagen die Ottostraße hoch.

Stoßkarren Bettenhäuser Str. ca. 1935
Stoßkarren Bettenhäuser Str. ca. 1935  Foto: @ Stadtteilzentrum Agathof e.V.
Prittschenwagen mit Lumpensammler
Prittschenwagen mit Lumpensammler  Foto: Bundesarchiv

Jeden Freitag musste ein Stift zur Dresdner Bank und einige Tausend Mark holen. Angst vor Überfällen braucht man damals kaum zu haben. Der Wochenlohn für einen Stift waren 2,00 Reichsmark (RM) im ersten Lehrjahr, im zweiten Lehrjahr 3,50 RM und im dritten Lehrjahr 4,00 RM. Mein Chef fragte mich, ob ich nicht jeden Abend 2 Überstunden machen wollte. Für eine Stunde bekam ich 0,10 RM. Ich sagte zu und hatte somit 2,00 RM mehr in der Woche: Von dem normalen Lohn (2,00 RM) musste ich die Hälfte zu Hause abgeben.

Urlaub hatten wir 14 Tage im Jahr. Nahm man an einem Zeltlager der Hitlerjugend teil, bekam man 21 Tage Urlaub.

Lutherplatz 1935
Blick aus dem Grünen Weg über den Lutherplatz zu den Türmen der Martinskirche im Hindergrund (Foto aus 1935)  Foto: @ Stadtteilzentrum Agathof e.V.
Karte Gewerb. Schule Hedwigstr 1928
Stadtplanausschnitt von 1943 mit der Gewerblichen Berufsschule in der Hedwigstrasse, die Willi Friedrich besuchte.  Foto: @ Stadtteilzentrum Agathof e.V.

Jeden Montag hatte ich Berufsschule von 8 - 13 Uhr und musste um 14 Uhr im Betrieb sein. Ich lief von der gewerblichen Berufschule für Knaben in der Hedwigstrasse 1 (heutige Standort des Hallenbades Mitte), am Lutherplatz, zum Möncheberg, wo ich damals wohnte; aß schnell einen Teller Suppe, holte mein Fahrrad vom Boden und fuhr zur Arbeit in den Grünen Weg. Ich war immer pünktlich.

Neben den Werkbänken, wo wir gerade gefrühstückt hatten, war eine große Bretterverkleidung. Es war die Toilette mit einem Toilettenbecken für alle Beschäftigten. Als Toilettenpapier nahmen wir Zeitungspapier, welches auf einem Haken aufgespießt war. Zwei Meter von dem Häuschen war die Gasanlage, wo man aus Karbid Gas erzeugte. Es war schon eine unhygienische Angelegenheit. Samstagmittag ab zwölf Uhr musste die Werkstatt gereinigt und die Maschinen geputzt werden. Um sechzehn Uhr kam der Chef oder die Chefin und nahm die Arbeit ab. Die Drehbank (Vorkriegsmodell mit Transmission Schütterberg), an der ich als Lehrling gearbeitet habe, wurde über eine Transmission angetrieben und hatte einen Räderkasten. Wollte man den Vorschub verändern oder Gewinde schneiden, so musste man die Wechselräder im Räderkasten wechseln.

Die Drehstähle, die wir benutzten wurden, vom Chef oder den Altgesellen geschmiedet, es war Naturstahl. Hartmetallstähle kannten wir kaum. Gekühlt wurde beim Drehen aus einer Konservenbüchse, welche mit einem Pinsel und Bohrwasser gefüllt war. Drehbankfutter und Planscheibe wurden mit Muskelkraft gewechselt. Um Passungen herzustellen standen nur Innen - und Außenmikrometer zur Verfügung. Als Stift musste ich auch ein Tagebuch führen, mit Zeitangabe der ausgeführten Arbeit, welche der Meister dem Kunden berechnete.

Zum Feierabend musste ein Stift einen Eisenklotz im Schmiedefeuer glühend machen und in eine ca. 60 cm hohe Wanne tauchen. Das Wasser durfte nicht zu heiß und auch nicht zu kalt sein. Dann wuschen sich die Gesellen die Hände und wir Stifte versuchten dann vielleicht zwischen zwei Gesellen hindurch zu greifen, um an das Wasser zu kommen. Handwaschmittel waren zum Teile Späne oder Bügelsägen und Sand. Das Gesicht wurde von der Belegschaft unter einem Wasserhahn mit kaltem Wasser gewaschen.

Lehrlinge beim Betriebssport Fa. Fieseler 1940
Foto: Fieseler Zeitung
Lehrlinge in der Lehrwerkstatt bei Fa. Fieseler 1940
Lehrlinge beim Betriebssport und in der Lehrwerkstatt der Fa. Gerhard Fieseler  Foto: Fieseler Zeitung

In den Großbetrieben, die zum Teil Musterbetriebe waren, hatten die Lehrlinge eine andere Ausbildung wie in den Handwerksbetrieben. Es fing morgens mit der Flaggenparade an, das bedeutet, die Flagge (Fahne) wurde in Anwesenheit aller Lehrling gehisst. Es wurde viel Sport und Schulunterricht im Betrieb durchgeführt. Die meisten Großbetriebe legten Wert, als Musterbetrieb, eingestuft zu werden.

Meine persönliche Meinung ist, dass man in einem Handwerksbetrieb zum Teil mehr gelernt hat als in einem Großbetrieb. Am 01. April 1941 bekam ich mit 16 Jahren den Gesellenbrief und am 01. Juli 1941 wurde ich in die Marine eingezogen.

Das war in groben Zügen der Ablauf meiner Lehrzeit.

Autor: Willi Friedrich

Editor: Erhard Schaeffer, 2011

Quelle:

  •  Bettenhausen - Erinnerungen wie es einmal war, Willi Friedrich 2003
  •  https://www.youtube.com/watch?v=c6X3riZim_U

Kurzbeschreibung

Willi Friedrich erinnert sich an seine Lehrzeit: "Ich begann meine Lehre bei der Firma Hans Rohde, Grünerweg 51, als Dreherlehrling am 1. April 1938. Es war eine Maschinenbauanstalt mit 12 Gesellen und 3 - 4 Lehrlingen und nochmals 12 Gesellen, welche auf Montage in der Spifa und im Gaswerk beschäftigt waren. Meine Vorstellung bei der Firma Henschel und Fieseler wurden leider abgelehnt, da keiner meiner Verwandten bei diesen Betrieben beschäftigt war. Beziehungen waren damals auch schon sehr hilfreich. Mein Wunschberuf war technischer Zeichner und somit nicht erfüllbar."

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