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600 Asylbewerber für Forstfeld?

Planung neuer Häuser für Asylbewerber

Planung neuer Häuser für Asylbewerber
Foto: @Falk Urlen

1992 kamen immer mehr Asylbewerber nach Deutschland, die kaum noch unterzubringen waren. Kassel war gesetzlich verpflichtet, eine bestimmte Anzahl aufzunehmen. Ursprünglich sollten für fast 600 Asylbewerber an der Ochshäuser Straße Häuser in Leichtbauweise erstellt werden, die später als Sozialwohnungen hätten genutzt werden können. Eine Bürgerinitiative bemühte sich, diese Menschen "menschenwürdig" aber auch "sozialverträglich" in ihrem Stadtteil unterzubringen.

Am 25.01.1992 erfuhren die Bürgerinnen und Bürger Forstfelds aus der Zeitung, dass ihr Stadtteil mit ca. 4000 Einwohnern, zu dem damals noch nicht der Lindenberg gehörte, Asylbewohner aufnehmen mußte. Dazu sollten mit Landesmitteln auf städtischen Grundstücken schnell neue Häuser mit Holzplatten montiert werden. Man wollte die Asylbewerber nicht teuer in Privatquartieren unterbringen, sondern die Mittel so investieren, dass die Häuser später als Sozialwohnungen genutzt werden konnten.

An der Ochshäuser Str. und entlang der ehemaligen Söhrebahntrasse (zwischen Windhukstr. und Ochshäuser Str.) gab es solche Grundstücke. Hier sollten nach ersten Planungen 588 Asylbewerber untergebracht werden, man reduzierte das später aber auf 240.

Bereits für den 13. Februar rief Ortsvorsteherin Maßmann zu einer Versammlung von Bürgern auf, an der 33 Menschen teilnahmen. Es wurde beschlossen, eine Bürgerinitiative „BI zur menschenwürdigen und sozialverträglichen Aufnahme von Asylbewerbern in Kassel-Forstfeld“ zu gründen,  auf Vorschlag der Ortsvorsteherin wurde Falk Urlen zum Sprecher gewählt.

Die Sozial-Dezernentin Caroli erläuterte, dass 2200 qm Wohnraum für 240 Personen geschaffen werden sollen. Damit erhielt jede Person eine Wohnfläche von 9 qm statt der Mindestfläche von 6 qm zugewiesen. Nach einer lebhaften Diskussion war das Ergebnis: Die Anwesenden waren bereit, Asylbewerber aufzunehmen, um aber Probleme bei Kindergärten, Schulen und anderen Einrichtungen zu minimieren, sollte die Zahl der Unterzubringenden erheblich weniger als 240 sein, zum anderen sollten sie nicht an einem Ort massiert untergebracht werden. Als ein wesentliches Problem wurde der Ärger vieler Bürgerinnen und Bürger in der Städtischen Siedlung genannt, die in sehr beengten Verhältnissen lebten und für sich und ihre Kinder in Kassel Wohnungen suchten, die nicht zur Verfügung standen. Des weiteren hatten viele Anwohner auf dem als Bauplatz vorgesehenen Gelände Gärten gepachtet. Als Kompromiss schlug die BI vor, maximal 120 Asylbewerber aufzunehmen, sie nicht an einem Standort unterzubringen, um eine Gettoisierung zu vermeiden und im gleichen Umfang Sozialwohnungen für beengt wohnende Bewohner der Städtischen Siedlung in Forstfeld zu bauen.

Es wurde eine Sprechergruppe gebildet, die sich im kleineren Kreis mit der Problematik weiter beschäftigte (Herbert Lucan, Heidi Rüdiger, Sonja Rüdiger, Hubert Schnell, Falk Urlen, Marc Urlen).

In einem Seminar erläuterte Richterin Hannelore Kohl die Asylproblematik: 1990 stellten 193000 Menschen einen Asylantrag, 1991 waren es schon 256000. Viele davon kamen aus dem damaligen Kriegsgebiet Jugoslawien und viele waren Kurden, die in der Türkei verfolgt wurden. Auch wenn im Endeffekt nur 20 % der Bewerber Asyl bekamen, hatte der Rest entsprechend der Genfer Flüchtlingskonvention Bleiberecht. Weiter wurde mit Fachleuten über Bildung und Weiterbildung, Integrationsmöglichkeiten, ärztliche Versorgung, Betreuung, Begegnungsmöglichkeiten, Arbeit und Beschäftigung, Kriminalität und Schwarzfahrproblematik (die damals ein großes Problem war) gesprochen, Informationen eingeholt und Lösungsmöglichkeiten diskutiert.

Von der Presse wurden diese Bemühungen gelobt und als Beispiel für positives Umgehen mit der Asylproblematik dargestellt (Hintergrund waren auch die Ausschreitungen in den neuen Bundesländern gegen Asylbewerber). Der Leiter des Sozialamtes, Detlev Ruchhöft, lobte die Arbeit der Initiative: „So eine Gruppe im Stadtteil ist für uns Gold wert“. Es wurde von Seiten der Stadt zugesichert, wesentlich weniger als 200 Menschen in Forstfeld unterzubringen und sie umfassend sozial zu betreuen. Es sollten in erster Linie Familien sein, die z. T. erst wieder zusammengeführt werden mussten.

Die BI hörte dann lange nichts mehr von der Stadt, sie erhielt im August vom Leiter des Sozialamtes einen Brief, in dem die Situation noch einmal geschildert wurde, verbunden mit einer Danksagung für die geleistete Arbeit.

Im Dezember löste sich dann das Problem in Nichts auf. Es war festgestellt worden, dass es bei dem Gasvertrieb "Messer-Griesheim", der in unmittelbarer Nachbarschaft Gas in Stahlflaschen abfüllte, zu erheblichen Lärmbelästigungen kam. Um das zu vermeiden, hätte um das Gelände eine 7 m hohe Mauer gebaut werden müssen. Zum anderen hatten sich in Deutschland die Asylbewerber beträchtlich reduziert. Die Hessische Landesregierung unterstützte auf Grund dessen in Kassel nur noch ein Projekt, dazu gehörte Forstfeld nicht.

Wir haben daraufhin nie wieder etwas von diesem Projekt gehört, die BI musste sich nicht mehr treffen.

Eingang zum Forstfeldgarten an der alten Söhrebahntrasse
Eingang zum Forstfeldgarten an der alten Söhrebahntrasse  Foto: Erhard Schaeffer

Inzwischen ist an der Ochshäuser Str. auf dem geplanten Gelände ein Mietwohnhaus und eine Kfz-Werkstatt errichtet worden. Die Gärten entlang der Söhrebahntrasse wurden von der GWG gekündigt, um hier Garagen zu bauen. Das geschah aber nicht, da man auf Grund der kalkulierten hohen Mietpreise keine Bewerber fand. Lange lag das Land brach, Obstbäume trugen Obst und Brombeeren breiteten sich aus. Im Jahr 2011 brachte der Verein „Essbare Stadt“ viele Menschen dazu, hier in kleinen Parzellen Gemüse intensiv auf biologischer Grundlage anzubauen und zu verwerten. Auch für Kinder gibt es eine Ecke, in der sie kleine Beete selber bewirtschaften dürfen. Die Wohnungen der Städtischen Siedlung wurden renoviert, Wohnungen zu größeren zusammengelegt, die Häuser erhielten neue Fenster und wurden neu gestrichen, zum Teil mit Balkonen oder kleinen Vordächern versehen und die Keller trocken gelegt. Die Bäume des Künstlers Beuys sind prächtig gediehen, sie bilden heute ein grünes Dach zwischen den Häusern und entlang der Straßen, unter dem sich die Bewohner erholen können.

Autor und Redaktion: Falk Urlen, Oktober 2012

Kurzbeschreibung

1992 kamen immer mehr Asylbewerber nach Deutschland, die kaum noch unterzubringen waren. Kassel war gesetzlich verpflichtet, eine bestimmte Anzahl aufzunehmen. Ursprünglich sollten für fast 600 Asylbewerber an der Ochshäuser Straße Häuser in Leichtbauweise erstellt werden, die später als Sozialwohnungen hätten genutzt werden können. Eine Bürgerinitiative bemühte sich, diese Menschen "menschenwürdig" aber auch "sozialverträglich" in ihrem Stadtteil unterzubringen.

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