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Die Unterneustädter Mühle mit dem Kleinen Finkenherd

Blick von der Fuldabrücke auf den kleinen Finkenherd und das alte Steinwehr, rechts der Einlauf zum Mühlgraben und die Unterneustädter Mühle um 1900

Blick von der Fuldabrücke auf Unterneustädter Mühle mit dem Kleinen und Großen Finkenherd
Foto: Stadtarchiv Kassel

Zu den wichtigen Mühlen der Stadt Kassel gehörte nach der großen Ahnaberger Mühle, die am großen Finkenherd lag, die Unterneustädter Mühle mit dem kleinen Finkenherd. Beide waren im Besitz des Ahnaberger Klosters und wurden im Zuge der Säkularisierung der Klöster von Landgraf Philipp 1526 enteignet. Bereits 1398 wird eine Walkmühle auf dem Fuldawehr erwähnt, die zwischen dem großen Finkenherd an der damaligen Ahnemündung und dem kleinen Finkenherd am Neustädter Ufer zu finden war. Dieses Datum 1398 dokumentiert auch gleichzeitig der erste urkundliche Erwähnung der Unterneustädter Mühle. Die Mühle wurde von Landgraf Philipp 1538 abgerissen. Nach einem eingemeißelten Spruchband am südlichen Tor wurde sie 1545 wieder aufgebaut.

Mühle vom Mühlenplatz mit Sicht auf zwei Tore in der großen Sandsteinmauer des Gebäudes
Unterneustädter Mühle am Mühlenplatz Aufnahme vom Mühlengasse  Foto: Stadtarchiv Kassel

Der massive Bau war der nördlichste Punkt der Befestigungsanlage und sicherte die offene Fuldaseite zur Ahnaberger Mühle hin mit mehreren Geschützen ab. Beim Neubau der Mühle leisteten die Bürger Frondienste,"die von Cassel länger dann drey Wochen zu Dienst Tag und Nacht Wasser geschöpft haben",  lässt vermuten, dass essich bei diesen um Einheimischen ausgeführten Nebenarbeiten um Frondienste handelt. Die Arbeiten samt Innenarbeiten dauerten sieben Jahre (1538 – 1545).1614 wurde die Mühle durch Landgraf Moritz erneuert und im Mühlenregister als Mahl-, Schneid-, Schlag-und Bohrmühle umbenannt. Später hatte sie die Funktion einer Schleifmühle. Ausgestattet mit 10 Mühlrädern und 12 Gängen war sie zur damaligen Zeit eine der modernsten Mühlen in Hessen. In der Mühle wurden (1655-1664) für die Stadt Röhren für Wasserleitungen (sogenannte Deichel) gebohrt .Das Bauwerk stellte mit samt der großen Linde auf dem vorgelagerten kleinen Finkenherd (Sandwerr) jahrelang ein beliebtes Motiv für Maler dar.

Skizzen der Giebel- und Seitenansichten vom Wasser und Land aus gesehen aus dem 17. Jahrhundert
Skizzen der Mühle aus dem 17. Jahrhundert  Foto: Holtmeyer

Das eigentliche Gebäude hatte im Erdgeschoss einen Grundriss in Form eines Trapizoids von 12,75 bis 16,50 m Länge mit gemauerten Bruchsteinen und einem gewaltigen Dach. Zwei große rundbogige Tore ließen Ein- und Ausfuhren von hochgetürmten Lasten zu. An der nordwestliche Gebäudedecke lagen in einer tiefer gelegenen Kammer, aber oberhalb der Wasserlinie zum Wehr hin, Schießscharten. Die Mühle war auch auf dem kleinen Finkenherd als Bastion mit Waffen- und Munitionskammer ausgebaut. Der doppelt liegende Kehlbalkenstuhl bot mit seinen drei Geschossen eine bedeutende Raumausnutzung. Das mit Biberschwänzen gedeckte Dach war mit zahlreichen Gauben versehen.

Unterneustädter Mühle innen Mahlwerk um 1900 Foto privat
Unterneustädter Mühle innen Mahlwerk um 1900 Foto privat

Das Foto zeigt eine spätere Aufnahme der inneren Mühle. Sichtbar sind die großen tragenden Deckenbalken und die rechts im Bild erkennbaren Deckenstützen. Die Aufnahme wurde schon beim Abbruch gemacht. Die Mühle war eine der modernsten Mühlen in Hessen.

Mühlentor mit Sonnenuhr um 1895 und Hochwassermarke 1538 im Tobogen Foto privat
Mühlentor mit Sonnenuhr um 1895 und Hochwassermarke 1538 im Torbogen Foto privat

Die Aufnahme datiert auf das Jahr 1895 und zeigt die damals noch vorhandene Sonnenuhr neben dem linken Mühlentor. Drei Meter über dem Tor befindet sich die Hochwassermarkierung von 1536. Diese und weitere Markierungen sind noch heute an den denkmalgeschützten Mauerresten zu sehen. Ab 1870 war die Mühle keine Mahlmühle mehr. Sie wurde durch Übernahme von C. und G. Engelhardt als Holzstoff- und Pappenmühle betrieben. Der Eigentümer der Ahnaberger Mühle Otto Vogt erwarb 1875 die Mühle, die zwischendurch auch Fehrebergsche Mühle benannt wurde, um die Wasserrechte der beiden Fuldaufer in seinen Besitz zu bringen.

Unterneustädter Mühle um 1900 vor ihrem Abriß und den Zugang über den Mühlkanal zur Insel
Unterneustädter Mühle vor ihrem Abriss mit Kleinen Finkenherd und den Mühlgängen um 1900 Foto Archiv Unterneustädter Kirche

Das Bild zeigt die Mühle im 19. Jahrhundert vor ihrem Abriss. 1768 wurde die Spitze des Kleinen Finkenherds durch Hochwasser beschädigt. Mit der Errichtung eines Vorbaus (Altan) durch einen eingerammten Damm mit Bohlen wurde den Beschädigungen vorgebeugt. Dadurch entstand ein Zugang zur Insel, auf dem ein Brauhaus nebst Werkstatt, Schweinställen und ein quadratisches kleines Lusthaus entstand. Die große Linde war ein malerisches Schmuckstück und stadtbekanntes Motiv, das später, 1912, beim Abriß nicht nur gropße Proteste der Bevölkerung hervorrief und auch in Berlin von der preußischen Regierung debattiert wurde.

Steinwehr vom Kleinen zum Großen Finkenherd um 1901 mit Blick auf die Unterneustädter Mühle
Steinwehr vom Kleinen zum Großen Finkenherd um 1901, mit Blick auf die Unterneustädter Mühle Foto Stadtmuseum  Foto: Stadtmuseum

Das Bild zeigt das Steinwehr, aufgenommen vom großen Finkenherd um 1901. Die erste urkundliche Nachricht über das Steinwehr stammt aus dem Jahr 1398. Friedrich II. legte die erstkundliche Erwähnung allerdings auf das Jahr 1442 (Friderici). Das Wehr war als Streichwehr mit Pfahlrosten und Steinen versehen und zog sich von der Spitze des Kleinen Finkenherd zur Spitze des Großen Finkenherd hin. Die spätere Beseitigung nach Errichten des Walzenwehr 1911 war mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Das Wehr lag schräg zur Stömung und hatte eine Länge von 138 m, seine Stauhöhe ist mit 2.04 m. angegeben.

 

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Mühle nach Abriss des Kleinen Finkeherd und dem Mühlenkanal um 1912 Foto Stadtmuseum

Nach dem Abbau des Kleinen Finkenherds und des Mühlgrabens waren die Mühlräder funktionslos. Diese wurden abmontiert und später nach Teilabriss des Mauerwerkes auf dem Mühlenplatz ausgestellt. Ein Teil der Außenmauern und die Mühlräder sind noch zu besichtigen.

Mühlenplatz
Mühlenplatz in Richtung Holzmarkt Foto Archiv Kirche  Foto: Gerhard Böttcher, Kassel

Das Foto zeigt den Mühlenplatz mit der Mühlengasse zum Holzmarkt hin. Zwischen 1775 -1782 wurde sie von Landgraf Moritz der Gelehrte umbenannt in "Moritzstraße". Hier lebte nicht nur der Mühlenbetreiber, sondern auch viele Wollweber. In der Mühle selbst residierte 1707 der herrschaftliche Mühlmeister, Johann Adam Schirmer. In der Mühlengasse wohnten auch viele zugezogene Hugenotten, die schon vor 1700 unter Landgraf Moritz zugezogen waren.

Beim Abriss der Mühle 1912 wurde das gesamte Holz verkauft
Holzverkauf 1912 beim Abriss der Mühle Folto Stadtmuseum

Der gesamte Innenausbau der Mühle, hauptsächlich das Holz wurde verkauft und fand reisenden Absatz. Während die Schleusenanlage auf der linken Fuldaseite dem Fiskus gehörte, wurde jetzt die Unterneustädter Mühle von Otto Vogt an die Stadt verkauft. Das Wasserrecht für beide Ufer blieb allerdings in seinem Besitz und bereitete der Stadt später erhebliche Schwierigkeiten.

Ruine der Mühle 1915 mit Aussenmauern
Unterneustädter Mühle 1915 Ruine mit Resten der Aussenmauern Foto Stadtmuseum  Foto: Stadtmuseum Kassel

Nach dem Abriss der Mühle blieben die steineren Außenwände stehen. Ein Teil samt linken Tor ist noch heute zu besichtigen. Durch die Beseitigung des Mühlgrabens und aller baulichen Reste des Finkenherds und der Schleuse an der Vogtschen Mühle, war die Fuldaregulierung mit dem Bau einer Schifffahrtsschleuse am rechten Ufer notwendig.

Bootshaus des Rudervereines RVC in den Ruinen ehm. Unterneustädter Mühle
Bootshaus RVC 1925 in der Ruine der Unterneustädter Mühle Foto privat  Foto: Stadtmuseum Kassel

Nachdem der Stadtverordnetenbeschluss rechtskräftig geworden war, beauftragte die Stadt Kassel den Ruderverein, der sich vorher um den Kauf beworben hatte, die Altstädter Mühle abzureißen. Im Innenraum, um die steineren Außenwände der Mühle herum, entstand das Vereinshaus. Zur Fulda hin wurde ein Bootssteg angelegt (siehe die Aufnahme nach der Fertigstellung). Am 23.11.1913 bei der Einweihung des Hauses stellte Oberbürgermeister Koch im Beisein von Regierungspräsident Graf Bernstorff das Gesamtprojekt der Hochwasserregulierung und die Eröffnung der neuen Stadtschleuse der Presse und der versammellten Stadtgesellschaft vor. Das Opfer war die Unterneustädter Mühle, die alte Schleuse und der Kleine Finkenherd. Anschließend nahm die versammelte Gesellschaft an einer Jungfernfahrt durch die neue Schleuse teil. Die Gesamtkosten dieses Projektes mit allen Bauten betrugen 2.600.000.-- Mark.

Neubauten auf dem ehemaligen Grundstück der Unterneustädter Mühle um 2010
Neubauten auf dem ehemaligen Grundstücke der Unterneustädter Mühle um 2010 Foto privat  Foto: Gerhard Böttcher, Kassel

Die beiden Bilder zeigen den heutigen Bebauungsstand der Mühlengasse mit dem Mühlenplatz. Ein Teil der Aussenmauern der Mühle wurde restauriert und und vor beiden neuen Häusern auf dem ehemaligen Grundstück als Eingang gestaltet. Die Bebaung fand im Rahmen der gesamten Wiedergründung der Unterneustadt statt. Auf dem Ruinengrundstück der Mühle nach der Zerstörung in 1943, wurde der 1. Wasserski Club Kassel, mit Clubhaus im Innenbereich, gegründet. Die erhaltenen Außenmauern blieben erhalten. Die Fulda im Bereich der Fuldabrücke und dem Clubgelände waren Trainingsbereiche für Wasserski und wurden von der Fuldabrücke aus ein Hingucker für viele Kasseler.  Der Club musste im Rahmen der Bebauung der Unterneustadt weichen. Er hat jetzt sein Vereinsgelände an der Fulda in Sandershausen.

Text und Editor: Gerhard Böttcher, August 2022

Literaturnachweis:

  • Bau und Kunstdenkmäler Dr. A. Holtmeyer Band 1-3
  • Zeitschrift VHG 1988 Wasserkraftnutzung Siegfried Lotze
  • Congeries von Nebelthau S. 370
  • Casseler Allgemeine Zeitung Nr. 325.29
  • Die Bewohner der Unterneustadt 1707 von A- Woringer
  • Projekt der Fuldaregulierung von Stadtbaurat Höpfner
  • Wehre, Schleusen, Mühlen an der Fulda Johannes Tondera

Bildnachweise:

  • Bildband Bau- und Kunstdenkmäler, Dr. A. Holtmeyer
  • Bildarchiv Unterneustädter Kirche g/b
  • Stadtmuseum Kassel
  • Johannes Tondera
  • Archiv WSA

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Kurzbeschreibung

Zu den wichtigen Mühlen der Stadt Kassel gehörte nach der großen Ahnaberger Mühle, die am großen Finkenherd lag, die Unterneustädter Mühle mit dem kleinen Finkenherd. Beide waren im Besitz des Ahnaberger Klosters und wurden im Zuge der Säkularisierung der Klöster von Landgraf Philipp 1526 enteignet. Bereits 1398 wird eine Walkmühle auf dem Fuldawehr erwähnt, die zwischen dem großen Finkenherd an der damaligen Ahnemündung und dem kleinen Finkenherd am Neustädter Ufer zu finden war. Dieses Datum, im Jahr 1398, dokumentiert auch gleichzeitig die erste urkundliche Erwähnung der Unterneustädter Mühle. Die Mühle wurde von Landgraf Philipp 1538 abgerissen. Nach einem eingemeißelten Spruchband am südlichen Tor wurde sie 1545 wieder aufgebaut.

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