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Meine Kindheit im Erlenfeld

Erlenfeldkinder

V.l.n.r., oben: Edith Richter, Rosi Hildebrand, Renate Pschik, Waltraud Wagner, Leni Gessner; unten: ??, Dieter Bayer.
Foto: @ Stadtteilzentrum Agathof e.V.

Renate Dumschat, geb. Pschik, war Enkelin der Erstsiedlerin Emilie Hennemuth und verbrachte ihre Kindheit im 2500 qm großen Grundstück ihrer Großmutter in der Nähe des Erlenfeldangers. Sie schildert ihre Erinnerungen an den damaligen Erlenfeldanger, das Lettenlager, den Grogeler und das Lebensmittelgeschäft ihres Onkels in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre.

Aufgrund des Berichtes über das “Lettenlager” am Forstbachweg wurden meine Erinnerungen an diese Zeit wieder lebendig, war doch dieses Lager irgendwie mit meiner Kindheit im Forstfeld verbunden. An die Letten kann ich mich noch gut erinnern, fand doch ein reger Handel zwischen ihnen und den Siedlern statt. Meine Mutter strickte für die Bewohner und belieferte sie mit Gemüse und Obst aus unserem Siedlergarten, dafür erhielten wir Weißbrot, Zigaretten oder auch Geld. Im Nachhinein wundert es mich eigentlich, dass nie Kinder aus dem Lettenlager zu uns zum Spielen kamen, aber das taten die Kinder aus der „Afrikasiedlung" und vom Lindenberg auch nicht.

Renate
Renate Dumschat, geb. Pschik  Foto: @ Stadtteilzentrum Agathof e.V.
Zirkus Waldau
Renate 1953 als "Zirkusdirektorin hoch zu (Acker-) Ross" in der Volkschule Waldau  Foto: Renate Dumschat

Auch an die Zeit nach 1949, als die Esten und Letten das Lager verlassen hatten, erinnere ich mich noch gut. Im ehemaligen Lager hatte sich ein kleines Einkaufszentrum gebildet. So gab es hier die Konditorei Nenninger, wir kauften unser Brot aber beim Bäcker Wendel, der war an der Ochshäuser Straße, dort wo heute die Firma Euler  ist. Dorthin brachten wir auch am Wochenende unsere Blechkuchen zum Backen. Ich erinnere mich auch noch gut an die Metzgerei Vieweger. Daneben gab es dort noch das kleine Schuhgeschäft von Frau Barchfeld, die immer ein Tässchen Schnaps neben der Kasse stehen hatte. Auch gab es da noch den Friseursalon Mongiat (im Volksmund "Läusefriseur), der später im Forstbachweg weitergeführt wurde. Die meisten Erlenfelder gingen jedoch zum Friseursalon von Frau Becher im 2. Erlenfeldweg (heute Lohfeldener Weg).

Lettenlager mit Angaben zu den Geschäften 1950er Jahre
Plan Lettenlager: Sammler Rolf Nagel, ergänzt durch Zeitzeugen  Foto: Rolf Nagel

Legendär war die Gaststätte "Zur Forstbachterrasse" der Familie Theumer im ehemaligen Casino des "Lettenlagers", ihr guter Ruf ging weit über die Grenzen des Forstfeldes hinaus. Bei den Tanzveranstaltungen, wo man gepflegt tanzen konnte, wurde so manche Ehe angebahnt. Zu den Tanzveranstaltungen, die immer unter einem bestimmten Motto standen, schmückte der Wirt den Saal ideenreich mit großer Liebe zum Detail. Beim Frühlingsball war der Saal über und über mit Blüten geschmückt und zum Winterfest hingen tausende von Schneeflocken aus Watte von der Decke.

Forstbachterassen Theumer
Forstbachterassen Theumer  Foto: Sophie Kempcke

Da, wo heute die Schule am Lindenberg steht, wo während des Krieges ein Zwangsarbeiterlager (Kriegsgefangene aus Rußland) gestanden hatte, war nach 1946 ein riesiger Schrottplatz, von der Bevölkerung “Grogela“ genannt (das ist in Kasseler Mundart eine Bezeichnung für Mülldeponien oder Schrottplätze). Der Platz war eingezäunt: die Mutigen unter uns überwanden aber manchmal den Zaun und „grogelten" auf dem Platz herum. Später entstand hier der Fuhrbetrieb von Günter Hugo, dem Sohn des früheren Küsters und der Installationsbetrieb der Firma Kessel.

Grokeler
Foto: Rolf Nagel

Nach Abschluss seiner Lehre eröffnete mein Onkel, Fritz Hennemuth, einen kleinen Lebensmittelladen neben dem heutigen Häschenplatz, in dem Haus, in dem sich heute ein Bistro befindet. Später vergrößerte er seinen Betrieb und zog in eine große Baracke, wahrscheinlich ein Überrest des Zwangsarbeiterlagers, dort, wo sich heute der Getränkemarkt befindet. Vor dem Geschäft - ungefähr dort, wo heute der Forstbachweg auf die Ochshäuser Str. trifft - war ein von Blumen umstandener Platz angelegt, mit Stühlen, Tischen und Sonnenschirmen, hier konnte man im Sommer Eis essen. Leider fand ich auch im Nachlass meines Onkels keine Fotos mehr.

Dann gab es da noch Frau Jezizak, die Milch und Milchprodukte in einem kleinen Holzhäuschen auf dem Grundstück von Schneiders (Ecke Erlenfeldanger/Ochshäuser Str.) verkaufte. Weiter gab es auf dem Anger noch die Drogerie Lanatowitz und das Fotogeschäft Thiel.

Meine schönsten Kindheitserinnerungen aber gelten unserem Spielplatz auf dem Anger. Hier war früher ein Feuerlöschteich (nördl. d. Ochsh. Str.), der nun ausgepumpt war,die Anwohner warfen nun ihre Gartenabfälle hinein. Im Sommer blühte es hier in voller Pracht und ein bißchen Wasser gab es auch. Man konnte die schrägen Wände zum Wasser hinunterrutschen und unten wunderbar spielen – ein Paradies für Kinder. Den Aushub des Löschteiches hatte man seinerzeit nebenan liegen lassen und so war unser „Berg" entstanden, der inzwischen mit Büschen und kleinen Bäumen bewachsen war. Es war ein herrliches Spielgelände. Wir gruben Höhlen in den Berg und rollten uns in alten Fässern hinunter und spielten Räuber und Gendarm. Als uns dann Paul Hildebrand, der einen Fuhrbetrieb hatte, eine Wagenladung Sand auf unser Spielgelände kippte, war unser Glück perfekt.

Auf dem “Ersten Erlenfeldweg” (heute: Erlenfeldweg), der damals wirklich nur ein “Weg” war, fuhren kaum Fahrzeuge, hier konnten wir stundenlang Schlagball und Völkerball spielen.

Redaktion: Falk Urlen, 2010

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Ort: Erlenfeld

Kurzbeschreibung

Renate Dumschat, geb. Pschik, war Enkelin der Erstsiedlerin Emilie Hennemuth. und verbrachte ihre Kindheit im 2500 qm großen Grundstück ihrer Großmutter in der Nähe des Erlenfeldangers. Sie schildert ihre Erinnerungen an den damaligen Erlenfeldanger, das Lettenlager, den Grogeler und das Lebensmittelgeschäft ihres Onkels in der zweiten Hälfte der 40-Jahre.

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