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Frau Schütte erinnert sich an Zwangsarbeiter im Kasseler Osten

Zwangsarbeiterlager des 2. Weltkriegs

Foto: @Stadtteilzentrum Agathof e.V.

Frau Schütte erinnert sich in ihrem Interview vom November 2003 für das Freie Radio Kassel an die Behandlung von Zwangsarbeitern und Juden.

Im Faustmühlenweg gab es in den vierziger Jahren ein weiteres (Zwangsarbeiter-)Lager, wo heute die Spinnfaserhäuser stehen, das sind die Miethäuser zwischen Kupferhammerstr. und der ehemaligen Waldkappeler Bahn.

Die Insassen des Lagers waren Frauen, die nicht mehr so konnten, sie durften sich hier etwas ausruhen. Die Bewacher waren lieb. Kontakt zu Bürgern konnte es kaum geben, weil der Lindenberg noch nicht bebaut war, es waren nur noch Reckmanns im Faustmühlenweg 17 und oben Groß.

Die Gefangenen bei Fieseler wurden fürchterlich behandelt. Da gab es einen Herrn x, der wohnte in der Fieseler-Siedlung. Der hat die Gefangenen drangsaliert. Mein Vater sah das, aber er durfte ja nichts sagen. Als die Gefangenen nach 1945 dann befreit wurden, haben sie den ganz fürchterlich geschlagen, ob sie ihn sogar totgeschlagen haben, weiß ich heute nicht mehr. Einmal kam mein Vater nach Hause und erzählte, der x hat sich heute wieder ganz fürchterlich benommen. Da beugte sich ein Gefangener über eine Tonne und wollte etwas Essbares herausholen. Da hat der ihn so in den Hintern getreten, dass der in die Tonne gefallen ist. Und auch mein Vater durfte dazu nichts sagen.

Aber als die Gefangenen frei waren, sollten Leute, wie mein Vater, der den Nazis immer negativ aufgefallen war, von diesen in einem Lastwagen noch schnell wegtransportiert werden. In der Königinhofstr. erkannten ihn aber die ehemaligen Zwangsarbeiter, hielten das Auto an und holten ihn herunter. Wer weiß, was sonst mit ihm passiert wäre. Deutsche konnten sich auch am Sonntag einen solchen Gefangenen ausleihen, wenn sie irgendetwas zu arbeiten hatten. Wir hatten einmal so ein armseliges Kerlchen, den lieh sich mein Vater aus, um ihm etwas zukommen zu lassen, die Gartenarbeit konnte er eigentlich auch selber machen. Aber der grub auch wirklich im Garten um. Zum Mittagessen gab es Schweinebraten und Rotkraut, und der Gefangene hat ordentlich zugelangt. Mein Vater konnte sich auf ihn hundertprozentig verlassen, darum brauchte er ihn nicht zurückzubringen, wenn der sagte, er geht wieder ins Lager, dann ging er auch. Am nächsten Tag kam er aber nicht zur Arbeit und mein Vater war schwer in Ängsten. Aber dann hörte er, dass der krank geworden war, er hatte so viel gegessen und das nicht vertragen. Er hatte sich aber wenigstens einmal ordentlich satt gegessen.

Ich arbeitete in der Schillerstraße. Da marschierte einmal ein Zug Juden durch. Einer trat aus der Reihe und band sich den Schnürsenkel. Da kam ein deutscher Soldat und trat diesen mit aller Wucht in den Hintern. Das ist alles, was ich damals mit Juden erlebt hatte.

Redaktion: Falk Urlen

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Kurzbeschreibung

Frau Schütte erinnert sich in ihrem Interview vom November 2003 für das Freie Radio Kassel an die Behandlung von Zwangsarbeitern und Juden.

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