Hessen
Skip to Content

Franziska und der Liebe Gott - Eine Privatkapelle in Bettenhausen

Freudenthalstraße 9, 1976

Freudenthalstraße 9, links Schuppen und Turm mit Kreuz
Foto: HNA 10.09.1976

Eine alte alleinstehende Frau in Kassel sorgte dafür, dass vom Papst und der offiziellen Lehre der katholischen Kirche abgefallene Traditionalisten zu ihrer ersten Kapelle in Deutschland kamen. Kurz vor ihrem Tod hatte die 92jährige Franziska Fandel ihr Testament geändert und ihren Besitz, zu dem auch die Kapelle gehörte, deutschen Anhängern des vom Papst suspendierten französischen Bischofs Marcel Lefebvre vermacht. Inzwischen hat der Fuldaer Bischof das bisher für kirchliche Handlungen genutzte Gebäude wieder für profan erklärt.

Franziska Fandel, geb. Mock war eine tief religiöse Frau. 1884 geboren, zog sie mit ihrem Mann Ferdinand nach Kassel. In Bettenhausen, der Gartenstadt Eichwald erwarben die Eheleute das Haus in der Freudenthalstr. 9.

Franziska Fandel versammelte gläubige Katholiken um sich. Ein zum Haus gehöriger Schuppen diente als Versammlungsraum. Auf Betreiben der verwitweten Franziska Fandel, ihr Mann starb am 14.05.1962, stimmte 1966 der damalige Fuldaer Bischof Adolf Bolte, der über 100 Kirchen und Kapellen installierte, der Benediktion – einer Segnung, keiner Weihung – dieses Versammlungsraumes zu. Es entstand die Privatkapelle Fandel. Damit konnten regelmäßige Gottesdienste- meist am Wochenende – mit Eichwälder Bürgern gefeiert werden. Die Gottesdienste hielten Pfarrer des Stadtteils.   

Im Jahr 1976 wurde bekannt, das sich in der Kapelle – wöchentlich meistens Dienstags – eine bestimmte Gruppe von Anhängern des französischen Bischofs Marcel Lefebvre – angeblich 20 bis 25 Menschen unter Leitung eines Lehrers trafen.

Glasfenster aus Kapelle Fandel, 2014
Drei erhaltene Glasfenster in der ehemaligen Privatkapelle  Foto: E. Resch, 2014

Marcel Franscois Marie Joseph Lefebvre wurde  am 29.11.1905 in Tourcoing, Nord-Pas-de-Calais, Frankreich,  geboren.

Marcel Lefebvre war römisch-katholischer Erzbischof und ein Anführer katholischer Traditionalisten, die wesentliche Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 – 1965) ablehnten: darunter die Theologie und praktische Folgen von Nostra Aetate, den Ökumenismus und die Liturgiereformen seit 1965. 1969 wurde Lefebvre wegen Pristerweihen ohne Weiheentlassschreiben von Papst Paul VI. suspendiert, 1988 zog er sich unter Papst Johannes II. wegen unerlaubter Bischofsweihen die Tatstrafe der Exkommunikation zu.

Lefebvre, Marcel, 1981
Foto: Marcel Franscois Marie Joseph Lefebvre 1981

Franziska Fandel, die alte Dame, die auch lyrische Gedichte und Geschichten schrieb, wollte ihr Eigentum der katholischen Kirche vermachen. Es sollte eine soziale Einrichtung geschaffen werden. Im Alter von 92 Jahren, kurz vor ihrem Tod, änderte sie ihr Testament zu Gunsten der Traditionalisten.

In einem Gespräch zu dieser Zeit mit dem Dechant Monsignore Josef Mönninger erhielt dieser den Eindruck, dass Franziska Fandel die Situation nicht mehr einschätzen konnte. Sie schien nicht zu erkennen, dass hier etwas geschah, was nicht im Sinne der katholischen Kirche lag, zu der sie sich so stark hingezogen fühlte.

Am 03.06.1976 starb Franziska Fandel.

Am 25. 03. 1991 verstarb der Bischof in Martigny, Schweiz.

Nachdem der Fuldaer Bischof die Segnung als Privatkapelle aufgehoben hatte, sagte Dechant Mönninger, ist der Versammlungsraum nicht mehr anders zu bewerten als etwa der Saal einer Gastwirtschaft.

Text: Elke Resch, Dezember 2014

Quellen:

  • HNA-Archiv
  • Wikipedia
  • Bistum Fulda
  • Stadtarchiv Kassel

Kurzbeschreibung

Eine alte alleinstehende Frau in Kassel sorgte dafür, dass vom Papst und der offiziellen Lehre der katholischen Kirche abgefallene Traditionalisten zu ihrer ersten Kapelle in Deutschland kamen. Kurz vor ihrem Tod hatte die 92jährige Franziska Fandel ihr Testament geändert und ihren Besitz, zu dem auch die Kapelle gehörte, deutschen Anhängern des vom Papst suspendierten französischen Bischofs Marcel Lefebvre vermacht. Inzwischen hat der Fuldaer Bischof das bisher für kirchliche Handlungen genutzte Gebäude wieder für profan erklärt.

© Copyright 2018-2019 - Hessisches Ministerium für Soziales und Integration
Back to top