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Waldkappeler Bahn rammt im Winter 1947 voll besetzten Busanhänger

 Trümmer des Anhängers auf den Gleisen

Trümmer des Busanhängers 1947
Foto: HNA 2019

Die Kreuzung Söhrestraße/Leipziger Straße, war in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ein stark befahrenen Knotenpunkt für den Verkehr mit der Straßenbahn, den Bussen, der Kassel-Waldkappeler Eisenbahn und der Söhrebahn. Besonders in den Zeiten des Berufsverkehrs ergoss sich ein Strom von Fußgängern, Radfahrern, Last- und Personenwagen über die Söhrestraße. Oft waren Polizisten wochentags, jeden Morgen und Abend nötig, um den Autoverkehr und die Arbeiterströme im Bereich des Hallenbades Ost zu regeln. Der Verkehr wurde durch die Halte- und Einsteigstellen der großen Omnibusse in unmittelbarer Nähe noch verstärkt.

1947 kam es zu einem der schwersten Bahnunfällen in der Geschichte des Bettenhäuser Bahnhofs. Auf dem beschrankten Bahnübergang Söhrestraße in Kassel-Bettenhausen fuhr am Mittwoch, den 10. Dezember, der von Kassel nach Eschwege fahrende Personenzug 259 kurz nach 17 Uhr einem mit 35 Personen, hauptsächlich Berufstätigen, besetzten Omnibusanhänger in die Flanke, riss ihn vom Motorwagen los und schob ihn 100 Meter vor sich her. Fast alle Omnibusinsassen wurden verletzt. 24 Personen mussten einem Krankenhaus zugeführt werden, darunter 12 mit schweren Verletzungen. Vier Personen aus Lohfelden erlagen ihren Verletzungen. In einem Gespräch mit dem HNA Redakteur Florian Hagemann, schildern 70 Jahre später zwei Überlebente ihre schmerzlichen Erlebnisse. Am 05.01.2019 berichtet die Werra Rundschau darüber:

Im Dezember 1947 rammt eine Waldkappeler Bahn den Anhänger eines Linienbusses im Kasseler Stadtteil Bettenhausen. Vier Menschen sterben, 22 werden schwer verletzt. Für eine junge Frau und einen jungen Mann hat die Katastrophe allerdings ein Happy End. Sie sind seit über 50 Jahren verheiratet.

Was wäre, wenn? Diese Frage stellt sich Edith Knaust auch heute noch – 71 Jahre danach. „Was wäre, wenn ich damals nicht zum Bus gerannt wäre?“ Dann wäre ihr viel Leid erspart geblieben. Einerseits. Andererseits: Wer weiß, ob sie dann auch den Mann fürs Leben gefunden hätte? „Das ist halt alles Schicksal“, sagt sie am Ende des Gesprächs, in dem sie und ihr Mann Herbert über eines der schlimmsten Bahnunglücke in Kassel berichten. Es geschah am 10. Dezember 1947.

Edith Knaust ist damals zwölf Jahre alt. Im September hatte sie gerade die Schule gewechselt. Sie geht jetzt in die Mädchenmittelschule an der Wilhelmshöher Allee in Kassel. Das eigentliche Gebäude der Realschule im Westen der Stadt ist im Krieg zerstört worden; die Schüler nutzen deshalb Räume am Agathof in Bettenhausen. Dort gibt es Mädchen- und Jungenklassen. In der einen Woche haben die Mädchen vormittags Unterricht und die Jungen nachmittags, in der anderen Woche ist es umgekehrt.
Am 10. Dezember sind Edith Knaust und ihre Klassenkameradinnen am Nachmittag dran. Sie müssen sich beeilen, um den Bus in Richtung Lohfelden noch zu bekommen. Um 17 Uhr ist die Schule aus, um 17.07 Uhr soll der Bus abfahren. Die Mädchen rennen und erreichen ihn gerade noch rechtzeitig. Sie steigen in den Anhänger, der auf sie eine gewisse Anziehungskraft hat. Sie stellen sich in die Mitte.

Herbert Knaust absolviert damals eine Ausbildung zum Glasbläser. Er ist 15 Jahre alt. Der Betrieb, in dem er lernt, befindet sich in der Lilienthalstraße. Die Zerstörung des Krieges ist auch hier noch sichtbar, aber Herbert Knaust ist froh, überhaupt eine Lehrstelle bekommen zu haben. „Es waren damals andere Zeiten“, sagt er.
An jenem Mittwoch läuft alles wie immer. Am Nachmittag macht er Feierabend, anschließend geht er zur Bushaltestelle am Hallenbad in Bettenhausen, um von dort die halbe Stunde in den Lohfeldener Ortsteil Crumbach zu fahren. Herbert Knaust nutzt den Anhänger. Er stellt sich mit dem Rücken zur Tür.

Um 17.07 Uhr verlässt der Bus planmäßig die Haltestelle am Hallenbad in Bettenhausen, die nicht nur ein Knotenpunkt ist, sondern darüber hinaus eine wichtige Funktion erfüllt: Hier werden die Busse betankt – mit Gas. Auch der Bus in Richtung Lohfelden ist nun vollgetankt. In dessen Anhänger befinden sich 34 Menschen – die meisten von ihnen sind jung.
Nach 40 Metern biegt der Bus in die Söhrestraße ein, wo er sogleich die Eisenbahngleise überqueren muss. Die Schranken sind offen, obwohl um diese Zeit auch immer der Abendzug 259 in Richtung Eschwege an dieser Stelle vorbeikommt. Doch diesmal: freie Fahrt für den Bus. Der Schein aber trügt, es kommt zum verheerenden Unglück. „Ich habe nur noch einen Schlag gehört“, sagt Herbert Knaust.

Die Dampflok der Waldkappeler Bahn erfasst den Anhänger des Busses, trennt ihn vom Bus ab. Der Anhänger verkeilt sich in den Puffern der Lok und wird über 80 Meter bis kurz vor den angrenzenden Bahnsteig des Bahnhofs Bettenhausen mitgerissen. Erst hier bleibt der Zug stehen. Während Zug und Bus fast unbeschädigt bleiben, ist der Anhänger fast völlig zerstört.

Das untere Luftbild zeigt den Verlauf der Straßen und Schienenwege an dieser Kreuzung damals. Aus dem Stellwerk hinter dem Bahnübergang hatte der zuständige Stellwerksmeister den Blick auf die Kreuzung. Die Abstimmung mit dem Schrankenwärter fand nicht statt. So blieb die Schranke offen.
 

Luftbild der Unfallkreuzung Söhrestraße
Unfallkreuzung Söhrestraße am Bahnübergang kurz vor dem Bahnhof Bettenhausen  Foto: Stadtteilzentrum Agathof e. V.

Vier Menschen sterben, 22 werden schwer verletzt – unter den Schwerverletzten sind Herbert und Edith Knaust. Herbert Knaust wird sofort in das Stadtkrankenhaus am Möncheberg gebracht. Erst dort kommt er wieder zu sich. Er hat ein Bein gebrochen, eine Gehirnerschütterung erlitten; zwei Wunden am Kopf müssen genäht werden.

Edith Knaust hat es noch schlimmer erwischt. Durch den Aufprall sind die Sitzreihen im Anhänger zusammengeschoben worden, die Zwölfjährige wird nach unten gedrückt. Bei den umfangreichen Rettungsarbeiten bleibt sie zunächst unentdeckt. Erst spät vernehmen die Rettungskräfte, unter ihnen viele Amerikaner, ein Wimmern – und finden Edith Knaust. Sie hat Wunden am Kopf, ein Bein ist gebrochen. Sie kommt ins Krankenhaus, liegt drei Wochen im Koma. Ihre Erinnerung setzt mit den Bildern vom Zimmer im Krankenhaus ein. „Da lagen wir mindestens mit zwölf Kindern drin“, sagt Edith Knaust.

Eine Freundin hat das Unglück fast unbeschadet überstanden. Sie fährt am Abend mit der Söhrebahn nach Lohfelden und überbringt die Schreckensnachricht an die Familien. „Damals gab es ja fast nichts: kein Telefon oder irgendetwas anderes“, sagt Herbert Knaust. Die Lohfeldener sind schockiert und trauern. Viele Opfer kommen aus der Gemeinde.

Das Unglück ist über Wochen Thema. Herbert und Edith Knaust kämpfen sich währenddessen zurück ins Leben. Beide laufen auf Krücken – und unternehmen Gehversuche. Da sie in der Nähe wohnen, treffen sie sich häufiger. „Edith konnte ja noch nicht in die Schule und ich noch nicht zur Arbeit“, sagt Herbert Knaust. So lernen sich die beiden näher kennen, sie verarbeiten den Unfall gemeinsam und gehören fortan demselben Freundeskreis an. Einige Jahre später heiraten sie.

Stellwerk aus dem der Stellwerksmeister den Unfall am Bahnübergang einsehen konnte
Stellwerk am Bahnübergang vor den Bettenhäuser Bahnhof, 1954  Foto: Stadtteilzentrum Agathof e. V.

Das Unglück ist da schon juristisch aufgearbeitet. Zwölf Monate nach der Katastrophe wird der Fall verhandelt, der Schrankenwärter erhält auch deshalb keine Strafe, weil er unheilbar krank ist. Er hatte auf die Benachrichtigung aus dem Stellwerk Bettenhausen gewartet, die Schranken zu schließen. Diese Benachrichtigung kam aber nicht. Der Oberstellwerksmeister wird zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Er hätte den Schrankenwärter benachrichtigen sollen, tat das aber nicht. Er erklärt das damit, dass auf einem Nebengleis des Bahnhofs Güterwagen in Bewegung geraten seien. Er habe sie abfangen müssen. Das Urteil fällt so milde aus, weil er sich in 30 Jahren zuvor nie etwas hat zu Schulden kommen lassen.

Die Opfer bekommen eine Abfindung in Höhe der entstandenen Schäden. Da ihr Vater bei der Bahn beschäftigt ist, geht Edith Knaust leer aus. Herbert Knaust dagegen erhält 25 Reichsmark, weil bei dem Unglück seine Brotbüchse beschädigt wurde. Mehr gibt es nicht.

Darüber schmunzelt er heute. Er und seine Frau, die heute in Lohfelden leben, müssen noch oft an damals denken. „Letztes Jahr rief am 10. Dezember eine Freundin an, die auch zu den Unfallopfern gehörte, und gratulierte uns zum Geburtstag, weil wir überlebt haben. Da sind wir 70 geworden“, sagt Edith Knaust. So gesehen werden die 83-Jährige und ihr 86 Jahre alter Mann heute 71.

Autor: Florian Hagemann, Leiter Lokalredaktion HNA in Kassel

Ich danke der HNA Redaktion für die Überlassung dieses Zeitdokuments zur weiteren Veröffentlichung.

Editor: Erhard Schaeffer, Dezember 2020

Quellen:

  • Geschichtskreis Bettenhausen früher und heute
  • Kasseler Stadtausgabe der Hessischen Nachrichten 11.12.1947

  • Kasseler Stadtausgabe der Hessischen Nachrichten 16.12.1947

  • Kasseler Stadtausgabe der Hessischen Nachrichten 30.04.1948

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Kurzbeschreibung

1947 kam es zu einem der schwersten Bahnunfällen in der Geschichte des Bettenhäuser Bahnhofs. Auf dem beschrankten Bahnübergang Söhrestraße in Kassel-Bettenhausen fuhr am Mittwoch, den 10. Dezember, der von Kassel nach Eschwege fahrende Personenzug 259 kurz nach 17 Uhr einem mit 35 Personen, hauptsächlich Berufstätigen, besetzten Omnibusanhänger in die Flanke, riss ihn vom Motorwagen los und schob ihn 100 Meter vor sich her. Fast alle Omnibusinsassen wurden verletzt. 24 Personen mussten einem Krankenhaus zugeführt werden, darunter 12 mit schweren Verletzungen. Vier Personen aus Lohfelden erlagen ihren Verletzungen. In einem Gespräch mit dem HNA Redakteur Florian Hagemann, schildern zwei Überlebente ihre schmerzlichen Erinnerungen.

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