Die städtische Desinfektionsanstalt in Cassel

Eisenacher Str. 1, ehemaliger Standort der Desinfektionsanstalt
Foto: Erhard Schaeffer, 2023

Zur Desinfektion können chemische oder physikalische Verfahren eingesetzt werden. Es gibt verschiedene geprüfte Desinfektionsmittel und -verfahren, in denen diese nach verschiedenen Einsatzbereichen wie Hände-, Flächen-, Instrumenten-, Wäsche- und Raumdesinfektion zur Anwendung kommen. Wie die Stadt Kassel die Aufgaben der Desinfektion über zwei Jahrhunderte wahr nahm wird im Beitrag beschrieben.

Zwischen der Nürnberger Straße und Wahlebach entstand Ende des 19. Jahrhunderts die städtische Desinfektionsanstalt an der Stelle, an der schon 100 Jahre früher die Cholera-Baracke gebaut worden war.

Der Bau einer Desinfektionsanstalt für Kassel wurde bereits im Herbst 1884 durch Beschluss einer Sanitätskommission auf den Weg gebracht. Sie sollte als Erweiterung der sog. Cholera-Baracke an der Nürnberger Straße entstehen und der Abwehr einer Choleragefahr, Typhusepidemie und anderer Seuchen dienen. Im Dezember des selben Jahres war der Bau fertig und die Aufstellung der Desinfektionsöfen (Gesamtpreis 26.000 Mark) beendet. Die Desinfektion erfolgte mit Heißdampf.

Doch schon 1900 entsprach die Einrichtung nicht mehr den Anforderungen der Neuzeit. Es wurde ein Neubau nach dem Muster anderer Großstädte auf dem Grundstück des Städtischen Krankenhauses auf dem Möncheberg  mit zwei Räumen für Personen und Sachen errichtet. Die Kosten für Gebäude und Dampf-Desinfektionsapparat betrugen 11.000 Mark. Das Abwasser wurde über Senkkästen im Boden in die Straßenkanalisation abgeleitet. Im Krankenhaus befanden sich zusätzlich noch 10 fahrbare kleinere Apparate (Autoklaven) nach Gebr. Schmidt aus Weimar und ein mobiles Gerät nach Dr. C. Flügge aus Breslau zur Ausführung von Raum-Desinfektionen mittels Formalindämpfen. Kleine Autoklaven in den Krankenanstalten sahen zwar nicht spektakulär aus, waren jedoch in den 1890er Jahren absolut "High Tech". Sie wurden zur Desinfektion von Verbandsmaterial und OP-Tüchern verwendet.

Nach Angabe des Gesundheitsamtes Cassel wurden in den Jahren 1908-1911 folgende Anzahl Gegenstände in der Städtischen Desinfektionsanstalt (A) und in Wohnungen (B) gegen Gebühr desinfiziert:

Die Anstalt in der Nürnberger Straße blieb weiter im Betrieb. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts soll dieses Gebäude entsprechend der Aussage einer älteren Bürgerin als Isolierstation auch für Menschen mit ansteckenden Krankheiten genutzt worden sein. Ihr Vater war an Fleckfieber erkrankt und isoliert worden, er starb dort. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente die behelfsmäßig wieder aufgebaute Anlage vornehmlich der Behandlung erkrankter Menschen.

Die Anstalt in der Nürnberger Straße blieb weiter im Betrieb. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts soll dieses Gebäude entsprechend der Aussage einer älteren Bürgerin als Isolierstation auch für Menschen mit ansteckenden Krankheiten genutzt worden sein. Ihr Vater war an Fleckfieber erkrankt und isoliert worden, er starb dort. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente die behelfsmäßig wieder aufgebaute Anlage vornehmlich der Behandlung erkrankter Menschen.

Alle Kleidungsstücke mussten in der Desinfektionsanlage, die an das gegenüber liegende Gaswerk angeschlossen war und von dort den Dampf bezog, bei 80 Grad Temperatur behandelt werden. Je nach Beschaffenheit des anfallenden Materials mit Heißdampf (in 30 Minuten) oder mit Heißluft (in 90 Minuten). Die Kunden lieferten überwiegend Matratzen, Bettzeug, Wäsche und auch Polstermöbel zur Desinfektion an. Für Personen, die sich aus gesundheitlichen Gründen desinfizieren lassen wollten, standen gekachelte Waschbäder zur Verfügung.

In der Desinfektionsanstalt konnte man in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts auch Kleidungsstücke, die man an seine Verwandten in der DDR schicken wollte, desinfizieren lassen. Dazu brauchte man damals eine besondere Desinfektionsbescheinigung. Die Bescheinigung musste mit Unterschrift des Amtsarztes dem Paket beigelegt werden. Die Desinfektion erfolgte kostenlos. Wegen der erhöhten Nachfrage insbesondere zur Weihnachtszeit, desinfizierte auch das Gesundheitsamt des Landkreises in der Humboldtstraße 24 in Kassel für Bewohner des Landkreises.

Die Räumlichkeiten der ehemaligen Desinfektionsanstalt Nürnberger Str. 1 (später Eisenacher Str. 1) dienten ab September 1990 als Domizil des Jugendfördervereins Kassel e.V. Seine Aufgabe war soziologische Betreuung von straffälligen Jugendlichen nach dem Motto "Betreuung statt Knast". Die Aktivitäten: Soziale Trainingskurse und Arbeitsprojekte mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Zusammenarbeit mit dem Amtsgericht und dem Jugendamt.
2026 erinnert nur noch ein Gebäude, das als Wohnhaus genutzt wird, an diese öffentliche Einrichtung aus dem 19. Jahrhundert.

Editor: Erhard Schaeffer, Oktober 2026

Quellen:

  • Neue Desinfektionsanlage ist geplant HNA KSS 1962-10-23
  • Neubau für vorbeugende Seuchenbekämpfung HNA KSS 1965-01-16
  • Stapellauf beim Jugendförderverein HNA KSS 1990-09-03
  • Adressbuch der Stadt Kassel 1912
  • Industrie auf dem Forst, Falk Urlen 2007

Wo spielt dieser Beitrag?

Kurzbeschreibung

Zur Desinfektion können chemische oder physikalische Verfahren eingesetzt werden. Es gibt verschiedene geprüfte Desinfektionsmittel und -verfahren, in denen diese nach verschiedenen Einsatzbereichen wie Hände-, Flächen-, Instrumenten-, Wäsche- und Raumdesinfektion zur Anwendung kommen. Wie die Stadt Kassel die Aufgaben der Desinfektion über zwei Jahrhunderte wahr nahm wird im Beitrag beschrieben.

© Copyright 2018-2026 - Hessisches Ministerium für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege