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„In diesem Bunker war ich im Zweiten Weltkrieg mit meiner Mutti“

Blick vom Turm der Kunigundiskirche auf den Bunker im Grünen, 2009

Blick vom Turm der Kunigundiskirche auf den Bunker, 2009
Foto: Bernd Schaeffer, Kassel

„In diesem Bunker war ich im Zweiten Weltkrieg mit meiner Mutti“, so Oskar Hölzer sichtlich bewegt, als ihm Elke Falk die Türen zum Luftschutzbunker Agathofstraße aufschließt. Fünf Jahre sei er damals jung gewesen, 1943 - ein kleiner Junge, der das Treiben um sich herum nicht richtig verstehen konnte, der nicht verstehen konnte, wieso sich die Menschen in der Angriffsnacht vom 22. Oktober bis 23. Oktober im Bunker drängten. Heute ist der der über 75-jährige ein Nachbar von Frau Falk, ihrerseits eine der vier Vorsitzenden des Rockbüro Kassel e.V.. Der gemeinnützige Verein verwaltet den Bunker seit 1993 als Musikübungsraumstätte für Jugendliche und Erwachsene. Oskar Hölzer geht mit ihr durch die Räume, lässt sich die alte Lüftungsanlage zeigen, die noch heute in Betrieb ist und hilft ihr bei der Gelegenheit auch gleich, den schweren Türschließer neu einzustellen, damit die laut knallende Stahltür am Eingang die Nachbarn nicht stört. „Darauf legen wir großen Wert, dass nach außen hin alles ruhig ist“, so Elke Falk.

Stahlschleusentür am Eingang, 2012
Stahlschleusentür am Eingang, 2012  Foto: Gerhard Böttcher, Kassel

Eine Nutzung des Bunkers zu Musikzwecken ist im Grunde ideal; Musik ist oft recht laut und durch die 1,4 Meter dicken Wände gelangt kein Hall nach draußen. Im Zweiten Weltkrieg jedoch waren es die dicken Wände nebst den dicken Stahltüren, die das Gebäude nach außen hin hermetisch abriegelten und Schutz vor Brand- und Sprengbomben boten. Der Bunker in der Agathofstraße 48a wurde zwischen 1941 und 1943 erbaut. Wenn man von oben über ihn fliegt, kann man ihn nicht als Bunker erkennen. Das war zur Tarnung vor Angriffen aus der Luft so gewollt, der Hochbunker passt sich von seiner Gebäudestruktur genau den ihn umgebenden Gebäuden an. Bis zu 680 Menschen fanden damals Platz in ihm – meist ab den Abendstunden, da die Angriffe in der Regel am Abend und in den Nachtstunden stattfanden.

Flur im Bunker mit Notbeleuchtung und Lüftungsleitungen
Lüftungsleitungen, Notbeleuchtung und Türen zu den Übungsräume der Musiker im Gang des Bunkers, 2012  Foto: Gerhard Böttcher, Kassel

Nach dem Ende des kalten Krieges in den 1990er Jahren entfiel die Zivilschutzbindung, und die Bunkeranlagen konnten einer friedlichen Nutzung zugeführt werden. Und was gibt es da Schöneres als Musik? Auch Oskar freut sich, als er sich die Räume ansieht und fragt, was das dort oben an den Decken der Räume sei. „Die Melder der Brandmeldeanlage“ so Elke Falk. Die wurde 2006 eingebaut. Ob die denn schon einmal angesprungen sei, fragt er und kann sich ein Lachen nicht verkneifen, als Frau Falk ihm erzählt, dass jene tatsächlich einmal angesprungen sei. Eine Band wollte in ihrem Raum saugen und der Staubsauger war defekt. Anstatt zu saugen vernebelte er den Raum in eine Staubwüste. Glücklicherweise kamen die Nutzer mit dem Schrecken davon.

Bunkerraum Rockbüro mit vielen Musikinstrumenten
Übungsraum für Musiker vom Verein -Rockbüro Kassel- im Agathofbunker, 2012  Foto: Gerhard Böttcher, Kassel

Heute proben im Bunker ca. 120 Musiker-innen vom jugendlichen Alter bis Mitte 50. Musik hält jung und die gemischte Altersstruktur war von Beginn an gewünscht. Das Rockbüro ist ein gemeinnütziger eingetragener Verein, der aus den Nutzern im Bunker selbst besteht. „War es einfach, den Bunker umzunutzen ?“ fragt Oskar Hölzer. „Oh nein“ so Elke Falk. Als sie damals noch als ABM bei der Landesarbeitsgemeinschaft Soziale Brennpunkte Hessen e.V. begann, den Weg der behördlichen Genehmigungsverfahren anzugehen, ahnte sie nicht, dass jener allein zwei Jahre in Anspruch nehmen sollte. Dazu kam, dass im Bunker weder ausreichende elektrische Beleuchtung noch Türen vor den einzelnen Räumen vorhanden waren. Auch die sanitären Installationen mussten nachgebessert werden. Gelder waren im übrigen auch nicht vorhanden, so dass alles fast illusionär gewesen wäre, wenn..., ja wenn nicht finanzielle Hilfe vom Kulturamt der Stadt Kassel und von der Kasseler Sparkasse gekommen wäre. Doch damit nicht genug; der Einbau der Türen und die elektrischen Installationen konnten nur mit Hilfe von Jugendausbildungsfirmen wie der Jafka und der Jugendwerkstatt Felsberg angegangen werden.

Nach und nach konnten wir so die Räume ausbauen und die Brandschutzvorschriften erfüllen, so Frau Falk. Die vielen Notleuchten, die Schutztüren in den Fluren und die Brandmeldeanlage konnten wir auch nur einbauen, weil uns das Kulturamt half und später Auflagengelder seitens des Finanzamtes kamen. Finanzieren können wir jene auch nur weil wir von da aus weiter Hilfe bekommen, auch die Firma L+S sponsort uns eine ihrer vier Wartungen im Jahr.

Eingang zum Musikbunker im Jahr 2005
Der Eingang zum Musikbunker im Jahr 2005  Foto: Erhard Schaeffer, Kassel

„Macht Ihr denn auch Veranstaltungen im Bunker“ fragt Oskar. „Nein“, so Frau Falk, „dazu sind die Räume zu klein, und das ist auch nicht gestattet." Dafür machen wir einmal im Jahr den beliebten Nachwuchswettbewerb „Rockbüro Bandcontest“, in dem Jugendliche aus Kassel und der Region ihr Können präsentieren können.

„Wissen Sie“ so sagt Oskar, „ich bin froh, dass der Bunker heute so genutzt wird, das verwischt auch ein wenig meine schweren Erinnerungen“, sagt er und hält einer ankommenden Band die Tür auf; junge Leute - geprobt werden darf im Bunker nämlich rund um die Uhr.

Elke Falk, Oktober 2013

 

Editor: Erhard Schaeffer, November 2013

 

Quellen:

  • ROCKBÜRO KASSEL E. V. Agathofstr. 48a
  • Fotos Bunker von 2012, Gerhard Böttcher Kassel

Kurzbeschreibung

Die Bunkerbauwerke als Zeugen des Zweiten Weltkrieges existieren noch heute in Kassel. Einer davon steht in der Agathofstraße 48a neben dem Stadtteilzentrum Agathof. Oskar Hölzer suchte als Kind zusammen mit seiner Mutter Schutz in diesem Bauwerk. Daran erinnert er sich bei einem Besuch in den Räumen des Rockbüros Kassel e.V..

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