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Eine ganze Siedlung unter Denkmalschutz - aber: "Wir waren das Volk!"

Familie Möller in der Radestraße vor ihrem neuen Haus

Familie Möller in der Radestraße vor ihrem neuen Haus
Foto: @Falk Urlen

1989 erfuhren die Einwohner des Siedlungsgebietes der ehemaligen Fieseler-Siedlung aus den "Amtlichen Bekanntmachungen" der HNA, dass die gesamte Siedlung unter Denkmalschutz steht. Den Bürgerinnen und Bürgern gelang es aber unter Einsatz aller Möglichkeiten, dass nicht nur auf den Denkmalschutz, sondern auch auf einen Bebauungsplan verzichtet wurde.

Wem ist das schon jemals gelungen, aus dem Denkmalschutz wieder herauszukommen? Ich glaube, uns gelang etwas Einmaliges . Aber der Reihe nach:

In den 70er Jahren – ich war Vorsitzender der Siedlergemeinschaft-Forstfeld – besuchte mich ein Mitarbeiter der Stadt und eröffnete mir, dass unsere Siedlung unter Denkmalschutz gestellt werden sollte.  Der erste Gedanke war, dass sei ja schmeichelhaft, aber nach genauerer Nachfrage ergab sich der eigentliche Grund: Unsere Siedlung war in den 30er Jahren die modernste Arbeitersiedlung Deutschlands (Toilette im Haus), die einzige, die angeblich auch noch gut erhalten war.

Ich trug den Siedlern das Ansinnen vor und sofort erhob sich ein Proteststurm. Natürlich wollte niemand, dass wir wieder in die dreißiger Jahre zurückversetzt würden: Staketenzaun, Sprossenfenster, keine Anbaumöglichkeiten. Ein Siedler der ersten Stunde sagte: "Das ist unglaublich, zuerst haben uns die Nazis vorgeschrieben, wo in jedem Garten der gleiche Baum stehen soll, wo überall der gleiche Weg verläuft und jetzt kommen die demokratischen Denkmalschützer und wollen uns wieder genauso gängeln".

Natürlich sprachen wir uns dagegen aus und ich gab das Ergebnis weiter. Dann hörten wir 12 Jahre nichts mehr von der Geschichte – für uns war das Ganze erledigt, bis wir dann vor vollendete Tatsachen gestellt wurden. Im Februar 1989 lasen wir in den Amtlichen Bekanntmachungen der HNA, dass die Forstfeldsiedlung weitgehend unter Denkmalschutz stünde.

Die Mitglieder der Siedlergemeinschaft schrieben jetzt Leserbriefe, sammelten Unterschriften, die Parteien wurden aktiv (öffentlich und im Stillen). Was uns aber besonders half: es war Kommunalwahlkampf.

Kurz vor der Wahl gab der Forstfelder CDU-Stadtverordnete ein Flugblatt mit folgenden Text heraus: „Das ist das Schlimmste, was einem Hausbesitzer passieren kann. Gegen Feuer, Wasser, Einbruch  kann man sich versichern, gegen Denkmalschutz nicht. Der Wert Ihres Hauses sinkt damit gewaltig... Damit sind Sie der Willkür der Verwaltung hoffnungslos ausgesetzt.“

Der Magistrat war aufgrund dieser  Aussagen verärgert und gab ein Flugblatt heraus, welches die seiner Auffassung nach unrichtigen Aussagen klar stellte und auch Vorteile des Denkmalschutzes nannte.

Der Forstfelder SPD-Vorsitzende reagierte auch schnell. Er initiierte eine öffentliche Veranstaltung mit Oberbürgermeister Hans Eichel, Stadtbaurätin Christiane Thalgott und Professor Dr. Kiesow, dem damaligen Chef des Denkmalschutzes in Hessen – eine Woche vor der Wahl. Zuvor gab es eine Ortsbegehung. Die für den Kasseler Denkmalschutz zuständige Mitarbeiterin hielt die Karte verkehrt herum und ich sollte ihr sagen, was Sache ist. Die Stimmung war so hochgekocht, dass ich es mir nicht verkneifen konnte, auf die Qualität der für den Denkmalschutz Zuständigen eine böse Bemerkung zu machen. Die Dame stampfte mit dem Fuß auf die Erde und ging.

Fast 300 Menschen kamen, der Gemeindesaal der St. Andreas-Gemeinde war brechend voll, dicht gedrängt standen die Menschen und ich, da ich ja noch Ortsvorsteher war, sollte auf Wunsch von Hans Eichel moderieren – ohne Verstärkeranlage. Die Wogen gingen hoch und nach intensiver Diskussion, bei der die Denkmalschützer nicht geschont wurden, meinte ich, dass die Verantwortlichen doch einmal das Meinungsbild der Anwesenden mitnehmen sollten – ich fragte die Anwesenden, wer denn für den Denkmalschutz sei. Ganz hinten erhob sich zaghaft eine Hand – das war’s. Ich erhielt von den Denkmalschutzfunktionären giftige Blicke und unter Kopfschütteln die Frage: „Wie kann man nur über Denkmalschutz abstimmen lassen!“.

In die Enge getrieben, konnte Prof. Kiesow dann nicht anders, als zu erklären, dass er nach Besichtigung der Siedlung die Entscheidung seines Mitarbeiters nicht voll nachvollziehen könne, da nur noch wenige Gebäude vorhanden seien, die noch nicht verändert seien.

„Daher, so versprach der Landeskonservator nach langer, heftiger Diskussion, werde alles noch einmal genau überprüft. Und nachdem es ihm nicht gelungen war, die Forstfelder von der Bedeutung des Denkmalschutzes für die Stadtgestalt und das historische Bewusstsein der Menschen auch in ihrem Stadtteil zu überzeugen, gestand er auch noch zu, dass die per Handzeichen durchgeführte fast einstimmige Ablehnung der Forstfelder gegen jeglichen Denkmalschutz bei der Prüfung eine Rolle spielen werde. Erleichterung machte sich daraufhin breit, ohne dass die Skepsis vollends wich.“

Oberbürgermeister Hans Eichel erklärte außerdem, dass er immer betont habe, in Kassel werde der Denkmalschutz in keinem Fall auf dem Rücken von einkommensschwächeren Bürgern ausgetragen.

Monate später revidierte das Landesamt für Denkmalschutz die von den Forstfeldsiedlern als Versprechen interpretierte Aussage des Landeskonservators. Es erklärte, dass die Siedlung nach wie vor unter Denkmalschutz stünde, obwohl der Magistrat bereits an einem neuen Bebauungsplan arbeitete, nach dem Veränderungen in vorgegebenem Umfang möglich sein sollten. Als Frau Thalgott, die Baudezernentin diese Pläne vorstellte, kochte die Siedlerseele vollkommen über.

An den Häusern sollte nichts verändert werden, dafür aber in 5 m Abstand hinter dem Wohnhaus ein weiteres kleineres Haus errichtet werden können, das durch einem Gang mit dem Haupthaus verbunden werden könnte. Ein aufgebrachter Bürger wollte wissen, ob er dann im Nachthemd vom Wohnzimmer im Altbau ins Schlafzimmer im Neubau gehen solle. Zum Abschluss der Sitzung jedenfalls lehnten alle Ortsbeiratsmitgleider diese Pläne ab.

Im März führte der Ortsbeirat dann noch einmal in der Turnhalle der Schule Am Lindenberg eine Ortsbeiratssitzung durch, in der Bürgerinnen und Bürger Plakate angebracht hatten, die Prof. Kiesow als Lügner hinstellten. Der  Vorsitzende der Siedlung übergab 300 Unterschriften unter der Forderung: „Wir Bürger der Forstfeld-Siedlung wehren uns gegen die Bevormundung durch Denkmalschutz bzw. Bebauungsplan. Wir möchten auch in Zukunft über den An- und Ausbau unserer Häuser - natürlich im Rahmen der Bauvorschriften - frei entscheiden. Wir wollen dem 3. Reich kein Denkmal setzen!“

Das war’s dann, wir waren das Volk und haben uns über unseren Erfolg gefreut. Geklappt hat das alles nur, weil wir - auch parteiübergreifend - zusammengehalten und zusammengestanden haben. Im Nachhinein muss gesagt werden, dass der Inhalt des CDU-Flugblattes den Volkszorn in Forstfeld so richtig aufgeheizt hat. Mehrfach setzte sich danach die neue Ortsvorsteherin beim neuen Ministerpräsidenten Hans Eichel dafür ein, dass die gegebenen Versprechen auch gehalten wurden. Das alles und die Aktivitäten des Ortsbeirates trugen  in dieser Sache dazu bei, dass in der Forstfeldsiedlung wieder Ruhe einkehrte. Auf einen Bebauungsplan wurde verzichtet.

Interessantes am Rande:

Petra Wettlaufer-Pohl schrieb in ihrem Kommentar am 23.2.1991 in der HNA:

„Es ist halt leichter, ein Schloß, ein altes Fachwerkhaus oder eine Jugendstilvilla zum Denkmal zu erklären, als sich in einer Arbeitersiedlung mit den kleinen Leuten herumzuschlagen, die für die hehren Ziele keinen Sinn haben. Nein, das Landesamt reicht den Schwarzen Peter einfach an die Stadt weiter, die ohnehin die ganze Zeit als Prügelknabe herhalten mußte. Denn die Forstfelder im Sinne der Stadtgestalt und trotz der vielen unschönen Veränderungen für künftige Planungen von der Qualität der Siedlung zu überzeugen, an dieser Aufgabe hat sich nichts geändert.

Pikant am Rande: Prof. Dr. Gottfried Kiesow (FDP) wartete genau bis drei Tage nach der Wahl mit der Verkündung seiner Entscheidung; wohl um zu verhindern, daß Hans Eichel die Lorbeeren dafür im Forstfeld einheimst. Ganz abgesehen davon, daß der SPD-Kandidat sich dieses Stadtteils auch so sicher sein konnte, hat Kiesow der örtlichen CDU damit keinen Gefallen getan. Die nämlich hätte den „Erfolg“ wirklich gerne auf ihre Fahne geschrieben.“

Editor: Falk Urlen, Juli 2012

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Kurzbeschreibung

1989 erfuhren die Einwohner des Siedlungsgebietes der ehemaligen Fieseler-Siedlung aus den "Amtlichen Bekanntmachungen" der HNA, dass die gesamte Siedlung unter Denkmalschutz steht. Den Bürgerinnen und Bürgern gelang es aber unter Einsatz aller Möglichkeiten, dass nicht nur auf den Denkmalschutz, sondern auch auf einen Bebauungsplan verzichtet wurde.

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