Die Drahtmühle und die Familie Möller

Drahtmühle, Gänse laufen über die Leipziger Str. 285

Drahtmühle, heute Leipziger Str. 285, erste Hälfte des 20. Jahrhunderts


Foto: @ Carl Ebert

Die ehemalige Drahtmühle an der Leipziger Straße 287 stand über Jahrhunderte im Schatten des benachbarten Messinghofs, sie wurde auch als der „Untere Messinghof“ bezeichnet. Sie hat jedoch eine eigene, 400jährige, wechselvolle Chronik. Ihre Geschichte reicht von einer herrschaftlichen Mahlmühle der Landgrafen von Hessen-Kassel über eine Drahtmühle bis hin zum Mühlenwerk mit Brotfabrik. Bevor die Baulichkeiten im 20. Jahrhundert als Büros und Verkaufsfläche genutzt wurden, haben drei Generationen der Familie Möller hier ein Mühlenwerk mit Brotfabrik betrieben.

Renate Mittler geb. Weber, eine Enkelin des Versicherungsdirektors Ernst Möller, hat dem Verfasser dankenswerterweise einen Einblick in die Familienchronik der Mühlenbesitzer Möller gestattet.

Schon im 15. Jahrhundert wird an der Stelle der ehemaligen Brotfabrik Möller in der Leipziger Straße 287 am Lossemühlgraben eine Getreidemühle erwähnt. Im Laufe der Jahrhunderte wechselte sie als eine von vier herrschaftlichen Mühlen in Kassel mehrfach ihren Namen. Historiker gehen davon aus, dass sich die Bezeichnungen Faustmühle, Herwigsmühle oder auch Mahlmühle vor dem Messinghof immer auf dieselbe Anlage beziehen. Erhalten hat sich bis heute die Bezeichnung Drahtmühle, obwohl sie nur kurze Zeit zum Drahtziehen benutzt wurde.

Der Müller Wilhelm Möller (*9.12.1847, + 2.6.1927) stammte aus Homberg/Efze und war seit dem 18. Januar 1874 mit Minna Pfeffer (*12.08.1852, +11.03.1920) aus Römersberg (heute: OT von Neuental) verheiratet. Als junger Müller lebte er mit seiner Familie in Borken und es ist anzunehmen, dass er in einer der namhaften Mühlen entlang der Schwalm seinen Broterwerb fand. Von diesen sind die Obermühle in Kerstenhausen und die „Singliser Schwalmmühle“ in Kleinenglis bis heute erhalten und zum Teil noch in Betrieb.

1882 zog er mit seiner Frau und vier Kindern nach Bettenhausen, um als Müller in der ehemalig herrschaftlichen Faustmühle an der Losse beim Mühlenbesitzer Otto Vogt zu arbeiten. Nach der Annexion der Landgrafschaft Hessen-Kassel durch die Preußen in 1866 wurden alle bis dahin herrschaftlich verwaltete Mühlen in Kassel privatisiert. Die Drahtmühle neben dem Messinghof war bis 1887 im Besitz des Müllers Otto Vogt. Als dieser die leistungsfähigere Ahnaberger Mühle in Kassel an der Fulda erwarb, kaufte Wilhelm Möller am 1. September 1887 die Drahtmühle in der er schon viele Jahre als Obermüller gearbeitet hatte und machte sich selbstständig.

In den folgenden Jahrzehnten wohnte die Familie Wilhelm Möller in der Drahtmühle. In dieser Zeit wurden hier noch weitere sieben Kinder geboren und in Bettenhausen getauft. Wilhelm Möller war Mitglied des letzten Gemeinderates von Bettenhausen bevor das Dorf in 1906 nach Kassel eingemeindet wurde.

Die insgesamt elf Kinder des Ehepaares Wilhelm und Minna Möller trugen nach den Aufzeichnungen von Klaus v. Freyberg (Sohn von Luise Möller und Hans v. Freyberg) aus 1982 folgende Namen:

  1. Ernst Möller, geb. 31, 12. 1876
  2. Adolf Möller, geb. 18.4. 1878
  3. Wilhelm (Willy) Möller, geb. 27. 12.1879
  4. Karl Möller, geb. 24.11.1881
  5. Emilie (Milly) Möller, geb. 15.8. 1883
  6. Rudolf Möller, geb. 14.2. 1885
  7. Marie Möller, geb. 25.8. 1886
  8. Franziska (Fränze) Möller, geb. 11.3. 1889
  9. Bernhard Möller, geb. 27.11.1891
  10. Paul Möller, geb. 14.3. 1893
  11. Luise (Wieschen) Möller, geb. 7.1.1897

Der zweitgeborene Sohn, Adolf Möller, übernahm in 1913 die Mühlenwerke von seinem Vater und führte sie unter dem Namen „Mühlenwerke W. Möller“ weiter. Er war es auch der auf demselben Grundstück unter der Adresse Leipziger Straße 285 in den 1920er Jahren eine bis heute erhaltene prächtige Villa bauen ließ. Im Laufe der Zeit war die Wasserkraft der Losse für den Betrieb der Mühle nicht mehr ausreichend, sodass hinter dem Mühlengebäude ein Kraftwerk mit einem hohen Fabrikschornstein errichtet wurde.

Nach dem Tod von Adolf Möller, in 1955, haben seine beiden Söhne Kurt (*01.07.1908, +27.03.1973) und Walter (*28.01.1912, +28.01.1990) Möller, die schon seit 1928 in der Firma tätig waren, den Betrieb übernommen. Zwischenzeitlich war das Mühlenwerk W. Möller durch eine Brotfabrik ergänzt worden und firmierte bis 1934 unter dem Namen „Kasseler Brotfabrik W. Möller AG“.

Am 1. April 1960 wurde das „Mühlenwerk Adolf Möller“ in eine Kommanditgesellschaft überführt. Alleininhaber wurde Walter Möller. Seine Frau Annliese geb. Thomae trat als Kommanditistin in die Firma ein und hatte Prokura. Das Mühlenwerk Adolf Möller stellte die Produktion ein; die neu gegründete Kommanditgesellschaft verwaltete weiterhin die dazugehörigen Immobilien. Walter Möller lebte bis zu seinem Tode in 1990 in der benachbarten Villa in der Leipziger Straße 285. Die endgültige Löschung der Kommanditgesellschaft im Handelsregister geschah in 1977. In dem frisch renovierten Haus Nr. 285 wohnt heute (2026) eine Großfamilie mit Migrationshintergrund.

Außer den oben genannten Mitgliedern der Familie Möller war noch der 1891 geborene Bernhard Möller als Mühlenbaufachmann mit in dem Betrieb tätig.

Neun Kinder des Firmengründers Wilhelm Möller haben einen anderen beruflichen Weg gewählt. Sie fanden mit ihren Familien in Ausübung ihrer Berufe in Kassel und anderen Städten Deutschlands ein neues zuhause.

Der älteste Sohn, Ernst Möller, war am Ende einer wechselvollen beruflichen Laufbahn Generaldirektor der Nordstern-Lebensversicherungsaktiengesellschaft mit Generalagentur in Kassel.

Dr. Wilhelm Möller wohnte mit seiner Frau Elisabeth und zwei Kindern in Krefeld und arbeitet als Chemiker.

Karl Möller heiratete Paula Lodder, geschiedene Hersmann und lebte als Kaufmann in Frankfurt am Main.

Die älteste Tochter Emilie (Milly) Möller blieb in Bettenhausen. Sie heiratete den Kaufmann Richard Niesl wohnte bis zu ihrem Tode in der Eichwaldstraße 79 und blieb kinderlos.

Auch Rudolf Möller blieb als Kaufmann in Kassel und heiratete Ella Krill aus Köln. Sie hatten zusammen einen Sohn.

Marie Möller heiratete 1908 den bekannten Kasseler Fotografen Carl Eberth und wohnte mit ihm in Kassel in der Hohenzollern Straße 43, wo Eberth auch sein Fotogeschäft hatte. Sein Sohn Karl Eberth jun. übernahm das Geschäft seines Vaters.

Franziska (Fränze) Möller heiratet am 27.5. 1916 in Kassel-Bettenhausen den Chemiker Dr. Ing. Hans Schucht aus Schwarzenbeck/Lauenburg und zog mit ihm nach Wolfen im Kreis Bitterfeld. Sie hatten zusammen drei Kinder.

Der Bauingenieur Paul Möller gründete seine Familie mit Margarethe Göttsche in der Kleinstadt Marne in Holstein. Später lebte er in Dessau. In 1940 ist er bei einem Einsatz am Westwall in der Nähe von Homburg /Saar gestorben. Das Ehepaar hatte vier Kinder.

Luise Möller heiratete den Kulturbaumeister Hans v. Freyberg. Das Ehepaar lebte in Minden/Westfalen und hatte zwei Kinder. Ihr Sohn Klaus v. Freyberg aus Gundelfingen in der Nähe von Freiburg hat 1982 eine Familienchronik mit dem Titel „Möllers Mühlenkinder“ verfasst. Aus dieser Chronik wurde die Mehrzahl der persönlichen Daten der Familie Möller entnommen.

Lange Zeit verfiel die Bausubstanz der Drahtmühle zusehends. Zwar gab es in dieser Zeit eine sogenannte Restnutzung durch schnell wechselnde Einzelhandelsgeschäfte- z.B. Möbel Koch, Koschi-Schuhe, Discountmarkt Rettberg und die Süßwarengroßhandlung August Nelle- doch niemand blieb länger. Mit Beginn der 2000er Jahre und einem Eigentümerwechsel gab es aufwendige Sanierungs- und Werterhaltungsarbeiten an der alten Mühle. Danach nutzte das Lampengeschäft „Koli-Leuchte“ eine große über zwei Etagen verteilte Verkaufsfläche in dem Bauwerk bis 2018. Der daneben liegende Fahrradladen „Mauer´s Baike Shop“ war bis zum Februar 2013 in dem Gebäude beheimatet.

Heute (2026) herrscht in dem gepflegten Bauwerk Leipziger Straße 287 reges gewerbliches Treiben verschiedener Unternehmer.

Text und Editor: B. Schaeffer, April 2026

Quellen:

  • Ein besonderer Dank gilt Frau Renate Mittler aus Kiel, eine Enkelin des Versicherungsdirektors Ernst Möller, und ihrer Freundin Karin Wagner aus Vellmar. Sie haben 2025 in einem persönlichen Interview als Zeitzeugen Einsichten in die Familiengeschichte der Großfamilie Möller gestattet.
  • v. Freyberg, Klaus, Gundelfingen, „Möllers-Mühlenkinder“, Eigenverlag, 1982
  • Zeitungsarchiv der HNA, online, www.hna.de, verschiedene Ausgaben.
  • Jacob, Bruno, Die Geschichte des Dorfes Bettenhausen 1126-1927, Hrsg. Bürgerverein Bettenhausen, 1927
  • Klehm, Kurt, Chronik anlässlich des 50. Jahrestage der Eingemeindung Bettenhausens, Eigenverlag, 1956
  • Verschieden Adressbücher der Stadt Kassel online aufgerufen unter: https://orka.bibliothek.uni-kassel.de/viewer/toc/1382947338432/1/

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Kurzbeschreibung

Die ehemalige Drahtmühle an der Leipziger Straße 287 stand über Jahrhunderte im Schatten des benachbarten Messinghofs, sie wurde auch als der „Untere Messinghof“ bezeichnet. Sie hat jedoch eine eigene, 400jährige, wechselvolle Chronik. Ihre Geschichte reicht von einer herrschaftlichen Mahlmühle der Landgrafen von Hessen-Kassel über eine Drahtmühle bis hin zum Mühlenwerk mit Brotfabrik. Bevor die Baulichkeiten im 20. Jahrhundert als Büros und Verkaufsfläche genutzt wurden, haben drei Generationen der Familie Möller hier ein Mühlenwerk mit Brotfabrik betrieben.

Renate Mittler geb. Weber, eine Enkelin des Versicherungsdirektors Ernst Möller, hat dem Verfasser dankenswerterweise einen Einblick in die Familienchronik der Mühlenbesitzer Möller gestattet.

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