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Richard Vicum - der letzte seiner Zunft

Visitenkarte mit der Abbildung von Richard und Otto Vicum, Küfermeister

Linke Seite: Visitenkarte von Richard Vicum mit Kontaktadresse und Produktionsangaben

Rechte Seite: Richard Vicum und Otto Vicum bei der Arbeit an Holzfässern
Foto: Richard Vicum, Kassel

Ein Küfer oder Böttcher; ist ein Handwerker, der Behälter und Gefäße, meist aus Holz, herstellt. In Bettenhausen, in der Osterholzstraße 13, betrieb die Familie Vicum über drei Generationen ihre Küferei. Richard Vicum jun. ist der letzte seiner Zunft in Kassel. Der Beitrag schildert die Familienchronik der Vicum und das Auf und Ab des Handwerksbetriebes von 1892 bis 2005.

Der Firmengründer Richard Vicum (sen.) wurde am 10.Dezember 1892 in Dabrun, Kreis Wittenberg als Sohn des selbstständigen Küfermeisters (Böttchermeisters) Wilhelm Vicum geboren. Der Vater betrieb eine Zimmerei. Auch der Großvater von Richard Vicum war von Beruf Küfer. Richard Vicum (sen.) verstarb am 24. März 1977 in Kassel Bettenhausen. Die Lehrzeit verbrachte Richard Vicum (sen.) vom 01. April 1907 bis 01. April 1910 bei dem Küfermeister/Böttchermeister Hermann Franke in Klein Ditterberg (Bayern). Als Gesellenstück fertigte er ein Bierfass von einem halben Hektoliter Inhalt. Nach der Berufsausbildung im Jahr 1910 war im elterlichen Betrieb kein Platz für einen zweiten Küfer aus der Familie. Richard Vicum ging auf die Wanderschaft. Bei der Fass- und Bottichfabrik Axel Buchardt in Potsdam fand er eine Anstellung. Dort war Richard Vicum vom 15. Juni 1910 bis 20. Mai 1911 beschäftigt. Durch seinen Fleiß arbeitete er sich unter 20 Gesellen bis auf den zweiten Platz empor. Der Akkordlohn betrug damals 53 Rentenmark monatlich. Am 19. November 1911 erfolgte der Eintritt in die Gewerkschaft Deutschen Holzarbeiter - Verband (DHV) mit der Mitgliedsnummer 22281.

Küferwerkstatt mit Meister und Gesellen
Familie Richard Vicum sen. mit seinen Gesellen in der Kueferwerkstatt, 1928  Foto: Richard Vicum, Kassel

Es folgten weitere Wanderjahre. Im heißen Sommer 1911 fand Richard Vicum eine Anstellung in Rüdesheim im Rheingau. Er wohnte in einer Jugendherberge, wo er dem Herbergsvater 300 Mark zum Zwecke der Aufbewahrung anvertraute. Der Lohn war überall sehr karg. Seine Wanderschaft führte ihn nach Kassel, um die Handwerkskunst des Böttcherhandwerks weiter kennenzulernen. Damals gab es in der Kasseler Bunsenstraße, die vereinigten Fassfabriken AG Europa. Hier lernte Richard Vicum erstmals die mechanische Herstellung von Holzbehältnissen kennen, bekam aber keine Anstellung. Sein Gang führte zur Gewerkschaft, aufgrund guter Arbeitszeugnisse empfahl der Böttcherverband eine Anstellung bei der Fa. Gebr. Manss in der Ochshäuser Str. in Bettenhausen. Eine geforderte Probezeit lehnte er aber ab und wurde durch sein forsches Auftreten am 23. Juni 1911 fest eingestellt. Richard Vicum wohnte auf Logis bei der Familie Dittmann, später Harbusch im „Großen Maul" am Dorfplatz. An einem Samstagabend lernte er im Saal des Gasthauses „Nadler" an der Leipziger Straße Frl. Marie Casselmann aus Großalmerode kennen, mit der sich Richard Vicum 1912 verlobte. Ihr Vater war Töpfermeister bei den D.T.S. (Deutsche Ton- und Steinzeugwerke) an der Leipziger Straße. Am 01. Oktober 1912 kam Richard Vicum zum Infanterieregiment 172 nach Neu-Breisach (Elsass). Anschließend leistete er Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg. 1917 feierte er Kriegshochzeit in Bettenhausen. In den Isonzoschlachten in Slowenien wurde Richard Vicum viermal verwundet. Nach seiner Dienstzeit schied Richard Vicum im Dezember 1918 als Sergeant aus. An seiner alten Arbeitsstelle, der Fa. Manss, fand er gleich wieder Arbeit. Für sich und seine Frau baute er ein Haus. Am 12. Mai 1921 legte Richard Vicum vor der Handwerkskammer Kassel seine Meisterprüfung ab. Als Meisterstück fertigte er ein ovales 300 Ltr. Fass. Am 29. August 1921 kündigte er bei der Fa. Manss. Er hatte trotz der herrschenden Inflation den Mut zur Selbstständigkeit. Am 15.Mai 1920 wurde sein Sohn Otto geboren.

Faesser und Holzbottiche der Kueferei Vicum auf einer Ausstellung in 1935
Faesser und andere Produkte der Kueferei Vicum, 1935  Foto: Richard Vicum, Kassel

Am 29. September 1923 wurde gewerbepolizeilich unter seinem Namen eine Küferei in der Hegelbergstraße 2 angemeldet. Die Räume wurden aufgrund der Aufträge sehr schnell zu klein. Am 15. November 1923 erfolgte der Umzug in die Müllergasse 15. In der neu gegründeten Werkstatt wurden moderne Maschinen, wie Bandsäge, Hobelmaschine, Fräsmaschine sowie sämtliche Küferwerkzeuge angeschafft. Die Arbeiten wurden nicht mehr nur von Hand, sondern auch „mechanisch" durch Strom betriebene Maschinen ausgeführt. Am 16. November 1923 erwarb Richard Vicum den Wandergewerbeschein. Hergestellt wurden Jauchefässer, Einsalzfässer für Kraut und Gemüse, Essigfässer für Konservenfabriken, Waschwannen, kleine Weinfässer für Endverbraucher und viele hölzerne Gefäße. Es mussten 100 Milliarden Rentenmark an Gewerbesteuer entrichtet werden. Auch der Betrieb in der Müllergasse wurde aus Raumgründen zu klein. Die Herstellung von hölzernen Gefäßen wuchs, die Aufträge wurden immer umfangreicher.

Grosses Holzfass mit Richard sen. und Otto Vicum davor, 1937
Richard sen. und Otto Vicum vor einem 2,50m hohen Holzfass, 1937  Foto: Richard Vicum, Kassel

Am 01. Dezember 1929 erwarb Richard Vicum, das im Jahr 1894 von dem Schmiedemeister Jacob Holzhausen errichtete Haus in der damaligen Neue Straße 99 l/2, (nach der Eingemeindung am 01. April 1906 nach Kassel: Osterholzstraße 13). Ursprünglich befand sich eine Schmiedewerkstatt in der unteren rechten Hälfte des Wohnhauses. Der spätere Anbau von Jacob Holzhausen zur neuen Schmiede Richtung Bäckerei Ahrens wurde durch den Erwerb von Richard Vicum zur „Mechanische Fasswerkstätten" Richard Vicum.
Sohn Otto geht bei seinem Vater 1934 in die Lehre und legte 1937 seine Gesellenprüfung ab.
1947 bestand er die Meisterprüfung. Als Meisterstück fertigte er ein halbes ovales Weinfass mit 600 Liter Inhalt.
Seit 1958 bekam die Firma den Namen „Mechanische Fasswerkstätten" Richard Vicum und Sohn.
Sohn Otto war verheiratet mit Anna Katharina (gen. Dina), geb. Krug aus Guntershausen (* am 01. Mai 1923, + am 18. Januar 2008).
Im November 1944 wurde die Werkstatt durch einen Luftangriff weitgehend zerstört, aber bereits am 15. Juli 1945 war die Werkstatt wieder in Betrieb.
Otto wurde Obermeister und Landesinnungsmeister. Es war eine schwere Zeit, man suchte nach Arbeit an Rhein und Main. Es fand sich Arbeit für die Weinbauer an der Weinstraße, in der Pfalz, an der Mosel und bis nach Stuttgart.

Mech. Fasswerkstatt Vicum in der Osterholzsrrasse mit Mitarbeitern, 1945
Mitarbeiter der Fa. Vicum vor der Werkstatt in der Osterholzstrasse, 1945   Foto: Richard Vicum, Kassel

In dieser Zeit wurden bis zu acht Gesellen beschäftigt. 2 bis 3 Mal pro Jahr wurde mit dem Motorrad (Horex) Arbeit hereingeholt. Otto Vicums Sohn Richard jun. geboren am 23, Juni 1951 trat nur mit einem Fuß in die „Fußtapfen" seines Vaters. Er erlernte die Küferei als Nebenberuf. In den 1960er Jahren, als die Krise des alten Küferhandwerks begann, war Richard jun., der am 01. Dezember 1966 die Lehre begann, der letzte Lehrling seines Vaters. Nach dem Besuch der Fachklasse für Böttcher und Küfer in Reutlingen und Prüfung der Handwerkskammer Reutlingen wurde Richard bei der Gesellenprüfung für Holz und Weinküfer unter 20 Lehrlingen Bundessieger. Auch wurde er Landessieger von Baden-Württemberg und Landessieger von Hessen.

Kuefer Otto Vicum bei der Arbeit, 1985
Otto Vicum in der Kueferwerkstatt, 1985  Foto: Richard Vicum, Kassel

Nach diesem Erfolg beschloss Richard dem Leben rund um das Fass, den Rücken zu kehren. 1971 machte er an der Fachhochschule für Obst- Wein- und Gartenbau in Geisenheim/Rheinland sein Examen als Diplomingenieur für Getränketechnologie („Önologie"). Richard jun. heiratete Dorothea Faust, geb. am 13. September 1957 in Hattenheim/Eltville im Rheingau, von Beruf Drogistin.

Der Vater verstand diesen Schritt seines Sohnes, der sich aus der Einsicht in die bittere Wirklichkeit ergab. Das Küferhandwerk schien zu Ende zu gehen. Auch der Vater, Otto Vicum, musste anerkennen, dass der Betrieb ein zweites Standbein brauchte. Dieses wuchs im Weinhandel. Sohn Richard war ein Fachmann sowohl für den guten Wein als auch für das richtige Fass. Die Zeit, in der die Vicums Fässer für mehrere Tausend Liter Inhalt bauten, war vorbei. Die Fässer und Bottiche in der Werkstatt mussten zunehmend den Weinflaschen weichen. Vater und Sohn stellten zwar immer noch Fässer her, aber nur nach Bedarf. Unter anderen hochwertige Spirituosenfässer, Weinfässer, Mostfässer, Ziergefäße, Pflanzkübel, landwirtschaftliche Fässer, Tränken, Jauchefässer und vieles mehr. Der Werkstatt hat im Mal 2005 altersbedingt bei Vater Otto und krankheitsbedingt durch Sohn Richard ihren Betrieb eingestellt. Die Küferei war die Letzte ihrer Zunft in ganz Nordhessen. Die bereits seit 1962 im familiären Rahmen bestehende Weinhandlung wurde nun vergrößert und weiter ausgebaut. Otto Vicum starb nach langer Krankheit am 17. Juli 2006. Betrieben wird die Weinhandlung seit der Zeit von Richard Vicums Frau Dorothea. Heute, 2010, werden dort ca. 500 - 600 auserlesene Sorten Wein, Sekt und Spirituosen angeboten.

Text: Helmut Schagrün, Mitglied im Geschichtskreis "Bettenhausen frühe und heute" , im August 2010

Mit freundlicher Unterstützung und Fotos von Herrn Richard Vicum, jun.

Editor: Bernd Schaeffer, August 2015

Die Chronik der Küferei Vicum ist eine von zwölf Firmengeschichten aus der  Broschüre „Industriestandort Bettenhausen Bd.2“ herausgegeben vom Geschichtskreis Bettenhausen früher und heute.

Das Heft kann gegen eine Spende vom Stadtteilzentrum Agathof , Agathofstraße 48 bezogen werden.

Kurzbeschreibung

Ein Küfer oder Böttcher; ist ein Handwerker, der Behälter und Gefäße, meist aus Holz, herstellt. In Bettenhausen, in der Osterholzstraße 13, betrieb die Familie Vicum über drei Generationen ihre Küferei. Richard Vicum jun. ist der letzte seiner Zunft in Kassel. Der Beitrag schildert die Familienchronik der Vicum und das Auf und Ab des Handwerksbetriebes von 1892 bis 2005.

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