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Der schweigsame Gatte

Klaus-Peter Hünnerscheidt sitzt lächelnd auf einer Bank im Garten

Klaus-Peter Hünnerscheidt
Foto: Klaus-Peter Hünnerscheidt , Kassel

Willy Hünnerscheidt lebte seit 1956 in der Gartenstadt Eichwald. Ab dem Jahr 2000 fing er an zu dichten, weil er sich sein Gedächtnis erhalten wollte, denn er konnte während der letzten Lebensjahre kaum noch sehen und hören. Seine Ehefrau Anneliese (1923-2013) schrieb diese auswendig gelernten Gedichte dann nach seinem Diktat auf, damit der Sohnemann sie lese. Klaus-Peter Hünnerscheidt, Mediengestalter, Verleger u. Industriemeister hat nach dem Tod seines Vaters die Gedichte zusammengetragen und so der EriN Redaktion diese Veröffentlichung ermöglicht.

Der schweigsame Gatte

Ich hatte eine gute Nacht,

nur einmal bin ich aufgewacht.

Dann schlief ich wieder ohne Sorgen

bis in den frühen Sonntagmorgen –

„Und wie hast du die Nacht verbracht?

War es für dich ‘ne gute Nacht?“

„Ja, ja.“

Wir saßen an dem Frühstückstisch,

die Brötchen waren knusprig frisch,

Butter, Käse, ’ne ahle Wurst,

ein guter Kaffee für den Durst,

der Tisch war üppig, reich gedeckt –

„Hat dir das Frühstück auch geschmeckt?“

„Ja, ja.“

Wir machten unseren Morgengang

wie üblich an der Fulda entlang.

So mancherlei ist dort zu sehen,

die Leute, die zum Baden gehen,

die Boote fahren auf und ab,

ein Reiter prescht vorbei im Trab.

Die bunten Blumen wunderschön –

„Hast du die Blumen dort gesehen?“

„Ja, ja.“

Es nahte schon die Mittagszeit,

das Essen stand für uns bereit.

Kartoffeln, Rotkraut, Gänsebraten,

die Mahlzeit war recht gut geraten.

Du hast viel davon genommen –

„Ich hoffe, es wird dir bekommen.“

„Ja, ja.“

Und so, wie jeden Nachmittag,

das Brett schon auf dem Spieltisch lag.

Wir spielten Dame, Mühle, Schach,

ganz ohne Streit und ohne Krach –

„Ich habe heut’ so oft gewonnen,

dein Spielglück ist total zerronnen.

Woran es wohl gelegen mag?

Du hattest heute einen schlechten Tag.“

„Ja, ja.“

Pünktlich nach dem Abendessen,

vorm Fernseher sind wir gesessen.

Nachrichten, Sport und schöne Reden,

das Wetter, wo die Stürme wehten,

dann Popmusik bis kurz nach Zehn –

„Jetzt wollen wir zu Bette geh’n.“

„Ja, ja.“

Sechs Mal hast du Jaja gesacht.

Wie hast du das nur hingebracht?

Sonst vier bis fünf Mal, heute sechse.

Erklär mir das! Bist du heute auf exe?

„Ja, ja.“

„Du bringst es auch nochmal auf Zehn.

Geduld, Geduld, es wird geschehn.“

„Ja, ja.“

Willy Hünnerscheidt (1912-2009)

 

Editor: Erhard Schaeffer, März 2022

Wo spielt dieser Beitrag?

Ort: Eichwald

Kurzbeschreibung

Willy Hünnerscheidt lebte seit 1956 in der Gartenstadt Eichwald. Ab dem Jahr 2000 fing er an zu dichten, weil er sich sein Gedächtnis erhalten wollte, denn er konnte während der letzten Lebensjahre kaum noch sehen und hören. Seine Ehefrau Anneliese (1923-2013) schrieb diese auswendig gelernten Gedichte dann nach seinem Diktat auf, damit der Sohnemann sie lese.

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