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Dr. h.c. Johann August Kaupert, - Topograf, Kartograf und „stiller Gehilfe“

Dr. h. c. Johann August Kaupert, 1892

Dr. h. c. Johann August Kaupert, 1892
Foto: Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik XIV (1892), S. 521–524

Schon zur Zeit der hessischen Kurfürsten, also vor 1866, gab es in Hessen flächendeckende topografische Kartenwerke in verschiedenen Maßstäben. Zwischen 1840 und 1861 entstand die sogenannte „Niveaukarte von Hessen“ im Maßstab 1:25 000 mit zusammen 112 Blättern. Durch die eingetragenen Höhenschichtlinien, die Auskunft über die dritte Dimension lieferten, wird für den Fachmann erkennbar, dass der Aufwand an Vermessung und Kartografie sehr hoch gewesen ist. Der Kasseler Johann August Kaupert (1822 – 1899) gehörte als einer der wenigen nicht militärisch ausgebildeten Kartografen zu dem Stab, der den Auftrag hatte, diese topografische Karte anzufertigen. Mit seiner Familie wohnte er in der Nähe des kurfürstlichen Schlosses in Kassel. Zusammen mit dem Geometer Georg Ise war er 1858 auch in Bettenhausen „Vor dem Leipziger Thore, an der Chaussee 36 ½“ neben dem Fuhrmann Rohde im Adressbuch eingetragen, da dort vermutlich die Messgeräte und Werkzeuge gelagert waren. Mit dem bewegten und sehr erfolgreichen Arbeitsleben von Dr. J. A. Kaupert beschäftigt sich der folgende Beitrag.

Johann August Kaupert wurde am 9. Mai 1822 in Kassel als dritter Sohn des Goldschmieds und Graveurs Christian Wilhelm Kaupert (1786–1863) geboren. Seine Brüder waren der Gold- und Silberschmied Werner Kaupert und der Bildhauer Gustav Kaupert. 
Die angesehene Familie wohnte unter der Adresse „ Vor dem Schloß 5“ in der Nähe der Altstadt. Unter der Anleitung seines Vaters erwarb sich der junge J. A. Kaupert schon frühzeitig beachtenswerte Fertigkeiten im Zeichnen und Kupferstechen.

Bettenhausen in 1859, Niveaukarte von Hessen 1:25000
Bettenhausen in 1859, Niveaukarte von Hessen 1:25000  Foto: Hist. Karten Kurfürstentum Hessen

Zwischen 1840 und 1861 entstand im Kurfürstentum Hessen die sogenannte „Niveaukarte von Hessen“ im Maßstab 1:25 000 mit zusammen 112 Blättern. Der Kurfürst hatte erkannt, dass ein Kartenwerk mit dem lagerichtigen Eintrag von Straßen, Gewässern, Gebäuden und Höhen von grundlegender Bedeutung für die Entwicklung der Wirtschaft und Verwaltung seines Landes war. Die kurhessische topographische Landesvermessung in Kassel stand unter der Leitung des Oberst Heinrich Wiegrebe, Chef der Messtischaufnahme war der Hauptmann Ferdinand von Pfister.
In dieser staatlichen Einrichtung begann der talentierte J. A. Kaupert in 1841 seine Ausbildung zum Landmesser und Kartografen. Die mit Fleiß und großem Ehrgeiz erworbenen Fachkenntnisse während seines Studiums als Geometer (Polytechnikum Kassel) vertiefte Kaupert durch Arbeiten in Fulda. Er erwarb sich das Vertrauen seiner Vorgesetzten und wurde 1850 zum Leiter der Messtischaufnahme berufen, obwohl er, entgegen der damaligen Gepflogenheiten, keinen militärischen Dienstgrad erworben hatte.

Kippregel hergestellt von der Fa. Breithaupt aus Kassel
Kippregel hergestellt von der Fa. Breithaupt aus Kassel  Foto: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 1905

In den folgenden Jahren reiste er, meist im Sommer, im Kurfürstentum Hessen umher und nahm mit der Kippregel (historisches Vermessungsinstrument mit dem vom Messtisch aus polare Punkte aufgenommen werden können) persönlich mehr als 60 Quadratmeilen (~ 5000 qkm) auf. Zusätzlich prüfte er einen großen Teil der übrigen Vermessungsergebnisse für das Kartenwerk. Die zum Druck der Karten notwendigen Lithografien übernahm 1857 K. Urmann aus Kassel.

Leipziger Straße 187 (alt 36 1/2) in den 1930er Jahren
Leipziger Straße 187 (alt 36 1/2) in den 1930er Jahren  Foto: @Stadtteilzentrum Agathof e. V.

Die Messtrupps zur topografischen Aufnahme hatten zu Kauperts Zeiten eine umfangreiche Ausstattung, die über größere Strecken nur mit der Bahn oder dem Fuhrwerk zu transportieren war. Ein Messtrupp mit einem Landmesser und zwei Messgehilfen nahm in der Regel folgende Ausrüstungsgegenstände mit ins Feld. Ein Stativ mit Messtisch und Kippregel, einen großer Schirm gegen Regen oder Sonne, ein Dutzend Fluchtstäbe, zwei Messlatten von vier Meter Länge zum Aufhalten auf die Geländepunkte und dazu Werkzeuge zum Graben und Auslichten.
 

Leipziger Straße 187, 1907
Leipziger Straße 187, 1907  Foto: Ausschnit der Karte der Stadt Kassel, 1:2000, 1907

J. A. Kaupert und der Geometer Georg Ise findet man im Kasseler Adressbuch von 1858 unter der Adresse „ vor dem Leipziger Thore an der Chaussee 36 1/2 „ wo sehr wahrscheinlich auch die oben beschriebene Ausrüstung eingelagert war. Heute (2020) steht an dieser Stelle das Haus Leipziger Straße 187.

1860 erkundigte sich der preußische Hauptmann und Kartograf Emil von Sydow (1812 – 1873) ob Kaupert bereit sei, in die topografische Abteilung des preußischen Generalstabs zu wechseln. Das von Kaupert bei seinen Vorgesetzten eingereichte Abschiedsgesuch wurde ihm verweigert, stattdessen wurde er zum technischen Vorstand des „Bureaus der allgemeinen Landesvermessung“ berufen.

In der folgenden Zeit war er an der Bearbeitung und Herausgabe mehrerer großer amtlicher Kartenwerke des Kurfürstentums Hessen beteiligt (z. B. des Topographischen Atlas (1840–1858), 40 Blätter in 1: 50 000 und der beiden Generalkarten (1860), 2 Blatt, in 1: 200 000 und 1 Blatt in 1: 300 000).
Daneben hielt er noch Vorlesungen vor den Offiziersschülern des Generalstabs über das topografische Aufnehmen und Zeichnen von Karten.

Im Winter 1861 gab der Finanzminister des Kurfürstentums Hessen J. A. Kaupert den Auftrag für eine Serie von geplanten Kassenscheinen (eine Form von Papiergeld im 19. Jahrhundert) die Entwürfe zu zeichnen, die, je nach Geldwert, unterschiedlich ausfallen sollten. Kaupert legte im Oktober 1861 seine Entwürfe vor, an dem auch sein in Rom lebender Bruder Gustav mitgewirkt hatte. Am 4. November 1861 entschied die Direktion der Hauptstaatskasse, dass Kauperts Entwurf des Zwanzigtalerscheins für den Zehntalerschein Verwendung findet.

Zehntaler Kassenschein
Zehntaler Kassenschein  Foto: https://www.numisbids.com/n.php?p=lot&sid=3416&lot=6071

Nachdem 1866 das Kurfürstentum Hessen seine Selbstständigkeit verloren hatte und preußisch wurde, wechselte J. A. Kaupert 1869 als Vermessungsdirigent der topografischen Abteilung des Großen Generalstabs nach Berlin.
Im Krieg gegen Frankreich (1870/71) zog Kaupert mit der unter dem Befehl des Obersten von Sydow stehenden preußischen Kriegskartenabteilung ins Feld. Bei der Belagerung von Paris konnte er in kürzester Zeit aus den von den Franzosen erbeuteten lückenhaften Kartenvorlagen einen Festungsplan der Stadt entwerfen. Die von Kaupert geschaffenen Karten halfen, die Belagerung der Stadt in kurzer Zeit erfolgreich zu beenden. Später, am Schluss des Krieges, dienten diese Karten dem Generalstab als Dokumentation über den Verlauf des Feldzuges.

Karte von Paris 1878
Karte von Paris 1878  Foto: • https://www.loc.gov/maps/?dates=1870/1879&q=Paris&st=slideshow#slide-1 (aufgerufen 20.08.2020)

Ab 1871 widmete sich J. A. Kaupert der Arbeit an den Messtischblättern der preußischen Landesaufnahme im Maßstab 1:25 000 und bildete junge Landmesser zu fachkundigen Ingenieurkartografen aus.
Bei der Neuorganisation der preußischen Landesvermessungsbehörden 1875 übertrug ihm Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke (1800 – 1891) die Redaktion der „Karte des Königreichs Preußen“ im Maßstab 1:100 000, hergestellt in der kartografischen Abteilung der Landesaufnahme des Großen Generalstabs.

Ausschnitt der Karte von Athen, 1875
Ausschnitt der Karte von Athen, 1875  Foto: Verlag Dietrich Reimer in Berlin

Etwa zur gleichen Zeit entdeckte er während eines Urlaubs in Athen sein Interesse an der Archäologie. Zusammen mit dem Archäologen und Historiker Ernst Curtius (1814 – 1896) nahm er im Auftrag des Deutschen Archäologischen Instituts die Topographie von Athen und Umgebung auf. Nach seiner Heimkehr konnte er auf der Grundlage seiner Studien eine „Rekonstruktion des antiken Athens zur Zeit des Periegeten Pausanias“ veröffentlichen. In 1877 reiste er mit Curtius ein zweites Mal nach Athen, um seine früheren Vermessungen zu ergänzen. 1878 erschien im Verlag Dietrich Reimer in Berlin, der von beiden Freunden gemeinsam bearbeitete „Atlas von Athen“ in 12 Blättern; bis heute ein Klassiker. Bis Anfang der 1890er Jahre hat Kaupert auch an anderen antiken Stätten (Olympia, Attika) topografische Karten aufgenommen.

Die philosophische Fakultät der Universität Straßburg ernannte ihn 1889 wegen seiner vielfältigen Verdienste um die Topografie und Kartografie zum Ehrendoktor (Dr. h.c.)
1891 feierte er allseits geehrt und anerkannt sein 50. Dienstjubiläum. Geweckt von der Musik einer Militärkapelle nahm er im Laufe des Tages die Glückwünsche seiner Vorgesetzten und Kollegen aus dem Generalstab und der Landesaufnahme entgegen.
Rüstig bis zum 70. Geburtstag nahmen danach seine geistigen und körperlichen Kräfte zunehmend ab. Am 11. Februar 1899 starb Dr. h.c. Johann August Kaupert hochdekoriert als Geheimer Kriegsrat in Berlin wo er auch beigesetzt wurde.
Generalfeldmarschall Graf von Moltke, selbst kein Mann großer Worte, pflegte Kaupert als seinen „stillen Gehilfen“ zu bezeichnen.

Text und Editor: Bernd Schaeffer, August 2020

Quellen:

  • Kippregel aus Meyers Großes Konversations-Lexikon, 1905
  • Das Papiergeld des Kurfürstentums Hessen, Methoden staatlicher Schuldenaufnahme im 19. Jahrhundert Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Grades eines Doktors der Philosophie des Fachbereichs Geschichte und Kulturwissenschaften der Philipps-Universität Marburg, vorgelegt von Andreas Kaiser, Marburg 2003
  • Zehntaler, www.numisbids.com/n.php
  • DVW Hessen 1/2014, B. Heckmann, Zum 150. Todestag von Christian Ludwig Gerling
  • Engelmann, Gerhard, "Kaupert, Johann August" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 371 f. [Online-Version]; URL: www.deutsche-biographie.de/pnd116078324.html
  • Beilage zur Allgemeinen Zeitung 1892, Nr. 108. – Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik XIV (1892), S. 521–524 (mit Bildnis)
  • www.lagis-hessen.de/de/subjects/browse/id/2/sn/hkw
  • de.wikipedia.org/wiki/Topografie_(Kartografie)
  • Adressbücher der Stadt Kassel, verschiedene Jahrgänge
  • www.loc.gov/maps/, aufgerufen 20.08.2020

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Kurzbeschreibung

Schon zur Zeit der hessischen Kurfürsten, also vor 1866, gab es in Hessen flächendeckende topografische Kartenwerke in verschiedenen Maßstäben. Zwischen 1840 und 1861 entstand die sogenannte „Niveaukarte von Hessen“ im Maßstab 1:25 000 mit zusammen 112 Blättern. Durch die eingetragenen Höhenschichtlinien, die Auskunft über die dritte Dimension lieferten, wird für den Fachmann erkennbar, dass der Aufwand an Vermessung und Kartografie sehr hoch gewesen ist. Der Kasseler Johann August Kaupert (1822 – 1899) gehörte als einer der wenigen nicht militärisch ausgebildeten Kartografen zu dem Stab, der den Auftrag hatte, diese topografische Karte anzufertigen. Mit seiner Familie wohnte er in der Nähe des kurfürstlichen Schlosses in Kassel. Zusammen mit dem Geometer Georg Ise war er 1858 auch in Bettenhausen „Vor dem Leipziger Thore, an der Chaussee 36 ½“ neben dem Fuhrmann Rohde im Adressbuch eingetragen, da dort vermutlich die Messgeräte und Werkzeuge gelagert waren. Mit dem bewegten und sehr erfolgreichen Arbeitsleben von Dr. J. A. Kaupert beschäftigt sich der folgende Beitrag.

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