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Fotograph Willi Thiel im Erlenfeldanger 20

Klaus Thiel

Foto: Klaus Thiel

Am 02. Mai 1917 interviewte ich den Sohn des Fotografen Willi Thiel, der 1945 im elterlichen Haus, Erlenfeldanger 20, ein Fotogeschäft eröffnet hatte. Für den Kasseler Osten entwickelte und vergrößerte er Fotos, machte Aufnahmen von Konfirmationen und Familienfesten,  erstellte Passfotos und verkaufte Fotoapparate. Das Geschäft wurde 1975 aufgrund der Marktsituation geschlossen.

Herr Thiel,

Ihren Vater kenne ich ja schon lange, nicht persönlich, sondern von dem Stempel, der hinter den historischen Fotos ist, die ich zum Abscannen von unseren Bürgerinnen und Bürgern erhalten habe. Wer war denn "Foto-Thiel"?

Das Haus im Erlenfeldanger 20 hatte mein Großvater gebaut, er arbeitete bei Henschel in der Dampfschmiede der Gießerei. Mein Vater kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg in dieses Haus, geboren  ist er im Jahr 1919, machte später eine Lehre in Kassel bei Foto-Geiß; er wurde dann zum Militär eingezogen und machte sich nach 1945 im elterlichen Haus selbstständig.

Wohnhaus Thiel
Haus der Familie Thiel im Erlenfeldanger 20  Foto: @Stadtteilzentrum Agathof e.V.
Fotograph Thiel
Haus der Familie Thiel mit Firmenschild  Foto: @Stadtteilzentrum Agathof e.V.

Man brauchte damals neben der Dunkelkammer noch nicht so viele Geräte: ein paar Schalen, Entwickler und Fixierer – den Fotoapparat natürlich auch. Das war eine Leica, was der ganze Stolz meines Vaters war.  Die Geräte waren natürlich etwas größer als bei einem Amateur. Die verbrauchten Chemikalien wurden von Entsorgern abgeholt und, da diese Flüssigkeiten Silber enthielten, bekamen wir als Lohn ein silbernes Besteckstück. Im Laufe der Zeit sammelte man so ein ganzes Besteck. Konkurrenz gab es hier kaum. Fotoapparate konnten bei uns auch erworben werden. Mein Vater stellte diese auch in einem verglasten Kasten an der Ochshäuser Str. aus, die Geräte verblieben dort aber nicht sehr lange, da sie gestohlen wurden. Nachdem die Filme entwickelt waren, wurden sie an einer Leine zum Trocknen aufgehängt und danach wurden die Fotopapiere mit einem Vergrößerungsgerät eine bestimmte Zeit belichtet, entwickelt und zum Schluss fixiert. Danach kamen sie auf eine Trockenpresse und trockneten aus. Damit war die Prozedur aber noch nicht fertig, meine Aufgabe war es dann, abends beim Fernsehen, die Ränder mit einem Schneidegerät in Form zu bringen, sie bekamen einen gezackten Rand.

Familie Thiel
Familie Thiel beim Sommerausflug  Foto: @Stadtteilzentrum Agathof e.V.

Am Samstag brachte ich dann die fertigen Bilder zu den Kunden und bekam das eine oder andere Trinkgeld. Am Wochenende musste ich dann die Papierreste hinten im Garten verbrennen. Das störte damals noch keinen.

Mein Vater machte mit seiner Leica neben den Passbildern, Porträts, Konfirmationsbildern usw. bei der AEG und Spinnfaser mit großem Erfolg Industriefotos, so z. B., wenn die AEG einen neuen Kühlschrank vorstellte. Er war auch in der Lage, großformatige Bilder zu erstellen. So war er auch bei vielen Familienfesten als Fotograf dabei. Farbbilder gab es damals noch keine. Leben konnte man davon aber ganz gut.

AK Bettenhausen, 1955; Foto-Thiel
Ansichtskarte von Bettenhausen aus dem Atelier Foto-Thiel, 1965  Foto: @Stadtteilzentrum Agathof e.V.

Die zur Abholung bereitgestellten Bilder wurden nach den Namen der Auftraggeber in Fächer sortiert, mein Vater hatte sich einen Tresen mit Kasse selbst gebaut. Um die Kasse zu öffnen, mussten zwei verschiedene Hebel gedrückt werden, sonst blieb sie zu.

Einmal kam der Geldbriefträger und blätterte 4000 D-Mark auf den Tresen. Mein Vater hatte im Lotto gewonnen. Die Freude war groß, mein Vater schob das Geld zusammen, fuhr zu Glinicke und kaufte sich ein Auto. Es war ein "Auto-Union F7", die Karosserie war aus Sperrholz.

Fotograph Thiel, Auto
Der Stolz der Familie Thiel   Foto: @Stadtteilzentrum Agathof e.V.

Wir verkauften auch Fotoapparate, aber als in der Mitte der 70er Jahre "Photo-Porst" nach Kassel kam und der Versandhandel der Foto-Quelle sich etablierte, lohnte es sich für meinen Vater nicht mehr. 1975 hörte er mit seinem Geschäft in Forstfeld auf, machte Provisionsgeschäfte, hatte kurzfristig noch ein Fotogeschäft in Lohfelden und wechselte dann bei der Eröffnung der Metro dorthin als Leiter der Fotoabteilung. Er hatte dann leider einen Herzinfarkt und wurde nicht mehr richtig gesund. Gestorben ist er  am 14.06.2005 nach langer, schwerer Krankheit und zum Schluss starker Demenz.

Wir Kinder spielten gerne auf dem Erlenfeldanger. Dort waren aus den Kasseler Trümmern viele Sandsteine zusammengefahren und aufgetürmt worden. Es gab dort abenteuerliche Höhlen, für uns Kinder war das ein wunderbarer Spielplatz, passiert ist gottseidank nichts. Mit der Zeit wurden dann die Steine wieder abgefahren, vom Restmörtel befreit und beim Wiederaufbau verwendet. Rund um die Erlenfeldplätze waren Apfelbäume gepflanzt. Im Herbst wurden die von Anwohnern ersteigert, die die Früchte dann ernten und verarbeiten durften.

In die Schule kam ich 1952, diese war eine Steinbaracke im sog. Lettenlager, von amerikanischen Soldaten erbettelten wir „Chewing –Gum“ und bekamen reichlich. Dort, wo heute Hornbach ist, waren ihre Unterkünfte. Fußball spielten wir auf einer großen Wiese, dort, wo heute eine chirurgische Klinik ist, Forstbachweg/Ecke Ochshäuser Str.

Ich lernte später Versicherungskaufmann und war bereits in jungen Jahren Gebietsleiter. Hierbei lernte ich in Fürstenhagen einen Hersteller von Bodenplatten kennen, die Fa. Reolit, und wurde bald darauf dort eingestellt, als Verkäufer und Einkäufer. In dieser Funktion war ich in vielen europäischen Steinbrüchen, insbesondere in Carrara, um Marmor zu beschaffen. Den besten, reinweißen, der unter Tage abgebaut wird, konnten wir uns nicht leisten, der ging nur nach Saudi-Arabien. Von den ehemals in Carrara vorhandenen drei Marmorbergen gibt es inzwischen nur noch zwei, diese werden noch ca. 4000 Jahre Marmor liefern.

Nachdem ich in Waldau noch einmal Betriebswirtschaft studiert hatte, wurde ich Betriebsleiter, wechselte in dieser Funktion nach deren Konkurs noch zu einer anderen Firma und wurde mit 60 Jahren in den Ruhestand versetzt und habe heute viel Spaß beim Golfen.

Editoren: Falk Urlen, Bernd Schaeffer, Mai 2017.

Fotos: Klaus Thiel, Bildband der Siedlergemeinschaft Erlenfeld

Kurzbeschreibung

Am 02. Mai 1917 interviewte ich den Sohn des Fotografen Willi Thiel, der 1945 im elterlichen Haus, Erlenfeldanger 20, ein Fotogeschäft eröffnet hatte. Im Kasseler Osten erstellte er Papierfotos, machte Aufnahmen von Konfirmationen und Familienfesten, erstellte Passfotos und verkaufte Fotoapparate. Das Geschäft wurde 1975 aufgrund der Marktsituation geschlossen.

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