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Handel im Wandel, Ladenverkauf auf engstem Raum

Hinter dem Zaun an der Endstation "Kirchgasse" ist der spätere Verkaufspavillion gut erkennbar.

Hinter dem Zaun an der Endstation "Kirchgasse" ist der spätere Verkaufspavillion gut erkennbar.
Foto: AK aus dem Archiv H. Schagrün, Niestetal

Wenn man im Jahr 2024 einen Lebensmittel-Supermarkt betritt, ist es aus kaufmännischer Sicht verbindlich, dass die gepflegte Präsentation von frischem Gemüse und leckerem Obst im Eingangsbereich beweist, dieser Markt ist sauber und führt nur auserlesene Ware. In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die zu verkaufenden Lebensmittel sehr viel schlichter offeriert. Als noch viele Gebäude in Schutt und Asche lagen und nicht alle Menschen ein Dach über dem Kopf hatten, wurden die Erzeugnisse der Einzelhändler häufig in eingeschossigen, behelfsmäßig bedachten Gebäuderuinen angeboten, oder der Verkaufsladen und das Lager befanden sich in einer einzigen kleinen, oft selbstgezimmerten Holzhütte.
Ein Holzbüdchen mit besonderer Anziehungskraft stand in der Leipziger Straße 175, direkt an der Straßenbahnhaltestelle „Kirchgasse“ auf dem Grundstück der Kirchengemeinde. Hier verkaufte Hermine Messerschmitt ab 1946 aus einer knapp zehn Quadratmetern großen Holzhütte mit Pappdach frisches Obst und Gemüse direkt aus der Kiste vom Erzeuger. Der dahinterliegende Friedhof war schon seit langer Zeit eingeebnet und das Schiff der Marienkirche lag noch in Trümmern. Das danebenstehende Haus Leipziger Straße 179 der Familie Fitsch war durch Bomben völlig zerstört worden. In der abzweigenden Kirchgasse betrieb der Fiat Händler Hartmut Fitsch in drei maroden, eingeschossigen Gebäuden seine erste bescheidene Autowerkstatt.

Beim Blick über dieLeipziger Straße stadteinwärst ist in 1923 die Verkaufshütte der Hermine Messerschmitt unter dem Baum kaum erkennbar.
Beim Blick über dieLeipziger Straße stadteinwärst ist in 1923 die Verkaufshütte der Hermine Messerschmitt unter dem Baum kaum erkennbar.  Foto: Turn-und Sportverein Bettenhausen 1888 e.V.

Hermine Messerschmitt, Jahrgang 1893, war eine gemütliche Händlerin mit einem großen Herz für Kinder. Im Winter trug sie einen dicken Wollmantel und selbstgestrickte Handschuhe, denn ihr Lädchen konnte nicht beheizt werden. Im Sommer hatte sie eine dunkelgrüne Schürze vor und bei Regen oder Sonne sorgte sie mit einem großen Marktschirm für den notwendigen Schutz ihrer empfindlichen Ware.

Die Butterbirne war eine beliebte Sorte
Die Butterbirne war eine beliebte Sorte  Foto: Helge Klaus Rieder, https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Gellerts_Butterbirne_Freilichtmuseum_Roscheider_Hof_Fr%C3%BCchte_H7.jpg

Eine Jugendfreundin von mir, die damals in der Leipziger Straße wohnte, erzählte mir erst kürzlich, welche freudigen Erinnerungen sie mit diesem Obstlädchen verbindet. Im Herbst, wenn die Birnen reif waren, durfte sie sich auf dem Weg zur Grundschule in der Eichwaldstraße gelegentlich noch schnell eine der geliebten Butterbirnen bei Frau Messerschmitt kaufen. Die nette „Alte“ hat sie jedoch nie mit nur einer Birne in die Schule gehen lassen.

Anfang der 1950er Jahre, Frau Messerschmitt hatte da schon das 60. Lebensjahr überschritten, half ihr zunehmend ihre Tochter Hedwig (gen. Hedi) Fiebig beim Verkauf der Ware und dem Transport der schweren Kisten. Die beiden Damen ergänzten sich gut. Während Hermine Messerschmitt immer sehr ruhig und etwas verschlossen wirkte, begrüßte ihre Tochter die Kunden oft mit heller Stimme und einem Lächeln im Gesicht. Nach der Fertigstellung der Marienkirche in 1954 war für die kleine Markthalle mit Obst und Gemüse kein Platz mehr an dieser Stelle. Hermine Messerschmitt zog sich aus dem Einzelhandel zurück.

 

Werbung von Minna Holzapfel für ihren Kolonialwarenladen, 1926
Werbung von Minna Holzapfel für ihren Kolonialwarenladen, 1926  Foto: Bruno Jacob, Bettenhausen-Chronik
Fiebig-Werbung in einer Chronik vom 1956
Fiebig-Werbung in einer Chronik vom 1956  Foto: Kurt Klehm, Bettenhausen Chronik 1956

Ihre Tochter Hedi übernahm 100 Meter weiter stadtauswärts das von Minna Holzapfel gegründete Lebensmittelgeschäft in der Leipziger Straße 181 Ecke Jakobsgasse. Zusätzlich zu dem Verkauf von Molkereiprodukten hat sie dort auch weiterhin mit Obst und Gemüse gehandelt. Das neue Geschäft hatte zwar nur ein wenige Quadratmeter mehr an Verkaufsfläche, war jedoch mit einer Kühltheke ausgestattet, verfügte über ein kleines Lager und einen Vorratskeller. Hier war Hedi Fiebig Einzelhändlerin mit Leib und Seele und gab sich täglich Mühe ihre Bettenhäuser Kundschaft zufrieden zu stellen.

An der Ecke Leipziger Straße/Jakobsgasse hatte Hedi Fiebig ihren Laden
An der Ecke Leipziger Straße/Jakobsgasse hatte Hedi Fiebig ihren Laden  Foto: B. Schaeffer, Kassel, 2024

Um näher an ihrem Laden zu wohnen, zog sie mit ihrer Familie von der Eichwaldstraße 78 in einen Neubau in der Leipziger Straße 187.
Da ihre Tochter Brunhilde Fiebig kein Interesse am Einzelhandel hatte, schloss Hedi Fiebig ihr Lädchen mit Erreichen des Rentenalters Mitte der 1970er Jahre.

Persönlich geführter Einzelhandel ist heute (2024) an der Leipziger Straße nicht mehr zu finden.

Text und Editor: B. Schaeffer, Juni 2024

Quellen:

  • Klehm, Kurt, Eine Chronik, Bettenhausen 1906 – 1956, Bettenhäuser Verlag, 1956
  • Ausgaben der HNA von 1960 und 1998 aufgerufen im Juni 2024
  • Schützenverein 1867 e.V. Bettenhausen, Heimat- und Schützenfest Bettenhausen im Juni 1957, Festschrift
  • Jacob, Bruno, Bettenhausen 1126 - 1926, Eigenverlag, 1926

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Kurzbeschreibung

Wenn man im Jahr 2024 einen Lebensmittel-Supermarkt betritt, ist es aus kaufmännischer Sicht verbindlich, dass die gepflegte Präsentation von frischem Gemüse und leckerem Obst im Eingangsbereich beweist, dieser Markt ist sauber und führt nur auserlesene Ware. In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die zu verkaufenden Lebensmittel sehr viel schlichter offeriert. Als noch viele Gebäude in Schutt und Asche lagen und nicht alle Menschen ein Dach über dem Kopf hatten, wurden die Erzeugnisse der Einzelhändler häufig in eingeschossigen, behelfsmäßig bedachten Gebäuderuinen angeboten, oder der Verkaufsladen und das Lager befanden sich in einer einzigen kleinen, oft selbstgezimmerten Holzhütte.

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