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Wann wird´s mal wieder Winter…?

Triebwagen 13 der Herkulesbahn fährt über verschneite Gleise bergauf zur Dönche

Herkulesbahn Tw 13 Dönche, 1965
Foto: Sammlung Stefan Höltge, Montage Hannes Pressler

Hannes Pressler (Jahrgang 1955) schreibt über seine Erinnerungen: „Früher war alles besser“ hört man heute sehr oft, zumindest waren es noch richtige Winter. Es gibt zwei Winter an die ich mich besonders erinnere: 1962 und 1978.

Im Jahr 1962 war ich noch ein kleiner Junge (7 Jahre), lebte bei Verwandten in Elgershausen bei Kassel. Meine Eltern lebten zu dieser Zeit in Kassel-Wehlheiden auf sehr begrenztem Raum. Das Weihnachtsfest feierte ich zusammen mit Ihnen. Mein schönstes Weihnachtsgeschenk: Ein Paar Kinderski . Mit diesem Paar ging ich an Heiligabend ins Bett. Früh am ersten Weihnachtstag standen wir auf, zogen uns zünftig und warm an, um dann eine schöne Winterreise nach Elgershausen zu machen. Zunächst ging es mit der Herkulesbahn zum Brasselberg.

Die Herkulesbahn an der Haltestelle Brasselsberg
Die Herkulesbahn an der Haltestelle Brasselsberg  Foto: 60 Jahre SPD Brasselsberg; Hrsg. OV SPD

Schon am Anstieg der Kohlenstraße zur Drusseltalstraße konnte man sehen, dass es ein wunderschöner Wintertag war. Alles unter einer feinen Zuckerdecke mit Schnee, klarem Himmel, wolkenlosem Sonnenschein. Umstieg am Luisenhaus. Entlang der Bergstraße (heute Konrad-Adenauer-Straße) erreichten wir die Endstation am Brasselsberg. Jetzt wurden die Skier angeschnallt, das ging damals noch ohne Spezialschuhe. Dann ging es los, quer durch den Wald. Was mir erst später auffiel: Meine Eltern mussten den Weg zu Fuß, also ohne Skier bewältigen und hielten gut mit. Nach rund zwei Stunden, vorbei am Bismarckturm, erreichten wir über den Dachsberg unterhalb vom Hirzstein Elgershausen. Damit war mein Weihnachtsgeschenk eingeweiht.

In 1963 bin ich dann zu meinen Eltern nach Kassel gezogen. Jetzt ging es mit der Herkulesbahn nach Neuholland, Richtung Golfplatz, Firnsbachtal oder zur Endstation. Dann wurden mir die Skier zu klein -leider- und außerdem beschloss man den weiteren Betrieb der Herkulesbahn einzustellen.

Der Bismarckturm auf dem Brasselsberg
Der Bismarckturm auf dem Brasselsberg  Foto: B. Schaeffer, Kassel

1963 wurde der Bau eines modernen Truppenübungsplatzes am Hohen Gras beschlossen. Hierfür wurde der Ausbau der Druseltalstraße zwingend notwendig. Der gesamte Gleiskörper der Herkulesbahn hätte neu errichtet werden müssen.
1965 wurde die Straßenbahnlinie 12 vom Kirchweg zum Brasselsberg zum 1. Dezember in eine Omnibusverbindung umgewandelt. Noch bescheidene 5 Monate fuhr die Linie 13 vom Luisenhaus zum Herkules, bis auch sie 1966 durch Omnibusse ersetzt wurde.

Im Jahr 1978 war ich stationiert in Flensburg auf dem Flottendienstboot „Alster“. Während der Weihnachtstage hatte ich UvD, ab 29.12. hätte ich Heimaturlaub gehabt. Ein Wintereinbruch, den diejenigen die ihn erlebt haben, wohl nie vergessen werden. Am Morgen des 28. Dezember 1978 lag die Temperatur noch bei etwa zehn Grad über Null - typisches Weihnachtstauwetter. Dann ändert sich das Wetter schlagartig: Über Norddeutschland legen sich eisige Luftmassen von bis zu 47 Grad Minus und feuchtwarme Atlantikluft übereinander. Ab dem Nachmittag stürzen die Temperaturen um bis zu 30 Grad Celsius. Es beginnt heftig zu schneien, vielerorts tobt gleichzeitig ein schwerer Sturm.

Zum Jahreswechsel 1978/79 versinkt der Norden Deutschlands im Schnee. Verwehungen türmen ihn teils mehrere Meter hoch auf. Zahllose Straßen sind nicht mehr passierbar. Vielerorts fällt der Strom aus, weil die Masten unter der Last des Schnees zusammenbrechen. Zum Schnee- und Eissturm kommt an der Ostseeküste ein schweres Hochwasser hinzu. Es überschwemmt in Flensburg, Schleswig und Lübeck ganze Stadtviertel. In zahlreichen Landkreisen wird der Katastrophenalarm ausgerufen, in Schleswig-Holstein sind 80 Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten. Hubschrauber versorgen die Eingeschlossenen aus der Luft, rund 30.000 Helfer von DRK, Bundeswehr, Technischem Hilfswerk, Feuerwehr und anderen Hilfsorganisationen sind im Einsatz.

Da es jetzt Katastrophenalarm gab und Flensburg abgeschlossen von der Umwelt war mussten wir an Bord bleiben. Statt Heimaturlaub und Silvesterfeier waren ständiges fieren der Taue und Leinen, Eisschlagen und Schneeschippen angesagt. Nach dem Jahreswechsel beruhigte sich die Lage. Jedoch im Februar 1979 wiederholte sich diese Wetterlage, sodass wieder alles im Schnee versank. Da waren wir jedoch schon wieder auf See in der östlichen Ostsee.

Wenn ich heute das Wort „Schneekatastrophe“ höre, kann ich nur lächeln. Das, was wir damals erlebt haben war eine wirkliche Katastrophe.

Text: Hannes Pressler, Dezember 2023

Editor: Erhard Schaeffer

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Kurzbeschreibung

Hannes Pressler (Jahrgang 1955) schreibt über seine Erinnerungen: „Früher war alles besser“ hört man heute sehr oft, zumindest waren es noch richtige Winter. Es gibt zwei Winter an die ich mich besonders erinnere: 1962 und 1978.

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