Hessen
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Der Silberling des Henkers im Kirchturmknopf

Dachdecker arbeiten am Kirchturm

Dachdeckerarbeiten am Turm der Marienkirche, 1950
Foto: Stadtteilzentrum Agathof e.V.

Bei der Neueindeckung des Kirchturms der Bettenhäuser Marienkirche 1950 fand man im Turmknopf eine Kupferröhre aus der Bauzeit 1792/93. Der Inhalt der Röhre, drei Schriftstücke, ein Stück Kupferblech und eine Silbermünze zum Gedenken an die Kaiserkrönung von Franz II. in Frankfurt am Main, gewährt Einsichten in die Vergangenheit von Bettenhausen. Im Mittelpunkt des Beitrags stehen die Familie Rathmann und ihre „Unehrlichen Berufe“ als Scharfrichter und Wasenmeister.

Mit dem Bau der alten Marienkirche am Bettenhäuser Dorfplatz wurde im Jahr 1792 begonnen. Der rechteckige schmucklose Saalbau hatte die lichten Maße 21,20 m x 11,10 m. In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs, am 15. Dezember 1944, wurde das Schiff des Gotteshauses durch eine Luftmine völlig zerstört. Der schwerbeschädigte Turm blieb soweit erhalten, dass er wieder instandgesetzt werden konnte. In den Augusttagen des Jahres 1950 wurde eingerüstet. Die ausführenden Firmen, Dachdecker Schneider und der neben der Kirche ansässige Klempnermeister Friedrich Siewert, mussten die Dachkonstruktion bis zum Mauerwerk abtragen.

Küster Otto Strohwald, 1955
Küster der Marienkirche Otto Strohwald, 1955  Foto: Juergen Strohwald, Hess. Lichtenau

 

Der anwesende Küster Otto Strohwald untersuchte den abgenommenen, durchlöcherten und halb mit Flugasche gefüllten Turmknopf etwas näher. In dem Knopf kam eine 26,5 cm lange kupferne Röhre mit einem Durchmesser von 5.5cm zum Vorschein. Sie war an beiden Enden mit einer Kappe verschlossen. Die Kupferröhre enthielt drei Schriftstücke, eine Silbermünze und eine Kupferblechprobe aus der Zeit des Neubaus in den Jahren 1792/93.
Die Fundstücke gaben nicht nur Auskunft über das Baujahr des Turmes und die beteiligten Handwerker sondern gewährten auch Einblicke in die Lebensverhältnisse vergangener Zeiten. Der Inhalt der Schriftstücke wird hier in der damaligen Schreibweise wieder gegeben:

1) „Nahmen der Schieferdecker Meister und Gesellen so an diesem Neuen Kirchturm Gearbeitet haben, als Hof-Schieferdecker Meister, Johann Christian Dalwitz, Schieferdecker Meister, Gottfried Beyer, beyde aus Kaßel. Gesellen: Andreas Heychell, aus Kaßel, Joh. Hermann Beyer aus Kaßel, Johannes Walch, aus Marburg, Philip Berneburg, aus Kaßel. Dieser Knopf und Fahne ist Aufgesetzt worden, allhier zu Bettenhaußen den 3 ten April 1793.

2) „1793 den 3 ten April Wurde nach glücklicher Vollendeter Schiefer Decker Arbeit Knopf und Fahne Unter Huld reichsten Regierung Ihro HochFürstlichen Durchleucht des Herrn Land Grafen Wilhelm des 9 ten Aufgesteckt.
Zeitiger Herr Land Rath Friedrich August Cashemir Von Lindau Welcher diesen Bau Dirigiret.
Zeitiger Pfarr Johan Jacob Philip Schödde
Zeitiger Schöpfen Grebe Johannes Jungblut Welcher die Aufsicht besorgte
Zeitiger Vorsteher Gottfried Zufall und Johan Jost Rickell
Zeitiger Kopfer Schmitmeister Chrystian Jorns
Zeitiger Kopfer Wärckstädter und Ausarbeiter Jacob Dentzel
haben Kopf und Fahne Verfertiget und der gemeinde geschenkt.“

3) In das dritte gefaltete Schriftstück war eine dünne Silbermünze mit einem Durchmesser von 25 mm eingeknotet.
„Zum Ewigen Andencken bevahre ich dieses stickgen Gelt, welches bey dem Keiser Franz dem II. In Franckfurt, im Mäeyen by der Grönung 1792 ist aus geworfen.
Ich bin der Nachrichter Jacob Christoph Rathmann Gewesen und habe gewont auf dem Pistorhof Nah bey dem Wirtzhaus meine Frau war eine gebohrene Hoffmann aus Franckfurth am Mäyn."
Bettenhausen den 2 ten Abril 1793 Johann Christoph Rathmann

4) Beschreibung der Silbermünze
Auf der Vorderseite steht: Franciscus II. Romanorum Imperator (Franz II. Römischer Kaiser)
Auf der Rückseite steht: Pacis et belli Decus (Zierde des Friedens und des Krieges)
Auf der Vorderseite ist der Kopf des Kaisers abgebildet.
Auf der Rückseite steht unter einem Postament die Inschrift:
Elect. Franfort- D V Jul. M. DCCL. XXXX II (Gewählt Frankfurt nach dem Willen Gottes Jul. 1792)

Gedenkmuenze zur Kroenung Franz II in 1792
Gedenkmuenze zur Kroenung Franz II in 1792  Foto: https://auktionen.gmcoinart.de/Auktion/KatalogArchivaufgerufen 15.01.2019

Nach Renovierung der Dachkonstruktion und der Schiefereindeckung wurde die Kupferröhre mit dem beschriebenen Inhalt wieder im Turmknopf deponiert und aufgesetzt. Die abschließende Fahne mit der gut lesbaren Jahreszahl 1793 dreht sich auch heute noch auf der Turmspitze.
Von den oben aufgezeichneten Familiennamen haben sich bis auf Zufall und Rathmann in Kassel keine erhalten. Der Name Rathmann hat als Scharfrichter und Wasenmeister in der Landgrafschaft Hessen-Kassel einen außergewöhnlichen Ruf.
Das Amt des Scharfrichters und Wasenmeisters liegt auf der Grenzlinie zwischen Beamtentum und Gewerbetreibenden. Der Scharfrichter gehörte keiner Zunft an und seine Tätigkeit zählte zu den „Unehrlichen Berufen“, genauso wie die des Zöllners und des Totengräbers, damit waren ihm auch die Bürgerrechte verwehrt. Er musste sich als Scharfrichter erkennbar kleiden und wurde von seinen Mitbürgern gemieden.
Mit der Einführung der Peinlichen Halsgerichtsordnung unter Landgraf Philipp I. im Jahr 1535 der sogenannten „Philippina“ wurde das Scharfrichteramt landgräflich, das heißt die Ausschreibung und Vergabe des Amtes erfolgte durch den Landgrafen in Form eines Lehens auf Lebenszeit oder sogar als Erblehen. Die Philippina war zugleich Strafgesetzbuch und Strafverfahrensordnung für Hessen.

 

Zu den Aufgaben eines Scharfrichters gehörte: Das Abholen des Gefangenen aus der Untersuchungshaft, die Durchführung des von der Obrigkeit angesetzten peinlichen Verhörs, die Vertretung der Anklage im Prozess selbst und die anschließende Vollstreckung des Urteils. Die persönliche Anwesenheit während des gesamten Verfahrens. Weiterhin hatte er für das Verscharren der Hingerichteten und der aufgefundenen Selbstmörder auf dem Schindeleichacker zu sorgen. Die Säuberung der Galgen und Räder von den Gebeinen der dort zur Abschreckung verbliebenen Hingerichteten, gehörte ebenfalls zu seinen Aufgaben. Die Durchführung des peinlichen Verhörs (Folter) in abgestufter Schwere sowie die unterschiedlichsten Körperstrafen, wie Augenausstechen, Ohrenabschneiden, Brandmarken und Stäupen musste der Hessische Scharfrichter beherrschen.

Der Sauplatz in Kassel mit Galgen und Raedern
Der Sauplatz in Kassel mit Galgen und Raedern  Foto: Ausschnitt Stadtansicht v. Merian, 1638
Obere Waisenhausstraße vom Holzmarkt in Richtung Bettenhäuser Straße. Alte Fachwerkhäuser
Obere Waisenhausstraße vom Holzmarkt in Richtung Bettenhäuser Straße  Foto: Kirchenarchiv Unterneustadt

In Kassel befand sich der Platz für die Exekutionen lange Zeit auf dem Forst. Auf dem sogenannten Sauplatz in der Nähe des Zollhäuschens an der Leipziger Straße neben dem Wahlebach stand der Galgen. Hier wurde bei Bedarf das Schafott errichtet und je nach Urteil der Hingerichtete aufs Rad geflochten. Der Standort wurde offensichtlich auch zur Abschreckung und Warnung für Anreisende Fremde gewählt.
Durch die Ausrufung des „Friedgebotes“ befand sich der Scharfrichter während der Strafvollstreckung unter dem Schutze der Obrigkeit und wurde nach dem gelungenen Vollzug des Urteils durch diese von jeglicher Schuld befreit.
Die Einnahmen aus der Scharfrichtertätigkeit allein reichten in der Regel nicht zur Existenzsicherung aus, sodass die Mehrzahl der Nachrichter durch den landgräflichen Renthof auch zum Wasenmeister berufen wurde. Zu seinen Aufgaben gehörte u.a. nach erstatteter Anzeige totes Vieh abzuholen, abzudecken und zu verscharren. Diese unangenehme Tätigkeit verschaffte dem Wasenmeister nicht nur zusätzliche Einnahmen, sondern gestattete ihm auch Einblicke in die Anatomie der Tiere. Mit den so erlangten anatomischen Kenntnissen betätigten sich die Wasenmeister schon sehr früh als Veterinäre.
Dem Scharfrichter und Wasenmeister blieb als Angehöriger eines „Unehrlichen Berufs“ der Zugang zu bürgerlichen Berufen sowie die Heirat mit Angehörigen der ehrlichen und zünftigen Stände lebenslang verwehrt. Die Söhne mussten das Amt der Väter übernehmen und sich Ehepartner aus anderen Scharfrichterfamilien suchen. So entwickelte sich im Lauf der Zeit eine über ganz Hessen und benachbarte Territorien verbreitete Versippung der Scharfrichterfamilien.
Eine der Hauptfamilien, die weitverzweigte Scharfrichterdynastie der Rathmanns (auch Radman, /Rathemann/Radtmann), ist zu Beginn des 17. Jahrhunderts aus Hann. Münden zugewandert. Ein Vitus Rathmann ließ 1611 seine Tochter in Marburg taufen. Johann Christoph Rathmann einer seiner Nachkommen übte noch die Scharfrichtergerechtigkeit in Hann. Münden aus, war aber gleichzeitig wie später auch sein Sohn Johann Michael Rathmann Wasenmeister im hessischen Allendorf an der Werra.
Die in Bettenhausen ansässigen Generationen der Familie sind Nachkommen des Joh. Valentin Rathmann (Sr. v. 1752-1761), Scharfrichter von Lauterbach, Hersfeld und Kassel und seiner ersten Ehefrau (∞1701) Anna Christine Wiltraud, Tochter des Joh. Jonas Wiltraud, Scharfrichter zu Wetter.
Sein Sohn Johann Heinrich Rathmann(*21.02.1732 +18.03.1792, Sr. v. 1762-1792) in Kassel und Lauterbach war verheiratet mit Anna Lucia Wildruth, Tochter des Kasseler Scharfrichters Joh. Christoph Zacharias Wildruth (Sr. 1763 in Kassel)
Der Sohn des Joh. H. Rathmann, Johann Jacob Christoph Rathmann (*25.04.1767 +06.04.1830, Sr. 1792-1830) ist der Verfasser des Schreibens 3) und Spender der Silbermünze 4) im Bettenhäuser Kirchturmknopf. Er stand an der Schwelle zur Ehrlichkeit und zur Erlangung der Bürgerrechte. Er war zwar noch als Wasenmeister tätig, hat aber im Laufe seines Lebens zunehmend als Tierarzt praktiziert. Seine Frau, Anna Margaretha Barbara Hoffmann (*1770 +1853), war die Tochter des Scharfrichters Johann Heinrich Hoffmann aus Frankfurt/M, die er 1792 geheiratet hat. Damit erklärt es sich auch, wie die Silbermünze von der Kaiserkrönung des Franz II. zu Frankfurt nach Bettenhausen gekommen ist.
Ein Sohn aus dieser Ehe, Wilhelm Rathmann (*1793 +1889), war von 1809 bis 1884 letzter Scharfrichter von Kassel.

Die Kasseler Nachrichter besaßen laut Lehensbrief eine freie Wohnung. Sie befand sich bis 1777 in der Unterneustadt in der „Schenkel-“ bzw. „Langschenkelgasse“ (heute „Waisenhausstraße“). Sie lag in der Nähe des Rittergutshofes des von Langschenkel. am viereckigen Pulverturm bei der Stadtmauer. Wegen des im östlichen Teil wohnenden Nachrichters wurde sie auch „Schindergasse“ genannt.
Seit 1778 wurde wegen der mit der Wasenmeisterei verbundenen Geruchsbelästigung an eine Verlegung vor die Tore der Stadt gedacht. Ab 1779 übertrug man dem Scharfrichter Johann Heinrich Rathmann die Pistorschen Gebäude im sogenannten Ringhof zu Bettenhausen als Erblehen. Dafür zahlte er 3.000 Rtlr. in 600 Louisdor. Das umfangreiche Anwesen wird in einer Auflistung vom 30. April 1779 wie folgt beschrieben: An einem an der Vorderseite mit einer Mauer abgeschlossenen Hof grenzte ein 60 Fuß langes und 40 Fuß breites (~24mx16m) Wohnhaus an. Neben einem zweiten Wohnhaus in der Größe von ~14mx20m stand ein gemauerter Backofen. Den Hof begrenzten ein Pferdestall, zwei Schweineställe, eine große und eine kleine Scheune mit jeweils zwei Etagen sowie ein kleines Gartenhäuschen. Angrenzend erstreckte sich ein ansehnlicher Obst- und Gemüsegarten. Bis 1848 bestand der Hof als Erblehen, bis ihn Wilhelm Rathmann ablöste und damit die Wasenmeisterei in das freie Eigentum der Familie Rathmann überging.

Zeichnung des Dorfplatzes in Bettenhausen, Hinter dem Torbogen der Pistorsche Hof, ~1800
Dorfplatz Bettenhausen, Hinter dem Torbogen der Pistorsche Hof, ~1800  Foto: Stadtteilzentrum Agathof e.V.

Ab 1848 ist Wilhelm Rathmann Bürgermeister in Bettenhausen, damit war ihm und seiner Familie der Schritt aus dem „Unehrlichen Beruf“ seiner Vorfahren in die Bürgerrechte gelungen. Nach seinem Tod 1889 wurde der Pistorsche Hof verkauft. Schon vier Jahre zuvor war die Wasenmeisterei der Stadt Kassel vom Ringhof in das Forstfeld zum Schindacker verlegt worden, so dass nur noch die Wohnnutzung im alten Ortskern von Bettenhausen verblieb.
Bis 1928 befand sich die Kasseler Wasenmeisterei östlich der Heiligenröder Straße nördlich des Eichwaldes in einer Senke an der Bunten Berna. Sie wurde später mit dem Betrieb in Hofgeismar vereinigt und dorthin verlegt.
Die letzte öffentliche Hinrichtung fand in Kassel 1853 auf der Schwanenwiese statt.
In der Bundesrepublik wurde die Todesstrafe 1949 abgeschafft, in Bayern jedoch erst 1998. In der ehemaligen DDR wurde sie 1987 aus dem Strafgesetzbuch genommen. Der Beruf des Henkers war damit endgültig Geschichte.

Text und Editor:

Bernd Schaeffer, Juli 2015

Quellen:

  • Die ev. Kirchengemeinde Kassel-Bettenhausen, Pf. i.R. Adalbert Römheld , 1972
  • Geschichte des Dorfes Bettenhausen, 1126-1926, Bruno Jacob, 1927
  • Scharfrichter und Wasenmeister in der Landgrafschaft Hessen-Kassel in der Frühen Neuzeit, Petra Pechaĉek, Verlag P. Lang, 2003
  • Henker und Heiler, Spiegelonline, aufgerufen am 22.07.2015
  • Scharfrichter in der Stadt Brandenburg, Marita Genesis, Mag. Arbeit, Uni Potsdam, 2006
  • Luzerner Chronik des Diebold Schilling, Luzern, Burgerbibliothek (1513)
  • auktionen.gmcoinart.de/Auktion/KatalogArchiv aufgerufen 15.01,2019

Kurzbeschreibung

Bei der Neueindeckung des Kirchturms der Bettenhäuser Marienkirche 1950 fand man im Turmknopf eine Kupferröhre aus der Bauzeit 1792/93. Der Inhalt der Röhre, drei Schriftstücke, ein Stück Kupferblech und eine Silbermünze zum Gedenken an die Kaiserkrönung von Franz II. in Frankfurt am Main, gewährt Einsichten in die Vergangenheit von Bettenhausen. Im Mittelpunkt des Beitrags stehen die Familie Rathmann und ihre „Unehrlichen Berufe“ als Scharfrichter und Wasenmeister.

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