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Gefangen in der Schule

Helmut Schagrün 1944 als Schüler

(Portrait verbessert mit künstlicher Intelligenz)
Foto: Helmut Schagrün

Als die Kinder im Rahmen der Kinderlandverschickung aus der Stadt Kassel aufs Land gebracht wurden, missbrauchten die Nazis die Schulen als Zwangsarbeiterlager und vergitterten die Fenster. Der Zeitzeuge Helmut Schagrün, Mitglied des Geschichtskreises Bettenhausen früher und heute, schildert hier seine persönlichen Erinnerungen.

 

Zeitzeugenbericht von Helmut Schagrün aufgezeichnet durch Falk Urlen

"Hallo, mein Name ist Helmut Schagrün, geboren 1937 in Bettenhausen. Enkel von Carl Steinigk, geboren 1875, gestorben am 29.01.1945. Auf dem Schulhof der ehemaligen Bürgerschule 26 an der Eichwaldstraße befand sich im Zweiten Weltkrieg in einer großen Baracke ein Kriegsgefangenenlager. Unser Haus befand sich in der Osterholzstraße Nr. 21. Ich als 5-jähriger Junge kann mich noch gut daran erinnern, wie die Kriegsgefangenen unter Bewachung durch die Osterholzstraße getrieben wurden. Morgens zur Arbeitsstelle, wohl zu der Firma Fieseler und Junkers und so weiter als Rüstungsbetriebe, abends zurück ins Lager. Mein Großvater, ein bekennender Sozialdemokrat, musste das mit ansehen. Er gab mir in Zeitungspapier eingewickeltes Brot, welches ich am Rande des Randsteins niederlegen sollte. Beim Zurückkehren von der Arbeit nahmen sich die Gefangenen das Brot mit und freuten sich. Mein Großvater sagte mehrmals zu mir, ich sollte mich um Gottes Willen oder auf keinen Fall erwischen lassen, sonst bekäme er große Probleme. Wie schon bereits erwähnt, mein Großvater war ein bekennender Sozialdemokrat. Philipp Scheidemann war ein guter Freund von ihm. Er war schon vor der Gestapo im Visier und sollte geholt werden. Da mein Großvater bei den deutschen Ton- und Steinzeugwerken als Töpfer arbeitete, ebenfalls ein Werk im Bettenhausen in der Leipziger Straße, und eine Staublunge bekam, hatte man schon von seinem letzten Besuch zu Hause von einer Festnahme abgesehen. Er ist dann auch am 29.01.1945 verstorben."

Im Jahr 2009 beherbergt das renovierte Gebäude die Losseschule.
Im Jahr 2009 beherbergt das renovierte Gebäude die Losseschule.  Foto: Erhard Schaeffer, Kassel

Editor: Erhard Schaeffer, Februar 2023

 

Den Zeitzeugenbericht können Sie hier als mp3 Datei herunterladen.

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Kurzbeschreibung

Als die Kinder im Rahmen der Kinderlandverschickung aus der Stadt Kassel aufs Land gebracht wurden, missbrauchten die Nazis die Schulen als Zwangsarbeiterlager und vergitterten die Fenster. Der Zeitzeuge Helmut Schagrün schildert hier seine persönlichen Erinnerungen.

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